Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können. Heute gibt es auf vielfachen Wunsch das Podcast Interview von Bent Branderup zum Nachlesen – auf Deutsch übersetzt.

Bent, warum hast du dich dazu entschlossen die Alten Meister zu studieren? 

Bent Branderup: Ich war sehr neugierig über alles, was ich so rund um die Reitkunst kriegen konnte. Ich war in ganz Europa unterwegs, habe dabei Museen besucht, mir alte Sättel angesehen und natürlich Leute besucht, die noch immer nach der Akademischen Reitkunst gearbeitet haben.  Auf der Suche habe ich mich gefragt: Wo ist der Beginn und wo das Ende? Wo bekommt man alle Informationen, die zusammenpassen?  Natürlich habe ich mir die Bücher der Alten Meister gekauft. Wenn man diese Bücher liest, muss man beachten: Hier sprechen Meister über Jahrhunderte hinweg zu uns. Der Geist dieser vergangenen Zeiten ist allerdings noch immer da, er ist in diesen Büchern.  Dabei ist es auch sehr interessant zu sehen, was die Autoren ihren Lesern weitergeben wollten. Man erfährt dabei auch viel über das damalige Publikum, für das ja publiziert wurde.

Wie lässt sich der Weg von Bent Branderup zur Akademischen Reitkunst beschreiben? 

Bent Branderup: Am Anfang war da das große Interesse für Pferde – von Kindesbeinen an. Zu meiner Zeit war das Pferd bereits altmodisch, könnte man sagen. Während meine Großeltern noch immer mit Pferden gearbeitet haben, war das bei meinen Eltern schon nicht mehr der Fall. Ich war offensichtlich an etwas Altmodischem interessiert. Ich habe aber alles ausprobiert. Vom Kutschenfahren, über Vielseitigkeit oder Jagden – was eben zur damaligen Zeit geritten wurde. Ich war dann später auf Reisen quer durch Europa und habe dabei verschiedne Pferdekulturen kennen gelernt. War ein Jahr auf Isalnd oder mit den Reitern in Ungarn unterwegs. Dann kam ich nach Jerez de la Frontera und wurde dort Schüler in der Escuela Andaluza del Arte Ecuestre. Von diesem Zeitpunkt an wußte ich genau, in welche Richtung ich mich entwickeln wollte. Und natürlich habe ich die Meister der damaligen Zeit besucht. Ich war also bei Nuno Oliveira in Portugal und bei Egon von Neindorff in Deutschland. Zwei Meister, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten besonders spannend waren. Ich denke, da wo sich alle Meister der Reitkunst in der Gemeinsamkeit treffen, da sind die Ideale der Reitkunst. So fragte ich mich stets was einen Xenophon, einen Guérinière, einen Newcastle, einen Steinbrecht und einen Pluvinel eint.  Das war und ist für mich  das Spannendste. Denn wo sich die Meister in einem Zeitraum von 2.000 Jahren einig sind, das kann nicht so falsch sein.

Also würdest du die Alten Meister nicht als altmodisch bezeichnen?

Bent Branderup: Manchmal kommen die Dinge aus der Mode und manchmal kommen sie wieder in Mode. Ja, und manchmal ist Mode auch gemacht!

Wussten die Alten Meister mehr als wir heute mit allen modernen Methoden und Möglichkeiten der Wissenschaft? 

Bent Branderup:  Sie hatten natürlich viel mehr Erfahrung als wir je sammeln können. Schon alleine weil sie  ihre Forschungs- und Bildungsreisen, aber auch Kriege beritten absolvierten. Also nicht wie wir heute per Flugzeug von Wien nach Paris. Das machgt den Unterschied aus und natürlich haben sie auch weit mehr Pferde ausgebildet als wir das heute tun. Neue Erkenntnisse konnten sie somit in der Ausbildung von vielen Pferden anwenden und somit Hypothesen überprüfen und testen.

Können wir die Pferde der Vergangenheit mit den Pferden von heute vergleichen?

Bent Branderup: Wir können das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Viele Jahrhunderte lang wurden Kutschpferde gezüchtet. Diese Pferde sind dafür geschaffen, mit der Hinterhand rückwärts hinaus zu schieben und dabei die Gelenke der Hinterhand zu öffnen. Dann gibt es wiederum Pferde, die die Gelenke der Hinterhand besser schließen können, aber auch noch für den Schub nach vorne gezüchtet wurden – die Rennpferde. Und diese beiden Typen hat man nun vereint. Und dann gab es eben viel früher Pferde, die noch besser auf der Hinterhand waren. Wir brauchen nun Züchter, die sich genau auf diesen Typ Pferd fokussieren. Ich denke es gibt aber Pferde, die dem alten Typ noch sehr nahe kommen können.

Die Dressur ist für das Pferd da? 

Bent Branderup: Dafür ist Hugin natürlich ein sehr gutes Beispiel. Blind mit drei gebrochenen Beinen. Das war die Ausgangslage, wo ich lernen musste – oder man kann auch sagen, Hugin war derjenige, der mir die Akademische Reitkunst beibrachte. Ich hatte also einen völlig neuen Zugang zu lernen. Wenn wir das Pferd für die Dressur nutzen, dann sehen wir, dass viele Leute Übungen und Lektionen reiten, ohne den Inhalt zu begründen. Da werden dann oft Seitengänge geritten, die den Gelenken mehr schaden, als nutzen. Ich musste also meine Sicht auf die Dressur ändern. Das hat mir sehr geholfen und somit konnte ich wiederum anderen Menschen helfen.

Ist Hugin der wahre Gründer der Akademischen Reitkunst? 

Bent Branderup: Ja das könnte man so sagen.

Warum sollen wir die Bücher von Steinbrech, Newcastle, Guérinière, Pluvinel und Xenophon lesen? 

Bent Branderup: Bei diesen „big five“ sieht man die Zusammenhänge sehr schlüssig. Sie ergänzen und beantworten quasi offene Fragen gegenseitig. Guérinière beschreibt alles sehr gut, Steinbrecht ist bei der Biomechanik Meister. Die Wissenschaft heute kann dieses Wissen von damals quasi in neue Worte fassen und neue Ansichten hinzufügen, wie beispielsweise über die Faszien. Aber die Funktion bleibt gleich. Man muss natürlich die Art und Weise zu schreiben beachten. Manche Alten Meister scheinen auf den ersten Blick vielleicht chaotisch. Viel Wissen wurde da gar nicht aufgeschrieben, weil es zu ihrer Zeit als Selbstverständlichkeit galt. Heute kann man im Gegenzug dazu ein Buch über das Führen des Pferdes am Halfter schreiben, das viele Leute gerne kaufen und lesen. Bei den Alten Meistern muss man sich fragen, was es wert war erwähnt zu werden. Wir lesen heute also auch immer wieder Lücken, die den damaligen Autoren nicht erwähnenswert genug schienen.

Warum hast du die Ritterschaft der Akademischen Reitkunst gegründet? 

Bent Branderup: Ritter kommt im Deutschen von Reiter. Man könnte es heute auch eine Organisation von Reitern nennen. Früher hatte auch jede Gruppe eine Gilde. Das wäre vielleicht das korrektere Wort. Jetzt haben wir eine Organisation von Leuten, die gerne mit Pferden arbeitet – es sind aber nicht alle Professionisten. Der Zweck ist es, einen Brainpool zu bilden, um Menschen international zu einem Austausch einzuladen, wo jeder sein Wissen mitbringt. Wenn die Reiter mehr Können und Erfahrung sammeln, dann wird insgesamt das Niveau der Gruppe auf einen höheren Level gehoben.

Wie war da die Entwicklung der letzten Jahre? 

Bent Branderup: Was neu war? Wir haben viele Experimente mit Schulhalt und Schulschritt gemacht. Wir haben in Büchern und Bildern geforscht und uns gefragt warum und wie die Lektion damals geritten wurde. Beim Experimentieren wurden dann natürlich auch Fehler gemacht. Aber nur wegen der Fehler können wir heute sagen, was ein großer Fehler ist, was ein unwichtiger Fehler ist, was man leicht oder schwer korrigieren kann usw. Wir hatten eine große Anzahl an Erfahrungen, diesen Erkenntnisgewinn kann man alleine gar nicht schaffen.

Warum sind Schulhalt und Schulschritt für die Pferde so nützlich?

Bent Branderup: Zunächst geht es darum, mit dem Pferd eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Erst dann können wir mit dem Körper arbeiten und der Wirbelsäule eine Form geben, um so die Gelenke der Hinterhand zu erreichen. Hier gibt es viele verschiedene Schlüssel. Wir können die Sprunggelenke und die Knie erreichen. Das Pferd bekommt ein besseres Bewusstsein, aber auch der Mensch wenn es um die Hinterhand geht. Wir können lernen, die Fähigkeiten der Hinterhand zu beurteilen. Und wir können feststellen, dass Pferde, die körperlich eigentlich gute Voraussetzungen mitbringen sich schwer tun in der Kommunikation und Pferde, die sehr intelligent sind, sehr leicht die Gymnastik verstehen. Nur wenn die Botschaft verstanden wird, kann man mit verschiedenen Körperteilen arbeiten. Für manche Pferde war daher der SChulhalt der Schlüssel zur Hinterhand, für andere Pferde war es eine andere Übung.

Welche denn zum Beispiel? 

Bent Branderup: Zum Beispiel Schulschritt oder Piaffe. Es sind aber immer die gleichen Muskeln, die mit den gleichen Knochen arbeiten. Es ist also immer der Geist, den man zuerst ansprechen muss. Und das gelingt beim einen Pferd dann besser über Galopp, beim anderen über Piaffe usw.

Wo trifft man dich auf Kursen im heurigen Jahr? 

Bent Branderup: ich unterrichte in Europa. Ich bin glücklich mit meinen Pferden, ich möchte möglichst kurz von ihnen getrennt sein und rasch wieder zurück kommen. Kurse weltweit sind auch mit den lizensierten Trainern möglich.

Die internationalen Kurstermine von Bent findet ihr hier laufend aktualisiert.

Und am 2. und 3. Juli 2016 freuen wir uns auf ein Wiedersehen mit Bent in Graz.

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