Alles verstanden?

Alles verstanden?

Von der Kunst sich mitzuteilen

Kommunikation ist doch eh so einfach: Es gibt einen Sender und einen Empfänger. Eine Nachricht und eine Reaktion darauf. Eine simple Formel?

Gesagt = verstanden?

Lässt sich Kommunikation auf diese einfache Formel herunter brechen? Nein. Gesagt heißt nicht unbedingt gehört und aufgenommen. Gehört bedeutet nicht ungleich verstanden. Und selbst wenn etwas verstanden wurde, muss das Gegenüber nicht gleich damit einverstanden sein.

Beim Reden kommen die Leute zusammen…

So besagt es ein Österreichisches Sprichwort. Aber ist das auch auf Reiter umzusetzen? Kommunikation lässt sich oftmals mit einem unüberwindbaren Hindernisparcours umschreiben.

Stellen wir uns folgende Situation vor: Zwei ganz unterschiedliche Reiter diskutieren über das Vorwärts-abwärts. Beide haben ganz unterschiedliche Lehren studiert, orientieren sich an Trainern unterschiedlicher Sparten und haben grundsätzlich unterschiedliche Ziele.

Das erste große Hindernis: gegensätzliche Philosophien prallen aufeinander. Wollen beide überhaupt miteinander reden? Der erste große Graben, den es also zu überwinden gilt. Die Bereitschaft ist vorhanden und weiter geht es zum nächsten Sprung. Der Steilsprung im Kommunikationsparcours wäre die Frage, ob beide Empfänger überhaupt auf Empfang geschaltet sind: Wollen ist die eine Sache, aber ein Empfänger könnte rasch abgelenkt sein oder müde. Oder man schweift im Zuhören mit den Gedanken ab.

Nehmen wir an, beide Reiter sprechen dieselbe Sprache, beide hören akustisch die gleichen Worte. Aber kann Reiter 1 fachlich den Ausführungen von Reiter 2 folgen? Versteht er die gleichen Begriffe und Zusammenhänge?

Zwischen den Zeilen…

..passiert noch viel mehr. Denn wir senden natürlich nicht nur Worte, ein Großteil unserer Kommunikation passiert auf einer anderen Ebene. Wir können zwar verbal unsere Zustimmung kund tun, unsere Körpersprache vermittelt aber klar und deutlich Ablehnung. Neben der Stimmlage kommen eben auch Mimik und Gestik dazu. Wie wird etwas gesagt? Quasselt Reiter 1 unseren Reiter 2 komplett nieder, oder setzt er Akzente und Pausen, damit sein Gegenüber auch wirklich dem gesamten Vortrag folgen kann?

Eine Faustregel besagt: Nur 20 Prozent der Inhalte sind überhaupt verbale Kommunikation. Ganze 80 Prozent an nonverbaler Kommunikation senden wir bewusst oder ganz und gar unbewusst an unser Gegenüber.

Interpretation

Wir senden also eine Botschaft und unser Gesprächspartner wird diese bewerten. Er vergleicht mit bereits vorhandenem Wissen und muss nun abwägen, wie und wo die neue Information eingeordnet werden kann. Eigene Überzeugungen spielen nun auch eine ganz große Rolle. Und einiges an dieser Interpretationsarbeit geschieht ebenso unbewusst – ob wir wollen oder nicht.

Vielleicht entstehen schon beim Zuhören Widerstände und ein Gefühl des Unwohlseins.

Die Sache mit der Stillen Post.

Einige kennen das Spiel von der Stillen Post. Aufgrund von eigener Interpretation, Missverständnissen und Empfangsschwierigkeiten kommt am Ende einer Kommunikationskette meist etwas ganz anderes heraus, als vom ursprünglichen Sender beabsichtigt.

Das ist schon auf einer zwischenmenschlichen Ebene oft ärgerlich genug – wie schwierig wird es dann zwischen Mensch und Pferd. Wir werden niemals Pferd sprechen. Und unser Pferd wird auch kaum der menschlichen Sprache mächtig sein.

Wir müssen eine gemeinsame Kommunikation entwickeln. Als „Vortragender“ oder „Pädagoge“ unseres Pferdes müssen wir unseren Vortrag somit umso klarer strukturieren.
Was möchte ich von meinem Pferd. Welche Antwort erwarte ich mir. Wie kann ich die Botschaft rüber bringen? Ich muss sicher stellen, dass mir mein Pferd überhaupt zuhören möchte!

Die Stolperfallen noch einmal zusammengefasst:

  • Wir haben Kommunikation, die nicht angekommen ist
  • Wir haben empfangene Kommunikation, die wir überhaupt nie gesendet habe. Gerade unser Körper kann beispielsweise zum Kruppeherein in der Bodenarbeit einladen wollen, gleichzeitig das Pferd aber ganz unbeabsichtigt ins Rückwärts schicken. Daher sollte jedem Reiter seine Einwirkung durch den Körper – und diese Einwirkung hört eben niemals auf – egal ob wir vor, neben, hinter oder auf dem Pferd sind.

Der kleinste gemeinsame Nenner..

…wäre dann der Anteil von übereinstimmender Kommunikation. Diese beträgt im menschlichen Alltag lediglich 12 Prozent. 12 Prozent! Das muss man sich doch mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie groß mag der Prozentsatz nun in der Kommunikation zwischen Pferd und Mensch sein? Ich sehe zum Glück sehr viele Paare, wo die Kommunikation wirklich wunderbar funktioniert und immer harmonischer wird.

Ich treffe Menschen, die sich unbewusst und ungewollt gesendeter Signale immer bewusster werden.

Das ist ein großer Pluspunkt.

Aber ich treffe auch Menschen, die überfordert sind mit einer Flut an Informationen. Menschen, die Aussagen möglicherweise im Sinne der Stillen Post interpretieren. Erst neulich traf ich ein Pferd – für mich ein eindeutiger Reha Fall. Ein Pferd, das nach ernsthafter Erkrankung nun wieder Kraft sammeln muss, um vielleicht wieder zum Reitpferd zu werden. Das ist meine Sicht.

Eine andere Sicht bzw. Empfehlung war: Mehr Reiten, um Muskeln zu fördern. Vielleicht war das aber auch gar nicht die Botschaft, die die Besitzerin empfangen hatte. Vielleicht wurde die Botschaft und der Hinweis, nun mit der Gymnastizierung zu beginnen, sofort als Empfehlung für gerittenes Training interpretiert.

Manchmal können wir nur mutmaßen, warum Botschaften wie verstanden werden. Aber eines ist ganz klar:

  • Wir können uns laufend bemühen, sowohl unseren Empfänger ganz neutral und ohne gleich zu bewerten einzuschalten.
  • Wir können uns bemühen, unser Gegenüber zu motivieren uns zuzuhören
  • Wir können zu Jemand werden, dem man gerne zuhört
  • Wir können daran feilen unsere Botschaften so klar wie nur möglich zu machen
  • Wir können die Arbeit an unserer Kommunikation mit Freude verbessern.

 

Denn wer nach und nach versucht, seine Botschaft wirklich gut rüber zu bringen, der hat ein Pferd das nicht nur versteht, sondern auch mit dem gemeinsamen Ziel einverstanden ist.

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Gestatten, das Morgan

Gestatten, das Morgan

In der Akademischen Reitkunst beschäftigen wir uns mit Lehren aus vergangenen Tagen, die wir mit modernen Kenntnissen aus Lernpsychologie, Biomechanik, Pädagogik uvm. kombinieren.

Interessierte fragen sich oft: Kann man denn nur die klassische Reitkunst praktizieren und lernen, wenn man einen Spanier, oder einen Lipizzaner zu Hause im Stall stehen hat?

Nach dem Motto: Die Dressur ist für das Pferd da – kann natürlich jedes Pferd in der Akademischen Reitkunst – seinen individuellen Fähigkeiten entsprechend gefördert werden.

Ich bitte künftig Freunde der Akademischen Reitkunst zum Interview, die mit einer speziellen oder ganz besonderen Pferderasse Zeit schön verbringt.

Den Anfang macht Stefanie Niggemeier, die mir über ihre Morgan Horses etwas erzählen wird:

Stefanie, wie bist du auf diese Rasse gekommen und warum ziehen dich Morgan Horses bis heute in den Bann?

Stefanie Niggemeier: Ich bin durch Zufall in einem Buch über verschiedene Pferderassen, es hieß „Charakterpferde“ ( von der Leyen) auf die Beschreibung der Morgan Horses gestoßen. Neben Andalusiern, Berbern, Knabstruppern und etlichen weiteren, zum Teil auch nicht so bekannten Rassen sprach mich besonders der Ausdruck des Pferdes auf dem Foto, aber vor allem der Text an:

„ Das Morgan Horse kann alles und sieht dazu noch aus wie das Pferd, das kleine Mädchen sich malen, sobald sie selbstständig einen Stift halten können.  Es gibt fast nichts, was der Morgan nicht kann…er ist hochintelligent und liebt die Abwechslung…hat viel Stolz und Temperament …gleichzeitig aber fabelhafte Nerven, weshalb er etwa im Gelände oder bei Hallenumbauarbeiten immer zuverlässig bleibt- Hauptsache, sein Mensch ist dabei.“

Diese Pferde wollte ich unbedingt in natura kennenlernen! Ich begab mich also auf die Suche im Internet und war über die Maßen erfreut, auch in Deutschland Züchter dieser hier noch eher seltenen Rasse zu finden. Ich begann also, mich zu informieren und schnell war klar: ich möchte ein Morgan Horse besitzen!

Was sind die Besonderheiten bei der Rasse „Morgan Horse“?

Stefanie Niggemeier: Morgans, das sei hier mal verraten, sind eigentlich gar keine Pferde- zumindest dann, wenn man sie fragt. Sie sind an allem interessiert, lernen extrem schnell und sind ihrem Menschen so zugetan, dass sie, wie ein Hund, lieber mit auf das Sofa kämen, als im Stall zu bleiben. Sie sind aufmerksam, sehr sanft im Umgang mit dem Menschen, eigentlich kann man schon sagen: liebevoll. „The horse, that chooses you“- so heißt der Slogan des amerikanischen Dachverbandes. Wenn ein Morgan sein Herz einmal verschenkt hat, dann gibt es nichts, was zusammen nicht geht.

Warum eignet sich das „Morgan Horse“ für die Akademische Reitkunst? 

Stefanie Niggemeier: Morgans sind ausgesprochen intelligente Pferde mit von Natur aus guter Balance in den Grundgangarten. Sie lernen Neues atemberaubend schnell und haben ein überragendes Gedächtnis. Selbst Dinge, die man mehrere Jahre nicht mehr mit dem Morgan geübt hat, sind, einmal verstanden, ein Leben lang abrufbar. Das entspricht ganz dem Gedanken Pluvinels, immer den Geist es Pferdes schulen zu wollen, der Körper folgt dann. Genau das beobachte ich auch bei meinen Morgans Finn und Nyx: beide haben unfallbedingt zum Teil große körperliche Schwierigkeiten, die ihnen immer wieder Probleme bereiten. Sie verstehen jedoch, dass ihnen mit der Arbeit geholfen werden soll und überwinden wieder und wieder Grenzen, eben weil sie es wollen.

Man darf sie um alles bitten, aber zwingen lassen sie sich nicht. Gerade Finn, der sehr ehrgeizig ist, reagiert auf Druck ausgesprochen empfindlich; er möchte alles selber können und zeigt mir genau, wo es mir erlaubt ist, Hilfen zu geben, ich mich nicht konkret ausdrücke oder anders formulieren muss. Das ist für mich unendlich wertvoll, denn schließlich kann man als Mensch über Pferde nur lernen, indem man ihr Feedback bekommt und sich selber reflektieren lernt. Da sind Morgans sehr ehrlich: sie sind kommunikativ und wollen, dass man sie versteht. Immer sind sie absolut sicher im Umgang, wenn sie jemanden mögen; dann sind sie ein Leben lang echte Partner.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Morgan Horse erzählen?

Stefanie Niggemeier: Alle Morgans gehen auf einen einzigen Hengst zurück, der um 1790 in Massachusetts bei seinem Besitzer Justin Morgan geboren wurde. Kurze Zeit später zog Morgan nach Vermont um, sein Pferd im Gepäck. „Figure“- so hieß der nur 1,42cm große, dunkelbraune , kräftige Hengst , wurde schnell regional bekannt, weil er unermüdlich auf dem Feld und im Wald arbeitete, schwerste Lasten zog , in Trab-und Galopprennen nahezu unschlagbar war- noch heute gibt es die berühmte „Morgan Mile“ in Vermont- dabei aber immer ausgesprochen angenehm im Umgang , leichtfuttrig und gesund . Schnell avancierte „Morgan`s Horse“ zum begehrten Deckhengst. Nach einem arbeitsreichen Leben, in dem er durch mehrere Hände ging, starb er 42-jährig an einer unversorgten Weideverletzung.

Die Besonderheit an ihm: er vererbte seinen Charakter, wie auch seine körperlichen Vorzüge ausgesprochen durchschlagend an seine Nachkommen weiter und wurde so Gründervater einer eigenen Rasse. Auch sie zeichnen sich bis heute durch Leitungsbereitschaft bei einem gleichzeitig sehr dem Menschen zugewandten Wesen aus: „Willing to please“ nennt man das in der Morgan Horse Gemeinschaft.

Um 1820 beherrschten Morgans die amerikanische Galopp-und Trabrennszene, machten Land urbar, waren mit den Siedlertrecks gen Westen aufgebrochen und halfen, Farmen zu bestellen, waren geschätzte Soldatenpferde- der einzige Überlebende der Schlacht am Little Big Horn war ein Morgan namens Comanche- vor allem aber waren sie immer geliebte Familienmitglieder, die auch von Damen und Kindern zu reiten und zu fahren waren.

Morgans gelten heute noch als Kulturgut in den USA, sie sind die einzige Pferderasse, deren Zucht staatlich gefördert wurde und wird: „The pride and product of America“. Alle nordamerikanischen Pferderassen gehen auf den Morgan zurück oder sind mit seinem Blut veredelt, er gilt als erste rein amerikanische Pferderasse und ihm wurde nicht nur von Künstlern wie Nicholas Evans ( „ Der Pferdeflüsterer“) und Robert Vavra ein Denkmal gesetzt.

Gerade die Blutline, aus der meine Morgans stammen, sind von einem Reitkünstler für die Reitkunst gezogen: als die Wiener Hofreitschule 1963/64 unter Oberst Podhajsky durch die USA tourte, begleitete Dr. Brad Starr , durch mehrere Besuche in Europa zwecks Unterricht bei Nuno Oliviera und in der Wiener Hofreitschule mit der Reitkunst bekannt, die Tour. Als er sah, dass der Morgan Horse Hengst „Parade“ und sein Sohn „Broadwall Drum Major“ eingeladen wurden , die Tour als „farbiges Maskottchen“ zu ergänzen, war ihm schnell klar, als er sah, wie angetan die „Wiener“ von den beiden Amerikanern waren: das sind genau die Pferde, die er züchten wollte! So gründete er seine Morgan Horse –Zucht und über Susen Fischer-Henkel, Ritterin der Akademischen Reitkunst, kamen genau diese Pferde dann vor fast 30 Jahren nach Deutschland. Ihrer Zucht entstammen auch meine Pferde, erkennbar am sogenannten „Prefix“, dem Farmnamen: „Glenmorgan“.

Die Begeisterung für Morgan Horses ist bei dir deutlich zu spüren. Logisch, dass man etwas gerne weitersagt oder empfiehlt, was man selbst sehr gern hat. Aber ist denn das Morgan Horse ein Allrounder, der für JEDEN geeignet wäre? Oder gibt es da Ausnahmen?

Stefanie Niggemeier: Tatsächlich gib es kaum so ein vielseitiges Pferd wie den Morgan. Sie können sich für alles begeistern und freuen sich immer über neue Ideen und Abwechslung. Man muss kein Profi sein für solch ein Pferd, was es aber unbedingt braucht ist Sensibilität und Gefühl im Umgang und der Wille, den Morgan als das wahrzunehmen, was er ist: eine echte Persönlichkeit. Wenn man mit Respekt und Zuneigung auf diese Pferde zugeht, dann erhält man das, wovon jeder Pferdebesitzer träumt: ein Pferd, das nach völliger Einheit mit dem Menschen sucht, wenn man es lässt. Das mit den Morgans ist wie mit einem Virus: einmal diesen Pferden verfallen, lässt es einen nie mehr los.

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war typisch Morgan Horse?

Stefanie Niggemeier: Ich glaube, da könnte ich hunderte Geschichten erzählen: vom Einfallsreichtum meiner Pferde, die sich zum Beispiel für alle Arten von menschlichem Werkzeug begeistern können , gerne mit Feuer und Krach, oder bei der Stallarbeit „helfen wollen“, indem sie Mistboy und Besen an sich nehmen und „benutzen“. Oder vom Nachhausekommen nach einem Arbeitswochenende, wenn meine Pferde auf Zuruf angaloppiert kommen und sich zwischen mich und die Tür stellen und mich gar nicht gehen lassen mögen, weil sie noch mehr Streicheleinheiten haben wollen- immerhin haben wir uns ja mindestens einen Tag nicht gesehen! Von Nasen, die aus Versehen enthaart wurden, von meinen Morgans noch schnell zwischen Zettel und Klebeband gesteckt , wenn ich meinem Stallteam Infos an die Boxentür kleben wollte. Wie sie ihre leere Futterschüssel zum nochmaligen Befüllen hinter mir hertragen, wie sie schon an die Seite gehen, wenn ich hinter oder unter ihnen fegen möchte, damit meine Arbeit erleichtert wird, wie eifrig sie sind, wenn es gilt, Neues herauszufinden. Kleine Kinder, die einen Deckhengst reiten, Fohlen, die an Menschen mehr interessiert sind als an Artgenossen, Stuten, die so viel Vertrauen zum Menschen haben, dass der gerade geboren Nachwuchs dem Menschen noch vor den anderen Herdenmitgliedern stolz präsentiert wird, ihre Lust an Bewegung, ihre Freude an sich selbst, ihre Schönheit, ihr Herz: für mich sind sie ganz besonders und ich habe unzählige einmalige Momente mit ihnen erlebt.

Wer weiterlesen mag, ist herzlich willkommen unter www.germanmorganhorse.de oder Stefanie Niggemeiers Webseite www.barocke-pferdeausbildung.de Interessantes rund um das Thema Morgan Horse zu erfahren. Ein Facebook Album zu den Morgans findet ihr unter diesem Link.

 

Vielen Dank an Stefanie Niggemeier für diese Einblicke in die Welt der Morgans. 🙂

Was ist Grundausbildung, Herr Steinbrecht?

Was ist Grundausbildung, Herr Steinbrecht?

Den Begriff des „Horsemanship“ kannten sie nicht. Für sie bedeutete Grundausbildung eine Selbstverständlichkeit. Was würden Sie heute wohl zu diesem Thema sagen? Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) versammelten sich für die Ausgabe der Feinen Hilfen Nr. 16 zu einem fiktiven Gespräch:

Moderator: Meine Herren, was gehört für Sie zur Grundausbildung eines Pferdes?

Steinbrecht: Die Grundausbildung des Pferdes beginnt für mich beim Menschen, bei seiner Einstellung zum Pferde. Das Pferd ist in meinen Augen nicht bloß Reittier, sondern das vielseitig begabteste Geschöpf der Tierwelt und wir müssen uns ihm gegenüber stets dankbar zeigen. Diese Dankbarkeit soll sich in der Sorgfalt und Forschung rund um Züchtung, Erziehung und Ausbildung dieses Geschöpfes zeigen. Durch verkehrte Anschauungen und das kleinliche Verfolgen von einseitigen Zielen und Vorurteilen passieren heute die meisten Fehler. Wer die Natur des Pferdes achtet, findet heraus, dass die Grundgesetze zur Erzielung und Erziehung eines guten Pferdes nur der Natur abzulauschen sind. Die logische Konsequenz? Eine Haltung, die sich an der Natur des Pferdes orientiert, macht auch die Grunderziehung leichter.

Guérinière: Richtig, denn es gibt Pferde, denen alles Angst einjagt, wenn sie zu lange im Stall gestanden haben und das erste Mal wieder herauskommen. Diese Schreckhaftigkeit hält sicherlich nicht lange an, wenn Bewegungsmangel hierfür die Ursache ist. Man führe das Pferd also mit Geduld an die unheimlichen Gegenstände heran und überlege, ob es künftig nicht besser wäre, der Bewegungsfreude des jungen Pferdes in der Haltung entgegen zu kommen.

Pluvinel: Geduld ist überhaupt am Wichtigsten: bei der Grundausbildung ist besonderes Augenmerk darauf zu legen, dem Pferde nicht durch ungerechte Strafen den Arbeitseifer zu nehmen und seine Gutwilligkeit zu ersticken, denn die Anmut eines jungen Pferdes ist wie der Duft einer Blüte, der – einmal verflogen – nie wiederkehrt.

Moderator: Sie alle beschreiben in Ihren Werken eigentlich nur vage, was vor der Reitausbildung kommen soll. Warum?

Steinbrecht: Ich denke ich kann für uns alle sprechen, wenn ich meine, dass die Erziehung des Pferdes vor der Reitausbildung zur Selbstverständlichkeit gehörte. Stillstehen, Hufe geben, das Pferd an schreckhafte Gegenstände heranführen, das waren Notwendigkeiten, die vor dem Eintritt in eine Reitakademie selbstverständlich zur Ausbildung gehörten und weniger Worte bedurften.

Moderator: Warum ist Hilfe bei der Erziehung heute so notwendig geworden?

Steinbrecht: Wer früher ein Pferd in die Ausbildung gab, für den kam nur ein kundiger Fachmann in Frage. Denn wie jeder Vater es doch vorzieht, seinen Kindern den ersten Elementarunterricht lieber durch einen wissenschaftlich gebildeten Mann erteilen zu lassen, als durch einen beschränkten Schulmeister, so sollte doch auch heute jeder Pferdebesitzer ein junges Pferd von Beginn an einem gebildeten, kunstsinnigen Reiter übergeben.

Guérinière: Früher hatte man für den ersten Umgang mit Jungpferden, die in wildem Zustand von der Weide kamen, besondere Fachleute, die sich durch besondere Geduld, Geschicklichkeit, Unerschrockenheit und Fleiß auszeichneten. Ihre Arbeit lag darin, die jungen Tiere an den Stall zu gewöhnen, an Berührungen, an das Heben der Füße, sowie auch an Zaumzeug, Sattel und Schweifriemen. Auch die Gewöhnung an den Gurte und das erste zwanglose Aufsteigen gehörte zu ihren Aufgaben.

Pluvinel: Ich werde daher nicht müde zu betonen, dass ein rohes Pferd am besten durch einen Könner ausgebildet wird statt durch jemanden, der keine, oder sehr wenig Ahnung davon hat. Derjenige, der Pferde ausbildet muss sehr viel Geduld und Durchsetzungsvermögen haben.

Moderator: Verraten Sie uns doch, worauf Sie bei der Grundausbildung Wert legten?

Steinbrecht: Die erste Sorge des Bereiters war darauf gerichtet, das Gemüt des jungen, bis dahin in Freiheit aufgewachsenen Pferdes ruhig zu halten und vor Misstrauen und Furcht zu bewahren. Im Stall soll das Pferd daher sanft, freundlich und mit großer Geduld behandelt werden. Zum Zeitvertreib ausgeführte Liebkosungen, Spielereien und Verhätschelungen durch Zucker oder Brot taugen nichts bei jungen Pferden. Gleichmäßige ruhige Behandlung wird das gutmütige Pferd gemütlich erhalten und das schüchterne, nervöse Pferd beruhigen. Bei Beginn der Arbeit bleibe man diesem Grundsatz treu und tue dem jungen Pferd so wenig wie möglich Zwang an.

Pluvinel: Man muss schon auch den Charakter des Pferdes lesen können. Daher gilt: sobald mit der Erziehung begonnen wird, richte man sich nach Stärke, Gutwilligkeit und Veranlagung des Pferdes. Von einem jungen Pferd verlange ich nicht mehr als die Hälfte von dem, was es gerade leisten kann. Das Pferd lernt schließlich jede Aufgabe nicht anders als durch gute Gewöhnung. Ich gebe gerne den Leitsatz weiter „mehr mit dem Hirn und Geist des Körpers zu arbeiten, als mit den Beinen“ und damit mit Gefühl und Einschätzungsvermögen vorzugehen.

Steinbrecht: Da gehört für mich auch unbedingt die Motivation des Geistes dazu: denn da unser Jungpferd so viel zu lernen hat und auch in Zukunft angehalten wird, dem leisesten Wink des Reiters Folge zu leisten, sind die geistigen Fähigkeiten des Pferdes ebenso zu trainieren. Dadurch wird es auch anhänglicher und zutraulicher zu seinem Menschen.

Guérinière: Man arbeite des Pferd quasi mit allen Sinnen, dem Gehör, dem Gefühl und mit dem Gesichtssinn. Dieser wird angesprochen, wenn man dem Pferd beibringt, sich Gegenständen zu nähern, die sein Misstrauen erregen. Zu meiner Zeit richtete man Pferde vornehmlich auf den Sinn des Gehörs ab, wenn man es an das Geräusch der Waffen, Trommeln und anderen kriegerischen Lärm gewöhnte. Dies sehe ich heute vernachlässigt, denn ein unerschütterliches Gemüt hat auch mit der unaufgeregten Wahrnehmung von Geräuschen zu tun.
Der Sinn des Gefühls ist jedoch der Notwendigste, denn durch diesen lehrt man ein Pferd der geringsten Bewegung von Hand und Schenkeln zu gehorchen. Wenn wir also von der Reitkunst sprechen, trifft dies auch auf elementare Dinge wie Füße heben, dem Menschen überall hin zu folgen, auf Fingerzeig zu weichen oder stillzustehen, zu.

Moderator: Ist Grunderziehung ist auch der Moment, um Grenzen zu setzen?

Guérinière: Man muss den Charakter eines Pferdes gut kennen, wenn man Strafen richtig setzen will. Sie müssen immer der Größe des Fehlers entsprechen, allerdings darf man nicht sämtliche Fehler, die ein Pferd macht, wiederholt für Widersetzlichkeiten halten, denn größtenteils entstehen sie aus Unwissenheit oder oft auch aus einer Schwäche des Pferdes.

Pluvinel: Wenn ein Pferd sich weigert zu gehorchen, wird der kluge Ausbilder überlegen, warum das so ist. Wenn das Pferd ungeduldig, bösartig oder sogar jähzornig ist, muss man sich davor hüten, es zu schlagen. Bei einem langsam lernenden Pferd muss man die Aufgabe stark erleichtern, indem man diese genauso wie die folgenden einfach durch mehrere Wiederholungen fortsetzt.

Guérinière: Die Mehrzahl aller Widersetzlichkeiten bei Pferden ist nicht auf schlechte Veranlagung zurück zu führen. Mich wundert der heute so geläufige Begriff des „Problempferdes“. Warum sprechen wir nicht vom „Problemreiter“, der häufig Dinge von den Pferden verlangt, die sie noch nicht leisten können. Man strengt die Pferde zu sehr an. Derartig großer Zwang macht ihnen sodann die Arbeit verhasst, ermüdet sie und verschleißt ihren Körper, Sehnen und Nerven, deren Leistungsfähigkeit doch erst ihre Biegsamkeit ermöglichen.

Für Mangel an Folgsamkeit bei Pferden gibt es zwei Ursachen, nämlich äußere und innere Mängel: äußere Mängel sind Schwächen von Körperteilen, die entweder von Geburt an vorhanden oder durch Krankheit oder Unfall entstanden sind. Diese betreffen den Rücken, die Hinterhand, Gelenke, Beine oder manchmal sogar den Gesichtssinn. Innerliche Mängel, die den Charakter eines Pferdes betreffen, sind Furchtsamkeit, Weichlichkeit, Faulheit, Ungeduld, Zorn und Bosheit. Viele dieser Mängel, sind allerdings erst durch den Menschen verursacht. Zornige Pferde sind somit zu Unrecht geschlagen worden, denn die Unvernunft und üble Laune mancher Reiter macht mehr Problempferde als die Natur.

Moderator: Wann würden Sie denn überhaupt mit der Grundausbildung beginnen?

Guérinière: Das richtige Alter um ein Pferd abzurichten ist je nach klimatischen Aufzuchtbedingungen sechs, sieben oder acht Jahre. Vor dem Anreiten gehe ich nun von einem Pferd aus, das in diesem Alter ist und das man daran gewöhnt hat, die Annäherung des Menschen sowie das Auflegen des Sattels und die Zäumung zu dulden.

Moderator: Durch den Mangel an Reitakademien müssen Pferdebesitzer heute zum Ausbilder ihrer Pferde werden. Welchen Grundsatz geben sie diesen Menschen mit?

Guérinière: Halten Sie sich an die kluge Vorgehensweise der Pferdefreunde aus vergangenen Tagen, holen Sie sich fachkundige Unterstützung, dann wären weit weniger Pferde lahm, verdorben, widersetzlich und falsch.

Pluvinel: Die Pferde müssen Freude daran haben, geritten zu werden. Reiter und Pferd kann ohne diese Freude nichts mit wirklicher Eleganz und Ausstrahlung gelingen.

Steinbrecht: Und bedenken Sie stets: Es kommt nicht auf die Lektionen an, die sich das Pferd erwirbt, sondern auf deren Inhalte.

Moderator: Vielen Dank meine Herren! Hoffen wir, dass sich viele Menschen bei der Ausbildung ihrer Pferde an Ihre Worte erinnern.

Jahresrückblick 2016

Jahresrückblick 2016

2016 ist Geschichte. Wir lassen ein sehr bewegtes Jahr hinter uns. Wöchentlich gab es einen Blogbeitrag auf dieser Seite zum Nachlesen, grübeln und Tüfteln. In Graz haben wir erfolgreich 4 Kurse organisiert – und aufgrund der großen Nachfrage gibt es auch heuer wieder ein „Revival“ mit Christofer Dahlgren, Bent Branderup, Jossy Reynvoet und Annika Keller.

Ich möchte an dieser Stelle Danke sagen:
Danke an meine lieben Schüler, die meinen Alltag so gar nicht grau werden lassen! Ich freue mich sehr euren Einsatz, eure Wissbegier und euer Vertrauen!

Danke an das gesamte Organisationsteam – besonders an Eva Stix, die 2008 begonnen hat, in Graz Kurse mit Bent Branderup und Sabine Oettel zu organisieren. Ohne Eva wäre vermutlich vieles in meinem Reiterleben anders gelaufen. Danke für Alles 🙂

2017 werde ich die Kursorganisation der Bent Branderup Kurse von Eva übernehmen – die Kurse ziehen nun vom Lässerhof auf das Horse Resort „am Sonnenhof“ in Hart bei Graz.

Danke an meine vielen und sehr treuen Leserinnen und Leser des „Einfach Reiten“-Blogs. Durch euer Feedback, eure Artikelwünsche und vielen Nachfragen wird mein Blog immer interaktiver, was mich besonders freut. Auch im heurigen Jahr schreibe ich gerne auf Wunsch Artikel – immer her mit den Anregungen – ganz einfach per Mail.

Katharina Gerletz hat unser Jahr wie immer mit ihrer Kamera begleitet – daher gibt es heute anstelle vieler Worte ein Best-Of an Bildern. Viel Spaß beim Durchklicken!

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