…und dann kam der Conversano Aquileja..

…und dann kam der Conversano Aquileja..

Sie nehmen jede Misshandlung sehr persönlich (wie alle Iberer) und erdulden keine Deppen im Sattel oder am Kutschbock. Wer sagt, er hätte einen Lipizzaner ausgebildet und der hätte nun diese oder jene Untugenden, der sollte zuerst über sich selber nachdenken. Mit einem Aristokraten muss man umzugehen lernen, wenn man selber keiner ist. Buchautor Martin Haller bringt es über die Lipizzaner auf den Punkt.

Ich zwar nicht blaublütig, aber blauäugig auch nicht. Und so kam es, dass ich mir in den letzten Jahren sehr viele Pferde angesehen habe. Da ich durch meine Schüler auch sehr viele unterschiedliche Pferderassen betreuen darf, hat sich in den letzten Jahren eine ganz klare Präferenz herauskristallisiert. Irgendwie haben sich die Lipizzaner mehr und mehr in mein Herz geschlichen. Ganz besonders einer – mein kleiner Conversano Aquileja – ein waschechter Steirer, so wie ich.

„Aqui“ wurde im Bundesgestüt Piber gezogen – dort wo die Lipizzaner für die spanische Hofreitschule in Wien gezüchtet werden. Diese Tatsache weckte bei vielen Interessierten doch einige Fragen – kann man tatsächlich ein Pferd in Piber kaufen? Ja, man kann 😉

Ich habe Ines Hubinger vom Lipizzanergestüt Piber nachgefragt:

Seit wann werden die Pferde in Piber zu Verkauf angeboten? Ist das ein Novum? 

Ines Hubinger: Nein, den Pferdeverkauf gibt es schon immer. Ich habe hier Unterlagen aus 1930 von Verkäufen. Wurden früher noch Briefe geschrieben und nur ein gewisser Kennerkreis wusste von der Möglichkeit einen Lipizzaner aus Piber zu erwerben, hat sich die Kommunikation durch das Internet und Soziale Medien sehr gewandelt. Pro Jahr bekommen wir rund 40 Fohlen und können eben nicht immer  alle Pferde behalten. Man findet bei uns ein liebes Familienpferd, aber natürlich auch sehr talentierte Pferde für Reit- und Fahrsport.

Warum sind Lipizzaner aus Piber etwas so Besonderes? 

Ines Hubinger: (Schmunzelt) Vermutlich weil sie auch für uns, die in Piber arbeiten so Besonders sind. Aber im Ernst: Wir können hier nur Gestüte mit ähnlichen Bestandszahlen vergleichen. In Italien beispielsweise wachsen die Lipizzaner im Staatsgestüt eher wild lebend (vorallem die Stuten) auf. Bei uns kommen sie aber zur Welt und lernen das gesamte Gestütsteam von der ersten Sekunde an kennen. Wir putzen die Fohlen ab dem ersten Tag, wir führen sie. Zwischen Fohlenstation und Absetzerstation herrscht ein reger Austausch, da wir während der Arbeit auch Zeit haben die Pferde zu beobachten und die Charaktere kennen zu lernen, wissen wir unheimlich viel über „unsere“ Schützlinge. Wir haben ein riesiges Archiv und eine Datenbank, wo wir viele Aufzeichnungen über unsere Pferde führen. So wissen wir bescheid, wann die Stute tatsächlich fohlen wird, wer im Laufstall von den Jährlingen sofort um Streicheleinheiten buhlt, oder wer frech wie Oskar ist. Und natürlich wissen wir auch über die Elterntiere so genau bescheid. Dieses Interessse für die Pferde, das genaue Beobachten – das ist auch etwas, was wir unseren Lehrlingen am Gestüt mitgeben wollen. Diese Aufzeichnungen sind auch bei den Musterungen für die Hofreitschule dienlich. Oft zeigt sich das Talent für die Schulquadrille oder für die Hohe Schule bereits in der Kindheit. .

Wie funktioniert denn die Aufzucht in Piber? 

Ines Hubinger: 

Am Hauptgestüt finden die Geburten statt, die Fohlen bleiben dann mit den Müttern vor Ort, ehe sie zwischen 6 bis 8 Monate alt von den Müttern getrennt und in die Aufzuchtstation gebracht werden. Am Aufzuchthof kommt die erste Gruppe gemeinsam mit den Müttern an. Wir haben also die Möglichkeit einige Tiere an die neue Umgebung im Beisein der Mütter zu gewöhnen, ehe die nächste Gruppe nachkommt. Die zweite Gruppe kommt ohne mütterlichen Begleitschutz, dafür aber mit einem großen Spieltrieb, der mit den neuen Freunden sofort ausgelebt wird, Zu diesem Zeitpunkt stehen Hengst- und Stutfohlen noch zusammen. Ich bin immer sehr erleichtert, wenn ich von den Kollegen höre, dass die Absetzer ohne ihre Mütter so gut zurecht kommen. Spätestens am Ende des Jahres müssen wir die Tiere aber nach Geschlecht trennen, denn die jungen Hengste fangen an die Geschlechterrollen wahrzunehmen. Die Stuten übersiedeln dann auf den Reinthalerhof und die Buben auf die Station Wilhelm. Dort leben immer drei Jahrgänge gemeinsam. Das ist quasi ein ewiger Kreislauf. Wenn heuer der nächste Jahrgang nachrückt, dann kommen die ältesten Stuten am Außenhof zu uns nach Piber zur Leistungsprüfung, das heißt sie werden angeritten und angefahren, die ältesten Buben von Wilhelm überstellen wir roh nach Wien bzw. ins Ausbildungszentrum am Heldenberg.

Davor gibt es aber noch den Sommer auf der Alm, das ist fixer Bestandteil unserer Aufzucht – Anfang Juni gehen wir mit beiden Gruppen auf zwei getrennte Almen – die Burschen bleiben bis Anfang September und die Mädchen dürfen sogar länger bleiben bis Mitte oder Ende September.

Sind die Pferde auf der Alm sich selbst überlassen oder weiterhin betreut? 

Ines Hubinger: Nein, unsere Betreuuer ziehen mit den Pferden auf die Alm. Sie sind rund um die Uhr für sie da und dokumentieren und überwachen weiterhin alles, was so passiert. Morgens werden die Pferde angehängt im Stall, geputzt und gefüttert, auf Verletzungen hin kontrolliert. Tagsüber gehen sie auf die Weiden bzw. auf die Hochalm, abends wieder in den Stall. Unsere Aufzucht bedeutet drei „Alpungen“während der Aufzuchtszeit. Das gilt auch für die jungen Verkaufspferde. Wenn es Zeit für den Almauftrieb ist, gehen auch diese mit auf die Alm. Sie kommen nicht etwa in eine Verkaufsbox, sondern dürfen weiterhin ihr normales „Piberaner“ Leben genießen. Für Interessenten heißt das: Rauf auf den Berg, in aller Hergottsfrüh, schließlich wollen wir die Almzeiten für unsere Pferde nicht unnötig abkürzen. Das gilt auch für Besichtigungen auf den Außenhöfen für die Stuten und Hengste. Zeitig in der Früh kann man die Verkaufspferde besichtigen, das Wohl der Pferde steht für uns an erster Stelle, daher wird von der Koppelzeit nichts abgezwackt – Besichtigungen der Verkaufspferde sind aber ausschließlich nach rechtzeitiger vorheriger Terminabsprache möglich, es soll ja alles reibungslos funktionieren.

In Piber wird vorrangig für Zuchterhalt und Spanische Hofreitschule gezüchtet. Bekommt man dann überhaupt ein gutes Pferd? 

Ines Hubinger: Natürlich haben wir eine klare Zuchtbuchordnung und es gibt ein Zuchtziel, wie denn der barocke Lipizzaner im Idealfall auszusehen hat. Das sind Vorgaben, an die wir uns halten müssen, schließlich wollen wir keinen 1,70 großen oder 1,40 kleinen Lipizzaner. Alles Extreme muss für die Zucht ausgeschlossen werden. Ramskopf ja, aber Hechtkopf – eher nein. Es stehen also durchaus tolle Pferde bei uns zum Verkauf, deren Ausscheidungskriterien einem größeren oder kleinerem Reiter überhaupt kein Dorn im Auge sind. Ein Pferd mit zum Beispiel einer Neigung zum Sommerekzem würden wir auch nicht in die Murauen verkaufen, sondern einen Käufer in Norddeutschland oder Holland dafür suchen. Uns ist schon auch wichtig, wo die Pferde hinkommen. Und Probleme wie eben beispielsweise Sommerekzem legen wir dem Kaufinteressenten auch klar auf den Tisch.

Wenn man sich für ein Pferd aus Piber interessiert – wie geht man dann vor? 

Ines Hubinger: Einfach anrufen/mailen, Termin ausmachen, herkommen und aber auch unsere Fragen über sich ergehen lassen. Manchmal kommen auch Leute mit falschen Vorstellungen, die einen Lipizzaner haben wollen – unsere Gestütsmeister und Mitarbeiter auf den Höfen haben auch ein Gespür dafür, ob Mensch und Pferd zusammenpassen können. Grundsätzlich kann natürlich jeder ein Pferd kaufen, aber wir befragen auch unsere Käufer, denn unser Hauptanliegen ist es, dass die Pferde ein zu Hause haben, wo sie auf einen langen Zeitraum (möglichst für immer) bleiben können.

Kann man sein Pferd in Piber zur Aufzucht einstellen? 

Ines Hubinger: Nein, das ist nicht möglich. Unsere drei Standorte Piber, Wien und Heldenberg sind ein geschlossener hygenischer Betrieb. Wenn uns ein Pferd verlässt, weil es verkauft ist, dann ist es örtlich gesehen weg. Es gibt auch kein externes Decken. Wir sind kein Zuchtbetrieb, wo man mit seiner Stute einfach vorbei fährt. Wenn Hengste aus Wien zum Decken kommen, dann stehen sie aus weiteren Vorsichtsmaßnahmen trotzdem zuerst in Quarantäne innerhalb des Betriebs, bevor sie mit den Vierbeinern in Piber in direkte Berührung kommen. Da passen wir sehr auf!

Warum die Stuten in Piber erst mit sechs Jahren gedeckt werden, das erzählt Gestütsleiter
Harald Neukamm in folgendem Clip:

Im Sommer gibt es übrigens Almführungen, wo man mehr über die „Alpung“ der jungen Lipizzaner sowie deren Herdenleben erfahren kann. Weitere Highlights: Die Herbstparade und der Almabtrieb im September. Mehr darüber auf der Homepage

Conversano Aquilejas Eingewöhnung am „Horse Resort am Sonnenhof“ war super unkompliziert. Kein Streit mit den anderen Buben auf der Koppel, sofort wurden Freunde gefunden. Ich bin sehr glücklich, dass ich dieses tolle Pferd weiterhin auf seinem Weg begleiten darf und werde natürlich laufend im Blog darüber berichten,

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Frag doch mal Bent

Frag doch mal Bent

Akademische Reitkunst? Reiten lernen? Wie geht es man es am besten an? Gibt es Pros und Contras? Bei uns sagt man, man fragt den Schmied und nicht den Schmiedl – da liegt es doch auf der Hand Bent Branderup persönlich zu befragen, wenn es um Allgemeines oder „Heiße Eisen“ geht.

Als ich 2007 zum ersten Mal mit der Akademischen Reitkunst in Berührung kam, gab es nicht eine, sondern viele Fragen. Ich hatte eigentlich die Suche nach Leichtigkeit aufgegeben und mich bereits mit dem Gedanken begnügt – wenn schon Reiten, dann halt irgendwie im Wald. Als ich die Leichtigkeit meiner lieben Freundin Eva mit ihrem Warmblüter Anton in einer Piaffe sah, war ich schlichtweg berührt, gleichzeitig aber verunsichert. Eine kunstvolle S-Kandare kannte ich bis dahin nur aus dem Museum und der Sattel erinnerte mich irgendwie an die Modelle aus der spanischen Hofreitschule.

Wenn wir schon bei Sprichwörtern sind, dann sagt man in Österreich: Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht. So ähnlich ging es mir also auch: Ich war durch das exotisch anmutende Equipment so erstaunt, dass ich die Frage nach dem Wesentlichen, nach der Leichtigkeit beinahe vergessen hätte.

Was, wer, wie, wo, warum?

Sicherlich geht es vielen Neulingen und Einsteigern auch so ähnlich. Schon der Name – Akademische Reitkunst? Das klingt kompliziert!
Braucht man einen Hochschulabschluss für die Reitkunst? Oder lernt man reiten nicht einfach, indem man reitet? 

Wäre doch klasse, wenn man diese oder andere Fragen direkt an Bent Branderup stellen könnte?

Man kann – im folgenden Video wird die oben gestellte Frage nach der Komplexität der Reitkunst von Bent persönlich – auf englisch beantwortet:

Klickt mal rein. Ich habe euch Bents Antwort übersetzt:

„Natürlich muss man reiten lernen, indem man reitet. Wir brauchen also gewisse körperliche Fähigkeiten, wir brauchen ein gutes Körpergefühl, um zielgerichtet mit dem Körper Mitteilungen geben zu können. Wir brauchen aber auch das Verständnis, was man da eigentlich mit seinem Körper tun soll. Es bringt also nichts, wenn man die körperlichen Fähigkeiten alleine besitzt.

Akademische Reitkunst – der Name stammt aus der Zeit der alten Reitakademien, einige von ihnen sind übrigens heute bekannte Universitäten. Reiten zu lernen bleibt natürlich in gewisser Weise kompliziert, es hilft also clever zu sein. Und es geht nicht nur ums Reiten selbst, sondern um das Training von Körper und Geist.“

Und wie ich heute 10 Jahre später weiß – es lohnt sich mit Köpfchen zu reiten und seinen Körper unter Kontrolle zu bringen.

Habt ihr auch Fragen? Dann stellt eure Fragen an Bent Branderup doch direkt!

Das englische Video ist auf Bents Facebook-Seite zu finden.

Postet eure Frage direkt unter das Video auf der Facebook Seite – jeden Monat wird eine Frage gezogen und von Bent per Video beantwortet. Die deutsche Übersetzung bekommt ihr von mir auf meiner Blogseite.

Die nächste Ziehung ist am 29. Mai 2017 , das nächste Video folgt dann am 31. Mai 2017 🙂

Viel Spaß mit den Videos und den vielen Antworten, die da noch auf uns zukommen!

 

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Reiten, wie damals..am Ponyhof

Reiten, wie damals..am Ponyhof

Der Traum vom eigenen Ponyhof – wer kennt ihn denn nicht? Während ich noch mit Steckenpferden im Wald herumtollte, war für sie der Traum bereits Realität. Während ich von Reitstunden träumte, absolvierte sie mit ihrem Shetty bereits das erste Geschicklichkeitsturnier. Die Rede ist von Yvonne Heynckes, die einen Ponyhof für Groß und Klein leitet.

Yvonne – Akademische Reitkunst und Ponyhof – wie kam es dazu und wie bist du zur Akademischen Reitkunst gekommen? 

Yvonne Heynckes: Ich hatte mir vor vielen Jahren eine Tinkerstute gekauft, mit dem Hintergedanken sie zu einem Voltigier- und Kutschpferd auszubilden. Mental war diese Stute jedoch nicht dazu in der Lage, die ihr gestellten Aufgaben zu lösen. Also musste ich eine andere Lösung für sie finden. Diese fand ich auch im Unterricht von Bent Branderup, bei dem wir im Gegensatz zum Unterricht in anderen Reitweisen sofort ernst genommen und willkommen waren.

Wie heißt es so schön: Wir denken im Stehen über den Schritt nach und im Schritt über den Trab usw. Einerseits ein Satz zum Schmunzeln, andererseits vielleicht auch eine Warnung, sich nicht zu sehr im Tüfteln zu verhaften. Wie passt dieser Satz aber zu Kindern und Jugendlichen, die vielleicht auch die Schnelligkeit und Geschwindigkeit von Galopp mögen? 

Yvonne Heynckes: Dieser Satz passt eigentlich zu Kindern viel besser, als man zunächst denken würde. Kinder wollen nämlich unbedingt verstehen WARUM wir WAS WIE machen. Erwachsene finden es meist viel schwerer, im Schritt über Galopp nachzudenken. Sie empfinden das als schwierig und kompliziert. Für Kinder ist es aber total logisch, einen Schritt nach dem anderen zu machen und sich in eine Aufgabe erstmal einzufühlen. Sie sehen einen Sinn dahinter und haben tatsächlich Spaß wenn sie fühlen und verstehen. Manchmal arbeiten die Kinder dann zu zweit. Ein Kind sitzt mit geschlossenen Augen am Pferd, während das andere Kind vom Boden aus das Pferd bewegt. Das Kind auf dem Pferd muss nun erraten, was passiert ist und so wird die Schulung des Reitergefühls zu einem Spiel, an dem die Kinder Freude haben.

Und was sagst du Eltern, die meinen: Zu meiner Zeit sind wir nach 5 Reitstunden schon galoppiert? 

Yvonne Heynckes: Alles zu seiner Seit und wir lassen den Galopp natürlich nicht aus. Der ist ein wichtiger Spaß- und Geschwindigkeitsfaktor für die Kids. Für Kinder ist ein Galopp ein Traum – eigentlich haben eher Erwachsene vor dem Galoppieren Angst. In der Ovalbahn arbeiten wir auch wieder ganz spielerisch am Galopp. Die Pferde galoppieren an und die Kinder erraten, ob das Pferd im Links- oder Rechtsgalopp unterwegs ist.

Wie beschreiben Kinder ihre Gefühle? 

Yvonne Heynckes: Da braucht es nicht immer ganz besonders „akademisches“ Vokabular. Es reicht oft ganz einfach zu sagen: Es geht mehr nach rechts oder nach links. Es fühlt sich etwas angenehm oder unangenehm an. Kinder finden meist wirklich erstaunlich viele Worte für Details. Sie müssen nicht danach suchen. Es sind eher die Erwachsenen, die alles komplizierter machen oder erleben 😉

Wie siehst du die heutige reiterliche Ausbildung von Kindern und Jugendlichen? Für mich war es als Kind das Schönste überhaupt einfach nur bei den Pferden zu sein und Stallarbeiten erledigen zu dürfen. Heute bekommen die meisten Kinder das fertig geputzte und gesattelte Pferd vor die Nase gestellt. Wie beurteilst du das? 

Yvonne Heynckes: Ich verstehe nicht, warum Reitschulbetreiber das machen. Die Stallarbeit lässt sich ja auch wunderbar in den Unterricht integrieren – und die Kinder wollen ja mit den Ponys zusammen sein. Kinder, die im Umgang mit dem Pferd zunehmend selbstständig werden, sind ja auch eine Erleichterung für den Reitbetrieb. Meine jüngste Lerngruppe bekommt natürlich noch viel Unterstützung, aber je weiter fortgeschritten die Gruppe ist, umso eher lernen sich die Kinder gegenseitig beim Satteln und Putzen beispielsweise zu unterstützen. Freilich begleitet durch unser wachsames Auge. Das Ziel sollte aber sein, nicht nur das Reiten zu schulen, sondern dass jedes Kind selbstständig ein Pferd versorgen kann. Das ist das Ziel unserer gesamten Ausbildung. Das wissen Eltern und Kinder – und genau so möchten sie es auch lernen.

Wie alt sind denn die Kleinsten bei dir in der Gruppe? 

Yvonne Heynckes: Ab 6 Jahren geht es mit dem Reitunterricht los, davor werden die meisten Kinder einfach mal geführt und ganz sanft mit dem Pony vertraut gemacht. Ich muss aber gestehen, dass wir das Alterslimit ab 4 festsetzen mussten – aus organisatorischen Gründen – denn es gäbe bereits für noch jüngere Ponybegeisterte eine große Nachfrage.

Wie alt warst du denn, als du das erste Mal am Pferd gesessen bist? 

Yvonne Heynckes: Das weiß ich nicht mehr so genau, aber mit vier Jahren habe ich das erste mal bei Ponyspiele mit meinem Shetty teilgenommen.

Warum sollten Kinder überhaupt etwas von Ponys und Pferden lernen? 

Yvonne Heynckes: Ich denke ganz elementare Dinge, wie Verantwortung zu übernehmen oder aktiv in der Gesellschaft zu werden – all das lernen Kinder durch den Umgang mit Pferden und Ponys. Wir leben in einer Gesellschaft, die Kinder zwingt viel inne zu halten. Vom Stillsitzen in der Schule, bei Tisch, vor dem Computer….da kommt freilich das Ausleben des Bewegungsdranges viel zu kurz. Wir geben den Kindern am Ponyhof Raum, um sich wieder zu bewegen und Spaß an Bewegung zu haben. Auch das Thema Geduld – da profitieren die Jugendlichen im Prozess des Erwachsenwerdens ebenso enorm. Denn in der Pubertät hat man wenig Geduld, am Ponyhof kommen die jungen Erwachsenen aber wieder zur Ausgeglichenheit und Ruhe.

Bei der Akademischen Reitkunst geht es um die Gymastizierung. Wie baust du dieses Thema bei den jüngeren Schülern ein? 

Yvonne Heynckes: Ich erkläre schon in groben Zügen, was wichtig ist. Das Interessante dabei ist aber: Ab einem gewissen Alter oder Ausbildungsstand kommen die Kinder zu mir und fragen ganz aktiv nach. Sobald einige Abläufe automatisiert sind und einfach von der Hand gehen, wollen die Kinder alles, was dahinter liegt verstehen. Oft kommen die Kinder sogar und fragen, ob sie beim Bent Kurs dabei sein dürfen. Die Teilnahme an der Theorie ist übrigens für unsere Kinder kostenlos. Nach dem Kurs wünschen sie sich oft Themenwochen oder Projektwochen zu Begriffen wie „über die Hand gehen“ oder „hinter dem Zügel gehen“, die ihnen im Kurs völlig neu waren. Dann arbeiten wir alles im Handumdrehen auf und später in der Praxis höre ich oft: „Ah, das hat er gemeint“! Learning by doing quasi. Wir veranschaulichen auch sehr viel. So lasse ich die Kinder einen Eimer heben – einmal mit rückständigen Beinen, einmal quasi im geschlossenen Stand. Oder wir spielen Vorhand und Nachhand. Ein Kind ist die Vorhand, ein weiteres Kind „hängt“ sich an die Hüften der Vorhand und spielt die Nachhand. Allerdings sind beide nicht wirklich ganz brav. Mal fällt die Vorhand aus, mal die Hinterhand. Die Kinder spüren, wie sich das in der Verbindung anfühlt – aber auch das Gefühl für Takt lässt sich so ganz prima schulen. So lernen wir, ohne dass es sich groß nach Theorie anfühlt! Auch für das Thema Galopp spüren die Kinder selbst in ihrem Körper wie sich das Angaloppieren in der inneren Hüfte anfühlt. So geht es vom lustigen Spiel mit der Reitstunde in die Realität auf dem Pony – und das mit viel Spaß und Freude.

Baust du solche Erlebnisse auch in den Unterricht mit Erwachsenen ein? 

Yvonne Heynckes: Ja, das mache ich auch sehr gerne, weil ja auch Erwachsene happy sind mit simplen Erklärungen. Manchen Leuten ist es manchmal zu theoretisch, dann können sie durch diese spielerische Theorie noch einmal alles besser verstehen.

Ältere Schüler mit Kinderaugen reiten lassen – das ist quasi die wahre Kunst. Wir dürfen einfach nicht aus den Augen verlieren, dass wir mit den Pferden ja gerne zusammen sein wollen. Den Kindern ist das in erster Linie wichtig. Sie haben gar nicht die Zielsetzung eines Kruppeherein. Wenn wir für uns als Erwachsene unsere Ziele kleiner stecken, dann kommt auch mehr Motivation und Sinnhaftigkeit in die Sache. Und es zahlt sich auch aus, als Erwachsener mit Kinderaugen in die Bodenarbeit zu blicken: Kinder möchten natürlich möglichst sanft mit den Ponies umgehen. Daher haben sie immer Furcht davor, zu stark am Zügel Zug auszuüben. In der Bodenarbeit neben dem Pferd können sie genau anschauen, was im Kopf des Ponys vorgeht. Die Ponys zeigen schließlich auch genau, wann es ihnen zuviel Einwirkung ist.

Wie motivierst du deine vierbeinigen Mitarbeiter? 

Yvonne Heynckes: Das ist ganz einfach: Wir haben sehr viele Projektwochen: Einmal steht Bogenschießen am Programm. Dann haben wir Bodenarbeitswochen. Wir widmen uns Themen auf unterschiedlichen reiterlichen Niveaus. Dadurch behalten die Pferde einen roten Faden in der Ausbildung zum Gebrauchspferd, aber es gibt eben auch sehr viel Abwechslung. Und jedes Pony bekommt die Aufgabe, in der es auch wirklich gut ist. Für die Pferde bedeutet das auch in der täglichen Arbeit viel Sinnhaftigkeit – wie bei einem Geschicklichkeitsparcours für die Kinder ebenso.
So bleiben Freude und Losgelassenheit immer erhalten. Alle vierbeinigen Mitglieder des Ponyhof Heynckes gehen übrigens zunächst mal zwei Jahre zu mir in die Ausbildung. Für mich ist es dann natürlich auch eine große Herausforderung, wenn ich meine Schützlinge meinen zweibeinigen Schützlingen übergebe.

Hattest du jemals Zweifel an der Kombination Ponyhof und Akademische Reitkunst? 

Yvonne Heynckes: Nein. Kinder empfinden diese Ausbildung nicht als kompliziert – denn Akademisch Reiten kann man auch überall – im Wald und im Feld.

Bei den Bildern vom Ponyhof Heynckes wird man tatsächlich an „Reiten wie damals“ erinnert – als Ferien, Spiel und Spaß mit Ponys jedes Kinderherz höher schlagen haben lassen. Damals gibt es im heute – nachzulesen auf Facebook

oder der Website des Ponyhofs

Reiten wir wie damals 😉 Dann reiten wir Einfach

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Pferdebeurteilung mit Xenophon

Pferdebeurteilung mit Xenophon

Vor nicht allzu langer Zeit war ich im Lipizzanergestüt Piber zu Gast, um einige zweijährige Pferde zu besichtigen. Keine leichte Sache, vor allem, wenn es sich bei der Rasse um Spätenentwickler handelt. Um die Pferde in jungen Jahren ausreichend zu beurteilen braucht es schon einen Kennerblick – oder das Wissen des griechischen Meisters Xenophon. Nicht nur sein Wissen über die Reitkunst ist für uns heute noch interessant – auch sein Wissen über die Pferdebeurteilung kann noch heute herangezogen werden.

Vielleicht würden wir ihm ja heute folgende Fragen stellen:

Worauf kommt es bei der Beurteilung von Fohlen und jungen Pferden an?

Xenophon: Bei einem jungen Pferd sollte man zunächst den Körper genau mit den Augen, aber auch mit den Händen untersuchen, weil das Jungpferd, das ja auch noch nicht vorgeritten werden kann, noch keine klare Vorstellung zulässt. Auch über sein Temperament können wir noch keine präzisen Angaben machen. Das Fundament des Pferdes ist das Wichtigste, daher analysieren wir mit kritischem Blick zunächst die Beine des Pferdes.

Denn wie ein Haus wertlos und ohne Nutzen ist, wenn zwar die oberen Teile ganz schön gebaut sind, aber nicht auf einem festen Baugrund stehen, so ist auch ein Kriegspferd zu nichts nutze, wenn sonst alles an ihm gut und wohlgestaltet ist.

Dies galt zu meiner Zeit und gilt natürlich auch für den heutigen Freizeitpartner Pferd.

Wir fangen also praktisch beim Fundament mit der Pferdebeurteilung an?

Xenophon: Ja genau, denn wenn es Probleme mit Hufen und Pferdebeinen gibt, dann können die übrigen Vorzüge des Pferdes eigentlich gar nicht zur Geltung kommen.

Bei der Prüfung der Pferdehufe sollte man sehr aufmerksam die Hufwände untersuchen. Hier reicht das bloße Auge nicht, die Hufe sind auch gekonnt abzutasten. Dicke Hufwände übertreffen die dünnen in jeder Beziehung. Man achte auch auf die Hufform, also darauf ob die Hufe sowohl vorne wie von hinten flach oder hoch sind. Hohe Hufe halten den sogenannten Strahl weit vom Boden ab, während flache Hufe beim Auffußen so wirken, dass sie mit dem stärksten Teil ebenso wie mit dem weichsten auftreten, genauso wie beim Menschen mit Plattfüßen.

Neben dem Tastsinn und dem geschulten Auge brauchen wir auch unser Gehör: denn auch durch den Klang sind Pferde mit gutem Hufmaterial und gutem Fundament genau zu erkennen.

Vom Pferdehuf geht es also weiter in den Pferdekörper?

Xenophon: Richtig, dabei dürfen wir uns aber ebenso wenig „nur“ auf unser Auge verlassen, ratsam ist es natürlich auch das Pferdebein behutsam abzutasten. Kron- und Fesselbein dürfen nicht zu steil gestellt sein. Eine solche Steilstellung würde der geschulte Reiter auch an einem harten Gang entlarven. Umgekehrt können weiche Fesseln den Reiter bequemer sitzen lassen, allerdings darf das Fesselgelenk auch nicht zu niedrig liegen. Die Knochen der Hinterbeine sollen stark sein, denn sie sind die wichtigsten Stützen des Körpers und sorgen für die notwendige Tragkraft. Sie dürfen aber dennoch nicht dickfleischig sein. Muskulatur ist von Fettgewebe deutlich zu unterscheiden.

Die Hüften müssen breit und fleischig sein, damit sie mit den Seiten und der Brust im rechten Verhältnis stehen. Wenn sie recht muskulös sind, so werden sie im Laufe der Ausbildung förderlich sein und das Pferd noch rascher machen.

Wenn das Fohlen beim Gehen die Knie geschmeidig beugt, ist damit zu rechnen, dass es auch unter dem Reiter dieses Geschick zeigt. Denn alle Pferde mit guter Ausbildung beugen im Laufe der Zeit die Beine gelenkiger in den Knien. Guter Kniegbung, bzw. Hankenbeugung generell ist aber mit Recht sehr geschätzt, denn sie bewirkt, dass das Pferd weniger stolpert und auch weniger stößt als bei steifen Schenkeln. Stößt das Pferd, dann kann die Kraft von der Hinterhand nicht korrekt in die Vorhand übertragen werden. Wir spüren dann die Stöße der Vorderbeine.

Wie soll denn die Halsung eines guten Reitpferdes aussehen?

Xenophon: Hier rufe ich mir einen sehr bildhaften Vergleich in den Sinn. Von der Brust aus darf der Hals nicht schlaff nach abwärts sinken, wie bei einem Schwein, sondern soll wie bei einem Hahn gerade zum Genick aufsteigen und in der Ganaschengegend muss er schmal sein. Der Kopf sei knochig und mit kleinen schmalen Kinnbacken.

Was macht einen hübschen Pferdekopf aus?

Xenophon: Stehen die Augen etwas vor, sieht das beim Pferde munterer aus, als wenn sie tief liegen. Ein solches Pferd wird wohl auch weiter sehen können. Weit geöffnete Nüstern sind zum Atmen besser geeignet als eingefallene, geben auch ein edleres Aussehen. Eine breite Stirn und kleine Ohren geben dem Kopf ein gefälliges Äußeres.

Lesen wir immer wieder in den Alten Meistern – ich fand vor allem die doch sehr intensive Auseinandersetzung Xenophons mit den Hufen und ihrer Biomechanik sehr aufschlussreich.

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Gestatten, das Morgan

Gestatten, das Morgan

In der Akademischen Reitkunst beschäftigen wir uns mit Lehren aus vergangenen Tagen, die wir mit modernen Kenntnissen aus Lernpsychologie, Biomechanik, Pädagogik uvm. kombinieren.

Interessierte fragen sich oft: Kann man denn nur die klassische Reitkunst praktizieren und lernen, wenn man einen Spanier, oder einen Lipizzaner zu Hause im Stall stehen hat?

Nach dem Motto: Die Dressur ist für das Pferd da – kann natürlich jedes Pferd in der Akademischen Reitkunst – seinen individuellen Fähigkeiten entsprechend gefördert werden.

Ich bitte künftig Freunde der Akademischen Reitkunst zum Interview, die mit einer speziellen oder ganz besonderen Pferderasse Zeit schön verbringt.

Den Anfang macht Stefanie Niggemeier, die mir über ihre Morgan Horses etwas erzählen wird:

Stefanie, wie bist du auf diese Rasse gekommen und warum ziehen dich Morgan Horses bis heute in den Bann?

Stefanie Niggemeier: Ich bin durch Zufall in einem Buch über verschiedene Pferderassen, es hieß „Charakterpferde“ ( von der Leyen) auf die Beschreibung der Morgan Horses gestoßen. Neben Andalusiern, Berbern, Knabstruppern und etlichen weiteren, zum Teil auch nicht so bekannten Rassen sprach mich besonders der Ausdruck des Pferdes auf dem Foto, aber vor allem der Text an:

„ Das Morgan Horse kann alles und sieht dazu noch aus wie das Pferd, das kleine Mädchen sich malen, sobald sie selbstständig einen Stift halten können.  Es gibt fast nichts, was der Morgan nicht kann…er ist hochintelligent und liebt die Abwechslung…hat viel Stolz und Temperament …gleichzeitig aber fabelhafte Nerven, weshalb er etwa im Gelände oder bei Hallenumbauarbeiten immer zuverlässig bleibt- Hauptsache, sein Mensch ist dabei.“

Diese Pferde wollte ich unbedingt in natura kennenlernen! Ich begab mich also auf die Suche im Internet und war über die Maßen erfreut, auch in Deutschland Züchter dieser hier noch eher seltenen Rasse zu finden. Ich begann also, mich zu informieren und schnell war klar: ich möchte ein Morgan Horse besitzen!

Was sind die Besonderheiten bei der Rasse „Morgan Horse“?

Stefanie Niggemeier: Morgans, das sei hier mal verraten, sind eigentlich gar keine Pferde- zumindest dann, wenn man sie fragt. Sie sind an allem interessiert, lernen extrem schnell und sind ihrem Menschen so zugetan, dass sie, wie ein Hund, lieber mit auf das Sofa kämen, als im Stall zu bleiben. Sie sind aufmerksam, sehr sanft im Umgang mit dem Menschen, eigentlich kann man schon sagen: liebevoll. „The horse, that chooses you“- so heißt der Slogan des amerikanischen Dachverbandes. Wenn ein Morgan sein Herz einmal verschenkt hat, dann gibt es nichts, was zusammen nicht geht.

Warum eignet sich das „Morgan Horse“ für die Akademische Reitkunst? 

Stefanie Niggemeier: Morgans sind ausgesprochen intelligente Pferde mit von Natur aus guter Balance in den Grundgangarten. Sie lernen Neues atemberaubend schnell und haben ein überragendes Gedächtnis. Selbst Dinge, die man mehrere Jahre nicht mehr mit dem Morgan geübt hat, sind, einmal verstanden, ein Leben lang abrufbar. Das entspricht ganz dem Gedanken Pluvinels, immer den Geist es Pferdes schulen zu wollen, der Körper folgt dann. Genau das beobachte ich auch bei meinen Morgans Finn und Nyx: beide haben unfallbedingt zum Teil große körperliche Schwierigkeiten, die ihnen immer wieder Probleme bereiten. Sie verstehen jedoch, dass ihnen mit der Arbeit geholfen werden soll und überwinden wieder und wieder Grenzen, eben weil sie es wollen.

Man darf sie um alles bitten, aber zwingen lassen sie sich nicht. Gerade Finn, der sehr ehrgeizig ist, reagiert auf Druck ausgesprochen empfindlich; er möchte alles selber können und zeigt mir genau, wo es mir erlaubt ist, Hilfen zu geben, ich mich nicht konkret ausdrücke oder anders formulieren muss. Das ist für mich unendlich wertvoll, denn schließlich kann man als Mensch über Pferde nur lernen, indem man ihr Feedback bekommt und sich selber reflektieren lernt. Da sind Morgans sehr ehrlich: sie sind kommunikativ und wollen, dass man sie versteht. Immer sind sie absolut sicher im Umgang, wenn sie jemanden mögen; dann sind sie ein Leben lang echte Partner.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Morgan Horse erzählen?

Stefanie Niggemeier: Alle Morgans gehen auf einen einzigen Hengst zurück, der um 1790 in Massachusetts bei seinem Besitzer Justin Morgan geboren wurde. Kurze Zeit später zog Morgan nach Vermont um, sein Pferd im Gepäck. „Figure“- so hieß der nur 1,42cm große, dunkelbraune , kräftige Hengst , wurde schnell regional bekannt, weil er unermüdlich auf dem Feld und im Wald arbeitete, schwerste Lasten zog , in Trab-und Galopprennen nahezu unschlagbar war- noch heute gibt es die berühmte „Morgan Mile“ in Vermont- dabei aber immer ausgesprochen angenehm im Umgang , leichtfuttrig und gesund . Schnell avancierte „Morgan`s Horse“ zum begehrten Deckhengst. Nach einem arbeitsreichen Leben, in dem er durch mehrere Hände ging, starb er 42-jährig an einer unversorgten Weideverletzung.

Die Besonderheit an ihm: er vererbte seinen Charakter, wie auch seine körperlichen Vorzüge ausgesprochen durchschlagend an seine Nachkommen weiter und wurde so Gründervater einer eigenen Rasse. Auch sie zeichnen sich bis heute durch Leitungsbereitschaft bei einem gleichzeitig sehr dem Menschen zugewandten Wesen aus: „Willing to please“ nennt man das in der Morgan Horse Gemeinschaft.

Um 1820 beherrschten Morgans die amerikanische Galopp-und Trabrennszene, machten Land urbar, waren mit den Siedlertrecks gen Westen aufgebrochen und halfen, Farmen zu bestellen, waren geschätzte Soldatenpferde- der einzige Überlebende der Schlacht am Little Big Horn war ein Morgan namens Comanche- vor allem aber waren sie immer geliebte Familienmitglieder, die auch von Damen und Kindern zu reiten und zu fahren waren.

Morgans gelten heute noch als Kulturgut in den USA, sie sind die einzige Pferderasse, deren Zucht staatlich gefördert wurde und wird: „The pride and product of America“. Alle nordamerikanischen Pferderassen gehen auf den Morgan zurück oder sind mit seinem Blut veredelt, er gilt als erste rein amerikanische Pferderasse und ihm wurde nicht nur von Künstlern wie Nicholas Evans ( „ Der Pferdeflüsterer“) und Robert Vavra ein Denkmal gesetzt.

Gerade die Blutline, aus der meine Morgans stammen, sind von einem Reitkünstler für die Reitkunst gezogen: als die Wiener Hofreitschule 1963/64 unter Oberst Podhajsky durch die USA tourte, begleitete Dr. Brad Starr , durch mehrere Besuche in Europa zwecks Unterricht bei Nuno Oliviera und in der Wiener Hofreitschule mit der Reitkunst bekannt, die Tour. Als er sah, dass der Morgan Horse Hengst „Parade“ und sein Sohn „Broadwall Drum Major“ eingeladen wurden , die Tour als „farbiges Maskottchen“ zu ergänzen, war ihm schnell klar, als er sah, wie angetan die „Wiener“ von den beiden Amerikanern waren: das sind genau die Pferde, die er züchten wollte! So gründete er seine Morgan Horse –Zucht und über Susen Fischer-Henkel, Ritterin der Akademischen Reitkunst, kamen genau diese Pferde dann vor fast 30 Jahren nach Deutschland. Ihrer Zucht entstammen auch meine Pferde, erkennbar am sogenannten „Prefix“, dem Farmnamen: „Glenmorgan“.

Die Begeisterung für Morgan Horses ist bei dir deutlich zu spüren. Logisch, dass man etwas gerne weitersagt oder empfiehlt, was man selbst sehr gern hat. Aber ist denn das Morgan Horse ein Allrounder, der für JEDEN geeignet wäre? Oder gibt es da Ausnahmen?

Stefanie Niggemeier: Tatsächlich gib es kaum so ein vielseitiges Pferd wie den Morgan. Sie können sich für alles begeistern und freuen sich immer über neue Ideen und Abwechslung. Man muss kein Profi sein für solch ein Pferd, was es aber unbedingt braucht ist Sensibilität und Gefühl im Umgang und der Wille, den Morgan als das wahrzunehmen, was er ist: eine echte Persönlichkeit. Wenn man mit Respekt und Zuneigung auf diese Pferde zugeht, dann erhält man das, wovon jeder Pferdebesitzer träumt: ein Pferd, das nach völliger Einheit mit dem Menschen sucht, wenn man es lässt. Das mit den Morgans ist wie mit einem Virus: einmal diesen Pferden verfallen, lässt es einen nie mehr los.

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war typisch Morgan Horse?

Stefanie Niggemeier: Ich glaube, da könnte ich hunderte Geschichten erzählen: vom Einfallsreichtum meiner Pferde, die sich zum Beispiel für alle Arten von menschlichem Werkzeug begeistern können , gerne mit Feuer und Krach, oder bei der Stallarbeit „helfen wollen“, indem sie Mistboy und Besen an sich nehmen und „benutzen“. Oder vom Nachhausekommen nach einem Arbeitswochenende, wenn meine Pferde auf Zuruf angaloppiert kommen und sich zwischen mich und die Tür stellen und mich gar nicht gehen lassen mögen, weil sie noch mehr Streicheleinheiten haben wollen- immerhin haben wir uns ja mindestens einen Tag nicht gesehen! Von Nasen, die aus Versehen enthaart wurden, von meinen Morgans noch schnell zwischen Zettel und Klebeband gesteckt , wenn ich meinem Stallteam Infos an die Boxentür kleben wollte. Wie sie ihre leere Futterschüssel zum nochmaligen Befüllen hinter mir hertragen, wie sie schon an die Seite gehen, wenn ich hinter oder unter ihnen fegen möchte, damit meine Arbeit erleichtert wird, wie eifrig sie sind, wenn es gilt, Neues herauszufinden. Kleine Kinder, die einen Deckhengst reiten, Fohlen, die an Menschen mehr interessiert sind als an Artgenossen, Stuten, die so viel Vertrauen zum Menschen haben, dass der gerade geboren Nachwuchs dem Menschen noch vor den anderen Herdenmitgliedern stolz präsentiert wird, ihre Lust an Bewegung, ihre Freude an sich selbst, ihre Schönheit, ihr Herz: für mich sind sie ganz besonders und ich habe unzählige einmalige Momente mit ihnen erlebt.

Wer weiterlesen mag, ist herzlich willkommen unter www.germanmorganhorse.de oder Stefanie Niggemeiers Webseite www.barocke-pferdeausbildung.de Interessantes rund um das Thema Morgan Horse zu erfahren. Ein Facebook Album zu den Morgans findet ihr unter diesem Link.

 

Vielen Dank an Stefanie Niggemeier für diese Einblicke in die Welt der Morgans. 🙂

Was ist Grundausbildung, Herr Steinbrecht?

Was ist Grundausbildung, Herr Steinbrecht?

Den Begriff des „Horsemanship“ kannten sie nicht. Für sie bedeutete Grundausbildung eine Selbstverständlichkeit. Was würden Sie heute wohl zu diesem Thema sagen? Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) versammelten sich für die Ausgabe der Feinen Hilfen Nr. 16 zu einem fiktiven Gespräch:

Moderator: Meine Herren, was gehört für Sie zur Grundausbildung eines Pferdes?

Steinbrecht: Die Grundausbildung des Pferdes beginnt für mich beim Menschen, bei seiner Einstellung zum Pferde. Das Pferd ist in meinen Augen nicht bloß Reittier, sondern das vielseitig begabteste Geschöpf der Tierwelt und wir müssen uns ihm gegenüber stets dankbar zeigen. Diese Dankbarkeit soll sich in der Sorgfalt und Forschung rund um Züchtung, Erziehung und Ausbildung dieses Geschöpfes zeigen. Durch verkehrte Anschauungen und das kleinliche Verfolgen von einseitigen Zielen und Vorurteilen passieren heute die meisten Fehler. Wer die Natur des Pferdes achtet, findet heraus, dass die Grundgesetze zur Erzielung und Erziehung eines guten Pferdes nur der Natur abzulauschen sind. Die logische Konsequenz? Eine Haltung, die sich an der Natur des Pferdes orientiert, macht auch die Grunderziehung leichter.

Guérinière: Richtig, denn es gibt Pferde, denen alles Angst einjagt, wenn sie zu lange im Stall gestanden haben und das erste Mal wieder herauskommen. Diese Schreckhaftigkeit hält sicherlich nicht lange an, wenn Bewegungsmangel hierfür die Ursache ist. Man führe das Pferd also mit Geduld an die unheimlichen Gegenstände heran und überlege, ob es künftig nicht besser wäre, der Bewegungsfreude des jungen Pferdes in der Haltung entgegen zu kommen.

Pluvinel: Geduld ist überhaupt am Wichtigsten: bei der Grundausbildung ist besonderes Augenmerk darauf zu legen, dem Pferde nicht durch ungerechte Strafen den Arbeitseifer zu nehmen und seine Gutwilligkeit zu ersticken, denn die Anmut eines jungen Pferdes ist wie der Duft einer Blüte, der – einmal verflogen – nie wiederkehrt.

Moderator: Sie alle beschreiben in Ihren Werken eigentlich nur vage, was vor der Reitausbildung kommen soll. Warum?

Steinbrecht: Ich denke ich kann für uns alle sprechen, wenn ich meine, dass die Erziehung des Pferdes vor der Reitausbildung zur Selbstverständlichkeit gehörte. Stillstehen, Hufe geben, das Pferd an schreckhafte Gegenstände heranführen, das waren Notwendigkeiten, die vor dem Eintritt in eine Reitakademie selbstverständlich zur Ausbildung gehörten und weniger Worte bedurften.

Moderator: Warum ist Hilfe bei der Erziehung heute so notwendig geworden?

Steinbrecht: Wer früher ein Pferd in die Ausbildung gab, für den kam nur ein kundiger Fachmann in Frage. Denn wie jeder Vater es doch vorzieht, seinen Kindern den ersten Elementarunterricht lieber durch einen wissenschaftlich gebildeten Mann erteilen zu lassen, als durch einen beschränkten Schulmeister, so sollte doch auch heute jeder Pferdebesitzer ein junges Pferd von Beginn an einem gebildeten, kunstsinnigen Reiter übergeben.

Guérinière: Früher hatte man für den ersten Umgang mit Jungpferden, die in wildem Zustand von der Weide kamen, besondere Fachleute, die sich durch besondere Geduld, Geschicklichkeit, Unerschrockenheit und Fleiß auszeichneten. Ihre Arbeit lag darin, die jungen Tiere an den Stall zu gewöhnen, an Berührungen, an das Heben der Füße, sowie auch an Zaumzeug, Sattel und Schweifriemen. Auch die Gewöhnung an den Gurte und das erste zwanglose Aufsteigen gehörte zu ihren Aufgaben.

Pluvinel: Ich werde daher nicht müde zu betonen, dass ein rohes Pferd am besten durch einen Könner ausgebildet wird statt durch jemanden, der keine, oder sehr wenig Ahnung davon hat. Derjenige, der Pferde ausbildet muss sehr viel Geduld und Durchsetzungsvermögen haben.

Moderator: Verraten Sie uns doch, worauf Sie bei der Grundausbildung Wert legten?

Steinbrecht: Die erste Sorge des Bereiters war darauf gerichtet, das Gemüt des jungen, bis dahin in Freiheit aufgewachsenen Pferdes ruhig zu halten und vor Misstrauen und Furcht zu bewahren. Im Stall soll das Pferd daher sanft, freundlich und mit großer Geduld behandelt werden. Zum Zeitvertreib ausgeführte Liebkosungen, Spielereien und Verhätschelungen durch Zucker oder Brot taugen nichts bei jungen Pferden. Gleichmäßige ruhige Behandlung wird das gutmütige Pferd gemütlich erhalten und das schüchterne, nervöse Pferd beruhigen. Bei Beginn der Arbeit bleibe man diesem Grundsatz treu und tue dem jungen Pferd so wenig wie möglich Zwang an.

Pluvinel: Man muss schon auch den Charakter des Pferdes lesen können. Daher gilt: sobald mit der Erziehung begonnen wird, richte man sich nach Stärke, Gutwilligkeit und Veranlagung des Pferdes. Von einem jungen Pferd verlange ich nicht mehr als die Hälfte von dem, was es gerade leisten kann. Das Pferd lernt schließlich jede Aufgabe nicht anders als durch gute Gewöhnung. Ich gebe gerne den Leitsatz weiter „mehr mit dem Hirn und Geist des Körpers zu arbeiten, als mit den Beinen“ und damit mit Gefühl und Einschätzungsvermögen vorzugehen.

Steinbrecht: Da gehört für mich auch unbedingt die Motivation des Geistes dazu: denn da unser Jungpferd so viel zu lernen hat und auch in Zukunft angehalten wird, dem leisesten Wink des Reiters Folge zu leisten, sind die geistigen Fähigkeiten des Pferdes ebenso zu trainieren. Dadurch wird es auch anhänglicher und zutraulicher zu seinem Menschen.

Guérinière: Man arbeite des Pferd quasi mit allen Sinnen, dem Gehör, dem Gefühl und mit dem Gesichtssinn. Dieser wird angesprochen, wenn man dem Pferd beibringt, sich Gegenständen zu nähern, die sein Misstrauen erregen. Zu meiner Zeit richtete man Pferde vornehmlich auf den Sinn des Gehörs ab, wenn man es an das Geräusch der Waffen, Trommeln und anderen kriegerischen Lärm gewöhnte. Dies sehe ich heute vernachlässigt, denn ein unerschütterliches Gemüt hat auch mit der unaufgeregten Wahrnehmung von Geräuschen zu tun.
Der Sinn des Gefühls ist jedoch der Notwendigste, denn durch diesen lehrt man ein Pferd der geringsten Bewegung von Hand und Schenkeln zu gehorchen. Wenn wir also von der Reitkunst sprechen, trifft dies auch auf elementare Dinge wie Füße heben, dem Menschen überall hin zu folgen, auf Fingerzeig zu weichen oder stillzustehen, zu.

Moderator: Ist Grunderziehung ist auch der Moment, um Grenzen zu setzen?

Guérinière: Man muss den Charakter eines Pferdes gut kennen, wenn man Strafen richtig setzen will. Sie müssen immer der Größe des Fehlers entsprechen, allerdings darf man nicht sämtliche Fehler, die ein Pferd macht, wiederholt für Widersetzlichkeiten halten, denn größtenteils entstehen sie aus Unwissenheit oder oft auch aus einer Schwäche des Pferdes.

Pluvinel: Wenn ein Pferd sich weigert zu gehorchen, wird der kluge Ausbilder überlegen, warum das so ist. Wenn das Pferd ungeduldig, bösartig oder sogar jähzornig ist, muss man sich davor hüten, es zu schlagen. Bei einem langsam lernenden Pferd muss man die Aufgabe stark erleichtern, indem man diese genauso wie die folgenden einfach durch mehrere Wiederholungen fortsetzt.

Guérinière: Die Mehrzahl aller Widersetzlichkeiten bei Pferden ist nicht auf schlechte Veranlagung zurück zu führen. Mich wundert der heute so geläufige Begriff des „Problempferdes“. Warum sprechen wir nicht vom „Problemreiter“, der häufig Dinge von den Pferden verlangt, die sie noch nicht leisten können. Man strengt die Pferde zu sehr an. Derartig großer Zwang macht ihnen sodann die Arbeit verhasst, ermüdet sie und verschleißt ihren Körper, Sehnen und Nerven, deren Leistungsfähigkeit doch erst ihre Biegsamkeit ermöglichen.

Für Mangel an Folgsamkeit bei Pferden gibt es zwei Ursachen, nämlich äußere und innere Mängel: äußere Mängel sind Schwächen von Körperteilen, die entweder von Geburt an vorhanden oder durch Krankheit oder Unfall entstanden sind. Diese betreffen den Rücken, die Hinterhand, Gelenke, Beine oder manchmal sogar den Gesichtssinn. Innerliche Mängel, die den Charakter eines Pferdes betreffen, sind Furchtsamkeit, Weichlichkeit, Faulheit, Ungeduld, Zorn und Bosheit. Viele dieser Mängel, sind allerdings erst durch den Menschen verursacht. Zornige Pferde sind somit zu Unrecht geschlagen worden, denn die Unvernunft und üble Laune mancher Reiter macht mehr Problempferde als die Natur.

Moderator: Wann würden Sie denn überhaupt mit der Grundausbildung beginnen?

Guérinière: Das richtige Alter um ein Pferd abzurichten ist je nach klimatischen Aufzuchtbedingungen sechs, sieben oder acht Jahre. Vor dem Anreiten gehe ich nun von einem Pferd aus, das in diesem Alter ist und das man daran gewöhnt hat, die Annäherung des Menschen sowie das Auflegen des Sattels und die Zäumung zu dulden.

Moderator: Durch den Mangel an Reitakademien müssen Pferdebesitzer heute zum Ausbilder ihrer Pferde werden. Welchen Grundsatz geben sie diesen Menschen mit?

Guérinière: Halten Sie sich an die kluge Vorgehensweise der Pferdefreunde aus vergangenen Tagen, holen Sie sich fachkundige Unterstützung, dann wären weit weniger Pferde lahm, verdorben, widersetzlich und falsch.

Pluvinel: Die Pferde müssen Freude daran haben, geritten zu werden. Reiter und Pferd kann ohne diese Freude nichts mit wirklicher Eleganz und Ausstrahlung gelingen.

Steinbrecht: Und bedenken Sie stets: Es kommt nicht auf die Lektionen an, die sich das Pferd erwirbt, sondern auf deren Inhalte.

Moderator: Vielen Dank meine Herren! Hoffen wir, dass sich viele Menschen bei der Ausbildung ihrer Pferde an Ihre Worte erinnern.

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