Jekyll und Heidi

Jekyll und Heidi

„Mein Pferd ist mein Spiegel, der meine schlechte und gute Laune unverfälscht wiedergibt. Sieh hinein in die Augen deines Pferdes, aber erschrick nicht über die Wahrheit.“

Vielleicht wird manchmal auch zu wenig in die Augen der Pferde gesehen – also überhaupt nicht reflektiert. Erst vor kurzem habe ich unfreiwillig weniger schöne Szenen im „Miteinander“ zwischen Pferd und Mensch beobachtet.

Ich habe dann ein längeres Telefongespräch mit Journalist, Autor und Pferdemann Martin Haller dazu geführt.
Im Gespräch fand ich rasch heraus, dass mir vor allem eine Sache sehr nah ging. Nette, sanfte Menschen können im Handumdrehen richtig harsch ihrem Pferd gegenüber werden.
Was tut sich da in einem Menschen? Martin Haller erzählte mir von einem Text, den er als Journalist für einige Zeitschriften geschrieben hatte – genau passend zu diesem Phänomen. Aber keine Zeitschrift hatte den Mut, seine Geschichte abzudrucken.

Ich hab ihn. Und der Mut sollte, wenn es um Lebewesen geht nie aufhören.
Die Geschichte ist jetzt sicherlich nicht für meine Leserzielgruppe geschrieben – denn gerade hier erhalte ich doch so vieles schönes Feedback von Menschen, die sanft und nachhaltig mit ihren Pferden Zeit schön verbringen wollen.

Aber irgendwo muss der Artikel von Martin Haller einen Platz finden – vielleicht gibt er anderswo einen Anstoß, um wieder hineinzublicken in die Augen der Pferde – und nachzufragen, was gespiegelt wird.  😉

Jekyll und Heidi – von Martin Haller

 

Heidi war ein liebes Mädchen, alle mochten ihre blonden Zöpfe, die kecken Sommersprossen und das vorwitzige Näschen. Natürlich liebte sie Pferde über alles, ihr Kinderzimmer war lückenlos tapeziert mit Postern von langmähnigen Friesen, blonden Haflingern und frechen Shettys. Heidis Idole? Was für eine Frage – sie hatte mit fünf Pipi Langstrumpf und den Kleinen Onkel vergöttert und mit sieben ein bekanntes Pferdemagazin für Mädchen (beginnt mit W- und endet mit –endy) abonnieren dürfen – die Oma stand dafür grade. Mit neun hatte sie erste Reitstunden im ländlichen Verein und entbrannte in schwärmerischer Mädchenliebe für Isabell Werth, aber die gefiel ja auch älteren, männlichen Semestern ganz gut… als Heidi die ersten kleinen Reitabzeichen erritten hatte, war Gigolo FRH schon über seinen Zenit hinweg – und unsere junge Heldin bekam bald darauf ihr erstes eigenes Pferd. Gladiator wurde wegen seines etwas eckigen Exterieurs im Stall nur „der Radiator“ gerufen, ging mühelos eine A-Dressur und sprang über alles, solange es nicht höher als 95 cm war oder blau-gelb lackiert – offenbar hatte man vergessen, ihn zu dual-aktivieren, aber das fiel damals noch nicht so auf.

Heidi liebte den Radiator abgöttisch, denn mit ihm errang sie zahllose Schleifen und eine nette kleine Pokalsammlung in Caprilli- und E-Bewerben, alles unter Anweisung der mütterlichen Reitlehrerin des ländlichen Vereins, die ein großes Herz für Kinder und ein noch viel größeres für Pferde hatte. Sie gab Heidi einen guten Sitz und machte Radiators steifen Rücken wieder geschmeidiger, sie behielt im Unterricht immer das Augenmaß und am Club-Turnier die Ruhe. Mit einem Wort, Heidi war auf dem besten Weg, eine kompetente, gefühlvolle und pferdefreundliche Reiterin zu werden…

Die Tatzeit

Ganz genau kann niemand sagen, wann es begann; wohl mit der Übersiedlung in den neuen Stall am Stadtrand. Heidi war anfangs traurig, denn sie vermisste ihre nette Reitlehrerin und die anderen Mädels, mit denen sie am Land schwimmen gegangen war und Radtouren gemacht hatte. Der Radiator fühlte sich auch nicht wohl, so ohne Koppelgang und stundenlange Ausritte im Wald. Aber dafür bekam sie nun „richtigen Unterricht“ vom örtlichen Turnier-Crack, dem man ein unfehlbares Händchen für junge Talente nachsagte, sowie einen scharf ausgeprägten Geschäftssinn. Schon nach sechs Monaten hatte er Heidis Mutter davon überzeugt, dass Radiator dem Talent des Teenagers nicht gerecht werden könne. Na, und Mutti wiederum brauchte nicht lange, Vati zum Kauf eines braunen Hannoveraners zu überreden, der „zufällig im Stall des Cracks zum Verkauf stand…“. Der Rest der Geschichte ist klingt uns vertraut: Radiator wurde in den Schulstall verbannt und der neue Braune so richtig in die Mangel genommen („gefördert“, sagte der Guru), und Heidi mit ihm. Der Erfolg stellte sich bald ein, erste Siege in A waren alsbald errungen, dann wurde es etwas zäher, denn L ließ auf sich warten. Irgendwie schien es, als ob der Braune nicht mehr so richtig zog, stumpf und triebig wirkte. Aber inzwischen war Heidi zum einen schon viel routinierter geworden, zum anderen durfte sie nun bewaffnet reiten, was ihr die alte Reitlehrerin immer strengsten verboten hatte. „Sporen muss man sich verdienen…“ hatte es immer geheißen – so ein Quatsch, weiß doch jeder, dass man die überall kaufen kann und kein Gaul ohne die richtig geht, vor allem mit Schlaufer… Wie auch immer, der Braune wurde flott gemacht, mit allerhand Pülverchen, viiieeel Hafer und regelmäßigem Beritt vom Meister, ganz in der Früh in leerer Halle. Vati fragte manchmal etwas verzagt, ob „das alles denn wirklich nötig sei, früher wäre es ja auch viel billiger gegangen…“, aber der hatte ja wie üblich keine Ahnung und war dann schon stolz, wenn Heidi und der Braune mal wieder A gewannen oder L platziert waren.

Kurze Rückblende

Einige Sommer gingen ins Land; Heidi hatte viel gelernt, Kurse absolviert, Prüfungen abgelegt und Siege erritten. Der Braune war inzwischen nicht mehr der „alte Braune“ (der vergammelt mit Sehnenschaden in der Provinz als Kinderpferd – sonniges Gemüt hatte er ja). Brauner Nummer drei geht inzwischen brav M, hat schon alle S-Lektionen drauf, und Heidi ist ein angesehenes Mitglied der Szene. Sie fühlt sich zuhause und gut aufgehoben, denn fast alle jungen Frauen in ihrem Stall und am Turnier sind genau wie sie. In ihren Spinden türmen sich die Leckerlisäckchen, mit Apfelaroma und Bananengeschmack, mit Multivitamin-Faktor und Lecithin-Extrakt… neben Sporen aller Art, drei Dressurgerten und ein paar sehr stark abgenützten Schlaufern…

Als Anwaltssekretärin ist Heidi einsame Spitze, man lobt ihre Freundlichkeit, sogar der Seniorchef hält große Stücke auf sie. Ihr Langzeit-Verlobter ist unsportlich, wie er lachend zugibt, er geht mit seinen Freunden lieber zum Skat und hält es laut eigener Aussage mit Winston Churchill – „No sports!“. Vielleicht besser so, denn im Reitstall würde er Zeuge einer Verwandlung, die ihm möglicherweise das Blut in den Adern gefrieren ließe…

Das Grauen

Jeden Abend nach Dienstschluss lenkt Heidi also ihren Flitzer zum Reitstall. Frohgemut stellt sie das Auto ab und geht die paar Schritte zur Reithalle, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Grußwort für jedermann, Stallpersonal, Reiterkollegen und Anhang in Warteschleife. Und dann passiert es, mit der immer gleichen schrecklichen Regelmäßigkeit – ein dunkler und bedrohlicher Zwang befällt unsere Heidi. Sie selbst ist sich dessen zwar nicht bewusst, aber man bemerkt es und redet darüber, sogar Leute, die nichts vom Reiten verstehen. Sie mutiert allabendlich!

Beim Satteln wird es schon erkennbar, da überfällt sie eine seltsame Ungeduld. Wenn ihr Wallach (Der Dulder aus der Duktus-Duellant-Linie) sich beim Nachgurten mal aufbläst, gibt es einen ungeduldigen Knuff in die Rippen und ein scharfes Wort. Nimmt er das Gebiss nicht sofort ins Maul, knallt ihm der kalte Stahl an die Zähne. Aufgestiegen wird in Heidis Stall noch immer nach dem alten Kavalleristen-Motto „Wer nicht allein raufkommt, soll nicht auf’m Pferd sitzen“, also hantelt sich Heidi, wie alle anderen auch, mittels der Abstoßen-Hochziehen-Reinplumpsen-Methode in den Sattel. Der Hannoveraner hat – was keiner weiß – sensible Dornfortsätze, daher erduldet er die Kletterpartie nur ungern und tänzelt etwas. Dann kommt ein scharfer Ruck ins Maul, und ein gezischtes „Bleib halt stehen, du Bock“ entfährt Heidis ansonsten sinnlichen Lippen, die nun gar nicht mehr so sinnlich, sondern verkniffen wirken.

Heidi sitzt endlich zu Pferde, doch was ist mit ihr geschehen? Wo sind Humor und Geduld, wo ihre gute Laune und ihr Sinn für tolerante Problemlösungen geblieben? Sie reitet, als ginge es um ihr Leben; als müsste sie, so wie im Film das Murmeltier täglich grüßt, jeden Tag aufs Neue eine Olympia-Dressurprüfung gewinnen. Der Dulder wird höchstens eine Runde im Schritt aufgewärmt, aber das ist eher pro forma, dann geht es nahtlos in den Mitteltrab und die Flieger. Seitengänge und Piaffe-Passage-Touren folgen, der Schweiß lässt das Fell des Braunen schon nach zehn Minuten dunkel glänzen. So strampelt er wie um sein Leben, vorne geknebelt und hinten traktiert, dazwischen mit der Gerte energisch „unterstützt“, wenn ein Wechsel mal nicht durch ist oder eine Piaffe zu wenig gesetzt.

Ist Heidi, wenn sie reitet, gar nicht mehr Heidi, sondern jemand anders? Steckt ein Beelzebub in ihr, ist sie von einer bösen, fremden Macht besessen, die immer dann von ihr Besitz ergreift, wenn sie aufs Pferd steigt? Und wer oder was hat Heidi soweit gebracht…? Wie gesagt, man schätzt sie, als Mensch ganz besonders, und als Reiterin auch. Die Berittpferde gehen gut für sie, wenn man Heidi nicht täglich rauflässt (so flüstert man sich zu, wenn sie es nicht hören kann). Einmal die Woche täte es manchen Pferden – aber nicht allen – offenbar ganz gut, von Heidi mit Nachdruck durchgearbeitet zu werden, aber öfter geht nicht, da werden sie sauer, besonders blütige Typen…

Wenn Heidi vom Pferd springt und den verschwitzten Hals des jeweiligen Kandidaten klopft, entkommt ihr hin und wieder auch ein zufriedenes Lächeln, das an früher erinnert. Früher, als sie mit Radiator und ihren Mädels lachend über die Wiesen galoppiert war. Aber sie denkt nur mehr sehr selten daran…

Komm doch aus dir raus!

Komm doch aus dir raus!

Mentale Profiler würde man vielleicht heute sagen. Die Alten Meister haben diesbezüglich von „Reitertakt“ gesprochen. Die Rede ist von Reitern, die das Zeug dazu haben, ihre Pferde einer mentalen Stärken-Schwächen Analyse zu unterziehen.

In der Akademischen Reitkunst heißt es oft: Wir müssen nicht reiten, wir dürfen. Und in erster Linie geht es darum, mit seinem Pferd eine gute Zeit zu verbringen. Was, aber wenn das Pferd nicht dieser Ansicht ist?

Wer als Reiter sein Pferd „auf die Couch legt“, hat folgenden Vorteil: der „Reitertakt“ legt offen, ob sich unser Pferd bei uns wohl fühlt, mit den gestellten Anforderungen zurecht kommt, oder überfordert ist. Und die wichtigste Frage: Hat mein Pferd überhaupt Spaß an der Sache?

Pferdepersönlichkeiten

Wie kann ich nun die Persönlichkeit meines Pferdes entdecken? Christofer Dahlgren, Meister der akademischen Reitkunst aus Schweden etwa teilt Pferde grob in vier Persönlichkeiten ein: Persönlichkeit „Glücklich“, Persönlichkeit „Schnell“, Persönlichkeit „Sicher“ und Persönlichkeit „Liebenswürdig“.
Jossy Reynvoet nimmt die Elemente Wasser, Luft, Feuer, Erde, Metall und Holz zur Hilfe, um die Persönlichkeit des Pferdes einzuschätzen.
Muss man nun ein hippologischer Sigmund Freud sein, um die Persönlichkeit des Pferdes richtig einzuschätzen?

Nein, denn oft reicht auch das Bauchgefühl. Aber der Vergleich mit Comicfiguren oder Elementen kann helfen, weiter in die Persönlichkeit zu blicken.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“,

heißt es im Kleinen Prinzen.
und gleich zu Beginn des Buches, da stellt sich die Problematik mit einer Kinderzeichnung.

Der Erzähler der Geschichte ist fasziniert von den Tieren des Dschungels. Besonders angetan hat es ihm eine Riesenschlange, die einen Elefanten verspeist. Für die „großen Leute“ ist die Zeichnung jedoch eindeutig:

„Das ist ein Hut“.

Wir sehen manchmal genau das, was wir sehen wollen. Also sehen wir nur das widerspenstige Pferd, das nicht durch die Wasserpfütze laufen mag, oder im Genick nicht nachgeben möchte, oder, oder, oder….

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar – ja vielleicht – aber für das Herz nicht. Sehen wir also öfter mit dem Herzen hin. Warum möchte das Pferd nicht so, wie wir wollen. Läuft es aus Angst davon, oder fühlt es sich von uns bedrängt, wenn wir etwas einfordern?

Der introvertierte Typ

Vor einiger Zeit gab es wieder einen Blog-Leserwunsch. Die Frage war: Wie würde ich introvertierte Pferde trainieren.

Wenn ich nach der Definition von Christofer Dahlgren gehe, dann darf ich einen introvertierten Typ zu meinen allerbesten Teamplayern zählen – meine Stute Pina.

Profiling Pina

Pina und introvertiert? Auf den ersten Blick wirkt Pina sehr ruhig, ein wenig in sich gekehrt, nachdenklich. Wenn ich zu ihr auf die Weide gehe, bleibt sie stehen und sieht mich freundlich an. Sie wartet ab, was nun passiert.
Zum Stall geht sie sehr brav, aber langsam mit. In der Box ist sie nicht gerne eingesperrt. Vor unserem Umzug zum Horse Resort „am Sonnenhof“ hat Pina wirklich viel gekoppt. Auf dem Paddock Trail denkt sie nicht mal dran, in der Box kann es schon nochmal „passieren“, wurde aber viel seltener.
Introvertierte Pferde neigen laut Christofer zum Koppen oder Weben, sie wirken ruhig, innerlich haben sie aber dann doch Stress. Daher sind auch häufig solche Pferde anfällig für Magen- oder Verdauungsprobleme, was auch eine Erklärung für Empfindlichkeit in der Gurtlage und Sattelzwang sein kann.

Dies kann ich für Pina auch bestätigen, allerdings veränderte sich die Anfälligkeit für Koliken ebenso rapide nach unserem Umzug 2015. Seit Veränderung des „Hauptwohnsitzes“ hatten wir keine Kolik mehr.

Beim Reiten ist Pina grundsätzlich sehr brav. Sie ist sehr intelligent und versteht sofort. Viele Wiederholungen sind für diesen Typ nicht notwendig. Einmal erklärt und es sitzt. Viele Wiederholungen führen daher nur zu mehr Frustration. Ich habe mit der Zeit festgestellt, dass Pina immer unsicherer wurde, je mehr ich „zur Sicherheit“ wiederholt habe. Mittlerweile gebe ich mich bei neuen Herausforderungen mit einem vermeintlichen Zufallstreffer zufrieden – wohl wissend, dass mein kluges Pferd die Aufgabe auch am nächsten Tag oder zwei Wochen später meistern wird. Hier hat sich für mich gezeigt: Ich gebe umso mehr Sicherheit, je weniger ich gerade bei neuen Themen „drauf rum reite“.

Ist es echt?

Wie oft geht es uns im Alltag so?
Man trifft einen Bekannten und fragt nach dem Befinden. „Gut“, lautet die Antwort. Aber der Inhalt es Gesagten und die Mimik passen einfach nicht zueinander.
Die Pferde wissen es besser – introvertierte Pferde meiner Meinung nach ganz besonders. Wenn mein Lob nicht wirklich ehrlich war, dann kam es auch nicht rüber.
Pina bemüht sich sehr, ist gleichzeitig aber hypermobil. Mit ihr lerne ich daher zum aufrichtigen und ehrlichen Pädagogen zu werden.

Wiederholung?

Wie trainiert man nun introvertierte Pferde. Für Pina ist es wie gesagt die eine Wiederholung, bzw. der „Zufallstreffer“, der langsam ausbaufähig wird – für ein anderes – aber ebenso introvertiertes Pferd mag die Sicherheit in einer gewohnten Reihenfolge und Gliederung liegen (auch das mag Pina recht gerne). Aber auch eine ganz feste Reihenfolge kann ihre Tücken haben: Eine Zeit lang habe ich nach dem Reiten noch vom Boden aus in die Arbeit mit der Schulparade geschaut: Pina konnte meine Hilfengebung nicht abwarten und hat einfach mal „von selbst“ gemacht. Das sieht zwar von außen lustig aus, aber es geht mir ja doch um die Schulung der Hilfen. Was nun? Lob oder Tadel? Für Pina wäre es frustrierend gewesen, wenn sie von sich aus brav etwas anbietet, ich es aber nie lobe, daher habe ich diese fixe Struktur dann doch wieder rausgenommen.

Gerade da introvertierte Pferde ihren Stress nicht so sichtbar nach außen zeigen ist die Gefahr groß, Warnsignale zu übersehen. Es gibt Situationen, wo ich bereits gelobt habe und abgestiegen bin und gefragt wurde: „Warum hast du aufgehört, jetzt wurde es doch erst so richtig gut?“

Ja mag sein, dass es gut ausgesehen hat, aber Pina war definitiv nicht entspannt. Ein kleiner „Wischer“ mit dem Schweif. Eine Verspanntheit rund ums Maul. Auch wenn Pina brav ihre Übungen absolviert – ich bin mir dann nicht mehr sicher, mit wie viel Freude.

Partnerschaft

Ich könnte nun wirklich kein Generalrezept für diese und jene Persönlichkeit ausstellen. Wie sagt Bent Branderup so schön in seinen Theorievorträgen:

„Das einzige Pferd, das sich nach dem Lehrbuch verhält, das steht im Lehrbuch drin“.

Da jedes Pferd einzigartig ist – und ebenso auch jeder Mensch – können wir keine Patentrezepte ausstellen.

Bei Pina etwa hat es schon für mich ein Weilchen gedauert, bis ich herausgefunden habe, was ihr wirklich gefällt und wo sie auch eine gute Zeit verbringt. Ab und zu sehr gerne mit meinem Vater im Wald. Beim Ausreiten müssen aber glitzernde und silbrige Gegenstände gerne aus Distanz unter die Lupe genommen werden. Dies kommt sehr selten vor, aber wehe man drängt Pina dann zur Eile. Dann kann es auch Rückwärts-Galopp geben. Wartet man auf ein zufriedenes Seufzen, dann ist alles wieder gut.
Ich denke gerade bei diesen Pferden kann das Seufzen und Ausatmen ein ganz eindeutiges Zeichen auch für die korrekte Dauer von Pausen sein. Manchmal „werfen“ wir ein Keks ins Pferd und reiten sofort weiter. Hier kann ich nur empfehlen genau auf das Timing des Individuums zu warten. Kann mein Pferd still stehen, dabei kauen und entspannen und richtig durchatmen, bevor es weiter geht?

Nur im Wald bummeln? Das ist Pina aber auch zu wenig. Sie wächst mit steigenden Aufgaben wirklich über sich hinaus – hier ist es aber ein schmaler Grat zwischen einem glücklichen und einem überforderten Pferd.

Ich habe mich über einen kreativen Einfall von Pina mal wirklich laut lachend gefreut. Die Antwort kam promt mit einem zufriedenen Brummeln meiner Stute. Mit steigenden Aufgaben wurde Pina auch zunehmend selbstsicher. Mittlerweile braucht sie keine Beschützerin mehr. Sie meistert auch Rangeleien oder Streitereien rund um eine Heuraufe am Paddock-Trail ohne ihre Freundin Tabby.

Nur Tabby ist mit dieser Situation nicht ganz zufrieden. Vielleicht weil sie extrovertierter ist als Pina. Das ist aber eine andere Geschichte.

Lernen wir also die Persönlichkeit unseres Pferdes kennen und lassen wir uns von dessen Entwicklung überraschen!

Am 25. und 26. März 2017 kommt übrigens Christofer Dahlgren zu uns nach Graz. Dann steht auch als Thema das individuelle und maßgeschneiderte Trainingsprogramm für glückliche Pferde im Fokus. Mehr Infos zu diesem Themenseminar gibt es hier.

Gestatten, das Przedswit!

Gestatten, das Przedswit!

Welche Pferde sind in der Akademichen Reitkunst vertreten. Nachdem Stefanie Niggemeier über ihre Morgans in der ersten Ausgabe dieser Blogserie berichtet hat, habe ich den Rasseexperten Martin Haller gebeten, mir über „mein“ Przedswit etwas zu verfassen.

Warum ich „mein“ – sage – nun meine Pina ist eine Vertreterin dieser Rasse.

 Der Przedswit-Stamm

Der Hengst Przedswit erlangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Bedeutung in der österreichischen Zucht des englischen Halbbluts. Der Vollblüter aus der gräflich Tarnowskischen Zucht des Grafen Johann Tarnowski in Chorzelow, Galizien, hatte ein tolles Pedigree (von Knight of the Garter aus der The Jewel, von Stockwell). Dazu besaß er eine bedeutende Eigenleistung als Rennpferd, hatte er doch 1875 das österreichische Derby und 1876 den Großen Preis von Baden-Baden gewonnen, somit viel Härte bewiesen.

Als er noch in diesem Jahr als Vierjähriger in Piber aufgestellt wurde, erweckte er große Hoffnungen in der Fachwelt, kam allerdings zu spät, weil das Gestüt schon 1878 ein Remontendepot ohne Zuchtaufgabe wurde. Lesen wir, was Wrangel schrieb:

„Zum Glück gibt es in Piber einen Beschäler, der – richtig benützt – das Zeug in sich hat, dem scheinbar arg vernachlässigten Gestüt eine bessere Zukunft zu eröffnen. Wie sein Name ausgesprochen wird, vermag ich nicht zu sagen, geschrieben wird er Przedswit; mit einem herzhaften Niesen wird man seiner Aussprache wohl am nächsten kommen… Wenn vorzügliches Blut und ein jeder Kritik strotzendes Exterieur zu großen Hoffnungen berechtigen, darf man von ihm Großes für die Zucht erwarten. Man weiß nicht, was man an ihm am meisten bewundern soll… ja, Przedswit ist ein Prachtexemplar, und würde man in Piber nur ihn allein zu sehen bekommen, würde doch kein Pferdefreund die Fahrt in das entlegene Gestüt bereuen.“

Nach nur zwei erfolgreichen Zuchtjahren versetzte man den Prachthengst nicht etwa in eines der anderen Gestüte, sondern „versenkte“ ihn in der Landeszucht. Von Stadl-Paura aus ging er jährlich auf Station, wurde schließlich nach Prag verlegt und bekam dort 1889 eine schwere Lungenentzündung, der er schließlich durch Herzlähmung erlag. Sein Sohn Przedswit I aus einer normannischen Stute wurde zum Platzhalter des Stammes, welcher sich vor allem in Radautz gut entwickelte und zahlreiche sehr edle, leistungsfrohe Armeepferde lieferte.

Nach dem Ersten Weltkrieg gelangten diese Pferde nach Polen und in die Tschechoslowakei, während Österreich nur wenige Exemplare behalten konnte. Mit diesen wurde die Stammzucht noch einige Jahrzehnte fortgeführt, teils unter Anpaarung an die anderen altösterreichischen Restbestände. 1919 wurde das Furioso-Przedswit Gestüt Perwarth (NÖ) mit Radautzer und Piberer Pferden errichtet. In der Zwischenkriegszeit wurde die mährische und polnische Zucht des altösterreichischen Warmblut-Pferdes maßgeblich durch Söhne von Przedswit VIII und Furioso XIII beeinflusst. 1932 wurde das Gestüt nach Piber verlegt; 1942 wurde Piber als Zuchtbetrieb aufgelöst, wobei ein Teil des Pferdebestandes in das preußische Hauptgestüt Graditz und ein Teil in die burgenländische Landeszucht gelangte.

Mit dem 1963 in Piber geborenen Przedswit XIII endet die Geschichte des Przedswit-Stammes in unserem Lande, denn er wurde an die damalige CSSR abgegeben. Dort besteht die Rasse in geringen Beständen in der Landeszucht fort, wobei auch das junge Mährische Warmblut über Blutanteile des Stammes verfügt. Ein wenig genützter, aber typischer und leistungsstarker Hengst steht „vergessen“ im Hengstdepot Pisek, einige weitere in den wenigen böhmischen Privatgestüten, die sich diesem leistungsstarken und schönen Schlag widmen. Nach der Auflösung des Warmblutgestütes von Piber 1981 gelangte ein kleiner Teil der Gestütsstuten in die Landeszucht, die Hengste wurden im staatlichen Hengstdepot Stadl-Paura untergebracht, wo sie als Lehrpferde eingesetzt wurden.

Ein Piberer Furioso-Hengst, der 1967 geborene 978 Furioso XXIV-82, wurde von Familie Budik 1986 in Stadl-Paura als Schulpferd wieder aufgefunden und mit großen Schwierigkeiten züchterisch verwendet, dann 1988 vor der Schlachtung durch Kauf bewahrt und konnte noch fünf Mal decken. Die Familie des Brigadiers Karl Budik begann 1985 mit der Erhaltungszucht altösterreichischer Halbblut-Pferde im niederösterreichischen Gramatneusiedl. Sven Budik wurde als Tierarzt und Genetiker zu einem Experten auf züchterischem Gebiet und führt das Werk der Eltern mit großer Begeisterung fort. Die Familie bewahrt einige hoch interessante Pferde und Dr. Sven Budik konnte wertvolle Kryokonserven einiger inzwischen toter Hengste anlegen. Diese werden an der Hochschule in Wien verwahrt und leider recht wenig genützt; ein Fohlen aus einer KB und aus einer „normalen Warmblut-Stute“ erhält natürlich ein Abstammungspapier als Österreichisches Warmblut und bleibt somit „unerkannt“.

Die bedeutendste Zuchtstätte des Przedswit-Stammes dürfte das Gestüt des Herrn Dipl. Ing. Jaroslav Richter, in Janovice bei Jívka (Janovice 333, CZ-541 01 Jívka bei Trutnov) in Nordost-Böhmen sein. Dort, inmitten des alten schlesischen Siedlungsraumes, wird auf rund 340 ha herrlichem Weideland eine Herde von rund 160 Pferden gehalten. Diese leben, solange die Witterung es zulässt, in freier Natur auf den Bergweiden und erhalten nur bei Schlechtwetter oder mangelnder Weide eine grobe Silage (Heulage), dann jedoch ad libitum. Dazu bekommen sie Minerallecken in relativ großer Menge und saufen das frische Wasser der Berge. Ihre Haltung kann man als extrem robust bezeichnen; Herr Richter nimmt sich das alte Gestüt Radautz zum Vorbild und führt seinen entlegenen Betrieb nicht nur nach dessen Muster, sondern erhält auch einen identischen Pferdetyp. Seine Stuten sind ein ausgeglichenes Lot von Füchsen, Braunen und einigen Schimmeln, die neben den alten Linien meist auch etwas Shagya-Blut führen. Ihre Fohlen sind frohwüchsig und robust, dabei trittsicher und gelassen. Rund fünf Beschäler werden im Turnus eingesetzt, davon meist auch ein guter, reiner Vollblüter. Der Vollblutanteil in der Population wird mit rund 40 % bewusst hoch gehalten – dem Beispiel von Radautz folgend; auch ein arabischer Anteil von rund 5-10 % ist vorhanden und gibt den Pferden noch mehr Ausdauer und schöne Köpfe. Man darf sagen, dass hier der letzte Rest des besten altösterreichischen Halbblutes bewahrt wird – von einem idealistischen Mann, der sein Lebenswerk darin sieht, diese wunderbaren Pferde zu retten. Wir sollten uns vor ihm in Dankbarkeit verneigen – denn Österreich hat diese Rasse 1983 wissentlich und willentlich entsorgt.

Pferde des Stammes Furioso-North Star-Przedswit sind ausgezeichnete, ausdauernde Reittiere mit flachen, raumgreifenden Gängen und oft gutem Springvermögen. Sie sind vorwiegend dunkel gefärbt, meist Braune, mit nur wenigen und kleinen Abzeichen; zwischen 160 und 167 cm Stockmaß stehend. Es sind typische Halbblüter mit deutlich „englischem“ Überguss, die einem Mittelgewichts-Hunter entsprechen. Mittelgroßer, nobler Kopf mit wachem Ausdruck und oft großen Ohren. Kräftiger Hals von ausreichender Länge, der in einen deutlich markierten, langen Widerrist übergeht. Kräftiger Rücken, gute Gurttiefe, ausreichende Breite. Leicht schräge Kruppe mit bedeutender Muskulatur; tief getragener Schweif. Stabiles Fundament von guter Knochenstärke und Korrektheit; harte, eher große Hufe; kaum Behang. Englische Halbblutpferde waren deutlich blutgeprägt, sie besaßen also den Adel und das Feuer des englischen Vollblutes, gepaart mit dessen athletischen Fähigkeiten, und vor allem einen guten Galopp, der für ein Truppenpferd unerlässlich ist. Über die meist orientalisch geprägte Mutterseite kamen Ausdauer, Zähigkeit und Intelligenz hinzu – eine ideale Kombination für sportliches Fahren, Vielseitigkeit, Distanzritte und Jagdreiten. Im Springsport und in der Dressur zeigen die Przedswit-Pferde elastische, praktische Gänge und viel Vermögen am Sprung.

Martin Haller

Martin Haller züchtet selbst Pferde und ist Autor vieler Fachartikel und Bücher.

Als engagierter FN-Zuchtrichter ist er ein anerkannter Pferdekenner und gefragter Gastreferent.
In Österreich hat er den Ausbildungslehrgang „Ponymaster“ ins Leben gerufen – eine umfassende Ausbildung für Reitlehrer.

Pferdebeurteilung mit Xenophon

Pferdebeurteilung mit Xenophon

Vor nicht allzu langer Zeit war ich im Lipizzanergestüt Piber zu Gast, um einige zweijährige Pferde zu besichtigen. Keine leichte Sache, vor allem, wenn es sich bei der Rasse um Spätenentwickler handelt. Um die Pferde in jungen Jahren ausreichend zu beurteilen braucht es schon einen Kennerblick – oder das Wissen des griechischen Meisters Xenophon. Nicht nur sein Wissen über die Reitkunst ist für uns heute noch interessant – auch sein Wissen über die Pferdebeurteilung kann noch heute herangezogen werden.

Vielleicht würden wir ihm ja heute folgende Fragen stellen:

Worauf kommt es bei der Beurteilung von Fohlen und jungen Pferden an?

Xenophon: Bei einem jungen Pferd sollte man zunächst den Körper genau mit den Augen, aber auch mit den Händen untersuchen, weil das Jungpferd, das ja auch noch nicht vorgeritten werden kann, noch keine klare Vorstellung zulässt. Auch über sein Temperament können wir noch keine präzisen Angaben machen. Das Fundament des Pferdes ist das Wichtigste, daher analysieren wir mit kritischem Blick zunächst die Beine des Pferdes.

Denn wie ein Haus wertlos und ohne Nutzen ist, wenn zwar die oberen Teile ganz schön gebaut sind, aber nicht auf einem festen Baugrund stehen, so ist auch ein Kriegspferd zu nichts nutze, wenn sonst alles an ihm gut und wohlgestaltet ist.

Dies galt zu meiner Zeit und gilt natürlich auch für den heutigen Freizeitpartner Pferd.

Wir fangen also praktisch beim Fundament mit der Pferdebeurteilung an?

Xenophon: Ja genau, denn wenn es Probleme mit Hufen und Pferdebeinen gibt, dann können die übrigen Vorzüge des Pferdes eigentlich gar nicht zur Geltung kommen.

Bei der Prüfung der Pferdehufe sollte man sehr aufmerksam die Hufwände untersuchen. Hier reicht das bloße Auge nicht, die Hufe sind auch gekonnt abzutasten. Dicke Hufwände übertreffen die dünnen in jeder Beziehung. Man achte auch auf die Hufform, also darauf ob die Hufe sowohl vorne wie von hinten flach oder hoch sind. Hohe Hufe halten den sogenannten Strahl weit vom Boden ab, während flache Hufe beim Auffußen so wirken, dass sie mit dem stärksten Teil ebenso wie mit dem weichsten auftreten, genauso wie beim Menschen mit Plattfüßen.

Neben dem Tastsinn und dem geschulten Auge brauchen wir auch unser Gehör: denn auch durch den Klang sind Pferde mit gutem Hufmaterial und gutem Fundament genau zu erkennen.

Vom Pferdehuf geht es also weiter in den Pferdekörper?

Xenophon: Richtig, dabei dürfen wir uns aber ebenso wenig „nur“ auf unser Auge verlassen, ratsam ist es natürlich auch das Pferdebein behutsam abzutasten. Kron- und Fesselbein dürfen nicht zu steil gestellt sein. Eine solche Steilstellung würde der geschulte Reiter auch an einem harten Gang entlarven. Umgekehrt können weiche Fesseln den Reiter bequemer sitzen lassen, allerdings darf das Fesselgelenk auch nicht zu niedrig liegen. Die Knochen der Hinterbeine sollen stark sein, denn sie sind die wichtigsten Stützen des Körpers und sorgen für die notwendige Tragkraft. Sie dürfen aber dennoch nicht dickfleischig sein. Muskulatur ist von Fettgewebe deutlich zu unterscheiden.

Die Hüften müssen breit und fleischig sein, damit sie mit den Seiten und der Brust im rechten Verhältnis stehen. Wenn sie recht muskulös sind, so werden sie im Laufe der Ausbildung förderlich sein und das Pferd noch rascher machen.

Wenn das Fohlen beim Gehen die Knie geschmeidig beugt, ist damit zu rechnen, dass es auch unter dem Reiter dieses Geschick zeigt. Denn alle Pferde mit guter Ausbildung beugen im Laufe der Zeit die Beine gelenkiger in den Knien. Guter Kniegbung, bzw. Hankenbeugung generell ist aber mit Recht sehr geschätzt, denn sie bewirkt, dass das Pferd weniger stolpert und auch weniger stößt als bei steifen Schenkeln. Stößt das Pferd, dann kann die Kraft von der Hinterhand nicht korrekt in die Vorhand übertragen werden. Wir spüren dann die Stöße der Vorderbeine.

Wie soll denn die Halsung eines guten Reitpferdes aussehen?

Xenophon: Hier rufe ich mir einen sehr bildhaften Vergleich in den Sinn. Von der Brust aus darf der Hals nicht schlaff nach abwärts sinken, wie bei einem Schwein, sondern soll wie bei einem Hahn gerade zum Genick aufsteigen und in der Ganaschengegend muss er schmal sein. Der Kopf sei knochig und mit kleinen schmalen Kinnbacken.

Was macht einen hübschen Pferdekopf aus?

Xenophon: Stehen die Augen etwas vor, sieht das beim Pferde munterer aus, als wenn sie tief liegen. Ein solches Pferd wird wohl auch weiter sehen können. Weit geöffnete Nüstern sind zum Atmen besser geeignet als eingefallene, geben auch ein edleres Aussehen. Eine breite Stirn und kleine Ohren geben dem Kopf ein gefälliges Äußeres.

Lesen wir immer wieder in den Alten Meistern – ich fand vor allem die doch sehr intensive Auseinandersetzung Xenophons mit den Hufen und ihrer Biomechanik sehr aufschlussreich.

signature2

 

Pin It on Pinterest