Kriegs- oder Freizeitpferde? 

Kriegs- oder Freizeitpferde? 

In der letzten Ausgabe von „Frag Bent“ wurde die Frage gestellt, ob wir in der Akademischen Reitkunst die Pferde nach kriegerischem Vorbild aus dem 16. und 17 Jahrhundert ausbilden?

Leben wir im Jetzt oder in der Vergangenheit – für alle, die das Video lieber auf deutsch gesehen hätten, gibt es heute die Übersetzungshilfe:

Frage: Wenn ich mich mit der Akademischen Reitkunst beschäftige – bilde ich dann mein Pferd tatsächlich so aus, wie die Kriegspferde im 16. und 17. Jahrhundert ausgebildet wurden? 

Bent Branderup: Tatsächlich nutzen oder beschäftigen wir uns mit der Technik, den Methoden der alten Meister, aber wir nutzen diese für die Ausbildung eines Pferdes in unserer aktuellen Zeit.

Bei einem Kriegspferd aus dieser vergangenen Zeit muss man zwei alten Schulen unterscheiden:

Es gibt hier die Kriegskunst „a la gineta“ und „a la brida“: 

Bei „a la gineta“ steht der Reiter in den Steigbügeln und lehnt sich zum Gegner hin, um einen Treffer zu erzielen. Man verlängert somit seinen Arm.  Für die Kraft des Schlages ist aber der Reiter mit seinem Arm verantwortlich.

Bei a la brida bringt man das Pferd in eine bestimme Position. Das Pferd muss also dem Schwerpunkt des Reiters folgen – gleichsam als wären Reiter und Pferd miteinander verschmolzen.

Viele Leute fragen, welche Schule hier die älter sei. Die Antwort: Die einfachere Schule ist die ältere. Denn für a la gineta brauchte der Reiter seine Steigbügel – wir wissen heute, dass der Steigbügel bei der byzantinischen Armee im fünften Jahrhundert nach Christus in Gebrauch war. Die Kampfkunst a la brida wurde aber bereits bei Xenophon im vierten Jahrhundert vor Christus beschrieben und somit lange vor Erfindung des Steigbügels.

Ohne Steigbügel und vor allem ohne Sattel brauchte der Reiter aber das Pferd ganz genau unter sich. In er Akademischen Reitkunst wollen wir genau diese Fähigkeit ausbilden, so dass das Pferd dem Körper des Reiters bzw. dessen Schwerpunkt folgt. Dies ist ein fantastisches Gefühl für die Reiter von heute.

Was können wir also heute von den Alten Meistern lernen? Wir leben schließlich in der Gegenwart und ich möchte ganz bewusst nicht in der Vergangenheit leben. Es gibt Menschen die an einem so genannten „Reenactment“ Freude haben und die Alten Meister kopieren, sie nachahmen und auch den Gebrauch von Waffen und Schwertern aus dieser Zeit imitieren. Die Fähigkeit ein tatsächliches Kriegspferd auszubilden brauchen wir aber heute nicht.

Selbst wenn wir an einen der besten Reiter aus dem Stierkampf denken – beispielsweise Pablo Hermoso de Mendoza mit seinem schönen Palominohengst Merlin – wenn man ihm zusieht, wie er sein Pferd wenden kann und wie er kämpft – dann ist das ja nur die Hälfte der Geschichte, denn er kämpft ja mit einem Bullen. Und einen Bullen kann man mit der gleichen Finte immer wieder täuschen. Das wäre mit einem ebenbürtigen Reiter nicht möglich. Selbst Stierkampfpferde auf diesem Niveau sind also nicht mit der Kriegskunst von einst zu vergleichen.

Wir können ja kaum so viele Jahre an Pferdeerfahrung nachahmen, um ein Pferd genau so auszubilden, wie es damals von Nöten war. Wir können experimentelle Archäologie betreiben, indem wir Dinge aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen, die wir brauchen, aber wir leben eben im Jetzt und nicht im Damals.

Die Sache mit den Neinsagern

Die Sache mit den Neinsagern

Bent Branderup beantwortet per Videobotschaft unsere Fragen – diesmal drehte sich im Original alles um das Thema:

Was mache ich mit einem faulen Pferd, das immer „Nein“ sagt?

Die deutsche Übersetzung zum Video gibt es heute zum Nachlesen:

Auf Ihre Frage nach dem faulen Pferd kann ich Ihnen nur soviel sagen: Ich habe noch nie eines getroffen – allerdings viele steife Pferde.  Sobald diese durchlässig sind, bewegen sie sich auch wieder sehr gerne. Steifheit ist also die eine Sache – andererseits sprechen wir auch gerne von einem Mangel an Motivation.  Wenn wir von der Akademischen Reitkunst sprechen, dann beziehen wir uns immer auf zwei Geister, die wollen, was zwei Körper können.  Wenn man aber mehr möchte, als uns das Pferd zu geben vermag, dann wird das Pferd unsere Frage natürlich mit „Nein“ beantworten. Auch ein sehr gehorsames Pferd wird bei einer ihm unlösbaren Aufgabenstellung zu einem Nein gezwungen.

Wir müssen von unserem Pferd also Dinge abfragen, die es überhaupt im Stande ist auszuführen. Daher lautet mein Ratschlag: Finden Sie heraus, was das Pferd überhaupt kann und versteht. Es kann auch sein, dass das Pferd zwar physisch in der Lage ist, eine Aufgabe zu lösen, wir aber auf mentale Hindernisse stoßen – zb hat das Pferd Angst. Es konzentriert sich dann mehr auf den angstbehafteten Gegenstand, als auf die reiterlichen Hilfen wie Hand oder Bein. Man braucht also zum Lernen eine Umgebung, in der das Pferd lernen und entspannen kann. Wir müssen also zuerst die Aufmerksamkeit des Pferdes gewinnen.

Dabei stellt sich auch eine wichtige Frage an uns selbst: Wer sind wir denn für das Pferd? Langweilen wir das Pferd? Erstarrt es wegen uns?

In welcher Umgebung und mit welchem Lehrer kann sich das Pferd also konzentrieren?
Sind die Bedingungen optimal, dann stellen wir dem Pferd also Aufgaben, die se mental und physisch bewältigen kann.

Dann liegt es in der Natur der Sache, dass wir Menschen immer dazu tendieren mehr zu wollen. Wir stoßen also wiederum an Limits. Ich unterteile hier einen grünen, orangen und roten Bereich. Wenn wir im grünen Bereich arbeiten, dann versuchen wir denn orangen Bereich des Pferdes (mit seinen mentalen und physischen Grenzen) allmählich grün zu pinseln. Niemals im roten Bereich des Pferdes arbeiten, je eher wir im grünen Bereich bleiben, umso einfacher ist es für das Pferd mit uns zusammen zu arbeiten. Je mehr er im grünen Bereich bleibt, umso eher beweist auch ein Meister sein Fingerspitzengefühl, nicht mit dem Kopf  durch die Wand zu wollen, sondern genau zu analysieren wo es schwierig wird, um wieder in den leichten Bereich zurück zu kehren.

Auf Bent Branderups Facebook Seite könnt ihr übrigens eure Frage posten – vielleicht wird ja das nächste Video durch Themen inspiriert, die euch auf gerade ganz besonders beschäftigen.

Stellen wir unsere Fragen, dann Reiten wir einmal Einfach 🙂

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Mit dem Körper das Feuer ansprechen!

Mit dem Körper das Feuer ansprechen!

„Basis ist nur Basis, wenn es für irgend etwas Basis ist“ Bent Branderup.

Was aber ist die eigentliche Basis? Am Anfang steht eine gute Beziehung.

Beziehungsprobleme?

Und warum gibt es immer wieder „Beziehungsprobleme“, wenn wir mit unseren Pferden zu tun haben?

Jossy Reynvoet, lizenzierter Bent Branderup Trainer aus Belgien und spezialisiert auf gebisslose Reitkunst sowie Horsemanship ortet diese Beziehungsprobleme vor allem – erraten – beim Reiter.

Pferde sind nicht introvertiert. Aber wir Reiter tragen dazu bei, dass unsere Pferde introvertiert werden. Probleme mit Pferden entstehen erst, wenn Erwartungen ins Spiel kommen“. (Jossy Reynvoet)

Eine „elementare“ Beziehung

Um unsere Pferde besser zu verstehen und kennen zu lernen, verwendet Jossy die Elemente Feuer, Erde, Metall, Wasser und Holz. Arabische Pferde lassen sich demnach eher als Feuerpferde beschreiben, Erdgeprägte Pferde sind typische „Farmhorses“. Barockpferde sind dem Element Metall sehr nahe, Warmblüter und Englische Vollblüter sind Wasserpferde und Isländer lassen sich dem Element Holz gut zuordnen.

Jossy warnt wie bei allen Diagrammen zu sehr in Kategorien oder Schubladen zu denken. Barockeigenschaften ließen sich auch beim Isländer entdecken und ein Kaltblut könne über eine gute Koordination verfügen. Uns Reitern sollen diese Elemente lediglich als Anhaltspunkte helfen eine gute Formulierung über unseren vierbeinigen Freund zu treffen.

So wird „Holz“ ein milder Charakter attestiert, Feuer steht für Intelligenz und Metall für Vertrauen. Ein gutes Pferd, so Jossy vereine alle Elemente in sich.

Schon mal eine fette Abfuhr kassiert?

Ein großer Boom ist derzeit die „Freiarbeit“ mit dem Pferd. Aber wie frei ist das Pferd dabei tatsächlich? Keine Verbindung über Halfter oder Kappzaum bedeutet nicht, dass wir nicht doch etwas Druck – maßgeblich durch unsere hohe Erwartungshaltung auf das Pferd ausüben.

Jossys Freiarbeit ist tatsächlich eine spannende Herausforderung. Für den Menschen lautet die Aufgabe: Im Hier und Jetzt sein.

So war es für mich auch eine sehr spannende und lehrreiche Erfahrung mit meiner Stute Tabby mal in der Freiarbeit ihre Antworten sehr deutlich zu erhalten. Bei mir sein? Ja, sehr gerne! Von mir im Gesicht angefasst werden? Nein! Aufsteigen aufs „nackte“ Pferd ohne Sattel und Zaumzeug? Nur wenn sie möchte, ich darf es nicht einfordern.

Wer wirklich eine ehrliche Antwort von seinem Pferd haben möchte, sollte sich einmal in Jossys so genannten „Meetings“ mit dem Pferd versuchen. Dabei können dem Pferd Vorschläge gemacht werden – beispielsweise gemeinsame Freude an der Bewegung. Doch Vorsicht: Wenn der Reiter am Boden nicht wirklich Spaß an der Bewegung hat, dann wird sich das Pferd nicht zum gemeinsamen Tanz animieren lassen. Jeder Vorschlag des Pferdes hat in diesem Raum Platz. Und wenn das Pferd nicht von der Idee seines Menschen begeistert ist, dann hat das auch Platz und Berechtigung.

Wie oft nehmen wir uns tatsächlich Zeit, einfach mit unseren Pferden zu sein und ihren Ideen zu lauschen? Seit meinem ersten Meeting mit Jossy und Tabby ist nun einige Zeit vergangen. Was sich seitdem verändert hat? Wenn Tabby „nein“ sagt, dann hat das meist einen tieferen Grund.
Kurz nach meiner Reise nach Italien legte Tabby ein sonderbares Verhalten an den Tag. Sie kam zwar zu mir, wenn ich sie von der Weide holen wollte, weigerte sich jedoch mitzukommen. Zwei Tage später war klar warum: Es hatte sich ein Abszess im Huf gebildet, der zum Glück Dank Leinsamen-Patschen und Aromatherapie-Patschen schon wieder auf dem Weg der Besserung ist.

Wir verlangen so viel von unseren Pferden, da vergessen wir leicht ihre kleinen Nachrichten zu hören. Nach den ersten Meetings, gemeinsam mit Jossy habe ich mir öfter Zeit genommen, einfach mal bei meinen Pferden am Trail zu sein und sie zu beobachten. Tabby war oft sofort bei mir und prustete mit ihren Nüstern sanft in mein Gesicht. Was man über meine rote Dame wissen muss: Freundin Pina ist ihr ein und alles, daher hat es mich einige Male von Herzen gerührt, wenn Tabby aus weiter Entfernung sogar zu mir galoppierte. An einem Tag stand ich mit einer Freundin am Eingang des Paddock-Trail und versuchte aus der Entfernung die einzelnen Pferde zu erraten. Auf meinen Ruf reagierte Tabby sofort, sie reckte den Kopf in unsere Richtung und kam sofort angaloppiert. Ich war wirklich gerührt, denn oftmals war sie zwar auch zur Begrüßung zu mir gekommen, hatte mich sogar den ganzen Trail nach oben zum Stall begleitet. Manchmal jedoch war sie dann einfach umgekehrt und zu Pina zurück gelaufen.

Ja, beim Erzählen dieser Geschichte gab es schon das eine oder andere Argument in die Richtung: „Aber wenn du das Pferd nicht am Halfter von der Weide holst, dann ist ja klar, dass sie davon läuft“. Oder: „So wird sie sich das angewöhnen“!

Nein. Hat sie nicht. Im Gegenteil: ich habe meinem Pferd mehr Gehör geschenkt. Ich akzeptiere gewisse Dinge, die Tabby nicht gut findet und auch nicht gut finden muss. Ich selbst bin kein großer Freund von spontanten Umarmungen – und wehe jemand fasst mir an den Kopf. In dieser Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich.

Zurück zu den Beziehungsproblemen oder:

Das gute an vielen Problemen

Was uns bislang an Jossy Reynvoets Kursen auch begeistert hat? Eine positive Einstellung gekoppelt mit ständiger Motivation für unsere Arbeit. Während einige beim Finden und Lösen von Problemen in Verzweiflung verfallen, sieht Jossy stets das Positive:

„…so we have to solve a Problem. The more difficult it is, the more possibilities you have to solve the problem“.

Kommt in der Ausbildung ein Problem auf uns zu, gibt es also möglicherweise mehrere Wege, die Sache zu lösen.
Jossys Ausbildungsweg lässt sich als Waage darstellen, deren zwei Arme Respekt und Sympathie in ständiger Balance sein sollen.

Während man Respekt durch Kommunikation und Konzentrationgewinnt, arbeitet man an Sympathie durch Verbindung mit seinem Pferd und indem man eine „Wohlfühl“-Atmosphäre für sein Pferd schafft.

„Expect nothing, repeat much and reward as much as possible“
Jossy Reynvoet

Jossy Renyovet kommt übrigens Ende Oktober für einen Wochenendkurs zu uns nach Hart bei Graz auf den Sonnenhof. Wer die feine Kommunikation meines belgischen Trainerkollegen gerne aus nächster Nähe lernen und fühlen möchte: Unter folgendem Link gibt es alle Infos zum Kurs.

Erwarten wir also wenig, wiederholen wir viel und belohnen wir so viel als möglich – dann Reiten wir Einfach 😉

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Händchenhalten für Reiter

Händchenhalten für Reiter

Unsere Hand ist einer der wichtigsten Assistenten, wenn es um die Reitkunst geht.

Zum einen übernimmt die Hand die Aufgabe Informationen aufzunehmen, zum anderen muss sie Informationen abgeben können.

Aber wie gut sind wir eigentlich darin, mit der Hand zuzuhören? Und wie fein können wir mit der Hand kommunizieren?

Händchenhalten mit Gefühl

In unserem Alltag reichen wir uns zur Begrüßung die rechte Hand. Das ist nicht nur eine Sache der Höflichkeit, sondern auch ungemein aufschlussreich, wenn wir die Sache „akademisch“ angehen. Ich bin ein praxisnaher Typ, daher lasse ich meine Schüler sehr gerne ganz konkret fühlen, worum es geht.

Wenn wir uns in einem Seminar kennenlernen, dann geben wir uns auch meist zur Begrüßung die Hand. Dies kann man mal ganz bewusst wiederholen – wie stark ist der Händedruck? Wie fest umschließen die Finger die Hand des Gegenübers – und wie fest fühlen wir den Händedruck unseres Partners? Wie fühlt es sich an, wenn wir uns ganz bewußt „lasch“ die Hand geben?

Die Übung kann auch noch weiter ausgebaut werden. Ein Teilnehmer hält den Karabiner der Longe zwischen Daumen und Zeigefinger, eine zweite Person fasst dann die Longe mit der gewohnten Intensität, die an den Tag gelegt wird, wenn mit einem Pferd in der Bodenarbeit mit dem Kappzaum gearbeitet wird. Viele Teilnehmer sind dann über das unmittelbare Feedback erstaunt, wenn ihr Griff als zu fest oder zu weich, zu schwammig oder zu angespannt erscheint. Natürlich kann man auch hier variieren, wie die Longe gehalten wird: Wie fühlt es sich für die Person an, die den Karabiner festhält, wenn die Longe mit dem Daumen nach oben angefasst wird? Gib es einen Unterschied, wenn der Daumen nach unten zeigt? Kann eine Drehung der Hand wahrgenommen werden?

Händchenhalten mit Links

Ich bin Rechtshänder. Daher habe ich in meiner rechten Hand eine deutlich bessere Wahrnehmung. Aber auch zwischen Daumen und Mittelfinger orte ich deutlich mehr Gefühl. Durch die Diagnose Karpaltunnelsyndrom habe ich mich extrem mit der Wahrnehmung durch die Hand – oder anders gesagt – mit dem Fingerspitzengefühl auseinander gesetzt. Seitdem „scanne“ ich in Gedanken das Gefühl in meinen Fingern permanent durch.

Zurück zum Thema: Wie sich die rechte Hand als Rechtshänder anfühlt haben wir erprobt, aber wie geht es der Linken? Der Versuch einen Tag lang alltägliche Dinge wie (Autotür, Haustüre mit links öffnen, mit der linken Hand die Zähne zu putzen. Mit links das Messer führen – oder für Fortgeschrittene – mit Links schreiben und die Schuhe zubinden) anfühlt, kann ganz einfach in einem Experiment erprobt werden. Wird die Bewegungskompetenz mit steigender Übung verbessert? Für Linkshänder gilt natürlich die gleiche Übungsabfolge – natürlich mit Rechts.

Als ich noch sehr intensiv Geige spielte waren meine linke und rechte Hand beinahe gleich gut in Koordination, Griffstärke, Mobilität und Gefühl.

Händchenhalten im Rückwärts und Vorwärts und mit allen Vieren

Wieder eine Partnerübung. Wie fühlt es sich an, wenn wir jemand rückwärts laufend führen. Wieder hält eine Person die Longe (nimmt also die Position des Pferdes ein), die zweite Person führt nun den Partner rückwärts laufend, gleichsam der Bodenarbeitsposition. Kann die geführte Person die Händigkeit des Führenden ausmachen? Gerade das Rückwärts ist für viele Menschen eine ungewohnte Position – fühlt die geführte Person Ungleichmässigkeiten im Takt? Wird der Griff auf der Longe fester? Und wie fühlt sich die Verbindung im vorwärts an, wenn wir nebeneinander laufen. Gib es einen Unterschied, ob wir nun Hand in Hand nebeneinander laufen oder durch eine Longe verbunden?

Für besonders Fortgeschrittene  eignet sich folgende Übung. Wir brauchen dafür ein Zaumzeug mit vier Zügeln (sehr gerne nehme ich für diese Übung ein Billy Allen Bit mit Shanks).

Eine Person hält das Gebiss mit jeweils Daumen und Zeigefinger und gleichbleibendem Abstand in der Hand. Der Partner hält nun die Zügel – einmal links und rechts je ein Zügelpaar; anschließend werden alle Zügel einhändig gefasst. Wenn der „Reiter“ nun die Hand bewegt und dreht, die Finger öffnet und schließt – wie spürt die Person diese Bewegungen zwischen den Fingern. Kann die Bewegung eines einzelnen Fingers des Reiters ausgemacht werden? Der Fantasie sind natürlich keine Grenzen gesetzt. Das unmittelbare Feedback bei diesen Übungen macht sie so spannend.

Und wer die Kombi mag: wie fühlen sich alle vorangegangen Übungen an, nachdem man ein wenig Handgymnastik gemacht hat? Beispielsweise solche Übungen?

Lernen wir unsere Hand besser kennen, dann Reiten wir Einfach 😉

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Wie ein Buch entsteht…

Wie ein Buch entsteht…

Von der Idee zum fertigen Buchprojekt, was als Magazinidee startet geht als Buchserie in Druck. Wieder eine akademische Reise, diesmal ganz literarisch.

Oktober 2016 in Ainring und eigentlich geht es für die Jahreszeit viel zu heiß her. Das hat nicht nur mit den herbstlich  – sommerlichen Temperaturen zu tun. Mein Kopf raucht. In der Mittagspause haben Bent Branderup und ich Ideen gesponnen – genauer geht es um eine Idee für so ein Magazin rund um die Akademische Reitkunst.

Ein paar Wochen später und einige Ideen weiter wird es konkret. Die Magazin Idee wird zu einer Buchserie. Konkret :

Akademische Reitkunst 

Um eins zu werden, müssen zwei Geister wollen, was zwei Körper können (Bent Branderup)

In unserer schnelllebigen und digitalisierten Welt steigt zunehmend das Interesse einer schonenden und durchdachten Ausbildung für Reiter und Pferd, die auskommt ohne Wettkampfmentalität und Druck, der auf Pferden und Ausbildern lastet.

Mit der „Akademischen Reitkunst“ hat der dänische Ausbilder Bent Branderup eine facettenreiche Methode aus der Vergangenheit der Reitkunst wieder lebendig gemacht. Die Lehren der Alten Meister wie Xenophon, Pluvinel, Newcastle, Guérinière und Steinbrecht bilden die Grundlage für ein 17 Stufen umfassendes Ausbildungskonzept, das Köper und Geist von Pferd und Mensch anspricht und fördert.

Was haben uns die Alten Meister hinterlassen, wo sind sie sich einig und wo stoßen sie auch mit ihrer Kritik in dieselbe Kerbe? Und wie passen neue physiologische, psychologische und pädagogische Erkenntnisse zu ihren Empfehlungen? Damit befasst sich die „Ritterschaft der Akademischen Reitkunst“, die in ihrem Brainpool mehr als 230 Mitglieder internationaler Herkunft umfasst.

15 bis 20 von ihnen stellen ihr Wissen in den künftigen 17 Sammelbänden der „Akademischen Reitkunst“ zur Verfügung. Dabei handelt es sich um Experten für Kommunikation, Hufgesundheit, Osteopathie, Gymnastizierung, Körpersprache, Gebisslose Reitkunst, Rehabilitation oder Psychologie. Von Horsemanship – oder Beziehungspflege bis hin zur Hohen Schule teilen sie ihr Wissen – immer den Fokus auf unsere zwei Geister, die gemeinsam wollen, was zwei Körper können – um eins zu werden – und um ganz einfach Zeit miteinander schön zu verbringen.

Die erste Ausgabe kommt Ende September in den Buchhandel, ist aber zb auch über Ralf Schmitts Shop erhältlich.

Teil 1

In der ersten Ausgabe geht es um die Stufe Null, also das Fundament der Akademischen Leiter. Um Horsemanship oder anders gesagt Beziehungspflege. Die Ausgabe wird auf deutsch und englisch erhältlich sein, beide Sprachen in einem Buch vereint. Vereint sind auch mehrere Autoren in diesem Projekt, so haben insgesamt 14 Autoren in der ersten Ausgabe ihr Wissen rund um die ersten Schritte in der Akademischen Reitkunst zur Verfügung gestellt.

Die Bandbreite ist also international, es geht um das Thema „Führen“ und Führen lassen, Führtechniken und die ersten Schritte mit dem jungen Pferd, um die Psyche des Pferdes, um die mentalen Stärken, die wir als Ausbilder der Pferde mitnehmen müssen und um die vielen Stolpersteine, die uns beim Lernen zu mehr Achtsamkeit und Bewusstsein führen. Spannend wird es auch in der „Reise zur Reitkunst“ – Bent Branderup nimmt uns mit auf seinen Weg von der Kinderreitschule bis zur Gegenwart in einer spannenden Serie. Und im akademischen Werkzeugkoffer stellen wir in jeder Ausgabe ein spezielles Werkzeug vor, schließlich ist nicht jedes reiterliche Problem der Thematik „Schlage einen Nagel mit dem Hammer in die Wand“ gleichzusetzen.

Ich freue mich sehr, dass wir quasi mit diesem Buchprojekt den „Spirit“ der Ritterschaft und der Sommerakademie einfangen können – wenn gefachsimpelt, ausgetauscht und wir mit- und voneinander lernen können, denn dann Reiten wir einmal Einfach!

Es wird also wirklich spannend….mehr möchte ich erstmal nicht verraten 😉

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Zusammenfassung:

Was? Eine Buchserie über die 17 einzelnen Stufen der Akademischen Reitkunst

Magazin oder Buch? Es ist tatsächlich ein Buch! Damit wir das Projekt zweisprachig umsetzen können, haben wir uns für die Buchvariante entschieden, allerdings wird es Interviews, Artikel, Glossen geben – sprich von der Lesbarkeit wird es sich vielleicht wie ein Magazin anfühlen, haptisch aber definitiv ein Buch. Und der Vorteil: Auch in ein paar Jahren kann man dann noch bei Ausgabe 1 beginnen und die weiteren Bände einzeln oder insgesamt dazu sammeln – je nach Thema, Lust und Laune.

Wer? Die aktiven Autoren sind aktive Mitglieder der Ritterschaft, Herausgeber ist Bent Branderup, Chefredaktion: Anna Eichinger

Wie? Die Ausgaben erscheinen zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst (März und September) auf englisch und auf deutsch!

Wo? Verlag Müller Rüschlikon

Ein guter Start

Ein guter Start

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…so schreibt Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“.

Wahrlich, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. So zauberhaft zufällig ich doch über meinen kleinen Conversano Aquileja (sagen wir der Einfachheit halber doch „Konrad“) gestolpert bin, so zauberhaft werde ich immer wieder überrascht – vor allem wenn ich über die Stufen der Ausbildung nachdenke.

Überraschungen

Ich habe schon viele kitschige Pferdegeschichten gehört und als eher pragmatischer Typ wollte ich hier nicht dazu gehören.
Nun gut, ich gehöre dazu….Was soll ich sagen, es fühlt sich an, als würde ich meinen kleinen Lipizzaner (der übrigens beschlossen hat noch ganz ordentlich zu wachsen) schon ewig kennen.

Die Inputs der Alten Meister, was das Thema Jungpferdeausbildung anbelangt habe ich noch ganz im Gedächtnis. Sehr deutlich den Herrn de la Guérinière, der überhaupt rät, ein Pferd recht spät „abzurichten“ – nämlich „je nach den klimatischen Aufzuchtbedingungen sollten die Pferde zwischen sechs und acht Jahre alt sein“. Konrad ist nun im Juli 2017 drei Jahre und ein paar Monate.

Daher war zu Beginn unserer gemeinsamen Reise mein vorläufiger Plan: Wir machen ein paar Führübungen, somit sollte ein gemeinsames Angehen, Stehenbleiben und Wenden doch bis Herbst möglich sein. Am besten von vorne und in parallel, seitlicher Position geführt.

Ich war nicht vorbereitet auf einen sehr motivierten jungen Mann. Nur sechs Wochen nach seinem Einzug hat mein kleiner Bub bereits einen Kurzbesuch bei unserem Bent Branderup Seminar absolviert. Ob von vorne oder von der Seite geführt, mit ausreichend Abstand und sanften Paraden zum Halten. Alles kein Problem. Am zweiten Tag war mein „junger Hupfer“ zur Beruhigung für einen Kurswiederholungstäter in der Halle mit dabei. Publikum? Ganz egal. Hauptsache ich kratze die richtigen Stellen, dann wirft sich der kleine Nasenbär, äh Lipizzaner sofort in Pose. Geübt hatten wir dafür nicht. Konrad achtet so fein auf mich und ist so neugierig – einfach vorzeigen und er weiß worum es geht.

Ein guter Start beginnt im Kopf

…und natürlich mit einer guten Aufzucht. Wer dazu noch einmal gerne nachlesen möchte, findet hier den Link zum ersten Bericht über meinen Youngster.

Abgesehen von einer guten Aufzucht liegt es an uns, als Ausbilder unserer Pferde Inhalte wohl überlegt und ordentlich zu formulieren. Vermutlich die wichtigste Sache, die ich von Bent Branderup gelernt habe. Es ist eine Sache zu sagen, dass man gerne formuliert, eine andere, wenn man merkt, dass die Sätze und Ideen, die man da so genau ausgearbeitet hat, beim Gegenüber nicht ankommen. Meine beiden Stuten Pina und Tabby haben mich in Punkto Formulierungen doch so einiges gelehrt.

Wenn es nun darum geht, Konrad neue Sachen zu zeigen, hilft mir meine klare Vorstellung der zu erarbeitenden Inhalte enorm. Im Dezember 2009 kam „Tabby“ zu mir. Sie war zwar erst vier Jahre alt, hatte jedoch schon ein paar Erfahrungen mit Reitern „auf dem Buckel“. Und sie hatte bereits eine Meinung. Nicht immer konnte ich sie umstimmen, wenn sie weder an mich, geschweige denn an sich selbst geglaubt hätte. Durch Tabby wurde ich definitiv ein besserer Reiter und Ausbilder, schließlich hat sie mir auch klar und deutlich einen Spiegel vors Gesicht gehalten. Und zwar immer im richtigen Moment.

„Pina“ ist eigentlich immer motiviert aber sie möchte häufig gerne mit einer „über das Ziel hinausschießenden“ Eigeninterpretation auf meine Frage antworten. Es wäre durchaus oft reizvoll, sich mit ihrem Ergebnis zufrieden zu geben – will man allerdings dann später die Hilfen verfeinern, um der ursprünglichen Anfrage wieder gerecht zu werden, erntet man sehr vorwurfsvolle Blicke. Und wenn Pina mal vorwurfsvoll schaut….

Jungpferdeausbildung bedeutet also nicht nur Jungpferdeausbildung. Wir sind die Summe aller unserer Erfahrungen. Konrad lernt also eigentlich auch von Tabby und Pina, die ja auch mich ausgebildet haben. Darum lohnt es sich auch immer wieder darüber nachzudenken welche Stärken man durch den bereits gegangenen Weg erlangt hat. Welche Themen haben uns auf dem Weg geprägt, welche Inhalte können wir besonders gut formulieren und wo brauchen wir möglicherweise auch noch externe Unterstützung?

Dieses Prinzip hat Konrad schon übernommen. Er hat bereits verstanden, dass ein Zeigen und Berühren der Gerte in Position des inneren Schenkels bedeutet: Kopf senken und entspannen.
Vice versa hat er mich auch schon ganz gut ausgebildet – ein Blick reicht und ich kratze die besagte Lieblingsstelle. Man könnte sagen: Ich habe klar formuliert – und er auch.

Wir werden in den nächsten Wochen, wenn es nicht mehr so heiß ist viel spazieren gehen und blödeln. Dualgassen auf dem Rücken herumschleppen, raschelnde Tüten und fliegende Bälle, sowie Teppichmatten und Planen, die über den Rücken gelegt werden. Kein Problem. Suchen wir uns also ein paar Drachen im Wald. 🙂

 

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