2017 – das Ende der Hufeisen?

2017 – das Ende der Hufeisen?

Das „eiserne Zeitalter“ hat ein Ende- so prägnant wird es im folgenden Videoclip über ein neues Projekt rund um einen Hufschutz formuliert. Sabine Walters vom „Team Megasus“, wie kam es zu dem Wunsch einen Hufschutz zu entwickeln, der ohne Eisen und Nägel auskommt?

 

 

Sabine Walters: Stell dir vor, du hättest die Wahl zwischen Eisenschuhen und Sportschuhen – welche würdest du wählen, um eine Runde zu joggen?

Seit Jahren hören wir von Fachleuten aus Wissenschaft und Veterinärmedizin, dass Hufeisen wohl ein „notwendiges Übel“ seien. Das wollen wir ändern. Denn während es für uns Menschen selbstverständlich ist, moderne Technologien für die Entwicklung unsere eigenen Sportschuhe zu nutzen, laufen Pferde seit über zweitausend Jahren mit starren, unbeweglichen Eisen an den Hufen. Und das, obwohl das Material „Eisen“ als Hufschutz zweifelsohne ungeeignet ist.
Der natürliche Huf kann Unebenheiten des Bodens durch seine vertikale Beweglichkeit ausgleichen, ohne dass sich die darüber liegenden Gelenke anpassen müssen. Fixiert man den Huf durch ein starres Hufeisen, wird der Huf quasi eingegipst. Die Beweglichkeit und damit die Durchblutung des Hufs werden eingeschränkt und Sehnen, Bänder und Knochen belastet.

Jedoch haben Pferde dieselben Knochen, Bänder und Sehnen wie wir Menschen und mit Megasus Horserunners geben wir ihnen die Möglichkeit eines nicht permanenten Hufschutzes, der immer dann zu Einsatz kommt, wenn sie ihn brauchen. Denn Megasus können jederzeit an- und auszogen werden – wie Sportschuhe. Sie sind stoßdämpfend, flexibel an jede Hufform anpassbar und erlauben alle natürlichen Hufbewegungen.

Ist Megasus für jedes Pferd und jede Sparte geeignet?

Sabine Walters: Megasus Horserunners sind ein „allround“ Hufschutz, entwickelt für Freizeitreiter, die gerne ins Gelände ausreiten gehen und bei kleinen Wettbewerben mitmachen möchten.

So können Reiter ihre Pferde größtenteils barhuf gehen lassen und Megasus als Hufschutz bei längeren Ausritten oder Wanderritten, im Turniereinsatz oder bei saisonal bedingtem vermehrtem Abrieb verwenden.

Bei Bedarf ist medizinische oder orthopädische Versorgung dabei jederzeit möglich, denn Megasus können einfach ausgezogen und nach der Versorgung wieder angeklippt werden.

Es gibt noch viel zu tun. Wir tüfteln ständig an neuen Ideen und sehen die starke positive Resonanz der letzten Wochen und Monate auch als Auftrag! Deshalb planen wir, neben den Megasus Horserunners auch noch weitere Produkte zu entwickeln, die speziell auf die Bedürfnisse einzelner Sportarten zugeschnitten sind. Megasus RACE und Megasus SLIDE hört sich doch gut an, oder?

Was wenn dem Pferdebesitzer zu einem Korrekturbeschlag geraten wird?

Sabine Walters: Megasus Horserunners sind ein leichter, stoßdämpfender Hufschutz, der den Huf vor zu viel Abrieb schützt. Zudem können sie noch wie Turnschuhe an- und ausgezogen werden, so dass das Pferd Barhuf gehen und damit das Hufhorn, Sehnen und Bänder trainieren kann. Das fördert die Durchblutung und die Gesundheit. Orthopädische oder krankheitsbedingte Korrekturen werden von Tierarzt, Hufschmied/ -orthopäde angeraten und durchgeführt, d. h. die Fachfrau/ der Fachmann bestimmen die Korrektur erstmal unabhängig vom Hufschutz. Inwieweit Megasus Horserunners für Korrekturen verwendet werden kann, muss sich im Einzelfall von der Fachfrau/-mann angeschaut werden.

Was ist der besondere Unterschied zwischen Megasus, Klebebeschlag oder einem Hufschuh?

Sabine Walters: Im Grunde haben wir alle das gleiche Ziel: Wir wollen, dass es unseren Pferden gut geht und dass sie gesund sind. Das Einzigartige an Megasus ist, dass sie dank der verschiebbaren Side Clips individuell an den Huf angepasst werden können. Das Mega-Lock Verschlusssystem sorgt für felsenfesten Halt, ohne am Huf zu scheuern oder zu drücken. Und damit ihr mit Megasus auch auf nasser Wiese Gas geben könnt, verwenden wir eine harte und eine weiche Kunststoffkomponente, die für Stabilität, guten Grip und Abriebfestigkeit sorgen.

Wie funktioniert Megasus in der Praxis? Von der „Montage“ bis zur täglichen Nutzung?

  • Größe messen (Hufbreite) und Megasus Größe auswählen. http://horserunners.com/hufformen-groessen/?lang=de
  • Erstmontage in vier einfachen Schritten:
  • Markiere die Position der Mega Lock Tapes am Huf sowie den Hufumriss am Megasus.
  • Klebe die Mega Lock Tapes auf den Huf
  • Schneide den Megasus mit einer Stichsäge außerhalb der Markierung.
  • Klippe die Side Clips an das Mega Lock Tape.

Nach dem ersten Anpassen der Side Clips können Megasus jederzeit und ganz einfach an- und ausgezogen werden. Megasus Horserunners können je nach Bedarf auch 24/7 am Pferdehuf bleiben. In diesem Fall empfehlen wir, sie nach ca. 1-2 Wochen runterzunehmen, um die Hufe etwas zu bearbeiten und die Megasus danach wieder aufzustecken. So behalten die Hufe immer die gleiche Form und werden nicht zu lang.

Ist der Kleber schädlich für das Pferd und wird der Klebestreifen durch Hufbearbeitung und natürlichen Abrieb nicht Stück für Stück abgenommen?

Sabine Walters: Die Mega-Lock Tapes sind mit einem Klebeband ausgestattet wo die Klebeschicht erst durch abziehen einer Schutzfolie aktiviert wird. Dieser Kleber ähnelt den wasserfesten Klebern aus der Humanmedizin, die als Wundpflaster bekannt sind. Diese Klebebänder werden eigens für unsere Anwendung entwickelt. Das Ziel ist eine so wenig wie möglich und so viel wie nötige Klebekraft zu erzielen. Wenig invasiv, damit nie das Hufhorn beschädigt wird und doch so stark und wasserfest, dass die Mega-Lock Tapes in der praktischen Anwendung bis zu 4 Wochen am Huf verbleiben können.

In 3 Wochen wächst der Huf etwas mehr als 0,5 cm. Das auf dem Huf befindliche Mega-Lock Tape wächst mit. Geht das Pferd immer wieder Barhuf oder wird der Huf in den 3 Wochen bearbeitet, dann wird der Abstand von dem einen Zentimeter nicht beklebter Hufwand (bis zum Boden) geringer. Nach 2-3 Wochen Abrieb des Hufhorns ist also nur mehr ein Abstand von ca. 0,5cm vom Mega-Lock Tape zum Boden zu messen. Eine Verringerung des Abstands des Mega-Lock Tapes zum Boden um 0,5cm hat keinen Einfluss auf die Haltbarkeit des Megasus am Huf. Nach ca. 3 Wochen wird das alte Mega-Lock Tape entfernt und ein neues aufgeklebt. Auch ein Kürzen des Mega-Lock Tapes in der Höhe ist mit einer Huffeile möglich.

Wie lange kann der Hufschutz vom Pferd getragen werden? Also wie lange ist die Haltbarkeit insgesamt? 

Sabine Walters: Wir entwickeln die Megasus Horserunners vor allem um eines zu erreichen: mehr Bewegung! Reiten soll richtig Spaß machen, egal welche Wege oder Untergründe man zur Verfügung hat. Harter Boden oder Schotter? Hört sich erst mal gruselig an, wenn man an das klassische Hufeisen oder an barhuf denkt. Aber mit den Megasus Horserunners? Da wird es so sein wie bei uns Menschen auch: wir ziehen Sportschuhe an und rennen kilometerlang auf befestigten Straßen, Schotter oder gar Asphalt. Obwohl wir persönlich weicheren Untergrund bevorzugen, auch beim Joggen, wird ein Reiten auch auf diesen Untergründen zum Genuss mit den Megasus Horserunners. Deshalb hoffen wir, dass ihr viel mehr reiten werdet als früher! Denn Bewegung ist das halbe Leben! Und vielleicht für Pferde sogar das Ganze :-).

Je nachdem wo und wie viel ihr reiten werdet, haben wir zum Ziel, dass die Megasus Horserunners 3-6 Monate halten. Für 8-12 Wochen sind Mega-Lock Tapes im Set enthalten.

Kann der Megasus auch während einer Hängerfahrt am Huf bleiben?

Sabine Walters: Ja.

 Wie sicher ist der Megasus auf Schnee und Eis?

Megasus Horserunners können mit Stollen oder Spikes ausgestattet werden: Dazu gibt es hier ein kleines Demo-Video:

Zubehör wie diesen wird ab April 2017 in unserem Online Shop zur Vorbestellung geben.

 

Wie kann man den Megasus Hufschutz bestellen? 

Sabine Walters: Die Megasus kommen im August 2017 auf den Markt.

Derzeit kann man sie jedoch schon zu einem günstigen Vorverkaufspreis vorbestellen. Dieser Preis gilt noch bis 07.01.2017.

Der günstige Vorverkaufspreis ist ein großes DANKESCHÖN von uns an alle Vorreiter, die uns schon jetzt unterstützen. 🙂

 

Wer jetzt vorbestellt, bekommt seine Megasus im Juli 2017 nach Hause geliefert – noch bevor sie am Markt erhältlich sind. 🙂

Wird der Megasus dann vom Hufbearbeiter angepasst oder ist es eine „Do it yourself“ Möglichkeit?

Sabine Walters: Beides ist möglich!
Wer kann Megasus montieren? Natürlich jeder Hufspezialist der sich solcher neuen Techniken nicht verwehrt. Das ist kein zu unterschätzender Faktor. Man muss Spaß und Freude daran haben solch einen Hufschutz zu montieren. Dann wird das Ergebnis gut sein. Geht jemand mit Widerwillen an eine solche Sache, ist es besser er lässt die Finger davon. Widerwillen ist ein Garant für Misslingen!

Unser Gedanke war das es heute schon einige Pferdebesitzer gibt, die sich ein solches System selbst montieren können. Andere wieder werden sich coachen lassen und mit der Zeit immer mehr Handgriffe selbst übernehmen.  Und wieder andere werden wie auch jetzt schon von Spezialistinnen betreut werden.

Liebe Sabine Walters, danke für das Interview. Ich freue mich sehr, dass eine solche Innovation aus meiner steirischen Heimat kommt.

Mehr über Megasus und die Aktionen bis 7.1. gibt es auf der Website des Teams.

Meine Pferde laufen übrigens seit Jahren barhuf – im Gelände bei hartem Untergrund mit Hufschuhen. Den Megasus werden wir sicherlich auch mal testen!

 

signature2

 

 

Magic Movements

Magic Movements

Das Pferd ist nicht für die Dressur da – die Dressur ist für das Pferd da….oder auch für den Menschen. Nach einer Woche Ekeskogs und Verbesserung meiner eigenen Bewegungsqualität kann ich deutlich wahrnehmen, wie das mit der Gymnastizierung FÜR den Körper gemeint war. Heute gibt es Teil 2 meines Reiseberichts aus Schweden:

„M“ wie Mittwoch oder „M“ wie Move

Obwohl wir an diesem Tag kein Pferd reiten werden, habe ich das Gefühl am Meisten für meinen Sitz aus den „pferdelosen“ Einheiten abgeholt zu haben. Ich bin als zweite dran und darf zunächst mal observieren. Ich kann diese Reise in den eigenen Körper nur jedem Reiter zutiefst empfehlen. Es ist eine sehr intime Geschichte.

Wie fühlt sich Glück an? Das würden wir wohl alle ganz anders beschreiben.

Meine Schilderungen sind ein Versuch, wiederzugeben, was auf Gotland passiert ist.

Hanna lässt mich wählen, welche Hand ich auf dem Zirkel bevorzuge. Ich starte rechts herum. Fühlt sich irgendwie besser an. In meiner Brustwirbelsäule sitzt noch immer dieser Schmerzpunkt. Wie ein Finger, der sich seit meinem Unfall von 1997 immer wieder mal in meine Wirbelsäule bohrt und auf Höhe des Sternums zu lokalisieren ist.
Ich laufe los. Wir sortieren zunächst mal mein Tempo. In welchem Tempo fühle ich mich wohl? Es ist ein erstaunlich schnelles, ich habe viel Energie an diesem Tag. Hanna moderiert quasi durch meinen Körper. Schwingt die Wirbelsäule, wie fühlt sich die Bewegung an? Welchen Fuß belaste ich mehr, wo zeigen meine Zehenspitzen hin? Wie schwingen meine Arme nach vorne.

Es wird spannend. Zunächst kann ich meine Arme eigentlich am Wenigsten spüren. Ein eigenartiges Gefühl. Ich gehe weiter. Spüre die Bewegung meiner Hüfte. Rund. Hanna lässt mich mit den Kreisen aus meiner Hüfte spielen. Mal mache ich sie größer, mal kleiner. So wie ich es am Tag zuvor auf Indio spüren konnte. Hier habe ich das Pferd beeinflusst, was passiert aber nun mit mir selbst – in mir? Ich nehme den Boden unter meinen Füßen ganz anders wahr. Meine Bewegungen werden weicher, gleitender. Plötzlich ist da ein Kribbeln in meinem Arm. Zuerst im linken. Wir machen einen Handwechsel. Nach einigen Runden kann ich nun auch die Hüfte besser nach vorne schwingen, die Rotation und Schwingungen meiner Wirbelsäule übertragen sich nun auch auf meinen rechten Arm.

Wie war das nochmal mit den „natürlichen Gängen“ des Pferdes?

Je geschmeidiger die Bewegung des Pferdes, umso eher kommt der Reiter zum Sitzen. Meine Hüften bewegen sich geschmeidiger über den Hallensand und dann kommt der Moment, wo ich endlich schmerzfrei bin. Der Atem fließt und je weiter ich laufe, umso eher komme ich auf beiden Händen in eine sehr angenehme Balance. Wo sich Bewegungen zuvor angespannt und anstrengend angefühlten könnte ich nun ewig so weiterlaufen.

Nach der Mittagspause arbeiten wir im Warmen weiter an meiner Bewegungsqualität. Vom Schritt auf der Stelle arbeiten wir uns in einen Mambo-Rhythmus, Schritt im Schulterherein oder im Kruppeherein. Und plötzlich bin ich geradegerichtet.
Meine Schultern schwingen frei in der Bewegung, ich spüre keine Steifheit mehr. Ich habe keine besonderen gymnastischen Übungen dafür gebraucht. Kein Strechen, dehnen oder Arbeit an der Kraft. Ich bin eigentlich nur auf der Stelle gelaufen, aber dies korrekt und natürlich.Trotzdem merke ich am nächsten Tag einen leichten Zug in meiner rechten Hüfte. Nicht unangenehm – also kein Muskelkater. Interessiert nehme ich die Veränderungen in meinem Körper wahr und bin gespannt, welche Änderungen ich auf dem Pferderücken wahrnehmen werde.

Mittwoch Abend sind einige Schüler bei Hanna für eine Theorieeinheit eingeladen. Hanna erklärt die Struktur der Ausbildung in der Akademischen Reitkunst. Dabei werden vor allem die einzelnen Positionen in der Boden-, Hand-, Longenarbeit, dem langen Zügel und dem Crossover diskutiert. Der Vorteil einer durchdachten und detaillierten Ausbildung am Boden liegt für Hanna vor allem im Körperbewusstsein. Nicht nur der Mensch entwickelt ein anderes Körperbewusstsein – auch das Pferd. Hanna verwendet nicht nur für die Schulung des Sitzes Elemente aus dem Tanz – auch in der Theorie bespricht sie mit den Teilnehmern die Frage der Führung. Wer ein guter Tänzer sein möchte, der muss auch führen können – und ebenso geht es uns mit dem Pferd. Möglicherweise haben hier viele Zuhörer – oder jetzt eben auch der Leser sofort an „Erziehung“ gedacht. Das ist die eine Sache – wie schwer es sein kann sich führen zu lassen fühlen wir am nächsten Tag auch ohne Pferd.

Donnerstag: Von Herzen…

Schon mal den eigenen Puls ganz bewusst gefühlt? Ich ertaste meinen Herzschlag an meinem Handgelenk und begreife, warum ich ein schnelleres Tempo am Vortag bevorzugt habe. Wenn ich mich mit meinem Herzschlag im Rhyhtmus bewege, dann spüre ich gleichzeitig auch viel Energie. Lege ich den Fokus deutlich auf meine Atmung kommt es zu einer Entschleunigung. Ich muss mich zwangsläufig langsamer bewegen.
Fügen wir nun ein Pferd hinzu. Gleicher Herzschlag? Gleicher Rhythmus der Atmung? Mitnichten. Sich führen zu lassen ist also nicht nur eine Frage von Gehorsam, hier kommt so deutlich zum Ausdruck was Gustav Steinbrecht mit Reitertakt, oder Gefühl für das Pferd gemeint hat.

Ich reite Indio an diesem Tag zweimal. Unsere Hüften kommunizieren ganz wunderbar miteinander. Ich kann mich mittlerweile besser auf einzelne Körperteile fokussieren – egal ob Pferd oder Mensch. Im Trab habe ich endlich das Gefühl von Stabilität in mir, ohne undurchlässig zu werden. Ich spüre Indios Atmung, meine Hände begleiten meine Atmung, wenn ich Indio löse bzw. mit sanften Paraden arbeite. Wir atmen beide zufrieden aus. Was für ein Tag.

Freitag – oder die Sache mit der „Dame“

Der letzte Tag. Ein lachendes und ein (sehr) weinendes Auge. Ich freue mich riesig auf meine Pferde und ihr Feedback zum neu erworbenen „gotländischen Sitz“.

In der Halle laufen wir uns warm. Diesmal nicht nur auf dem Zirkel, sondern auch auf der Geraden. Mein Körper reagiert praktisch auf alle Schwierigkeiten, die man auch vom Reiten kennt. Zirkel. Das ist jetzt bekannt. Aber wie sieht es mit der Geraden aus? Und wenn wir ein wenig Stellung in den Körper hinzufügen, ein wenig Biegung, ein wenig Schulterherein und Kruppeherein? Ich nehme an diesem Tag sehr deutlich wahr, dass sich in meiner rechten Hüfte nach wie vor „was tut“. Aber ich bin mit meinem rechten Bein unzufrieden. Das möchte sich gerne fest in den Boden rammen.

Großhirn an Kleinhirn und so weiter an rechten Fuß: Könntest du den Fuß etwas sanfter absetzen?

WAMM. Es klappt nicht. Ich sage es meinem Bein, aber ich erhalte keine gewünschte Reaktion. Sagen reicht nicht, man muss sich gesund bewegen. Ich spiele mit meiner Hüfte, erlaube mal ein wenig mehr Vorgriff, mal nehme ich mich etwas zurück. Spüre die Verlagerungen meines Schwerpunkts. Und immer wieder komme ich zu einem angenehmen Auffußen des rechten Beins. Erstaunlich.

Wir arbeiten weiter mit der Energie zu zweit. Werden wir unseren Schwerpunkt übereinstimmend nebeneinander behalten? Ist das Tempo des jeweils anderen angenehm für uns? Spannend, wie man plötzlich in Einklang kommt – so ganz ohne sich gegenseitig zu berühren – lediglich durch ein Gefühl sind wir miteinander verbunden.

Ich bin nach wie vor erstaunt, wie viele AHA-Effekte die „Trockenübungen“ für uns bereit halten. Ein gewaltiger AHA-Effekt war dann auch das abschließende Reiten im Damensattel auf „Matcho“. Hannas treue Seele ließ uns ein ganz anderes Sitzgefühl spüren. Sogar in Piaffe und ein wenig Schulgalopp – da mussten wir dann beide – Simone und ich einen ordentlichen „Juchaza“ loswerden.

Ich habe mir sagen lassen, dass man Gotland nur sehr schwer verlässt – oder ist es eher Hannas ganz spezielles Ekeskogs das man so gar nicht verlassen mag?

Während ich diese Zeilen schreibe sitze ich im Flieger. Diesmal nicht verspannt, sondern relaxed. Sollte die Reise inklusive schweißtreibender Sicherheitskontrolle (Milchschäumer sind ja auch wirklich sehr gefährliche Gerätschaften) dann doch am Tag danach Verspannungen zu Tage bringen werde ich sie einfach weglaufen. Mit schwingendem Rücken. Ganz natürlich.

signature2

 

I really want to thank Hanna and her family for their hospitality. We had a really great time on Ekeskogs. Thanks for Hannas trust, patience and effort she has put into our education during the week. I can truly recommend Hanna`s seat programm for riders. It is really inspiring for everyone who wants to learn more about body awareness and healthy movements. I will of course come back in December 2017!!!

PS: Die Rückreise konnte meinem Rücken nichts anhaben. 🙂

Hanna Engström zum Nachhören gibt es auch in meinem Podcast

 

 

 

 

 

Eat-pray-ride

Eat-pray-ride

Eine Woche Ekeskogs. Da gibt es viel zu sagen. Und es wird persönlich. Eine Sitzschulung bei Hanna Engström ist wesentlich mehr als zu lernen, besser auf dem Pferd zu sitzen. Nicht nur auf dem Pferd, sondern auf den eigenen zwei Beinen kann sich Bewegung deutlich verbessern.

Samstag früh. Ich sitze in Flugzeug Nummer eins. Sechs Uhr morgens, es ist kalt, ich habe einen Polster mitgebracht und schaffe es doch irgendwie im Flieger zu schlafen. Zum Glück habe ich einen Fensterplatz zum Anlehnen. Aber trotzdem habe ich danach ein steifes Genick. Zwei weitere Flüge später spüre ich Schmerzen in der Brustwirbelsäule und mein Genick fühlt sich nun komplett versteift an. Nichtsdestotrotz landen wir spät am Abend auf Gotland. Ich bin gespannt auf den ersten Tag bei Hanna Engström und bin doch irgendwie quasi dankbar für die vielen Versteifungen in meinem Rücken, da werden wir doch einiges zu tun haben.

Erde, Wind und Feuer

Gemeinsam starten wir in den ersten Tag mit Hanna Engström.

Wir treffen uns bei der Reithalle und besprechen zunächst mal alle Wünsche und Erwartungen für die kommende Woche. Ich möchte gerne etwas mehr Stabilität in meinen Sitz bekommen, denn ichhabe aufgrund einer gewissen Überbeweglichkeit oftmals das Gefühl zu viel im eigenen Körper zu schwingen.

Bevor es ans Reiten geht, haben wir alle das Bedürfnis nach Erdung. Hanna selbst war das ganze Wochenende im Flieger unterwegs. Wir schnappen uns warme Overalls und turnen zwischen den großen Bäumen zwischen den Wohnhäusern von Ekeskogs. Zunächst geht es gleich mal abwärts. Am Boden liegend schnuppern wir an der Erde. Ich rieche Moos, Flechten, Erde. Ein unglaublich intensives Aroma.
So geht es den Pferden, wenn sie ihre Nase zum Boden strecken. Wir atmen uns in Entspannung, spüren ganz tief in unseren Körper. Ich spüre noch immer mitten in der Brustwirbelsäule Schmerzen. Ein Schmerz, der seit meinem Unfall mit Kobold eigentlich immer latent da ist. (Der Unfall ist nun rund 20 Jahre her, Kobold war bergab ausgerutscht und ist rücklings mit mir drauf in einen Bach gestürzt).
Ich atme tief ein. Hanna begleitet unseren Atem und führt uns durch die nächsten Übungen mit einer großen Sensibilität.

Zu Hause hatte ich in den letzten Wochen einen sehr straffen Zeitplan. Ich spüre, wie ich meine innere Uhr langsam abschalten kann und alles einfach mal passieren lasse. Wir sollen uns am Boden bewegen wir ein Wurm. Ohne Muskelkraft. Vielleicht schaffen wir es am Boden liegend ein wenig vorwärts, ein wenig rückwärts. Jeder „kriecht“ ganz für sich und ganz im Stillen lassen wir eine Transformation in eine „Schlange“ passieren. Nun rollen wir uns am Boden hin und her, vorwärts und rückwärts. Die Bewegungen fühlen sich gut an. Ich rolle mich über meinen Körper, versuche wirklich nur über die Bewegung meiner Wirbelsäule irgendwie weiter zu kommen. Es macht Spaß. Wir kommen langsam zur Ruhe und sollen in den Himmel schauen. Ich habe das Gefühl endlos den weiterziehenden Wolken nachschauen zu können.
Der Wind lässt die Zweige der großen Bäume über mir sanft schaukeln. Zeit spielt keine Rolle mehr. Wir wollten doch noch reiten? Ganz egal. An Aufstehen ist irgendwie nicht zu denken. Nur weil die Anweisung von Hanna kam, schaffe ich es doch irgendwie mich aufzurichten. Der Schmerz ist schon bessser. Ich atme ganz bewusst in Richtung meiner Brustwirbelsäule. Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich nun anders an. Intensiver. Ich spüre meinen Fußballen und merke, wo in meinem Körper mehr Belastung stattfindet. Wir wandern auf der Wiese umher und sammeln uns langsam auch wieder mental ein. Ich atme ruhig.

In dieser angenehmen Ruhe spazieren wir zu den großen Koppeln von Hanna und holen die ersten Pferde ab. Ich werde eine der braunen Lusitano Stuten reiten.
Es fühlt sich ungewohnt an, ein Pferd zu putzen und zu satteln, das ich nicht kenne. Irgendwie fühle ich mich wie ein Eindringling, obwohl wir die Zeit haben quasi stillstehen lassen, obwohl wir so viel für Erdung getan haben am Vormittag. Mein gefühltes „Überfallskommando“ steigt in den Sattel und soll sofort mal kräftig hinführen. Hanna will alles wissen: Ob ich die Wirbelsäule von Genick zum Schweif spüre. Ich spüre alles sehr gut unter mir, den Hals vor mir würde ich noch gerne etwas deutlicher wahrnehmen, gebe ich zur Antwort. Wo verlagert das Pferdchen mehr Gewicht hin? Welches Vorderbein ist mehr belastet? Wo fußt das innere Hinterbein auf und wie? Wo fußt das äußere Hinterbein auf? Belastet das Pferd mehr am Ballen oder an der Zehe den Fuß? Wo zeigt die Zehe hin? Fragen über Fragen. Im Endeffekt habe ich alles richtig gespürt. Hanna betont außerdem:

Gefühle haben immer recht. Denn wem soll man vertrauen, wenn an sich selbst nicht vertrauen könnte?

Nun beginnt die Arbeit mit dem eigenen Körper. Hanna ist mein „Reiseleiter“ durch meinen verspannten Körper. Stute Viviane und ich sind an der Longe auf dem Zirkel unterwegs. Ich soll nun die Bewegungen meiner Hüfte erfühlen und beschreiben. Ein eigenartiges Gefühl, mal nur hin zu spüren und nicht sofort Einfluss zu nehmen. Ist es rund oder gerade, weich oder steif? Hanna stellt sämtliche Optionen zur Verfügung. Meine Hüften fühlen sich miteinander verbunden an, ich spüre einen Kreis, aber irgendwo steckt es auch. Runde um Runde fokussiere ich auf einen anderen Körperteil – und es zeigt sich – Bewegungsqualität lässt nicht erhalten, wenn man sich leicht ablenken lässt.
Nicht nur Hanna gibt Feedback, auch unter mir gibt es richtig viel Info. Viviane reagiert auf die kleinste Änderung in meinem Körper, wenn sie mit mir zufrieden ist schnaubt sie laut und lässt ihre Bewegungen noch feiner werden. Ein Handwechsel macht die Harmonie zunächst mal gleich zunichte. Ich muss mich völlig neu sortieren – und ich stelle fest: Mit extremer Achtsamkeit auf meinen Körper fühlt sich dieser Zirkel nun völlig anders an. Hanna entlarvt die Hausübung der kommenden Tage: Eine Diagonale in meinem Körper ist quasi super soft und sehr durchlässig, aber eben nur eine. Es gilt also die zweite Diagonale in meinem Körper zu finden und ebenso geschmeidig zu machen. Hier wäre auch die Ursache für mein „instabiles Gefühl“.

Tag eins wird mit einem wundervollen Sonnenuntergang beendet. Farbenspiele auf Gotland. Das hat was. Sehr zufrieden und in uns ruhend stehen wir am Strand und lauschen den Wellen. Unnötig zu sagen, dass hier viel los war in meinem Kopf.

Tag Zwei

Am zweiten Tag stehen die nächsten Sitzeinheiten am Programm. Hanna findet für jeden Moment die richtigen Worte. „Melt down“! „Breath“! „Feel the movement in your spine“, „Do you feel the movement of your shoulder blades“?

Ich reite erneut Viviane, die mir erneut ganz wunderbar Feedback gibt. Rechts herum fühle ich mich super wohl, links herum merke ich, wie meine linke Schulter und meine linke Hüfte gerne im Gleichklang nach vorne schwingen würden. Ich bin beinahe schon entsetzt. Dieses Bewegungsmuster hatte ich in meinem Körper recht gut kaschiert könnte man sagen. Doch Hanna entgeht nichts.

Aber, wie sie selbst sagt ist sie nicht auf der Suche nach Fehlern, vielmehr stellt sie auch an diesem Tag Fragen über mein Gefühl im Sattel.

Wer sich von Hanna strikte Anweisungen erwartet, a la „Kopf hoch“, „Absatz tief“, „Ellenbogen anlegen“ oder ähnliches – der wird völlig überrascht sein vom feinfühligen Unterricht auf Ekeskogs. Hanna arbeitet sich Frage für Frage durch meinen Körper und schickt mich auf eine Reise des Bewusstseins. Ich spüre meine eigenen Blockaden. Und keine Anweisung, sondern eine weitergehende Frage trägt dazu bei, dass ich meinen Sitz ganz selbstständig verbessern kann. Nun wird auch die Wahrnehmung über meine Hüftbewegung immer klarer. Ich habe ein immer „runderes Bild“ vor Augen. Die Bewegugen aus er Hüfte lassen sich immer feiner über meine Wirbelsäule in die Schultern übertragen. Jetzt weiß ich wirklich – oder besser gesagt spüre an mir sehr deutlich, wie das mit dem freien Schwingen der Vorhand gemeint ist.

Ein Außenstehender würde möglicherweise sagen: ist doch nicht viel passiert. Ihr seid auf jeder Hand ein wenig Schritt an der Longe geritten. Richtig. Viel Action war da rein äußerlich nicht. Aber innerlich tut sich so einiges. Deswegen ist auch Stärkung und Erholung der nächste Programmpunkt.

Dank Simone Garnreiter wird die Reise auch zum kulinarischen Genuss. Die schwedische Sitzschulung wird durch indische Köstlichkeiten mit viel Gemüse auch zum Gaumenschmaus.

Kurz mal ganz persönlich: Wer mich gut kennt, der weiß, dass ich nicht sonderlich Freude am Kochen habe. Wohl aber am Genießen. Als Simone mir erklärt, warum sie welches Gewürz in den heißen Topf mischt, wird mir klar, dass es ähnlich mit unseren Reiterhilfen sein muss. Jede Zutat kann ihren optimalen Geschmack nur dann entfalten, wenn sie zur rechten Zeit hinzugefügt wird. Sekundarhilfen können somit auch durch das richtige Timing zum Geschmacksverstärker werden.

Ein Geschmacksverstärker ist auch Indio – oder anders gesagt – ein PRE Hengst ganz nach meinem Geschmack. Indio besticht durch Höflichkeit und Sanftheit – und durch ganz wunderbare Bewegungen. Mit ihm tauche ich am Nachmittag in den nächsten Schwung: den Trab. Hier wird nun auch klar, wie vielfältig ich meine Hüfte einsetzen kann. Ich fühle wunderbar runde Bewegungen von Indio unter mir, aber nur so lange meine Hüfte die Hinterbeine auch kontinuierlich unter sich behält. Hanna achtet sehr genau darauf, ob ich die Hinterhand von Indio bewege, oder ob Indio durch seine Hinterhand mich bewegt. Im zweiten Fall fühle ich mich im Oberkörper wieder ein wenig instabil und zu „weich“.

Das Gefühl von Stabilität durch korrektes diagonales Schwingen in meinem Sitz zeigt mir nochmal Chavall. Meine linke Seite hat sich bereits so verbessert, dass ich hier wesentlich besser zum Sitzen komme – nun wird meine ursprünglich bessere Seite – also rechts herum in der Piaffe ein wenig zu weich. Hanna korrigiert, macht mich darauf aufmerksam über die Größe meiner Hüftbewegung die Schwingung in meiner Wirbelsäule zu observieren – und schon habe ich wieder ein besseres Gefühl.

Von der Piaffe gehts zur Pasta. Ich habe viel zu Verdauen – in diesem Fall nicht Simones herrliche Bolognese, sondern das Gefühl kleiner Bälle in meiner Hüfte, kleiner Bälle in meinen Schultern und die Sache mit der Verschmelzung.

Ich habe gemerkt, dass mir bei Hannas Sitzschulung ein kleiner Appetithappen gereicht hat, um viel zu verdauen zu haben. Aber es lag nichts schwer im Magen. Darum ist mein Reisebericht auch zweigeteilt – nächsten Mittwoch folgt daher für alle Neugierigen die Fortsetzung….

 

 

signature2

PS: Ein riesiges Dankeschön an Simone Garnreiter für die schöne Reisebegleitung, den konstruktiven Austausch, die kulinarische Weiterbildung und die vielen Fotos! Simones Gotland Album gibts hier

Als Pädagoge halten Sie lieber vornehmen den Mund

Als Pädagoge halten Sie lieber vornehmen den Mund

Der Ton macht die Musik. Man könnte meinen in der vornehmen Reitkunst wäre ein vornehmer Ton zweifelsohne Bestandteil des Unterrichts. Weit gefehlt. Immer wieder berichten mir Reiter vom „rauen Ton“ in der Halle. Dass es bei der Pädagogik auf Einfühlsamkeit, Empathie, gute Formulierungen und achtsame Begleitung ankommt – das wußten auch die Alten Meister. Für die Ausgabe Nr. 15 der Feinen Hilfen habe ich sie interviewt:

Wer früher guten Reitunterricht wollte, hat die alten Meister der Reitkunst aufgesucht: Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) oder Gustav Steinbrecht (1808-1885). Sie kannten einander zwar nicht, als hervorragende Pädagogen wäre ihnen der kollegiale Austausch aber sicherlich wichtig gewesen. FEINE HILFEN bittet daher nachträglich zum Runden Tisch:

FEINE HILFEN: Wie sehen Sie die heutige Reitpädagogik?

Pluvinel: Sie ist so laut! Man kann Menschen besser ausbilden, indem man wenig spricht und wenn, dann nur im richtigen Augenblick. Einige Ausbilder glauben, nur wenn man die ganze Zeit schreit und brüllt, wäre man würdig, Reitlehrer genannt zu werden. Ich halte diese Vorgehensweise für sinnlos. Ein unerfahrener Reitanfänger ist schon so befremdet darüber, sich auf einem Pferd zu sehen, auf dem er sich unwohl fühlt und dessen Übermut ihm Angst macht, dass der Reitlehrer mit seinen Drohungen die Aufregung nur steigert. Natürlich sehe ich sowohl gestern wie auch heute den Wunsch nach einer schnellen Ausbildung. Allerdings halte ich mehr von der Devise „Lieber wenig korrekt, als viel erreicht, aber mit Fehlern durchdrungen.“

Steinbrecht: Wenn ich heute in die Reithallen blicke, sehe ich üble Vorahnungen von mir bestätigt. Es kann doch kaum etwas Verkehrteres geben, als den Schüler auf einen abgetriebenen und struppierten, gar verbogenen und vertrackten Philister zu setzen. Auf einer armen Karikatur von einem völlig unausbalancierten Reitpferd sollen die Schüler in den so genannten Normalsitz hineingezwängt werden. Ich zweifle an der Möglichkeit, so reiterliches Feingefühl zu entwickeln.

FEINE HILFEN: Und wie sollte es sein?

Guérinière: In einer gut geführten Reitschule sollte man einen Reiter nach der Trabschulung zwischen den Pilaren auf einem Pferd reiten lassen, das piaffieren kann. Da das sehr leicht ist, würde er dadurch lernen, sich elegant auf dem Pferd zu halten. Danach bekommt er ein Pferd das halbe und danach ganze Courbetten macht, es folgen Ballotaden und Croupaden und abschließend die Capriolen. Dadurch lernt der Reiter nach und nach die wahre Art anzunehmen, nämlich ruhig und gerade zu sitzen.

Pluvinel: Reitkunst bedeutet für mich auch die Möglichkeit gute Eigenschaften wie Konsequenz, Sanftmut, Geduld und Wissbegierde zu entwickeln. Daher ist es wichtig, dass zumindest einer von beiden – Pferd oder Mensch – etwas kann. Sonst nehmen beide schlechte Eigenschaften an. Ein erfahrenes Pferd lehrt den Menschen also nicht nur den korrekten Sitz, sondern lehrt auch den so notwendigen Reitertakt. Unter Reitertakt verstehe ich das feine Gefühl zu dem und für das Pferd. Auch gerät der Mensch oft in gefährliche Situationen, wenn nicht lange Erfahrung, gepaart mit Verstand und Umsicht, dies verhindern.

Steinbrecht: Für den Reiter ist es überhaupt die wichtigste Bedingung, loslassen zu können. Wer nicht selbst losgelassen ist, wird diesen Zustand beim Pferde ebenso wenig erreichen können. Daher soll der Mensch die Teile des Körpers, durch die er sein Pferd fühlt, weich und natürlich lassen. Ich würde den Reitschülern von heute gerne die Augen verbinden, um den Gefühlssinn noch deutlicher zu schulen. Eine Maßnahme, die dem der Natur entfremdeten Städter ungemein bei der Entwicklung des Reitertakts helfen könnte.

FEINE HILFEN: Abgesehen vom einfühlsamen Sitz, was müssen Schüler noch lernen?

Pluvinel: Reiten mit Köpfchen ist das Stichwort. Ich möchte den denkenden Schüler ausbilden. Denn der Reiter muss seinen Kopf ständig arbeiten lassen und jede Art von Gelegenheit abpassen, um sein Ziel zu erreichen. Es darf keine Möglichkeit geben, die er nicht erkennt und nutzt.

Steinbrecht: Ohne Kenntnisse der Wirbelreihen, deren Funktionen und Biegsamkeit, lassen sich Hals, Genick, Rückgrat und Hinterschenkel weder auf einem noch auf zwei Hufschlägen bearbeiten. Stichwort Huf-Schlag. Wenn meine Schüler den Unterschied zwischen einem beschlagenen und unbeschlagenen Pferd erfühlen, dann ist das schon ein Meilenstein. Ein unbeschlagenes Pferd ist schließlich auch für den Reiter bequemer zu sitzen, da es die eigenen Glieder weniger anstrengen muss.

Guérinière: Reiten ohne theoretische Grundlage ist eine rein mechanische Angelegenheit, deren ganzer Erfolg in gezwungener und unsicherer Ausführung besteht. Anfänger lernen so nicht Fehlerhaftes vom Richtigen zu unterscheiden. Daher warne ich Schüler davor, ungefragt etwas nachzuahmen, ohne es theoretisch hinterfragt zu haben.

FEINE HILFEN: Was sind die wichtigsten Inhalte eines guten Unterrichts?

Steinbrecht: Reite den Inhalt und nicht die Lektion! Das Gymnasium des Pferdes lässt sich auch in der Erlernung der Hilfengebung für den Reiter zu Rate ziehen. Neben der Primärhilfe Sitz werden die Sekundärhilfen, die vortreibenden, verhaltenden und unterstützenden Hilfen geschult.

Pluvinel: Es gibt ein Zuviel und ein Zuwenig an Inhalt: Als Pädagoge sollte man auch immer überlegen, wann man Fehler korrigiert. Sollte der Schüler am Anfang der Ausbildung bei der Körperhaltung oder bei der Führung des Pferdes Fehler begehen, dann muss man die Ursache berücksichtigen, die den Fehler heraufbeschworen hat. Möglich wären ein unsicherer Sitz, Aufregung oder eine schlechte Auffassungsgabe. Solange Unsicherheiten bestehen, muss man den Schüler lehren sicher zu sitzen, statt ihn zu tadeln. Und ist der Schüler aufgeregt, dann kann man ihn nicht für seine Fehler rügen. Denn er hat nichts anderes vor den Augen, als die Anspannung, die ihn taub macht für alles, was man ihm sagen könnte.

Es gibt auch sehr viele Reiter, die etwas falsch machen, weil sie nicht fühlen, weder sich selbst noch das Pferd. Daher ist es wichtig, den Schüler auch Fehler begehen zu lassen und Zeit zu geben für deren Bemerkung und Korrektur. Unsere Schützlinge sollen nicht ständig darauf warten, alles gesagt zu bekommen, sonst schläft ihr Verstand infolge der Erwartungshaltung ein.

Guérinière: Was ich natürlich jedem Schüler mitgeben möchte, ist ein korrektes Schulterherein, die schwierigste aber auch nützlichste gymnastizierende Übung. Wobei ich auch hier zuallererst die Auseinandersetzung mit der Theorie empfehle. Denn alle Wissenschaften und Künste haben ihre Regeln und Grundsätze. Die Reitkunst ist keine bloße Übungssache, das muss den Pädagogen wie Schülern klar sein!

FEINE HILFEN: Danke für das Gespräch!

Pin It on Pinterest