Von Balance und ehrlichen Pferden

Von Balance und ehrlichen Pferden

Hanna Engström in Österreich

Viel zu oft neigen wir in der Ausbildung eines Reitersitzes dazu, den Reiter in Schablonen – oder anderes gesagt – in ein perfektes Bild zu pressen.

Steifheiten und Unsicherheiten im Sitz sind vorprogrammiert. Nicht jedoch wenn Hanna Engström ins Spiel kommt.

Im Dezember 2016 habe ich eine wunderbare Trainerfortbildung bei Hanna genossen – letzte Woche war ich in Oberösterreich „Mäuschen“ als Hanna dort erstmals zu einem Kurs geladen wurde.

Gleich zu Beginn bricht Hanna wie gewohnt das Eis. Kurssprache ist englisch, aber die lockere Art der schwedischen Trainerin lässt sämtliche Sprachbarrieren vergessen. Hanna fragt zunächst mal alle Teilnehmer nach ihren speziellen Wünschen und Zielen für den Zweitageskurs. Natürlich wünscht sich jeder der Teilnehmer am Sitz zu arbeiten, schließlich ist Hanna für ihr spezielles Sitzprogramm bekannt.

Warum sich die Pferde aber im Gelände gut sitzen und steuern lassen und im Viereck noch nicht – hier stellt Hanna einige Fragen, die auch zum Nachdenken anregen und erklärt warum wir überhaupt die Dressur nutzen.

„In der Akademischen Reitkunst stellen wir dem Pferd quasi seinen eigenen Körper nochmal vor. Es lernt sich neu kennen und soll als Reitpferd ein eigenes Körperbewusstsein entwickeln. Erst dann arbeiten wir mit der Schulung der Hilfengebung und der Verfeinerung dieser“, erklärt Hanna.

Für den Reiter ergibt sich durch die detailgenaue Arbeit die Fähigkeit den Pferdekörper zu „lesen“ um beispielsweise Balanceprobleme rasch und unproblematisch zu entschlüsseln.

Balance

Balance ist überhaupt das Stichwort für den ersten Teil in Hannas „Seat Program“. Dabei werden die Pferde im Unterricht geführt oder longiert, der Reiter kann den gesamten Fokus auf sich selbst legen und hat so die Möglichkeit sich voll und ganz auf seinen Sitz zu konzentrieren. Neben dem Kappzaum bevorzugt Hanna einen Ledersattel in Punkto Ausrüstung. Sinn dahinter ist die Vermeidung von Druck afu den Pferderücken. Die ersten Übungen betreffen schließlich den Reiter ganz alleine, daher möchte Hanna vor allem bei unbekannten Schülern den Rücken der Pferde entlasten.

In der ersten Einheit sitzen die Reiter also später auf und Hanna „interviewt“ den Reiter durch den gesamten Körper. Wo sitzen Verspannungen? Wie ist das Gefühl in den Füßen, in den Beinen, in den Waden, in den Oberschenkeln? Wie sitzt man auf? Was spürt man wo? Wie können wir Balanceunterschiede aufspüren? Wo möchten wir eventuell eigene Schiefen im Körper ausgleichen?

Bevor es aber auf die Pferderücken geht, lässt Hanna noch ein paar Körperübungen in der Halle erfühlen. AUch hier spüren wir in die Balance und fühlen, wie wir auf unseren Füßen stehen. Wie fühlt es sich an, auf Zehenspitzen oder auf der Ferse sein Gewicht auszubalancieren? Wann und wo verliert man eher die Balance? Einige Übungen werden auch noch für die Öffnung, Rotation und Beweglichkeit des Brustkorbs gemacht. Wie immer fragt Hanna alle Teilnehmer nach Schmerzen, Unsicherheiten und dem Gefühl.

Es ist sehr spannend später die einzelnen Reiter in der Praxis zu beobachten – vor allem da ich hier keinen der Teilnehmer kenne. Sind meine eigenen Schüler am „Start“ hört das Analysieren im Kopf auch nicht auf, so kann ich mich also quasi voll und ganz zurücklehnen und Hannas Analysen folgen.

Die Reiter fühlen sich teilweise beweglicher, nach der ersten Einheit sind bereits durch die ersten Übungen mit Achtsamkeit und Körperbewusstsein kleinere Blockaden verschwunden, einige Teilnehmer geben an, nun sicherer im Sattel zu sitzen, tiefer ans Pferd zu kommen bzw. leichter mit der Bewegung mitzuschwingen.

Nach der Mittagspause lässt uns Hanna Kreise ziehen. Ich stelle fest, dass meine Bewegungen noch immer im Herzrhythmus laufen. Was das bedeutet?

Bei meiner Weiterbildung bei Hanna habe ich herausgefunden, dass ich mich selbst lieber im Rhythmus meines Herzens, als im Rhythmus meines Atems bewege. Das erzeugt im Alltag gerne eine innere Unruhe, wenn ich stillstehen muss, in der Bewegung komme ich so in einen schönen Einklang mit mir selbst.

Daran hat sich jedenfalls nichts geändert. 😉

Das ehrliche Pferd

In der Nachmittagseinheit „interviewt“ Hanna nicht mehr den Reiter, sondern das Pferd. Hanna möchte über den Reiter jede einzelne Bewegung des Pferdes erfahren. Und das funktioniert so:

Hanna stellt verschiedene Fragen, der Reiter spürt ins Pferd hinein und gibt die Antwort.

So erfahren wir als Zuschauer quasi von den Pferden, wie sich die Wirbelsäule der Tiere bewegt, welche Biegung ihnen leichter fällt auf dem Zirkel, nämlich nach links oder nach rechts? Wo hat sich der Hals hinbewegt? Ist das Genick nachgiebig und fühlbar? Was spürt denn der Reiter vor oder hinter de m Sattel? Keine Antwort ist übrigens falsch – immer wieder ist es erstaunlich wie rasch Reiter Bewegungen erfühlen – oder anders gesagt – wie genau die Pferde unseren Fragen antworten.

Ich freue mich bereits auf einen erneuten Besuch bei Hanna im Dezember 2017. Und für alle, die nicht einen „magischen“ Besuch bei Hanna auf Gotland unternehmen können – im April 2018 kommt Hanna auch zu uns nach Österreich auf den wunderbaren Sonnenhof. 🙂

Mehr über Hanna gibt es in meinen Reiseberichten Teil 1 und Teil 2.

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Wie ein Buch entsteht…

Wie ein Buch entsteht…

Von der Idee zum fertigen Buchprojekt, was als Magazinidee startet geht als Buchserie in Druck. Wieder eine akademische Reise, diesmal ganz literarisch.

Oktober 2016 in Ainring und eigentlich geht es für die Jahreszeit viel zu heiß her. Das hat nicht nur mit den herbstlich  – sommerlichen Temperaturen zu tun. Mein Kopf raucht. In der Mittagspause haben Bent Branderup und ich Ideen gesponnen – genauer geht es um eine Idee für so ein Magazin rund um die Akademische Reitkunst.

Ein paar Wochen später und einige Ideen weiter wird es konkret. Die Magazin Idee wird zu einer Buchserie. Konkret :

Akademische Reitkunst 

Um eins zu werden, müssen zwei Geister wollen, was zwei Körper können (Bent Branderup)

In unserer schnelllebigen und digitalisierten Welt steigt zunehmend das Interesse einer schonenden und durchdachten Ausbildung für Reiter und Pferd, die auskommt ohne Wettkampfmentalität und Druck, der auf Pferden und Ausbildern lastet.

Mit der „Akademischen Reitkunst“ hat der dänische Ausbilder Bent Branderup eine facettenreiche Methode aus der Vergangenheit der Reitkunst wieder lebendig gemacht. Die Lehren der Alten Meister wie Xenophon, Pluvinel, Newcastle, Guérinière und Steinbrecht bilden die Grundlage für ein 17 Stufen umfassendes Ausbildungskonzept, das Köper und Geist von Pferd und Mensch anspricht und fördert.

Was haben uns die Alten Meister hinterlassen, wo sind sie sich einig und wo stoßen sie auch mit ihrer Kritik in dieselbe Kerbe? Und wie passen neue physiologische, psychologische und pädagogische Erkenntnisse zu ihren Empfehlungen? Damit befasst sich die „Ritterschaft der Akademischen Reitkunst“, die in ihrem Brainpool mehr als 230 Mitglieder internationaler Herkunft umfasst.

15 bis 20 von ihnen stellen ihr Wissen in den künftigen 17 Sammelbänden der „Akademischen Reitkunst“ zur Verfügung. Dabei handelt es sich um Experten für Kommunikation, Hufgesundheit, Osteopathie, Gymnastizierung, Körpersprache, Gebisslose Reitkunst, Rehabilitation oder Psychologie. Von Horsemanship – oder Beziehungspflege bis hin zur Hohen Schule teilen sie ihr Wissen – immer den Fokus auf unsere zwei Geister, die gemeinsam wollen, was zwei Körper können – um eins zu werden – und um ganz einfach Zeit miteinander schön zu verbringen.

Die erste Ausgabe kommt Ende September in den Buchhandel, ist aber zb auch über Ralf Schmitts Shop erhältlich.

Teil 1

In der ersten Ausgabe geht es um die Stufe Null, also das Fundament der Akademischen Leiter. Um Horsemanship oder anders gesagt Beziehungspflege. Die Ausgabe wird auf deutsch und englisch erhältlich sein, beide Sprachen in einem Buch vereint. Vereint sind auch mehrere Autoren in diesem Projekt, so haben insgesamt 14 Autoren in der ersten Ausgabe ihr Wissen rund um die ersten Schritte in der Akademischen Reitkunst zur Verfügung gestellt.

Die Bandbreite ist also international, es geht um das Thema „Führen“ und Führen lassen, Führtechniken und die ersten Schritte mit dem jungen Pferd, um die Psyche des Pferdes, um die mentalen Stärken, die wir als Ausbilder der Pferde mitnehmen müssen und um die vielen Stolpersteine, die uns beim Lernen zu mehr Achtsamkeit und Bewusstsein führen. Spannend wird es auch in der „Reise zur Reitkunst“ – Bent Branderup nimmt uns mit auf seinen Weg von der Kinderreitschule bis zur Gegenwart in einer spannenden Serie. Und im akademischen Werkzeugkoffer stellen wir in jeder Ausgabe ein spezielles Werkzeug vor, schließlich ist nicht jedes reiterliche Problem der Thematik „Schlage einen Nagel mit dem Hammer in die Wand“ gleichzusetzen.

Ich freue mich sehr, dass wir quasi mit diesem Buchprojekt den „Spirit“ der Ritterschaft und der Sommerakademie einfangen können – wenn gefachsimpelt, ausgetauscht und wir mit- und voneinander lernen können, denn dann Reiten wir einmal Einfach!

Es wird also wirklich spannend….mehr möchte ich erstmal nicht verraten 😉

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Zusammenfassung:

Was? Eine Buchserie über die 17 einzelnen Stufen der Akademischen Reitkunst

Magazin oder Buch? Es ist tatsächlich ein Buch! Damit wir das Projekt zweisprachig umsetzen können, haben wir uns für die Buchvariante entschieden, allerdings wird es Interviews, Artikel, Glossen geben – sprich von der Lesbarkeit wird es sich vielleicht wie ein Magazin anfühlen, haptisch aber definitiv ein Buch. Und der Vorteil: Auch in ein paar Jahren kann man dann noch bei Ausgabe 1 beginnen und die weiteren Bände einzeln oder insgesamt dazu sammeln – je nach Thema, Lust und Laune.

Wer? Die aktiven Autoren sind aktive Mitglieder der Ritterschaft, Herausgeber ist Bent Branderup, Chefredaktion: Anna Eichinger

Wie? Die Ausgaben erscheinen zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst (März und September) auf englisch und auf deutsch!

Wo? Verlag Müller Rüschlikon

Handverlesenes…

Handverlesenes…

Wie muss eine Reiterhand beschaffen sein? Was wollen wir mit der Hand überhaupt erreichen? Für uns Menschen, die im Alltag sehr „handlastig“ unterwegs sind, ist die Frage der Losgelassenheit und Durchlässigkeit nicht nur beim Pferd von großer Bedeutung.

Wir haben es in der Hand, wie wir mit der Reiterhand verfahren wollen – allerdings haben viele Reiter gar keine Vorstellung davon, was sie in der Hand haben, oder anders gesagt fühlen sollen.

„Was man in der Hand hat, das hat die Hinterhand nicht getan. Oder anders gesagt: Man muss ja auch vorwärts leben und rückwärts verstehen. So gesehen müssen wir vorwärts reiten und verstehen, was in der Vergangenheit passiert oder eben nicht passiert ist.“ Bent Branderup.

Vorwärts leben und rückwärts verstehen – ein wunderbares Zitat des Philosophen Søren Kierkegaard von Bent Branderup für die Reitkunst zitiert. Welche Zitate und Bilder können uns noch helfen, mehr über die Reiterhand zu verstehen?

Was macht die Hand?

Ja was macht die Hand eigentlich? Den Zügel halten? Aber wie fest? Wie tief, wie hoch? Wie fest sind die Finger geschlossen, oder sind sie offen. Spürt man ein Gewicht und wenn ja wie viel? Und wie bewegt man nun die Hände beim Reiten eigentlich mit? Nur die Hand? Bewegt sich das Handgelenk? Oder ist es gar der ganze Arm?

Wenn wir über die Reitkunst sprechen und weit in die Vergangenheit reisen, dann brauchen wir bei der Lektüre der entsprechenden Originalliteratur einen kleinen Schummelzettel – schließlich wird nicht immer explizit betont, dass die Zügel in einer Hand gehalten werden. Das war damals selbstverständlich.

„Wir Heutigen haben dadurch, dass wir unserem Kandarenzaum ein für allemal die Unterlegtrense mit ihren beiden Zügeln hinzufügten, von vornherein eingestanden, dass wir unsere Pferde nicht in solcher Vorstellung ausbilden wollen oder können, um sie mit den Kandarenzügeln in der linken Hand unter allen Umständen beherrschen zu können“. Gustav Steinbrecht

Für meine „Einführung“ zum Thema Hand habe ich in diesem Beitrag ein paar Zitate von Gustav Steinbrecht und Waldemar Seunig herausgesucht.

Steinbrecht sagt über die Zügelhand:

„Die Zügelhand ist das Hauptorgan, durch das der Reiter zu seinem Pferde spricht und ihm seinen Willen kundgibt. Die Geschicklichkeit der Hand kann damit Recht als Gradmesser der gesamten Geschicklichkeit des Reiters gelten, denn es ist eine irrige Auffassung, dass eine gute Hand eine vereinzelte gute Eigenschaft des Reiters sein könne. Sie ist vielmehr das Ergebnis vollkommenen Sitzes und feinen Reitergefühls.“

Seunig und Steinbrecht sind sich beide einig, dass es ein guter Reiter außerordentlich viel Fingerfertigkeit mitbringen muss:

„Die zur guten Führung notwendigen Zügelhilfen können nachgebende, durchhaltende und annehmende sein und umfassen eine ganze Skala von Handeinwirkungen, die vom bloßen Öffnen der Finger, in dieser Hinsicht kann man wirklich von einer feinfühligen Fingertätigkeit wie beim Klavier-Virtuosen sprechen.“ Waldemar Seunig

Kann man ein schlechter Reiter sein, gleichzeitig aber eine schlechte Hand haben? Nein, meint Gustav Steinbrecht: 

„Wir hören im Leben oft behaupten, dass jemand nicht besonders reite, aber eine sehr gute Hand habe, oder umgekehrt, dass er ein sehr guter Reiter sei, aber einen Fehler besitze, nämlich eine zu harte Hand. Dies ist ein offenbarer Widerspruch, denn wer als Reiter eine wirklich gute Hand besitzt, ist ein Meister der Reitkunst, wenn er auch durch seine Haltung und sein Benehmen zu Pferde dem Laien noch so sehr als mangelhafter Reiter erscheinen mag, wohingegen ein Reiter mit einer wirklich schlechten Hand niemals im wahren Sinne des Wortes ein Reiter sein kann, mag er auch durch Festigkeit des Sitzes, Schneid und Eleganz der Erscheinung noch so sehr bestechen, weil sein Fehler nur aus Mangel an Gefühl und Verständnis für das Pferd hervorgehen kann.“

Vorne fest gegenhalten, hinten treiben!

Plötzlich war ich als Kind mit sechs Jahren vom Reitervirus infiziert. Und ich hatte riesiges Glück: In unmittelbarer Nachbarschaft gab es ein Trakehnergestüt. Die Pferde waren wahnsinnig fein und großartige Lehrmeister. Als ich nach unendlich vielen Stunden an der Longe, freilich mal ohne Zügel dann diese in die Hand bekam, war der erste Ratschlag jener, stets das Gefühl zu haben, man würde ein Küken in der Hand halten. So sanft muss die Hand sein, aber auch so „geschlossen“, so dass das Küken nicht verloren gehen kann. Diesen Rat habe ich mir sehr zu Herzen genommen. Rückwärtswirkende Hände waren tabu.

Das Gestüt wurde aufgelassen. Jahre später änderte sich der Unterricht für mich komplett. Nun mit Anfang 20 hatte ich mein zweites Pferd und plötzlich war es wichtiger, den Außenzügel sehr straff zu halten. Nie dort nachzugeben, das Pferd nach innen ordentlich durchzustellen und ordentlich nachzutreiben.

Muss ich an dieser Stelle betonen, dass weder mein Pferd noch ich daran viel Freude hatten? Ich hatte immer mehr Gewicht in der Hand. Ich dachte ich reite vorwärts, dabei war es rückwärts. Ich wollte dem Ideal nachreiten, das Pferd müsse sich an der Hand abstoßen und fand den ganzen Prozess so abstoßend, dass ich mich im Gelände wieder fand und mich und mein Pferd für die Dressur als „unbegabt und ungenügend“ einstufte.

Ich verstand auch nicht, warum sich der Unterricht innerhalb von 10 Jahren so gewandelt hatte. Vorher war die Rede von Küken, oder kleinen Schwämmchen, die man vorsichtig mit der Hand ausdrückt, während man die Zügel hält. Und plötzlich hatte ich das Gefühl 100 Kilo in der Hand halten zu müssen.

Ich habe zwar hundertmal gehört, dass der Motor in der Hinterhand sitzt und alles über die Arbeit der Hinterbeine passiert oder nicht passiert. Verstanden hatte ich es damals noch nicht. 

„So wie die Schenkelhilfe eine treibende ist, so ist die in der Einwirkung der Hand bestehende Zügelhilfe an sich eine verhaltende. Daraus folgt, dass sie alleine angewendet, das Pferd wohl irgendwie zum Stehen bringen, nie aber ihren eigentlichen Zweck zu führen, d.h. Gangart, Tempo, Haltung und Bewegungsrichtung zu bestimmen, erfüllen kann.“ Waldemar Seunig

Das „Verhalten“ hat schon jeder Reiter einmal gehört.  Ich mag Wortspielereien und die Macht der Worte. In der Reitkunst insbesondere reisen wir nicht nur in die Vergangenheit der Reiterei, sondern auch in die Vergangenheit der Sprache. Einige Sprichworte, die wir heute auch benutzen (Jemand zaubert etwas aus dem Stehgreif……) stammen aus der Reiterei, allerdings sind sie in Zeiten moderner und sehr abgekürzter Kommunikation nicht mehr wirklich „en vogue“.

Es gibt sie, die Gedanken der stillen Post in der Reiterei, aber es ist nicht nur eine stille Post, sondern auch der moderne Sprachgebrauch, der uns Stolperfallen beim Lesen und Verstehen älterer Reitliteratur bereitet.

„ Es ist noch gar nicht so lange her, dass man in der Reitliteratur seitenweise Beschreibungen über äußerst komplizierte Faustverdrehungen zwecks Erteilung der Zügelhilfen lesen konnten. Diese Verdrehungen kamen oft über einen reinen Formalismus nicht hinaus, beschwerten aber das Sensorium gewissenhafter Rekruten derart, dass sie die viel wichtigeren Schenkel und Gewichtshilfen vergaßen und sich steif machten. Auch die zopfige Anforderung, die Hand eingedreht und ohne Rücksicht auf den Rahmen des Pferdes in einer bestimmten Höhe über dem Widerrist zu halten, stellte Äußerlichkeiten weit über das Wesen der Sache.“ Waldemar Seunig

Seunigs Zitat aus 1943 ist aktueller, den je. In unserem modernen Umfeld werden wir gerne im Alltag, in der Schulausbildung, in der Arbeit etc. in Schablonen oder in ein „Best of“ unser selbst gepresst – aber was fühlt die Hand, welche Kommunikation liegt in ihr, abseits eines guten Bildes.

Es lohnt sich, um die Hand zu verstehen, erstmal am Boden bleiben. Wir Reiter wollen immer alles sofort vestehen, ändern, korrigieren, verbessern. Vor Teil zwei meiner „Handgemachten“ Serie, ein kleiner Gedankenanreiz: Ob Boden- oder Handarbeit, Longieren oder Reiten – ich freue mich über euer Feedback und über eure Beobachtungen über das Gefühl in der Hand.  Schreibt mir doch via Facebook oder eine Mail – aller Anfang liegt im Gefühl! Nur so kommen wir auf die Schliche, was zwischen dem Küken und der „Tonne“ in der Hand passiert ist.

Lernen wir durch unsere Hände zu fühlen, dann Reiten wir Einfach 🙂

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Ein guter Start

Ein guter Start

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…so schreibt Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“.

Wahrlich, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. So zauberhaft zufällig ich doch über meinen kleinen Conversano Aquileja (sagen wir der Einfachheit halber doch „Konrad“) gestolpert bin, so zauberhaft werde ich immer wieder überrascht – vor allem wenn ich über die Stufen der Ausbildung nachdenke.

Überraschungen

Ich habe schon viele kitschige Pferdegeschichten gehört und als eher pragmatischer Typ wollte ich hier nicht dazu gehören.
Nun gut, ich gehöre dazu….Was soll ich sagen, es fühlt sich an, als würde ich meinen kleinen Lipizzaner (der übrigens beschlossen hat noch ganz ordentlich zu wachsen) schon ewig kennen.

Die Inputs der Alten Meister, was das Thema Jungpferdeausbildung anbelangt habe ich noch ganz im Gedächtnis. Sehr deutlich den Herrn de la Guérinière, der überhaupt rät, ein Pferd recht spät „abzurichten“ – nämlich „je nach den klimatischen Aufzuchtbedingungen sollten die Pferde zwischen sechs und acht Jahre alt sein“. Konrad ist nun im Juli 2017 drei Jahre und ein paar Monate.

Daher war zu Beginn unserer gemeinsamen Reise mein vorläufiger Plan: Wir machen ein paar Führübungen, somit sollte ein gemeinsames Angehen, Stehenbleiben und Wenden doch bis Herbst möglich sein. Am besten von vorne und in parallel, seitlicher Position geführt.

Ich war nicht vorbereitet auf einen sehr motivierten jungen Mann. Nur sechs Wochen nach seinem Einzug hat mein kleiner Bub bereits einen Kurzbesuch bei unserem Bent Branderup Seminar absolviert. Ob von vorne oder von der Seite geführt, mit ausreichend Abstand und sanften Paraden zum Halten. Alles kein Problem. Am zweiten Tag war mein „junger Hupfer“ zur Beruhigung für einen Kurswiederholungstäter in der Halle mit dabei. Publikum? Ganz egal. Hauptsache ich kratze die richtigen Stellen, dann wirft sich der kleine Nasenbär, äh Lipizzaner sofort in Pose. Geübt hatten wir dafür nicht. Konrad achtet so fein auf mich und ist so neugierig – einfach vorzeigen und er weiß worum es geht.

Ein guter Start beginnt im Kopf

…und natürlich mit einer guten Aufzucht. Wer dazu noch einmal gerne nachlesen möchte, findet hier den Link zum ersten Bericht über meinen Youngster.

Abgesehen von einer guten Aufzucht liegt es an uns, als Ausbilder unserer Pferde Inhalte wohl überlegt und ordentlich zu formulieren. Vermutlich die wichtigste Sache, die ich von Bent Branderup gelernt habe. Es ist eine Sache zu sagen, dass man gerne formuliert, eine andere, wenn man merkt, dass die Sätze und Ideen, die man da so genau ausgearbeitet hat, beim Gegenüber nicht ankommen. Meine beiden Stuten Pina und Tabby haben mich in Punkto Formulierungen doch so einiges gelehrt.

Wenn es nun darum geht, Konrad neue Sachen zu zeigen, hilft mir meine klare Vorstellung der zu erarbeitenden Inhalte enorm. Im Dezember 2009 kam „Tabby“ zu mir. Sie war zwar erst vier Jahre alt, hatte jedoch schon ein paar Erfahrungen mit Reitern „auf dem Buckel“. Und sie hatte bereits eine Meinung. Nicht immer konnte ich sie umstimmen, wenn sie weder an mich, geschweige denn an sich selbst geglaubt hätte. Durch Tabby wurde ich definitiv ein besserer Reiter und Ausbilder, schließlich hat sie mir auch klar und deutlich einen Spiegel vors Gesicht gehalten. Und zwar immer im richtigen Moment.

„Pina“ ist eigentlich immer motiviert aber sie möchte häufig gerne mit einer „über das Ziel hinausschießenden“ Eigeninterpretation auf meine Frage antworten. Es wäre durchaus oft reizvoll, sich mit ihrem Ergebnis zufrieden zu geben – will man allerdings dann später die Hilfen verfeinern, um der ursprünglichen Anfrage wieder gerecht zu werden, erntet man sehr vorwurfsvolle Blicke. Und wenn Pina mal vorwurfsvoll schaut….

Jungpferdeausbildung bedeutet also nicht nur Jungpferdeausbildung. Wir sind die Summe aller unserer Erfahrungen. Konrad lernt also eigentlich auch von Tabby und Pina, die ja auch mich ausgebildet haben. Darum lohnt es sich auch immer wieder darüber nachzudenken welche Stärken man durch den bereits gegangenen Weg erlangt hat. Welche Themen haben uns auf dem Weg geprägt, welche Inhalte können wir besonders gut formulieren und wo brauchen wir möglicherweise auch noch externe Unterstützung?

Dieses Prinzip hat Konrad schon übernommen. Er hat bereits verstanden, dass ein Zeigen und Berühren der Gerte in Position des inneren Schenkels bedeutet: Kopf senken und entspannen.
Vice versa hat er mich auch schon ganz gut ausgebildet – ein Blick reicht und ich kratze die besagte Lieblingsstelle. Man könnte sagen: Ich habe klar formuliert – und er auch.

Wir werden in den nächsten Wochen, wenn es nicht mehr so heiß ist viel spazieren gehen und blödeln. Dualgassen auf dem Rücken herumschleppen, raschelnde Tüten und fliegende Bälle, sowie Teppichmatten und Planen, die über den Rücken gelegt werden. Kein Problem. Suchen wir uns also ein paar Drachen im Wald. 🙂

 

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Reiten beginnt im Kopf

Reiten beginnt im Kopf

Ein unerfahrener Reiter kam ihnen nicht in den Sattel. Was würden Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) uns heute im Interview für Feine Hilfen, Ausgabe Nr. 18 über das erste Anreiten erzählen?

Moderator: Nehmen wir an, unser junges Pferd hat die Grunderziehung absolviert, wie sollen wir nun mit dem Anreiten beginnen?

Pluvinel: Ich bedaure, dass wir uns hier sehr auf das Pferd fokussieren müssen. Wichtiger wäre mir zuallererst, den Reiter zu erwähnen beziehungsweise welche Qualität er mitbringen muss. Schließlich kann nur ein ausgebildeter Reiter unterscheiden, ob ein noch nicht ausgebildetes Pferd unter ihm etwas richtig oder falsch macht, um es entweder dafür zu belohnen oder korrigierend einzuwirken.

Steinbrecht: Der Reiter, der bei einem jungen Pferd zum ersten Mal in den Sattel steigt, muss über einen physischen und statischen Sitz verfügen. Die Qualität des physischen Sitzes liegt darin, dem Pferd in der Bewegung zu folgen und die Bewegung auch zu beeinflussen. Ein statischer Sitz bedeutet für mich nicht nur in der Bewegung, sondern auch im Gleichgewicht zu sitzen. Für das junge Pferd ist es wichtig, das Gewicht des Reiters möglichst leicht und angenehm zu empfinden. Das gelingt, indem der Reiter seinen Sitz mit dem Schwerpunkt des Pferdes in Übereinstimmung bringt. Der Reiter nehme seine Richtung vorwärts geneigt und fördere hierdurch nicht nur die Schubkraft der Hinterbeine, sondern mildere auch seine Einwirkung durch kräftigen Bügeltritt und leichten Spaltsitz.

Pluvinel: Einverstanden, aber wenn ich jemand auf ein Pferd setze, möchte ich zuvor, dass es mit Sattel und Zaum willig die ersten Übungen zwischen den Pilaren ausführt. Das kann es in 4 oder 5 Tagen lernen, vorausgesetzt der Ausbilder versteht seine Sache. Es kommt manchmal vor, dass Sattel oder Zäumung nicht ordentlich verpasst sind, das Pferd wird dann zurecht unwillig und bringt den Menschen möglicherweise in Gefahr. Die Steigbügel haben zuerst lose herunter zu hängen damit sich das Pferd an die Berührungen gewöhnt.

Es genügt dann, wenn das Pferd den Reiter auf sich fühlt und sich daran gewöhnt, ihn aus freien Stücken zu tragen. Die Übungen, die das Pferd bereits vom Boden kennt, werden in gleicher Weise über 5 bis 6 Tage fortgesetzt. So begreift das Pferd, dass der Reiter auf ihm weder Böses will noch unangenehm ist. Es lässt ihn dann auch williger an sich herantreten und wieder aufsteigen.

Guérinière: So ist es – und erst dann, wenn der Reiter im Sattel akzeptiert wird, versucht er dem Pferd das erste Verständnis der Hilfen mit Hand und Schenkel beizubringen. Er hält dazu die Trensenzügel geteilt in beiden Händen und wenn er sein Pferd in Gang setzen soll, werden beide Hände tiefer gestellt. Gleichzeitig nähern sich vorsichtig beide Waden dem Bauch des Pferdes, ohne dass der Reiter Sporen trägt.

Gehorcht das Pferd diesen ersten Hilfen nicht, womit ja fast zwangsläufig zu rechnen ist, da es sie noch nicht versteht, muss der Longeur mit den bereits bekannt gemachten Zügel- und Gertenhilfen vom Boden aus den Reiter unterstützen. Er ist ein Dolmetscher für das Pferd, wenn es um das erste Angehen unter dem Reiter und um Wendungen geht. So kann das Pferd in kurzer Zeit lernen, der Hand zu folgen und auf die Schenkelhilfe des Reiters zu reagieren.

Beginnt unser junges Pferd dann ohne die Nachhilfe mit Longe und Peitsche zu gehorchen lässt man die Longe weg und führt es auf einer geraden Linie weg vom Zirkel, um es geradeaus gehen zu lehren. Sobald es ohne Schwierigkeiten die 4 Ecken der Reitbahn korrekt absolviert, durchreitet man wechselweise im Schritt und im Trab die Bahn. Der Trab sollte auch das Ende der Arbeit einleiten, weil dieser Gang die erste Geschmeidigkeit ergibt.

Steinbrecht: Der Reiter fördere dann den Gang des Pferdes auf möglichst geraden Linien und nehme daher den Hufschlag an der Bande der Bahn, da dieser gleichzeitig als Leitlinie dient. Das Durchreiten der Ecken hat selbstverständlich zunächst abgerundet zu erfolgen. Das Vortreiben erfolgt durch den Schenkel oder die Gerte, ohne jedoch, wie schon von Reitmeister Guérinière erwähnt, den Einsatz von Sporen.

Steinbrecht: Zunächst handelt es sich dabei darum, die Schubkraft und die Gehlust eines Pferdes in seiner ganz natürlichen Richtung zu entwickeln. Jedes rohe Pferd wird unter dem Reiter verhaltener und gebundener treten als an der Hand, weil die Freiheit seiner Bewegungen durch das Tragen der Reiterlast eingeschränkt wird.

Pluvinel: Wie wahr! Aber wenn dann das Pferd hierbei willig zu gehorchen anfängt und ohne Stocken sowohl der Hand wie auch dem Schenkel zum Vorwärtsgehen folgt, dann muss man herausfinden, wie es veranlagt ist, um den Trab entsprechend seiner Anlagen und seinem Temperament für die Ausbildung zu nutzen.

Guérinière: Genau meine Erfahrung. Durch den Trab, der die natürlichste Gangart ist, macht man ein Pferd leicht in der Hand, ohne das Maul zu verderben, und seine Körperteile frei beweglich ohne ihnen zu schaden. Im Trab wird nämlich der Körper des Pferdes auf 2 Beinen im Gleichgewicht gehalten, auf einem Vorderbein und dem diagonal entgegen gesetzten Hinterbein. Dies verschafft den beiden anderen, die in der Luft sind, die Leichtigkeit, sich zu heben, gehoben zu bleiben sowie vorwärts zu greifen und ergibt dadurch den ersten Grad von Biegsamkeit in allen Teilen des Körpers. Der Trab ist somit die Grundlage aller Übungen, um ein Pferd gewandt und gehorsam zu machen. So gut jedoch eine Sache vom Grundsatz her sein kann, darf man trotzdem keinen Missbrauch damit treiben, indem man ein Pferd jahrelang traben lässt.

Moderator: Was, wenn unser Pferd aber nicht in den Trab zu bekommen ist?

Guérinière: In der Tat gibt es Pferde, die ihre Kräfte zurückhalten und dann sogar leicht in der Hand sind. Andere fallen auseinander oder schlendern nachlässig weg.

Pluvinel: Ist das Pferd schwerfällig und verhindert nur seine Schwerfälligkeit, dass es das Gewünschte richtig ausführt, muss man ihm die Aufgabe stark erleichtern, indem man die Übung länger fortsetzt und so lange wiederholt, bis sie dem Pferd leichter fällt.

Guérinière: Pferde, die von Natur aus ihre Kräfte sparen, muss man in gestreckten und beherzten Trab versetzen, um ihnen die Schultern und die Hanken zu lösen. Im Fall der anderen, die von Natur aus auf der Hand liegen, muss der Trab erhabener und verkürzter gearbeitet werden, damit man sie gut vorbereitet, sich versammelt zu halten.

Steinbrecht: Ich lasse verhaltene Pferde lieber einmal galoppieren, als ewig mühsame Trabübungen zu wiederholen. Allerdings halte ich es umgekehrt nicht für ratsam, junge Pferde in den Galopp zu zwingen.

Moderator: Was sind Ihre wichtigsten Leitsätze beim Anreiten?

Pluvinel: Ich halte es immer für gut, mit dem Pferd als erstes Dinge auszuführen, die ihm „gedanklich“ schwer fallen. Also nicht körperlich, sondern geistig. Es soll sich im Kopf anstrengen und nicht mit seinem Körper. Dabei muss man aber Acht geben, dem Pferd nicht den Arbeitseifer zu nehmen.

Guérinière: Wichtig ist auch, das Ziel vor Augen zu behalten. Wenn ich ein Pferd zum Spazierenreiten ausbilden möchte, muss man lange und geradeaus im Schritt ausreiten – auch im Gelände, weil eine Reitbahn zu begrenzt ist. Und selbstverständlich gilt auch Abwechslung für ein angehendes Schulpferd.

Steinbrecht: Die ersten Aufgaben für das rohe Pferd sind dann erfüllt, wenn es durch die besprochenen Übungen gelernt hat, sich unter dem Reiter in derselben Natürlichkeit zu bewegen und seine Gangart mit derselben Sicherheit auszuführen, wie es dies zuvor an der Longe ohne fremdes Gewicht vermochte.

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