„Basis ist nur Basis, wenn es für irgend etwas Basis ist“ Bent Branderup.

Was aber ist die eigentliche Basis? Am Anfang steht eine gute Beziehung.

Beziehungsprobleme?

Und warum gibt es immer wieder „Beziehungsprobleme“, wenn wir mit unseren Pferden zu tun haben?

Jossy Reynvoet, lizenzierter Bent Branderup Trainer aus Belgien und spezialisiert auf gebisslose Reitkunst sowie Horsemanship ortet diese Beziehungsprobleme vor allem – erraten – beim Reiter.

Pferde sind nicht introvertiert. Aber wir Reiter tragen dazu bei, dass unsere Pferde introvertiert werden. Probleme mit Pferden entstehen erst, wenn Erwartungen ins Spiel kommen“. (Jossy Reynvoet)

Eine „elementare“ Beziehung

Um unsere Pferde besser zu verstehen und kennen zu lernen, verwendet Jossy die Elemente Feuer, Erde, Metall, Wasser und Holz. Arabische Pferde lassen sich demnach eher als Feuerpferde beschreiben, Erdgeprägte Pferde sind typische „Farmhorses“. Barockpferde sind dem Element Metall sehr nahe, Warmblüter und Englische Vollblüter sind Wasserpferde und Isländer lassen sich dem Element Holz gut zuordnen.

Jossy warnt wie bei allen Diagrammen zu sehr in Kategorien oder Schubladen zu denken. Barockeigenschaften ließen sich auch beim Isländer entdecken und ein Kaltblut könne über eine gute Koordination verfügen. Uns Reitern sollen diese Elemente lediglich als Anhaltspunkte helfen eine gute Formulierung über unseren vierbeinigen Freund zu treffen.

So wird „Holz“ ein milder Charakter attestiert, Feuer steht für Intelligenz und Metall für Vertrauen. Ein gutes Pferd, so Jossy vereine alle Elemente in sich.

Schon mal eine fette Abfuhr kassiert?

Ein großer Boom ist derzeit die „Freiarbeit“ mit dem Pferd. Aber wie frei ist das Pferd dabei tatsächlich? Keine Verbindung über Halfter oder Kappzaum bedeutet nicht, dass wir nicht doch etwas Druck – maßgeblich durch unsere hohe Erwartungshaltung auf das Pferd ausüben.

Jossys Freiarbeit ist tatsächlich eine spannende Herausforderung. Für den Menschen lautet die Aufgabe: Im Hier und Jetzt sein.

So war es für mich auch eine sehr spannende und lehrreiche Erfahrung mit meiner Stute Tabby mal in der Freiarbeit ihre Antworten sehr deutlich zu erhalten. Bei mir sein? Ja, sehr gerne! Von mir im Gesicht angefasst werden? Nein! Aufsteigen aufs „nackte“ Pferd ohne Sattel und Zaumzeug? Nur wenn sie möchte, ich darf es nicht einfordern.

Wer wirklich eine ehrliche Antwort von seinem Pferd haben möchte, sollte sich einmal in Jossys so genannten „Meetings“ mit dem Pferd versuchen. Dabei können dem Pferd Vorschläge gemacht werden – beispielsweise gemeinsame Freude an der Bewegung. Doch Vorsicht: Wenn der Reiter am Boden nicht wirklich Spaß an der Bewegung hat, dann wird sich das Pferd nicht zum gemeinsamen Tanz animieren lassen. Jeder Vorschlag des Pferdes hat in diesem Raum Platz. Und wenn das Pferd nicht von der Idee seines Menschen begeistert ist, dann hat das auch Platz und Berechtigung.

Wie oft nehmen wir uns tatsächlich Zeit, einfach mit unseren Pferden zu sein und ihren Ideen zu lauschen? Seit meinem ersten Meeting mit Jossy und Tabby ist nun einige Zeit vergangen. Was sich seitdem verändert hat? Wenn Tabby „nein“ sagt, dann hat das meist einen tieferen Grund.
Kurz nach meiner Reise nach Italien legte Tabby ein sonderbares Verhalten an den Tag. Sie kam zwar zu mir, wenn ich sie von der Weide holen wollte, weigerte sich jedoch mitzukommen. Zwei Tage später war klar warum: Es hatte sich ein Abszess im Huf gebildet, der zum Glück Dank Leinsamen-Patschen und Aromatherapie-Patschen schon wieder auf dem Weg der Besserung ist.

Wir verlangen so viel von unseren Pferden, da vergessen wir leicht ihre kleinen Nachrichten zu hören. Nach den ersten Meetings, gemeinsam mit Jossy habe ich mir öfter Zeit genommen, einfach mal bei meinen Pferden am Trail zu sein und sie zu beobachten. Tabby war oft sofort bei mir und prustete mit ihren Nüstern sanft in mein Gesicht. Was man über meine rote Dame wissen muss: Freundin Pina ist ihr ein und alles, daher hat es mich einige Male von Herzen gerührt, wenn Tabby aus weiter Entfernung sogar zu mir galoppierte. An einem Tag stand ich mit einer Freundin am Eingang des Paddock-Trail und versuchte aus der Entfernung die einzelnen Pferde zu erraten. Auf meinen Ruf reagierte Tabby sofort, sie reckte den Kopf in unsere Richtung und kam sofort angaloppiert. Ich war wirklich gerührt, denn oftmals war sie zwar auch zur Begrüßung zu mir gekommen, hatte mich sogar den ganzen Trail nach oben zum Stall begleitet. Manchmal jedoch war sie dann einfach umgekehrt und zu Pina zurück gelaufen.

Ja, beim Erzählen dieser Geschichte gab es schon das eine oder andere Argument in die Richtung: „Aber wenn du das Pferd nicht am Halfter von der Weide holst, dann ist ja klar, dass sie davon läuft“. Oder: „So wird sie sich das angewöhnen“!

Nein. Hat sie nicht. Im Gegenteil: ich habe meinem Pferd mehr Gehör geschenkt. Ich akzeptiere gewisse Dinge, die Tabby nicht gut findet und auch nicht gut finden muss. Ich selbst bin kein großer Freund von spontanten Umarmungen – und wehe jemand fasst mir an den Kopf. In dieser Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich.

Zurück zu den Beziehungsproblemen oder:

Das gute an vielen Problemen

Was uns bislang an Jossy Reynvoets Kursen auch begeistert hat? Eine positive Einstellung gekoppelt mit ständiger Motivation für unsere Arbeit. Während einige beim Finden und Lösen von Problemen in Verzweiflung verfallen, sieht Jossy stets das Positive:

„…so we have to solve a Problem. The more difficult it is, the more possibilities you have to solve the problem“.

Kommt in der Ausbildung ein Problem auf uns zu, gibt es also möglicherweise mehrere Wege, die Sache zu lösen.
Jossys Ausbildungsweg lässt sich als Waage darstellen, deren zwei Arme Respekt und Sympathie in ständiger Balance sein sollen.

Während man Respekt durch Kommunikation und Konzentrationgewinnt, arbeitet man an Sympathie durch Verbindung mit seinem Pferd und indem man eine „Wohlfühl“-Atmosphäre für sein Pferd schafft.

„Expect nothing, repeat much and reward as much as possible“
Jossy Reynvoet

Jossy Renyovet kommt übrigens Ende Oktober für einen Wochenendkurs zu uns nach Hart bei Graz auf den Sonnenhof. Wer die feine Kommunikation meines belgischen Trainerkollegen gerne aus nächster Nähe lernen und fühlen möchte: Unter folgendem Link gibt es alle Infos zum Kurs.

Erwarten wir also wenig, wiederholen wir viel und belohnen wir so viel als möglich – dann Reiten wir Einfach 😉

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