Die Basis am Boden

Die Basis am Boden

Nach der Grunderziehung kommt das Pferd in die Grundschule. Bodenarbeit, Longieren, erste Gymnastik – welche Ideen hatten die alten Meister dazu? Und wie würden sich Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) zu diesem Thema in einem heutigen Gespräch untereinander austauschen? Ein mögliches Gespräch habe ich für die Feinen Hilfen, Ausgabe Nr. 17 zusammengefasst.

Steinbrecht: Meine Herren, immer wieder werde ich gefragt, wie die Grundausbildung eines jungen Reitpferdes vonstattengeht. Dabei ziele ich in erster Linie auf die Erarbeitung einer gemeinsamen Kommunikation. Das junge Pferd muss die Art der Verständigung erst erlernen und mit den Hilfen bekannt gemacht werden, bevor man von ihm überhaupt Gehorsam fordern kann. Gewohnheit, Gewöhnung und Wiederholungen sind hier wichtige Maßeinheiten bei der Ausbildung, die sinnvollerweise zuerst als Bodenarbeit zu beginnen hat. Die Anforderungen müssen sich meiner Ansicht nach ganz deutlich in Grenzen halten und der Ausbilder sollte alles, was zum Widerstand und zu Widersetzlichkeiten führen könnten, vermeiden, bis das Pferd die Wünsche des Reiters verstanden hat.

Pluvinel: Ich sehe, wir sind uns in der Art der Ausbildung sehr ähnlich, mein lieber Steinbrecht, da wir den Kopf des Pferdes in allererster Linie ansprechen.

Steinbrecht: Genau, denn die gemeinsame Sprache, die wir in der Bodenarbeit erarbeiten, dient dazu, die Einwirkung auf das Pferd zuerst vom Boden und später vom Sattel aus zu verfeinern. Stärkere Hilfen sollten so möglichst selten werden.

Guérinière: Ebenso wie übertriebene Hilfsmittel und Strafen eingesetzt werden sollten. Für die gemeinsame Erarbeitung der Kommunikation sind Kappzaum, Longe und Peitsche die ersten und einzigen Hilfsmittel, die man auf einem ebenen Platz benutzen darf, um jungen Pferden, die noch nicht geritten werden, die Grundlagen beizubringen.

Steinbrecht: Ich stimme Ihnen zu, Monsieur. Man longiere das junge Pferd zunächst und lege ihm aber auch noch einen einfachen Gurt und eine Wassertrense an. Man lasse das Pferd auf beiden Seiten in Bewegung kommen. Dabei bin ich aber nachsichtig, was das Einhalten einer genauen Gangart oder die Linie des Zirkels anbelangt. Noch an keine Biegung seines Körpers gewöhnt, wird es stets das Bestreben haben, in gerader Linie den Zirkel zu verlassen und daher bald nach innen, bald nach außen abweichen. Diesem Bestreben muss die übereinstimmende Arbeit von Longe und Peitsche in ruhiger Weise entgegen wirken, bis es gelernt hat, sichere Anlehnung an die Leine zu nehmen und deren Führung Folge zu leisten.

Guérinière: Ich erinnere mich, dass Sie auch hier zwei Personen für die Arbeit mit dem jungen Pferd empfehlen. Einer davon hält die Longe, die andere die Peitsche. Derjenige, der die Longe hält, muss im Mittelpunkt des Kreises stehen, auf dem er das Pferd schließlich traben lässt. Der Peitschenführer folgt dem Pferd von hinten und treibt es durch leichte Schläge auf die Kruppe – besser aber auf den Boden – vorwärts. Ist ein Pferd drei- bis viermal auf einer Hand herumgelaufen und gehorsam gewesen, so lässt man es anhalten und lobt es. Nachdem man es hat verschnaufen lassen, lässt man es auf der anderen Hand traben und verfährt genauso.

Pluvinel: Sie wählen hier sofort den Trab, werter Guérinière?

Guérinière: Ja, denn der Trab ist ohne Zweifel die Grundlage aller Übungen, um ein Pferd gewandt und gehorsam zu machen. Dabei wird der Körper des Pferdes im Gleichgewicht gehalten, da zwei Beine in der Luft sich beugen, zwei Beine währenddessen auf dem Boden ruhen und damit den Körper stützen. Dadurch bekommen die Beine in der Luft Leichtigkeit und somit ergibt sich der erste Grad von Biegsamkeit in allen Teilen des Körpers.

So gut jedoch eine Sache vom Grundsatz her sein kann, warne ich vor Übertreibungen, denn man darf trotzdem keinen Missbrauch damit treiben, indem man ein Pferd bis zur Ewigkeit traben lässt.

Steinbrecht: Drängt nun unser junges Pferd nach innen, so muss die Peitsche gegen die innere Schulter gerichtet werden, um es hinaus zu schicken. Drängt es aber auf der anderen Hand gearbeitet nach außen, so hat sich der Longenführer passiv zu verhalten und nur darüber zu wachen, dass es nicht ins Stocken gerät. Die Arbeit an der Longe ist als Vorbereitung für die Übungen unter dem Reiter sehr zweckmäßig und in vielen Fällen unentbehrlich. Das rohe Pferd wird dadurch zunächst vertrauter mit dem Menschen gemacht, in der leichtesten Weise an Arbeit, Aufmerksamkeit und Gehorsam gewöhnt und gewinnt an Biegsamkeit und Gewandtheit, insoweit dies seiner natürlichen Schiefe entsprechend möglich ist. Für das Einhalten der korrekten Kreislinie wird dem Pferd bereits einiges abverlangt.

Guérinière: Da gebe ich Ihnen recht. Damit der Trab an der Longe noch nützlicher für Balance und Formgebung wird, muss man sich als Longenführer stets bemühen, den Kopf des Pferdes mit der Longe nach innen zu stellen und gleichzeitig mit der Peitsche die Kruppe hinauszutreiben und sie einen größeren Kreis beschreiben lassen als die Schultern. Ich werde nicht müde zu betonen, welch hohen Stellenwert somit ein leichtes Schulterherein bereits in der frühen Ausbildung des Pferdes einnehmen kann.

Pluvinel: Ich lasse das rohe Pferd als erstes diese Übung machen. Zuvor habe ich ihm zur Gewöhnung bereits ein Gebiss ins Maul gelegt. Außerdem trägt das Pferd einen Kappzaum, der von mir entwickelt wurde. Er ist aus zwei verschiedenen Seilen hergestellt, die sich gut an die Pferdenase anpassen lassen. Beide Seile sind gleich lang und werden von einem Mann gehalten. Ein zweiter Ausbilder geht seitlich vom Pferd mit einer Peitsche, um damit das Pferd vorwärts zu treiben. Es soll sich am Seil mit nach außen gestellter Kruppe bewegen. Dabei achte ich penibel auf das innere Hinterbein, das wir auf dieser Kreislinie vermehrt unter den Leib des Pferdes zum Schwerpunkt hintreten lassen. Auf diese Weise zeigt der Kopf des Pferdes immer nach innen in die Volte hinein, das Pferd ist nach innen gestellt. Durch diese Ausbildung wird dem Pferd die gute Gewohnheit gelehrt, auf den vor ihm liegenden Hufschlag zu schauen. Ich betone, dass diese ersten Übungen immer um den einzelnen Pilaren ausgeübt werden.

Steinbrecht: Ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Pilarenarbeit. Erzählen Sie mehr, Monsieur…

Pluvinel: Nach den ersten Übungen um den einzelnen Pilaren binde ich das Pferd nun zwischen zwei Pilaren an. Ich stelle mich hinter das Pferd und bringe ihm bei, sich ruhig seitwärts hin und her zu bewegen. Zwischen zwei Pilaren ausgebunden lernt unser junges Pferd nun, sich auf Aufforderungen von Gerte und/oder Peitsche in Schritt, Trab und später Galopp zu bewegen und auch seitwärts hin und her zu treten. Der besondere Vorteil liegt in der Korrektur: Wenn das Pferd dabei ausweichen möchte, korrigiert es sich durch den aushaltenden Kappzaum selbst und geht dabei präziser und genauer vor, als es ein menschlicher Ausbilder je könnte.

Guérinière: Stellen Sie als Pädagoge schwierige oder leichtere Aufgaben voran?

Pluvinel: Ich, mein geschätzter Guérinière, halte es für sehr gut, mit dem Pferd als Erstes Dinge zu üben, die ihm sehr schwerfallen. So finde ich es wichtig, vorwiegend mit dem Kopf, also mit dem Geist des Pferdes, zu arbeiten. Der Körper wird somit nicht überfordert. Der Ausbilder muss dabei den Arbeitseifer hüten, denn die Gutwilligkeit des Pferdes darf unter keinen Umständen erstickt werden.

 

 

 

 

Gestatten, der Paso Fino

Gestatten, der Paso Fino

Rasseportrait, Teil 5 – diesmal nicht ganz typisch barock. Simone Garnreiters Herz schlägt für die Paso Finos. Da liegt es auf der Hand, Simone nach ihren Erfahrungen mit den Finos zu befragen.

Wie bist du denn auf diese Rasse gekommen und warum bis heute quasi „treu“ geblieben?

Simone Garnreiter: Diese Pferde gelten als die bequemst zu töltenden Pferde weltweit. Paso Fino heißt übersetzt „feiner Gang“. Die Gänge sind absolut erschütterungsfrei für den Reiter, der Paso Fino bewegt sich in einem leichtfüßigen Viertakt in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die südamerikanische Gangpferderasse zeichnet sich durch enorme Wendigkeit, Feinheit, Lebendigkeit und Trittsicherheit aus. Finos sind intelligent und extrovertiert, sie sprühen vor Energie, jeder Charakter ist absolut einzigartig, extrem sensibel und reaktiv. Der Paso Fino ist sozusagen der Ferrari unter den Gangpferden. Paso Finos sind in Deutschland selten und teuer. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl einen Paso Fino zu tölten, man fühlt sich als hätte man die schnellsten Füße der Welt und bekommt eine Art Adrenalinrausch, gepaart mit Energie und Lebenslust. Was den Paso Fino ausmacht, ist seine absolute Sicherheit im Viertakt. Ein Paso Fino kann stundenlang ohne den Takt zu verlieren, durch den Wald tölten. Der größte Unterschied zu anderen töltenden Rassen ist die extrem hohe Frequenz – man nennt dieses Phänomen auch Quickness. Diese Energie zu kontrollieren ist aber sowohl für das Pferd als auch für den Reiter die größte Herausforderung an dieser speziellen Rasse. Man sagt auch der Paso Fino wurde gezüchtet, um so bequem und so spektakulär wie möglich von A nach B zu kommen. Oder wie Bent Branderup es mal treffend formuliert hat „Oh, ein Paso Fino, die kenne ich nur, wenn sie auf der Stelle durchgehen.“

Was sind die Besonderheiten dieser Rasse?

Simone Garnreiter: Das speziellste am Paso Fino ist sicher der Tölt als natürliche Hauptgangart. Der Charakter der Finos ist menschenfreundlich, intelligent und lernwillig, sie sind sehr aufmerksam und angenehm im Umgang. Ein wichtiges Zuchtziel ist diese gewisse Spritzigkeit unter dem Sattel und ein ausgeprägter Gehwille bzw. Temperament, auch „Brio“ genannt. Dieser Brio ist eine angeborene Eigenschaft und lässt sich nicht durch Ausbildung erzielen und auch nur bedingt wegtrainieren. Diese drei Hauptmerkmale, Gang und Charakter und Brio, machen die Vielseitigkeit dieser Pferde, aber eben auch die Komplexität in der Ausbildung aus.

Paso Finos sind extrem trittsicher und widerstandsfähig. Die Fähigkeit der schnellen Fußfolge gleicht Unebenheiten des Bodens in Bruchteilen von Sekunden aus, so dass es der Reiter gar nicht erst zu spüren bekommt.

Die besonderen Gangarten des Paso Fino?
Oder „Zeig mal, was für Gangverwirrungen die kleine Paso Fino Stute noch so auf Lager hat“ Zitat Bent Branderup

Simone Garnreiter: Der Paso Fino hat genetisch fixiert als Hauptgangart den Tölt, genauer genommen ist es eine Viertakt-Variante. Der Viertakt der Paso Finos kann in drei unterschiedlichen Tempi und „Versammlungsgraden“ geritten und ausgebildet werden: Paso Corto, vergleichbar mit der Geschwindigkeit im Arbeitstrab ist ein Viertakt im ruhigen gleichmäßigen Vorwärts mit mittlerem Raumgriff ohne übertriebene Aktion in den Beinen. Der Gang für Gelände und Gymnastik, der bei guter Kondition ohne Ermüdung über längere Zeitspannen geritten werden kann. Paso Largo, vergleichbar mit der Geschwindigkeit im Galopp, ist ein schneller Viertakt mit mehr Raumgriff und größerer Schrittlänge. Das Tempo variiert dabei von Pferd zu Pferd, da Taktreinheit, Rhythmus und Balance im Viertakt nie zu Gunsten der Geschwindigkeit verloren gehen sollten. Classic Fino, am besten zu beschreiben als Tölt auf der Stelle. Pferde mit dieser Fähigkeit sind sehr selten und die Show Stars schlechthin. Die höchste Versammlung zeichnet aus: viel Energie, sehr hohe Aufrichtung, ultrakurze Tritte bei rhythmischem 4-Takt mit rasant schneller Fußfolge und minimalstem Raumgriff. Classic Fino lässt sich nicht als Gangart antrainieren, das Pferd muss diese Veranlagung zur Quickness bereits von Geburt an in sich tragen. Der Paso Fino zeigt je nach Veranlagung aber auch Schritt, Trab und Galopp. Viele Pferde wählen zur Entspannung gerne auch Trocha, das ist ein trabverschobener Viertakt, d.h. das Aufsetzen der digonalen Beinpaare erfolgt schneller nacheinander als das der lateralen Beinpaare. Je nach Ausprägung der Trabverschiebung heben die diagonalen Beinpaare annähernd zeitgleich ab, sie setzen jedoch nacheinander auf. Und auch wenn mal ein bekannter Trainer zu mir gesagt hat, dass ein Paso Fino, wenn er Pass geht „nicht verwendet wird“, weiß ich, dass die extreme Mobilität und Gangveranlagung natürlich auch irgendwo eine Passveranlagung in sich trägt. Der Pass ist jedoch definitiv ein unerwünschter Taktfehler. Am liebsten bewegen sich die meisten dieser Pferde in der ihnen angeborenen Viertakt Gangart. Beim Paso Fino ist eine extreme und überzogene Aktion in Vor- oder Hinterhand nicht erwünscht. Sie werden speziell auf „Hock Action“ gezüchtet, dies lässt sich am besten als „Beugen der Sprunggelenke“ übersetzen und entspricht NICHT der Beugung der Hanken!

Warum eignet sich die Rasse für die Akademische Reitkunst?

Simone Garnreiter: Paso Finos sind nicht so typisch in der Akademischen Reitkunst zu finden, diese kann jedoch sehr bei der Ausbildung helfen, wenn auf die Besonderheiten der Paso Finos eingegangen wird, um die natürliche Gangart zu verbessern.

Das Ziel sollte sein, durch Gymnastizierung ein locker und gesund über den Rücken töltendes Pferd zu bekommen. Ich habe mit meiner Paso Fino Stute die Akademische Reitkunst für mich entdeckt und unendlich viel gelernt. Insbesondere die Arbeit am Boden ist für diese Art von Pferden eine Bereicherung und alle Mühen wert. Für Mariquitas Ausbildung gab es und gibt es nicht nur einen Schlüssel, sondern einen ganzen Schlüsselbund. Der Weg mit ihr war nicht geradlinig, es war vor, zurück, rechts, links, rauf, runter – ein ständiges Wechselbad der Gefühle für alle Beteiligten. Ein Schlüssel war beispielsweise ihr beizubringen, dass nicht eine Reaktion sondern eine Antwort auf eine gegebene Hilfe sinnvoll ist – sprich Ihre Initiative zur eigenständigen Lösung eines Problems mit viel Lob zu fördern. Und mit ganz viel Liebe, Geduld und jahrelanger Bodenarbeit ist es dann auch gelungen, korrekten Rückenschwung zu bekommen. An manchen Tagen besser, an anderen schlechter, das muss man mit diesen hochsensiblen Pferden in Kauf nehmen. Tiefer Boden oder äußere Einflüsse wie raschelnde Zuschauer, Wind oder kalter Regen über Nacht können das taktsichere Pferd von gestern in ein „ich habe 1000 Füße und kann sie alle auf einmal bewegen“-Pferd verwandeln. Es sind die Spannungszustände im Körper, über die die Gangarten entstehen, und ein wenig Grundspannung mehr, kann zur kompletten Verschiebung dieser führen. Für uns Gangpferdereiter völlig normal, das wir jeden Tag auf’s neue Gänge sortieren und trennen müssen. Umso wertvoller ist eben eine Rasse die quasi „immer töltet“.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Paso Finos erzählen?

Simone Garnreiter: Entstanden ist der Paso Fino aus den drei europäischen Rassen: Andalusier, Berber und der nicht mehr existierenden spanischen Genete. Die Vorfahren des heutigen Paso Fino wurden in der Neuen Welt (Kolumbien, Puerto Rico, Hispaniola) zunächst als Zuchtgrundlage für die Pferdewechselstationen der spanischen Konquistadoren eingesetzt. Sie trugen ihre Reiter tagelang über Gebirge, Ebenen, dichten Dschungel und ermöglichten somit den Spaniern die Eroberung Südamerikas.

Der Paso Fino war durch seine Ausdauer und Tritsicherheit, seine Menschenbezogenheit und vor allem den bequemen Gang ideal für die Bedürfnisse der damaligen Zeit. Pferde waren als Transportmittel und Arbeitstiere unabdingbar. Auch auf den großen Plantagen wurden diese Qualitäten geschätzt, weil der Paso Fino über den notwendigen „Cow Sense“ verfügt, der diese Pferde für den Einsatz bei der Rinderarbeit so wertvoll machte. Dazu kam, dass die stolzen Plantagenbesitzer mit dem Paso Fino zudem ein Pferd besaßen, das neben seinen anderen Vorzügen auch besonders edel und schön aussah und somit seinen Reiter ins rechte Licht setzte.

Die ersten Paso Finos wurden von Jean Claude Dysli in den 1970er Jahren in die Schweiz importiert. In den 80er und 90ern folgten engagierte Liebhaber dieser Rasse, die bei Wanderritten auf den unwegsamen Wegen der Anden aufmerksam auf diese außergewöhnlichen Pferde wurden und importierten weitere Paso Finos aus Kolumbien und den USA nach Europa. Die extreme Härte, Trittsicherheit, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit gepaart mit der Bequemlichkeit beim Reiten hatte es Ihnen angetan. Heute haben wir ca. 2000 dieser Pferde in Europa, davon ca. 1300 in Deutschland. Der Paso Fino wird entsprechend seiner Veranlagung in drei verschiedenen Typen – Pleasure, Performance und Classic Fino unterteilt: Ein Paso Fino im Pleasure-Typ eignet sich als Freizeit-, Wanderreitpferd. (Nicht zu verwechseln mit dem Begriff Pleasure beim Westernreiten) Diese Pferde zeigen lockeren, taktklaren Viertakt am lockeren Zügel in entspannter, mäßig versammelter Manier. Diese Pferde zeigen Paso Corto (Arbeitstempo) und Paso Largo (verstärktes Tempo) bei wenig Aufrichtung und Aktion in den Beinen. Paso Finos im Performance -Typ sind gemacht für die Show und verfügen über viel Ausstrahlung, Temperament, Vorwärtsdrang und haben zuweilen auch ein etwas überschäumendes Temperament. Diese Pferde zeigen Paso Corto (Arbeitstempo) und Paso Largo (verstärktes Tempo) bei vermehrter Versammlung und Aufrichtung und Aktion in den Beinen. Ein Paso Fino im Classic-Fino-Typ ist eine Rarität. In den USA und Südamerika als Showstars sehr beliebt, in Deutschland gibt es nur eine Handvoll Classic Finos. Sie beweisen Ihr Können auf dem Fino Strip (ein langer Holzsteg zur akustischen Taktwahrnehmung, da man mit dem Auge die Frequenz nicht mehr wahrnehmen kann. Da nur ein geringer Prozentsatz eines Fohlenjahrgangs die natürlichen Voraussetzungen erfüllt, um später in Classic-Fino Klassen erfolgreich bestehen zu können, sind diese Pferde auch entsprechend teuer.

Die Begeisterung für die Rasse ist bei dir deutlich zu spüren. Logisch, dass man etwas gerne weitersagt oder empfiehlt, was man selbst sehr gern hat. Aber sind denn die Paso Finos Allrounder, die für jeden Reiter geeignet sind?

Simone Garnreiter: Es gibt gute und erfahrene Züchter in Deutschland, die unkomplizierte Freizeit Paso Finos (Pferde aus reinen Showlinien halte ich nicht für Freizeitreitertauglich) züchten, mit denen man sicher viel Spaß haben kann. Und ja klar profitieren diese Pferde, wie eigentlich alle Rassen, vom gymnastizierenden Effekt der Akademischen Reitkunst. Man muss sich nur bewusst sein, dass eine extreme Gangveranlagung auch eine große Herausforderung bedeutet, die viel reiterliches Feingefühl und lebenslanges Arbeiten an den Gangarten mit sich bringt! In meiner Brust schlagen zwei Herzen: das eine, das sich für diese Rasse und die Gangveranlagung immer und immer wieder begeistern kann und das andere Herz, das einen Dreigänger bevorzugt, da eben weniger Gänge auch weniger komplex sind. Ich werde wahrscheinlich immer ein Pferd zum Tölten haben wollen und auch immer gerne Tölter ausbilden, reiten und unterrichten. Das liegt daran, dass ich die Komplexität und auch die Herausforderung liebe und ich über 20 Jahre Erfahrung mit Gangpferden habe. Empfehlen würde ich diese Rasse guten Gewissens nur ambitionierten, erfahrenen Gangpferdereitern, die Spaß am Tölt haben und die die Ausdauer, das Temperament und die Vielseitigkeit dieser Pferde zu schätzen wissen. Wenn jemand neu ist in der Gangpferdethematik, ist ein Paso Fino schon eine sehr große Herausforderung. Es empfiehlt sich unbedingt auf die Erfahrung eines langjährigen Trainers zu vertrauen, der sich auf töltende Pferde und deren rassetypischen Besonderheiten spezialisiert hat, und sich dementsprechend begleiten zu lassen. Nicht alles was beim Dreigänger funktioniert lässt sich, auf den Paso Fino übertragen. Auch innerhalb der Rasse ist kein Pferd wie das andere, Gang, Interieur und Veranlagung können extrem unterschiedlich ausfallen und auch im Vergleich mit anderen Gangpferderassen ist der Fino ein Spezialfall. Gangpferd ist nicht gleich Gangpferd!

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war Typisch Paso Fino? 

 Simone Garnreiter: Typisch für die Rasse ist das zu viel an Energie, somit meine Erinnerung an diesen bestimmten Tag:

„Heute hatte ich zum allerersten Mal das Gefühl, dass wir etwas geschafft haben, was ein sehr weiser Ausbilder (Bent Branderup) vor ziemlich genau 7 Jahren zu mir gesagt hat. Sein Urteil damals über Mariquita lautete: „Die Energie, die die kleine Stute hat, ist ja gut (für die hohe Schule) – Sie muss nur lernen, diese Energie für und nicht gegen Dich zu verwenden“. Und heute war der Tag an dem ich unter mir gespürt habe, dass Sie Ihre Energie nur positiv eingesetzt hat und diese Energie für uns beide war, um gemeinsam Eins zu sein. WOW. Es hat sich so etwas von gelohnt für dieses eine kleine große Gefühl, das ich heute haben durfte.“

Steckbrief

Farben: alle Farben
Größe: 139 – 155 cm
Exterieur: Das Aussehen des Paso Finos erinnert oftmals an seine iberischen Urahnen, nur im Kleinformat: Das Pferd hat einen mittelgroßen Kopf mit geradem Profil, einen hoch aufgerichteten, geschwungenen Hals, und die Schulter ist gut geschrägt. Der Rücken ist kräftig und tragfähig, die Kruppe ist sehr muskulös und rund. Die Beine sind feingliedrig, dabei stark und stabil, die Hufe sind klein und hart. Er hat idealerweise einen korrekten Körperbau mit eher feinem, trockenem Fundament, kleinen harten Hufen und stabilen, kurzen Fesseln. Der sehr harmonische Körperbau, sowie die enorm hohe Knochendichte machen ihn zu einem äußerst belastbaren, langlebigen und gesundem Pferd, jedoch sind die Pferde auf Grund Ihrer Größe keine Gewichtsträger.

Vielen Dank an Simone Garnreiter für dieses spannende Interview

Fotocredit: Christiane Slawik

Auf dem Bild: Simone Garnreiter auf Mariquita del Gavilan im traditionell rassetypischen Outfit

Wer mehr über die Paso Finos erfahren möchte, oder auch Mariquita del Gavilan live mit Simone erleben möchte – hier ein Link zu einer spannenden Veranstaltung.

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Reiten, wie damals..am Ponyhof

Reiten, wie damals..am Ponyhof

Der Traum vom eigenen Ponyhof – wer kennt ihn denn nicht? Während ich noch mit Steckenpferden im Wald herumtollte, war für sie der Traum bereits Realität. Während ich von Reitstunden träumte, absolvierte sie mit ihrem Shetty bereits das erste Geschicklichkeitsturnier. Die Rede ist von Yvonne Heynckes, die einen Ponyhof für Groß und Klein leitet.

Yvonne – Akademische Reitkunst und Ponyhof – wie kam es dazu und wie bist du zur Akademischen Reitkunst gekommen? 

Yvonne Heynckes: Ich hatte mir vor vielen Jahren eine Tinkerstute gekauft, mit dem Hintergedanken sie zu einem Voltigier- und Kutschpferd auszubilden. Mental war diese Stute jedoch nicht dazu in der Lage, die ihr gestellten Aufgaben zu lösen. Also musste ich eine andere Lösung für sie finden. Diese fand ich auch im Unterricht von Bent Branderup, bei dem wir im Gegensatz zum Unterricht in anderen Reitweisen sofort ernst genommen und willkommen waren.

Wie heißt es so schön: Wir denken im Stehen über den Schritt nach und im Schritt über den Trab usw. Einerseits ein Satz zum Schmunzeln, andererseits vielleicht auch eine Warnung, sich nicht zu sehr im Tüfteln zu verhaften. Wie passt dieser Satz aber zu Kindern und Jugendlichen, die vielleicht auch die Schnelligkeit und Geschwindigkeit von Galopp mögen? 

Yvonne Heynckes: Dieser Satz passt eigentlich zu Kindern viel besser, als man zunächst denken würde. Kinder wollen nämlich unbedingt verstehen WARUM wir WAS WIE machen. Erwachsene finden es meist viel schwerer, im Schritt über Galopp nachzudenken. Sie empfinden das als schwierig und kompliziert. Für Kinder ist es aber total logisch, einen Schritt nach dem anderen zu machen und sich in eine Aufgabe erstmal einzufühlen. Sie sehen einen Sinn dahinter und haben tatsächlich Spaß wenn sie fühlen und verstehen. Manchmal arbeiten die Kinder dann zu zweit. Ein Kind sitzt mit geschlossenen Augen am Pferd, während das andere Kind vom Boden aus das Pferd bewegt. Das Kind auf dem Pferd muss nun erraten, was passiert ist und so wird die Schulung des Reitergefühls zu einem Spiel, an dem die Kinder Freude haben.

Und was sagst du Eltern, die meinen: Zu meiner Zeit sind wir nach 5 Reitstunden schon galoppiert? 

Yvonne Heynckes: Alles zu seiner Seit und wir lassen den Galopp natürlich nicht aus. Der ist ein wichtiger Spaß- und Geschwindigkeitsfaktor für die Kids. Für Kinder ist ein Galopp ein Traum – eigentlich haben eher Erwachsene vor dem Galoppieren Angst. In der Ovalbahn arbeiten wir auch wieder ganz spielerisch am Galopp. Die Pferde galoppieren an und die Kinder erraten, ob das Pferd im Links- oder Rechtsgalopp unterwegs ist.

Wie beschreiben Kinder ihre Gefühle? 

Yvonne Heynckes: Da braucht es nicht immer ganz besonders „akademisches“ Vokabular. Es reicht oft ganz einfach zu sagen: Es geht mehr nach rechts oder nach links. Es fühlt sich etwas angenehm oder unangenehm an. Kinder finden meist wirklich erstaunlich viele Worte für Details. Sie müssen nicht danach suchen. Es sind eher die Erwachsenen, die alles komplizierter machen oder erleben 😉

Wie siehst du die heutige reiterliche Ausbildung von Kindern und Jugendlichen? Für mich war es als Kind das Schönste überhaupt einfach nur bei den Pferden zu sein und Stallarbeiten erledigen zu dürfen. Heute bekommen die meisten Kinder das fertig geputzte und gesattelte Pferd vor die Nase gestellt. Wie beurteilst du das? 

Yvonne Heynckes: Ich verstehe nicht, warum Reitschulbetreiber das machen. Die Stallarbeit lässt sich ja auch wunderbar in den Unterricht integrieren – und die Kinder wollen ja mit den Ponys zusammen sein. Kinder, die im Umgang mit dem Pferd zunehmend selbstständig werden, sind ja auch eine Erleichterung für den Reitbetrieb. Meine jüngste Lerngruppe bekommt natürlich noch viel Unterstützung, aber je weiter fortgeschritten die Gruppe ist, umso eher lernen sich die Kinder gegenseitig beim Satteln und Putzen beispielsweise zu unterstützen. Freilich begleitet durch unser wachsames Auge. Das Ziel sollte aber sein, nicht nur das Reiten zu schulen, sondern dass jedes Kind selbstständig ein Pferd versorgen kann. Das ist das Ziel unserer gesamten Ausbildung. Das wissen Eltern und Kinder – und genau so möchten sie es auch lernen.

Wie alt sind denn die Kleinsten bei dir in der Gruppe? 

Yvonne Heynckes: Ab 6 Jahren geht es mit dem Reitunterricht los, davor werden die meisten Kinder einfach mal geführt und ganz sanft mit dem Pony vertraut gemacht. Ich muss aber gestehen, dass wir das Alterslimit ab 4 festsetzen mussten – aus organisatorischen Gründen – denn es gäbe bereits für noch jüngere Ponybegeisterte eine große Nachfrage.

Wie alt warst du denn, als du das erste Mal am Pferd gesessen bist? 

Yvonne Heynckes: Das weiß ich nicht mehr so genau, aber mit vier Jahren habe ich das erste mal bei Ponyspiele mit meinem Shetty teilgenommen.

Warum sollten Kinder überhaupt etwas von Ponys und Pferden lernen? 

Yvonne Heynckes: Ich denke ganz elementare Dinge, wie Verantwortung zu übernehmen oder aktiv in der Gesellschaft zu werden – all das lernen Kinder durch den Umgang mit Pferden und Ponys. Wir leben in einer Gesellschaft, die Kinder zwingt viel inne zu halten. Vom Stillsitzen in der Schule, bei Tisch, vor dem Computer….da kommt freilich das Ausleben des Bewegungsdranges viel zu kurz. Wir geben den Kindern am Ponyhof Raum, um sich wieder zu bewegen und Spaß an Bewegung zu haben. Auch das Thema Geduld – da profitieren die Jugendlichen im Prozess des Erwachsenwerdens ebenso enorm. Denn in der Pubertät hat man wenig Geduld, am Ponyhof kommen die jungen Erwachsenen aber wieder zur Ausgeglichenheit und Ruhe.

Bei der Akademischen Reitkunst geht es um die Gymastizierung. Wie baust du dieses Thema bei den jüngeren Schülern ein? 

Yvonne Heynckes: Ich erkläre schon in groben Zügen, was wichtig ist. Das Interessante dabei ist aber: Ab einem gewissen Alter oder Ausbildungsstand kommen die Kinder zu mir und fragen ganz aktiv nach. Sobald einige Abläufe automatisiert sind und einfach von der Hand gehen, wollen die Kinder alles, was dahinter liegt verstehen. Oft kommen die Kinder sogar und fragen, ob sie beim Bent Kurs dabei sein dürfen. Die Teilnahme an der Theorie ist übrigens für unsere Kinder kostenlos. Nach dem Kurs wünschen sie sich oft Themenwochen oder Projektwochen zu Begriffen wie „über die Hand gehen“ oder „hinter dem Zügel gehen“, die ihnen im Kurs völlig neu waren. Dann arbeiten wir alles im Handumdrehen auf und später in der Praxis höre ich oft: „Ah, das hat er gemeint“! Learning by doing quasi. Wir veranschaulichen auch sehr viel. So lasse ich die Kinder einen Eimer heben – einmal mit rückständigen Beinen, einmal quasi im geschlossenen Stand. Oder wir spielen Vorhand und Nachhand. Ein Kind ist die Vorhand, ein weiteres Kind „hängt“ sich an die Hüften der Vorhand und spielt die Nachhand. Allerdings sind beide nicht wirklich ganz brav. Mal fällt die Vorhand aus, mal die Hinterhand. Die Kinder spüren, wie sich das in der Verbindung anfühlt – aber auch das Gefühl für Takt lässt sich so ganz prima schulen. So lernen wir, ohne dass es sich groß nach Theorie anfühlt! Auch für das Thema Galopp spüren die Kinder selbst in ihrem Körper wie sich das Angaloppieren in der inneren Hüfte anfühlt. So geht es vom lustigen Spiel mit der Reitstunde in die Realität auf dem Pony – und das mit viel Spaß und Freude.

Baust du solche Erlebnisse auch in den Unterricht mit Erwachsenen ein? 

Yvonne Heynckes: Ja, das mache ich auch sehr gerne, weil ja auch Erwachsene happy sind mit simplen Erklärungen. Manchen Leuten ist es manchmal zu theoretisch, dann können sie durch diese spielerische Theorie noch einmal alles besser verstehen.

Ältere Schüler mit Kinderaugen reiten lassen – das ist quasi die wahre Kunst. Wir dürfen einfach nicht aus den Augen verlieren, dass wir mit den Pferden ja gerne zusammen sein wollen. Den Kindern ist das in erster Linie wichtig. Sie haben gar nicht die Zielsetzung eines Kruppeherein. Wenn wir für uns als Erwachsene unsere Ziele kleiner stecken, dann kommt auch mehr Motivation und Sinnhaftigkeit in die Sache. Und es zahlt sich auch aus, als Erwachsener mit Kinderaugen in die Bodenarbeit zu blicken: Kinder möchten natürlich möglichst sanft mit den Ponies umgehen. Daher haben sie immer Furcht davor, zu stark am Zügel Zug auszuüben. In der Bodenarbeit neben dem Pferd können sie genau anschauen, was im Kopf des Ponys vorgeht. Die Ponys zeigen schließlich auch genau, wann es ihnen zuviel Einwirkung ist.

Wie motivierst du deine vierbeinigen Mitarbeiter? 

Yvonne Heynckes: Das ist ganz einfach: Wir haben sehr viele Projektwochen: Einmal steht Bogenschießen am Programm. Dann haben wir Bodenarbeitswochen. Wir widmen uns Themen auf unterschiedlichen reiterlichen Niveaus. Dadurch behalten die Pferde einen roten Faden in der Ausbildung zum Gebrauchspferd, aber es gibt eben auch sehr viel Abwechslung. Und jedes Pony bekommt die Aufgabe, in der es auch wirklich gut ist. Für die Pferde bedeutet das auch in der täglichen Arbeit viel Sinnhaftigkeit – wie bei einem Geschicklichkeitsparcours für die Kinder ebenso.
So bleiben Freude und Losgelassenheit immer erhalten. Alle vierbeinigen Mitglieder des Ponyhof Heynckes gehen übrigens zunächst mal zwei Jahre zu mir in die Ausbildung. Für mich ist es dann natürlich auch eine große Herausforderung, wenn ich meine Schützlinge meinen zweibeinigen Schützlingen übergebe.

Hattest du jemals Zweifel an der Kombination Ponyhof und Akademische Reitkunst? 

Yvonne Heynckes: Nein. Kinder empfinden diese Ausbildung nicht als kompliziert – denn Akademisch Reiten kann man auch überall – im Wald und im Feld.

Bei den Bildern vom Ponyhof Heynckes wird man tatsächlich an „Reiten wie damals“ erinnert – als Ferien, Spiel und Spaß mit Ponys jedes Kinderherz höher schlagen haben lassen. Damals gibt es im heute – nachzulesen auf Facebook

oder der Website des Ponyhofs

Reiten wir wie damals 😉 Dann reiten wir Einfach

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Kursbericht Christofer Dahlgren 2017

Kursbericht Christofer Dahlgren 2017

Esel, Maximus oder Timon?

Kursbericht

Christofer Dahlgren

Graz, 25./26. März 2017

Schule ist der Ernst des Lebens. Studieren bedeutet Disziplin, Ordnung und Konsequenz. Ja aber…da gibt es noch Christofer Dahlgren, der gar nicht still sitzen kann. Und auch nicht will. Wie es der sympathische Trainer zum Meister der Akademischen Reitkunst brachte und gleichzeitig vierbeinige und zweibeinige Schüler mit Fun-Faktor unterrichtet. Das gab es kürzlich in Graz zu sehen.

Worin bist du gut?

Wenn man Christofer Dahlgren nach seinen Stärken befragt, dann gibt er ohne mit der Wimper zu zucken an: „Ich bin gut darin, meine vierbeinigen Schüler einzuschätzen und das Training an die Persönlichkeit des Pferdes anzupassen“. Wie er das gelernt hat? Durch jahrelanges Reiten von Berittpferden. Allerdings wurden diese ihm nicht geschniegelt und gestriegelt vor die Nase gestellt – nein Christofer holte sich die Pferde – und das waren schon mal 15 pro Tag selbst von der Weide und beobachtete sie im Verhalten beim Wegführen von der Herde, im Stall, beim Satteln und beim Reiten.
Der schwedische Meister der Akademischen Reitkunst hat sich auf die Entwicklung eines maßgeschneiderten Trainingsplans spezialisiert. Wie er Pferde und Menschen hier analyisert hat er in der Theorie grob umrissen – mit Hilfe der Disney Figuren stellte er uns den „Esel“ aus Shrek, den schnellen „Timon“ aus König der Löwen, den „sicheren“ „Maximus“ aus Rapunzel und das nette Pferd aus „Die Schöne und das Biest vor“.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Der Esel

Der Esel ist sehr verspielt und „happy“. Er kann auch für andere Pferde recht anstregend sein, denn er beißt gerne in andere Decken und erkundet auch mal gerne Halfter der anderen Pferde mit seinem Maul. Er ist einfach wahnsinnig neugierig. Wenn er sich erschreckt, dann nur ein bisschen – er sagt sofort: „Oh das war gefährlich, nun werde ich es beißen und mit meinem Maul erkunden“. Er wird also beißen, ungewohnte Gegenstände mit dem Huf erkunden, er will sich alles sehr genau anschauen. Wenn man ihn in den Stall bringt, dann wird er die Box ebenso neugierig erkunden. Keine anderen Pferde im Stall? Macht nichts, auch ohne Gesellschaft kann sich der Esel gut beschäftigen. Bis der Mensch kommt. Der wird dann laut begrüßt, schließlich ist er schon in den Startlöchern, etwas mit seinem Menschen gemeinsam zu unternehmen. Putzen, satteln, alles kein Problem. Der Esel ist sehr kommunikativ, Lob wird mit einem selbstsicheren Wiehern kommentiert, nach dem Motto: Ich weiß, ich bin sehr großartig. Beim Ausritt ist das Pferd voller Energie und möglicherweise macht er auch ein paar Bocksprünge. Egal ob eine halbe Stunde Arbeit oder ein drei Stunden langer Ausritt. Wenn du den Esel zurück in die Koppel bringst, wird er sich umdrehen und fragen: Was sind wir schon fertig? Wir haben doch gerade erst angefangen, Zeit miteinander zu verbringen. Die Arbeit mit ihm ist leicht, denn durch seine Verspieltheit möchte der Esel gerne mit dem Reiter zusammen arbeiten.  Der Esel ist sehr selbstsicher und extrovertiert.

Maximus

Maximus ist auf der Koppel mit Fressen beschäftigt. Andere Pferde werden akzeptiert, aber wehe sie geraten an sein Futter. Wenn man seinen Maximus von der Koppel abholt, dann kommt er nicht sofort. Halftern lässt er sich ohne Probleme, aber am Wegrand zurück zum Stall bleibt er gerne stehen und….frisst. Er fühlt sich recht sicher, er ist selbstsicher, aber introvertiert. Im Stall frisst er wieder, oder schläft. Maximus ist nicht super gestresst, zu viel Bewegung muss in seinen Augen nicht sein. Beim Satteln und putzen steht er still. Beim Ausreiten ist er recht sicher, ruhig und langsam. Er lässt sich von unbekannten Objekten nicht sehr beeindrucken. Zweige von Büschen im Weg – die werden einfach niedergewalzt. Viel Bewegung kommt auch nicht auf, wenn man ihn zurück auf die Koppel bringt. Auf zu den ersten Grashalmen, dort bleibt er in Ruhe stehen. Im Grunde ist Maximus sehr selbstsicher aber eben etwas introvertierter als der Esel.

Timon

Timon als Pferd? Das wäre wohl ein sehr aktives Pferd, das sich liebend gerne bewegt. Oft sind sie nicht sehr interessiert am Fressen, sie nehmen viel lieber ihre Umgebung und ihre Kumpel wahr. Wenn der Mensch Timon von der Koppel abholt, dann geht er lieber nicht mit. Nicht, weil er seinen Menschen nicht mag, sondern weil er die Veränderung nicht so schätzt. Es kann also sein, dass Timon sogar vor seinem Menschen davon läuft. Seine Strategie zur Lösung von Problemen lautet also: Ich gehe mal lieber woanders hin. Schreiend und plärrend führt man ihn also von der Herde weg. In der Box wiederholt sich das Spiel. Er wird nach den anderen rufen. Ein rohes Pferd kann dann schon den Menschen umrennen, um wieder zurück zu seiner Herde zu kommen, zu der es eine sehr starke Bindung hat. Beim Putzen und Satteln steht er nicht so gerne still. Equipement könnte ja auch spooky sein. Bewegung hilft Timon aber in einen aufnahmebereiten Zustand zu kommen, um zu lernen. Beim Ausreiten sind sie flott unterwegs. Sie schauen sich alles gerne an und springen bei Gefahr auch mal gerne rasch zur Seite. Als Reiter muss man immer auf alles gefasst sein. Zurück zur Koppel: Timon rast zurück zur Herde. Er ist unsicher und bleibt dabei aber eher extrovertiert.

Welche Ambitionen hast du und welcher Charakter passt am besten zu dir?

Die Herzblattshow

So liebe Barbara, jetzt musst du dich entscheiden. Welche Ambitionen hast du und welcher Charakter passt am besten zu dir? Du liebst lange Ausritte und die Geschwindigkeit, dann wähle Timon, denn er ist wie du ein Adrenalin-Junkie. Du liegst lieber gemütlich auf der Couch und hältst wenig von Bewegung, suchst aber einen Partner mit hoher Toleranzgrenze? Dann entscheide dich für Maximus. Er passt auch gerne auf deine Kinder auf (Reitschule!!!), aber übertreibe es nicht mit seiner Gutmütigkeit. Du stehst auf Wiederholungen und feilst gerne am Detail? Dann nimm den „Liebevollen“, gemeinsam meistert ihr viele Aufgaben in der Dressur. Und wenn du ständig etwas Neues, etwas zum Spielen und Schokolade brauchst – dann nimm Esel. Er spielt anderen auch gerne Streiche, also stell sicher, dass du ein großes Herz für Humor hast. Nun liebe Barbara, jetzt musst du dich entscheiden…..

 

Das maßgeschneiderte Training

Welche und wie viele Übungen für welches Pferd? In seinem Vortrag geht Christofer von drei Übungen bzw. Aufgaben aus, die wir den Pferden stellen möchten.

… für den Esel

Esel möchte gerne viele Variationen. Schulterherein und das mit fünf Wiederholungen? ZU langweilig – nach zwei Wiederholungen sagt der Esel: Ich habe doch schon zweimal alles gut gemacht, jetzt will ich nicht mehr. Bei drei Übungen langweilt sich unser Eselchen rasch, also nehmen wir noch drei weitere Aufgaben in unsere Übungsfolgen mit. Und: Viele Variationen und viel Abwechslung – so bleibt das Pony, äh der Esel motiviert. Sobald das Pferd verstanden hat und alles richtig macht – Übung wechseln. Mit diesem Pferd darf man nicht zu kritisch sein, es muss außerdem gut bezahlt werden. Die Arbeit muss sich nach dem Leistungsprinzip auch unbedingt lohnen – sonst geht der Esel zur Gewerkschaft und tritt in Streik.

… für Maximus

Seine Belohnung? Still stehen, natürlich. Er liebt es, den anderen Pferden zuzuschauen, die sich bewegen müssen. Seine Aufgabe und die Herausforderung für seinen Trainer: Mach ihn für die Bewegung verantwortlich. Statt drei Übungen reichen zwei, dafür aber reichlich konstruktive Kritik. Wenn du Schritt reiten willst, dann willst du es als Reiter JETZT und nicht morgen. Ständig jeden Schritt rauszutreiben, macht die Sache nicht besser. Hier arbeitete Christofer auch in der Praxis mit den Teilnehmern. Lieber einmal konsequent nach Vorwärts fragen, dafür aber häufiger zum Loben kommen mit einer Pause. So konnte man unsere „Maximusse“ motivieren. Und wir hatten erstaunlich viele „Maximusse“ beim Kurs dabei.

… für Timon

Wenn er sich bewegen kann, dann ist alles in Butter. Für diese Pferde ist die sofortige Arbeit im Stand erstmal ein Desaster und großer Stress. Sein Schlüssel zur Motivation ist und bleibt Bewegung. Mit zunehmender Ausbildung und Verständnis der Hilfengebung kann man freilich die Arbeit im Stand dann auch erweitern. Hier unterschiedet Christofer aber zwischen Bewegung erlauben und das Pferd zu jagen. Oft würde man im Horsemanship auch Bilder sehen, wo die Pferde Runde um Runde laufen müssten. Das wäre dann die falsch verstandene Motivation. Drei Übungen reichen für Timon – aber diese bitte in Bewegung.

… für Kind, oder Liebevoll

Wiederholung ist der Schlüssel zum Erfolg und zur Motivation. Hier beschreibt Christofer seinen Weg mit Saxo. Dieser habe sich gerne wie eine Schildkröte verhalten. Ein paar Schritte vorwärts – und sofort den Kopf wieder in seinen Panzer gesteckt. Die Aufgabe: Ein Zirkel auf der linken Hand. Bald schon kommt der Kopf dauerhaft aus dem Panzer, das Pferd wird stolz. Handwechsel: Der Kopf schnellt zurück in den Panzer, obwohl die Aufgabe gleich geblieben ist. Diesen Pferden müsse man durch viel Ruhe und Wiederholung beibringen, dass es sich lohnt, sich nicht ständig in seine Blase zurück zu ziehen. Vorsicht, wenn man gar nichts verlangt, dann wird die „Blase“ oder der Panzer durch nicht vorhandene Reize immer größer und der kleinste Funke reicht, um das Faß zum Explodieren zu bringen. Selbst wenn die Pferde ruhig scheinen, sie sind es nicht immer. Ruhe und Konsequenz – und statt drei Übungen reicht für den Anfang eine Übung, dafür aber viele Wiederholungen. So wird das Pony glücklich.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Fails and Errors

Unsicher, ob du mit den Pferdetypen einen Fehler begangen hast? Unsicher, ob du die Bedürfnisse deines Pferdes nicht verstanden hast?  Nun, folgende Reaktionen können darüber Aufschluss geben

Esel: Der Esel wird statt „happy“ zu „naughty“. Er wird nichts mehr zärtlich mit dem Maul erkunden, sondern bissig und buckelig.

Maximus: Er bleibt nun ganz stehen und verweigert sich. Im worst case kann es auch sein, dass er sich losreist und auf Nimmerwiedersehen verschwindet (meist geht er dann essen).

Timon: Er überrennt dich und haut ab. Das passiert vor allem dann, wenn du unzählige Zeichen ignoriert hast, dass er sich so gerne bewegen möchte.

Unser liebevolles Pferd wird explodieren. Du hast übersehen, dass das Pferd eben NICHT ruhig war, sondern super angespannt. Du musst den Unterschied zwischen Entspannung und Hochexplosiv erkennen.

Gibt es nur vier Persönlichkeiten?

Nein, Christofer möchte auch keine Pferde in Schubladen stecken. Er hat uns nur vier Extreme gezeigt, wie ein Pferd sein „kann“ – aber dies ist ja auch unsere Arbeit – das Pferd immer mehr durch physische und mentale Herangehensweise in seine „Mitte“ zu bringen.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Und der Mensch?

Auch wir haben diese vier Extremen in uns – und wir sind auch Lernende, das sollten wir beim Pferdetraining nicht vergessen.

Es gibt selbstsicherere und unsichere Leute.

Der Mensch als Esel: Liebt Herausforderungen und Challenges. Oft sind diese Menschen in ihrem Beruf selbstständig, sie kommen gut aus sich heraus. In einer Menschenmenge sind sie glücklich und hören sich selbst gerne sprechen. Sie stehen gerne im Mittelpunkt und übernehmen in Verhandlungen gerne die Führung. Der Esel als Reitschüler lernt am besten im „Tun“ und mit vielen Aufgaben und Übungsfolgen.

So ähnlich geht es „Timon“ als zweibeiniger Reitschüler. Mit viel Theorie und Vorträgen kann er nicht viel anfangen. Er muss es „tun“ und sich bewegen können.

Maximus ist gerne im Berufsleben sowas wie Polizist. Bei der Interaktion in Gruppen können sie gut zuhören und warten mal ab, was andere zu sagen haben. Dann treffen sie eine Entscheidung – nach dem Motto: gesagt, getan! Konstruktive Kritik vertragen sie sehr gut und kommen mit wenigen Übungen sehr gut zurecht, die sie unbedingt verbessern wollen.

Introvertiere und unsichere Typen brauchen viel Ruhe. Achtung mit den Wiederholungen. Wenn man ihnen eine Hausübung gibt, dann wiederholen sie diese, bis es „sitzt“. Vergessen aber gerne, dass es beispielsweise neben Schulterherein ja auch das Kruppeherein gegeben hätte, was man noch verbessern könnte.

Zum Abschluss seines Vortrages erinnerte uns Christofer aber an die wichtigste Sache, im Zusammensein mit dem Pferd:

Have fun with your Pony!!!!

Und das hatten wir dann in der Praxis in der Tat.

Unsere Maximusse wurden zur Bewegung animiert und fanden plötzlich für wenige Aufgaben viel Lob. Waren unsere Pferde entspannt, dann gingen wir weiter zur Versammlung. War das Pferd dabei in einer „runden“ Formgebung? Wenn nein, dann haben wir wieder an Dehnungshaltung und Entspannung gearbeitet, bei gleichbleibendem Schwung und Takt. Keine Leichtigkeit vorhanden, dann haben wir wieder an Balance gearbeitet.

Christofer hielt die Dinge für uns so leicht wie möglich, somit blieben wir im Fokus von Versammlung, Balance, Leichtigkeit und Formgebung und bekamen durch diesen konstruktiven Input extrem viel „Output“ von unseren Pferden – mit viel Spaß auf beiden Seiten.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Christofer im Oktober 2018 🙂

Der nächste Kurs steht allerdings schon vor der Türe – nachdem wir uns mit dem maßgeschneiderten, mentalen Programm beschäftigt haben, wird uns Bent Branderup das maßgeschneiderte physiologische Programm für jeden Pferdekörper im Juli präsentieren.

Mehr Infos zum Kurs mit Bent Branderup und weiteren Kursen im heurigen Jahr bekommt ihr unter folgendem Links:

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