Magische Meetings mit dem Pferd

Magische Meetings mit dem Pferd

Muss es immer Arbeit sein? Wissen wir eigentlich wo wir sind? Und was unser Körper sagt? Sind wir anwesend? Jossy Reynvoet brachte uns aus Belgien eine Menge „Awareness“ mit. Ein Kurswochenende, das wohl vielen eine Auszeit von der eigenen Kopflastigkeit brachte und das Zusammensein mit unseren Pferden nachhaltig verbesserte.

Was heißt denn eigentlich Freiheit oder Liberty?

Ich hocke im Sand im Roundpen. Meine Fuchsstute Tabby steht vor dem Ausgang und weiß nichts mit mir anzufangen. Ich gehe nicht drauf ein. Es ist absolut ok.

Sie ist. Ich bin. Wir sind.

Aber in diesem Moment noch nicht gemeinsam.

Dann plötzlich bewegt sie sich auf mich zu. Ich strahle über das ganze Gesicht. Tabby beschnuppert mich sanft. Ich betrachte den Wirbel auf ihrer roten Stirn. Das Abzeichen. Ihre neugierigen Augen. Mir wird bewusst, wie sehr ich diese aufgeweckten, immer neugierigen und auf ihre Art amüsierten Augen liebe.

Ich kann es nicht lassen. Vor lauter Freude strecke ich den linken Zeigefinger nach ihrer Nase aus. Und da ist es schon vorbei. Unser Zusammensein wird von mir kaputt getreten.

Tabby schreckt zurück. Nicht vor Angst. Ich weiß es ja eigentlich ganz genau.

„Berühre mich nicht im Gesicht“. Sie mag es nicht – und ich mag es eigentlich auch nicht. Ich bin kein Mensch, der sich plötzlich und überfallsartig gerne von anderen umarmen lässt. Tabby tickt da eigentlich ganz gleich. Und obwohl wir uns da so ähnlich sind vergesse ich vor lauter Freude ihre Intimzone zu respektieren.

Tabby entfernt sich. Jossy steht am Zaun und schickt mich durch das Roundpen. Ich soll meine Positionen wechseln. Tabby kann und soll selbst entscheiden was sie machen möchte – und ob sie überhaupt Lust hat etwas mit mir zu unternehmen.

Sie hat. Ich sitze auf der Brüstung des Roundpen und es dauert nur ein paar Sekunden, da steht mein schlaues Füchslein wieder neben mir und beschnuppert mich. Diesmal soll ich fragen, ob ich mich auf Tabbys Rücken schwingen darf. Das mit dem Einparken klappt nicht auf Anhieb. Die Gerte als mein verlängerter Arm soll helfen. Tabby kennt diese Hilfe – aber heute – wo wir nicht an Arbeit denken, wo sie tun und lassen kann, was sie möchte zeigt sie mir deutlich, was sie von meiner Frage hält. Und Tschüss; ist die Antwort. Tabby entfernt sich wieder von mir.

Es waren spannende Momente mit Tabby im Roundpen. In den letzten Monaten haben wir viel an der Bewegungsqualität getüftelt.

Und manchmal, ja manchmal kam dann doch vor lauter Kopfarbeit die Beziehungsarbeit – das einfach Sein zu Zweit zu kurz.

 

Liberty heißt für Jossy Reynvoet also, dass das Pferd die Freiheit hat zu entscheiden.

Für den Menschen heißt das: Keine Erwartungshaltung. Meetings nennt der sympatische Belgier diese Treffen mit dem Pferd.

Wie viel Freude ein solches Meeting machen kann, zeigen Jossy und Pasjo in folgendem Film.

 

Ein Kurs oder ein Meeting

Schnell wurde den Teilnehmern am Samstag und Sonntag klar, nachdem sie die einfühlsame Theorie rund um Körpersprache und Achtsamkeit von Jossy gehört hatten –wir wünschen uns alle ein Meeting mit dem Pferd.

Anton der Bewegungskünstler

Jeder kennt sie – die bekannten Vorher–Nachher Bildvergleiche. Egal ob es um Diäten oder Trainingserfolge geht. Spannend sind aber auch die Vorher – Nachher Beschreibungen. „Sparsam mit Energie“ – so hatte Eva ihren Warmblut-Wallach Anton vor dem Kurs beschrieben. Sparsam? In der Freiarbeit mit Jossy geizte Anton nicht mit Energie. Jossy und Eva forderten Anton einfach zum Herumtollen auf. Immer wieder folgte der dunkelbraune Wallach der Einladung bis Eva schließlich Seite an Seite schwungvollen, energetischen Trab und gesetzte, aufwärts getragene Galoppsprünge von Anton abfragen konnte. Ohne Kappzaum, ohne Longe. Nur gespiegelt. Und Anton zeigte, dass er wirklich Spaß an Bewegung hatte.

Binnen wenigen Minuten gab es so große Veränderungen in Mensch und Pferd – Gänsehautfeeling pur.

Aber nicht nur für dieses Paar.

Mikado, der Hengst und die Stute

Anja brachte überraschend und Last Minute ihren Youngster Mikado mit zum Kurs. Mikado ist ein dreijähriger Welsh Cob. Bislang hat er Anja und ihren Oldie Maybe im Gelände als Handpferd begleitet, hat uns am Reitplatz bei der Arbeit mit Maybe zugesehen oder war mit seiner Anja einfach mal im Gelände am Strick spazieren. „Eingeschult“ ist Mikado also noch nicht. Durch Maybes Verletzung war es für ihn also nicht nur Kurspremiere. Überhaupt: Sein erstes Mal in einer Halle – und dann schon ein paar Führübungen. Jossy unterstützte die beiden mit vielen spielerischen Elementen. Dabei simulierten Jossy und Anja gemeinsam Bewegung in der Herde. Das Ziel: Spaß an der Bewegung mit dem Menschen, Spaß am Zusammensein und am Lernen. Am Ende der Einheit wälzte sich Mikado zufrieden neben seiner Anja im Sand. Nähe und Verbindung waren deutlich spürbar. Mikado meisterte seine erste Aufgabe also ganz toll und wurde durch sein charmantes Auftreten zum Herzensbrecher des Kurses.

Zita, die magische Weise und Picasso der Malerische

Andrea und Lipizzanerstute Zita sind erst seit wenigen Monaten „zusammen“. Dass die beiden sich erst seit Jänner kennen, war für das Publikum bei Weitem nicht zu sehen. Besonders schön zu sehen: Andrea konnte sich mit Zita über Kleinigkeiten freuen und so wuchs Zita auf ihrem ersten Kurs „in der Fremde“ auch über sich hinaus. Aufmerksam lauschte sie Jossy und Andrea, als diese mit Hilfe von Körpersprache an „Intention Line“ und „Parallel Line“ arbeiteten. Das Ziel dabei: Verbesserung der Konzentration, der gemeinsamen Bewegung, der Achtsamkeit und des Bewusstseins. Dass die Zwei sich einfach gut verstehen und harmonisch miteinander Freude am Zusammensein und der Bewegung haben wurde in der letzten Einheit mit „Liberty“ deutlich.

Diese Harmonie zeigten auch Jana und Picasso im freien Spiel. Auch hier war dann das Thema – können wir auch frei reiten? Picasso und Jana haben einen so guten Draht zueinander – man konnte spüren, dass Picasso dieses Zusammensein nicht als „Arbeit“ empfand. An der Empfindung und am Gefühl tüftelte Jana dann auch mit Picasso an der Longe. Bilder im Kopf – die gab es nicht. Jossy verband Jana die Augen und so ging es um das Spüren – wann vergrößert Jana den Zirkel und schickt Picasso über die äußere Schulter? Wann klappt es mit der parallelen Linie zwischen den Beiden und kann man Paraden wirklich nur durch das Gefühl geben? Ja. Man kann. Und sah aus wie gemalt. Ein echter Picasso eben 😉

Kannst du mich spüren?

Unter diesem Motto wurde dann im Sattel gearbeitet. Jossy ging es um keine Lektionen, sondern um das Gefühl. Wie fühlen sich Haltparaden an. Wie können wir diese verfeinern? Was passiert, wenn man sich vom Pferd in der Bewegung einfach mal mitnehmen lässt? Und schaffen wir eine Parade aus dem Galopp zum Schritt nur über den Sitz. Ich war hier vor allem sehr fasziniert von unseren easy – Isi-Teilnehmern, die mit feinen Hilfen durch die Halle getanzt haben.

Und von den Ideen, die Jossy aus der Körpersprache heraus in den Sattel transportierte.

Einen Fotorückblick aus diesen Einheiten hat Pascale Reynvoet zusammengestellt – vielen Dank dafür.

Gemeinsam auf der Insel

Der Kurs ist vorbei. Die Begeisterung aber noch lange nicht. Nach der langen Fahrt zurück vom Flughafen möchte ich einfach Zeit mit Tabby verbringen. An diesem Sonntag möchte sie das auch mit mir. Gemeinsam sind wir im Roundpen. (Das Roundpen befindet sich übrigens im Pferdeschwimmteich auf einer Insel – wir haben also Inselzeit).

Ich spaziere herum. Es ist kalt geworden, die Herbstabendsonne wärmt nicht mehr. Ich ziehe meine Kreise durch den Sand. Und plötzlich ist Tabby hinter mir. Ich trabe an, laufe immer schneller und lache laut vor Freude. Hinter mir ein Quietschen und dann galoppieren wir beide nebeneinander. Ich bleibe stehen und lächle. Tabby steht neben mir. Ich berühre sie nicht. Sie legt die Nase auf meine rechte Schulter.

Ja. So schön ist Liberty.

Ich bedanke mich bei Jossy und Pascale Reynvoet für ein wunderbares Wochenende mit so viel Input, Herzlichkeit, Motivation und Freude.

Wir freuen uns auf die Fortsetzung 2017.

Treffen wir uns doch öfter mit unseren Pferden, dann reiten wir später Einfach

 

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„ Es geht darum, die Wahl zu haben..“

„ Es geht darum, die Wahl zu haben..“

Zum letzten Themenseminar auf dem Gestüt Moorhof mit Bent Branderup in diesem Jahr lud Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst nach Lüdinghausen im Münsterland ein. Das Thema: „Facetten der Bodenarbeit“. Teilnehmerin Stefanie Niggemeier hat die Highlights aus dem Seminar für uns zusammengefasst:

Welches Ziel hat die Bodenarbeit in der Akademischen Reitkunst?

Wenn wir mit dem Pferd vom Boden aus arbeiten, befinden wir uns in bester Gesellschaft mit den Alten Meistern. Auch sie haben vom Boden aus dem Pferd das erklärt, was wir „reiterliche Hilfen“ nennen . Mit Hilfe dieser Werkzeuge kann man dann Wichtiges erarbeiten.

  1. Es kann eine Kommunikation mit dem Pferd hergestellt werden
  2. Es kann ein Verständnis für Gleichgewichtszustände im Körper des Pferdes, mit jetzt in diesem Moment gearbeitet wird, erworben werden. Der Mensch hat die Chance, Probleme zu erkennen und zu definieren, er lernt zu sehen, was für ein Pferd er hier vor sich hat, wo zum Beispiel seine Abweichungen zum Ideal eines geschulten Reitpferdes sind und wie und wo man dann entstehende Probleme zu lösen hat. Es geht also um die Schulung der Wahrnehmung.
  3. Dann wird Gleichgewicht im Körper des Pferdes hergestellt. Das Pferd lernt, sich in einer „Selbsthaltung“ zu tragen: es ist in der Lage, den Brustkorb aus der Hinterhand im Takt der entsprechenden Gangart zu stabilisieren und in ein horizontales Gleichgewicht zu kommen. Kann es sich selber tragen, kann es auch mit zusätzlichem Reitergewicht belastet werden. „Es ist derselbe Brustkorb, auf dem man sitzt“, so Bent Branderup. In diesem Punkt der Ausbildung geht es also um die Formgebung des Pferdes.
  4. Hat man das Pferd nun schon so weit ausgebildet, ist auch der Mensch mit der Zeit in seinen Bewegungen immer koordinierter und seiner Wahrnehmung immer feiner. Jede
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    Stefanie Niggemeier mit ihrem Finn in der Handarbeit von außen geführt. Foto von Martina Glahe

    Bewegung, die er ausführt, wird beim Pferd eine Reaktion hervorbringen, so dass man sagen kann, dass die Körpersprache und die Körperwahrnehmung nun zu Primarhilfen geworden sind. Primär deshalb, weil der Mensch nicht aufhören kann, dem Pferd Informationen mit seinem Körper zu übermitteln, sei es durch Atmung, Muskelspannung, Stimmlage oder sogar Hormonausstoß. Die Sekundärhilfen , die Hilfen, die man bewußt an- und abschalten kann, wie Hand-, Zügel-, Schenkel-, Gerten-, oder Stimmhilfen sind zu diesem Zeitpunkt so geschult und können mit so viel Gefühl für das Pferd gegeben werden, dass sie mit in den Sattel genommen werden können.

Das Ziel der Bodenarbeit ist also ein Pferd in horizontaler Balance, das ein umfassendes Verständnis von Hilfen hat – selbst wenn es aufgrund verschiedener Faktoren niemals geritten wird , wie zB ein Shetlandpony.

„Die Bodenarbeit hat keinen Selbstzweck, sie ist vielmehr eine Art Reise. Zum Pferd, vor allem aber zu unserem Ich. Ich lerne schon am Boden, mich zu entscheiden, was für ein Mensch ich sein will. Wie gehe ich mit Konflikten um? Was braucht es, damit ich die beste Version meines Selbst leben kann? So gestalte ich meine tägliche Arbeit mit dem Pferd, um Zeit schön miteinander zu verbringen.“ (Bent Branderup)

Es wird also nicht nur eine körperliche Fähigkeit beim Menschen geschult, sondern eine gewisse Souveränität im Zusammensein mit dem Pferd erreicht.

Welche Techniken gibt es denn ,die in der akademischen Reitkunst für die Ausbildung des Pferdes vom Boden aus genutzt werden?

Die Alten Meister nutzten schon vor 400 Jahren den Doppelpilaren, zwei in den Boden der Reitbahn eingelassene Pfeiler, zwischen denen die Pferde fixiert und so geschult wurden.

Bent Branderup weiß, warum diese Methode heute nicht Sache für Jedermann sein sollte:

„ Zum Einen ist diese Technik mit großem Gefahrenpotential verbunden, wenn das Pferd sich aufregt. Es kann sich, aber auch den Menschen schwer verletzen. Zum Anderen hat sich durch züchterische Einflüsse auch die Biomechanik des Pferdes über die Jahrhunderte verändert. Durch Einkreuzung von Pferden, die viel Schub entwickeln und damit sehr geeignet als Fahrpferde sind hat sich nicht nur die Funktion vom Reitpferd zum Fahrpferd gewandelt. Dadurch haben sich auch die Gelenke der Hinterhand verändert – unter Spannung gesetzt, würden sie schnell verschließen. Daher müssen wir andere Wege gehen, um zur Geschmeidigkeit und Gymnastizierung zu kommen .“ (Bent Branderup)

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Marius Schneider zeigt wie fein Verbindung und Kommunikation sein können.

Hier bietet die Akademische Reitkunst eine Palette an Möglichkeiten an: 

In der Regel beginnt man die Ausbildung des Pferdes aus der sogenannten „Bodenarbeitsposition“: der Mensch geht rückwärts vor dem Pferd her, das er am Kappzaum führt, während er so das gesamte Pferd im Blick hat und beobachten kann, was im und mit dem Pferd passiert. Dann kann man beginnen, die Position zu verändern und zB ein wenig auf Distanz zum Pferd gehen, in die Longenposition.

„Wenn man nun bemerkt, dass das Pferd zusätzlich zu den Hilfen, die man von innen geben kann, auch äußere Hilfen bräuchte, arbeitet man sich langsam vor in das, was wir avanciertes Longieren und Cross-over nennen“, führt Bent Branderup aus. Hierzu läßt sich der Mensch in eine Langzügelposition zurückfallen, kann so mit der Gerte als Schenkelersatz das äußere Hinterbein unterstützen oder sogar nach außen-hinten wechseln und mit seinem Körper zum äußeren Schenkel werden. Braucht das Pferd mehr Unterstützung an der äußeren Schulter, kann dies mit Hilfe der Gerte oder des Körper geschehen- wir befinden uns in der Handarbeitsposition, in der wir einhändig die Reiterhand simulieren können.

„Es kommt nicht darauf an, sich auf eine Technik zu versteifen, sondern genau zu beobachten, wo das Pferd Hilfe braucht. Dann kann ich dort gezielt Unterstützung anbieten. Es gibt nicht die eine gute Technik, bin ich außen, sind die Hilfen von innen schwierig, bin ich innen, sind äußere Hilfen weniger stark. Es geht also um die Frage: wo kann ich Hilfen weglassen? Wo kann ich mich zurücknehmen und das Pferd ist trotzdem so unterstützt, dass es Lösungen finden kann?“ (Bent Branderup)

Wie sah das dann in der Praxis aus?

Marius Schneider und einige Schüler setzten die Theorie im Anschluss in die Praxis um. Die gespannten Zuschauer konnten so mit den Teilnehmern von und durch verschiedene Pferde mit unterschiedlichem Ausbildungsstand und Problemen lernen. Dem Publikum wurde schnell klar, dass die Ausbildung des Pferdes eine völlig individuelle sein muß. Denselben Weg? Den kann es unmöglich zweimal geben.

So machten Unterschiede beim Exterieur, aber auch die verschiedenen Persönlichkeiten der Pferde, wie auch der Menschen es absolut unmöglich, eine Vorgehensweise nach Schema „F“ abzuspulen.

„Ausbildung darf zu keiner Religion werden, sondern muß eine Reise durch ein Haus mit vielen Räumen sein. In diesen Räumen gibt es Türen, die man öffnet. Sieht der Raum dahinter gut aus, ist das, was ich in dem Raum finde sinnvoll für mich und mein Pferd in diesem Moment, dann trete ich ein und kann weitere Türen öffnen. Manchmal verirre ich mich – das gehört dazu und ist menschlich. Manchmal finde ich etwas, was mir zwar jetzt nutzt, aber in 14 Tagen vielleicht nicht mehr. Dann muß ich weiterziehen – oder zurückgehen. Es geht in der Reitkunst nicht ums Finden, sondern ums Suchen.

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Stefanie Niggemeier mit „Nyx“ in der Arbeit am langen Zügel. Foto: Martina Glahe

Ebenso verhält es sich mit den Schriften der Alten Meister: Welche Dinge waren in der Pferdeausbildung in der Vergangenheit nützlich und sind es heute noch? Genau diese Punkte soll sich der geneigte Leser herauspicken, von allen Seiten kritisch betrachten und schließlich in die Arbeit integrieren – oder eben auch verwerfen. Akademische Reitkunst wird so zu einem Stück gelebter Archäologie.“ (Bent Branderup)

 

Die Wahl zu haben, verschiedenen Dinge auszuprobieren, Techniken, Lektionen, Führpositionen zu nutzen oder sie wieder zu verwerfen, sich frei entfalten zu dürfen, die eigene Persönlichkeit entwickeln zu dürfen, gemeinsam mit dem Pferd; das Pferd stolzer, schöner, gesünder zu arbeiten „ so, dass das Pferd von anderen Pferden als schön befunden wird“, zitiert Branderup die unvergessenen, bereits  2400 Jahre alten Gedanken Xenophons.

Diese Wahl sei ein Privileg, welches nicht leichtfertig verschenkt werden solle; Nicht das, was andere Menschen über das denken, was sie in unserer Arbeit sehen, kann hier zählen, sondern das Ziel solle stets sein, sich so gut zu schulen wie nur möglich und so in den Augen unserer Pferde so kompetent und interessant zu sein, dass sie sich uns gerne zuwenden mögen. Verständnis, Wahrnehmung und respektvoller Umgang, sowie klare Aussagen der uns zur Verfügung stehenden Hilfen bringen uns dann in den Genuß, mit dem Pferd einen Paartanz zu erleben, „in dem der Mensch als Herr die Musik hört und in seinem Körper fühlen und umsetzen gelernt hat und das Pferd als Dame nicht dominiert werden muß, sondern sich gerne führen lassen möchte, weil es so angenehm ist.“

Dieses Seminar war ein runder Abschluß eines gelungenen Jahreszirkels von Themenseminaren auf dem Gestüt Moorhof  von Marius Schneider.  Meine Pferde und ich waren dankbar für dieses Kursjahr voller Inspiration und vieler großer und kleiner schöner Momente. Wir freuen uns schon auf eine Fortsetzung im kommenden Jahr.

 


Ein Herzliches Dankeschön an Stefanie Niggemeier für die Zusammenfassung des letzten Themenseminars bei Marius Schneider.
Das macht doch wirklich Vorfreude auf unser Seminar mit Bent Branderup in Ainring bei Salzburg am 15. und 16. Oktober 2016.

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Von Pferden lernen

Von Pferden lernen

Für viele Kinder und Jugendliche heißt es jetzt: Zurück an die Schulbank. Tausche den Sommer draußen, die Natur gegen Schule? Muss nicht komplett sein. Lernen kann man auch mit Pferden – vor allem, wenn es darum geht ein paar Hürden zu überwinden.

Meine Schülerin Sandra Tiefengraber hat sich auf das Lernen von und mit Pferden spezialisiert – aber wie funktioniert das genau und wie können uns Pferde eigentlich mental stärken? 

Sandra Tiefengraber: Indem sie uns ein ehrliches Feedback von uns selbst geben. Pferde verstellen sich nicht, sie reagieren spontan auf uns und unsere Emotionen. Unsere Schwächen und Stärken werden unverfälscht aufgezeigt. Es liegt an uns, diese Informationen zu verarbeiten. Pferde schaffen es fast im selben Atemzug, uns auf den Boden der Tatsachen zurückholen um uns im nächsten Moment Flügel wachsen zu lassen – sofern wir uns darauf einlassen 😉

Beim easy riding – easy learning Lerntraining (EREL) verlegen wir den Schreibtisch in die Natur. Mit unseren Pferden, Bewegung in der Natur und ganz viel Spaß geht alles viel leichter. So werden Rahmenbedingungen für das Lernen geschaffen, die das Gehirn mit allen Sinnen und Freude trainieren. Gelerntes kann dauerhaft gespeichert werden und ist so auch unter Stress wieder abrufbar.

Kinder lernen grundsätzlich sehr gerne, manchmal braucht es jedoch zusätzliche Unterstützung in Form eines Lerntrainings oder im Speziellen ein Legasthenie- und/oder Dyskalkulie-Training.

Eine Lernschwäche ist meist vorübergehend, die Ursachen können physische oder psychische sein, das familiäre Umfeld, Unterrichtsmethoden, Lerndefizite etc.

Spezielle Lernschwächen, wie Legasthenie (Lesen, Schreiben) und Dyskalkulie (Rechnen) – sind genbedingt schon bei der Geburt als Anlage vorhanden.

Kinder bzw. Menschen mit Lernstörungen (Legasthenie, Dyskalkulie) sind normal bis überdurchschnittlich Intelligent, oft sehr kreativ und hochbegabt – aber keineswegs faul oder dumm! Es handelt sich auch um keine Krankheit oder Behinderung. Durch ihre differenzierten Teilleistungen empfinden sie anders und nehmen ihre Umwelt einfach anders wahr. Dadurch ergibt sich beim Erlernen von Lesen/Schreiben/Rechnen ein individueller Zugang. Wichtig ist, die Anzeichen so früh wie möglich zu erkennen, so ist z.B. die Krabbelphase ein sehr wichtiger Abschnitt für die Entwicklung der Schreib- und Lesekoordination. Oft wird diese Krabbelphase bei Legasthenikern kaum ausgelebt oder sogar ausgelassen.

Wie sieht ein Lerntraining konkret aus?

Sandra Tiefengraber: Abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmer findet das gezielte Lese-, Rechtschreib- und Rechentraining (unter anderem mit Symptrain© – Technik zur Zahlen-, Buchstaben- und Wortbildspeicherung) sowie das spezifische EREL-Teilleistungstraining statt. Bei den Teilleistungsbereichen geht es um Sinnesleistungen/Wahrnehmungsbereiche, die man beim Lesen, Schreiben und Rechnen braucht:

  • optische Differenzierung: Gleiches und Ungleiches erkennen und auseinander halten
  • optisches Gedächtnis: Gesehenes merken und gegebenenfalls wiedergeben
  • optische Serialität: Gesehenes der Reihe nach ordnen zu können
  • akustische Differenzierung: die Fähigkeit, Unterschiede zu hören
  • akustisches Gedächtnis: Gehörtes abspeichern und gegebenenfalls wiedergeben
  • akustische Serialität: die Reihenfolge des Gehörten merken und wiedergeben
  • Raumorientierung: räumliche Beziehungen richtig wahrnehmen
  • Körperschema: Basis für die Raumorientierung, vorne/hinten, unten/oben, rechts/links

 

Bereits beim Putzen der Pferde werden spielerisch Teilleistungsbereiche trainiert. Dazu eignen sich, um eines von vielen Beispielen zu nennen, verschiedenfarbige Bürsten. Die Kinder suchen nach Anweisung das richtige Putzzeug, gehen zum Pferd und fangen an der ihnen zugewiesenen Seite zu putzen an (optische Differenzierung, Raumlage, Körperschema).

Bunte Schwimmnudeln sind eine tolle Hilfe für das optische Gedächtnis, akustische/optische Serialität und die Raumlage. Es wird eine Farbreihe vorgegeben, und die Kids erhalten die Aufgabe, diese mit dem Pferd in der richtigen Reihenfolge zu überqueren. Es ist äußerst spannend zu beobachten, dass sich Kinder zu Beginn des Trainings oft nur 2 bis max. 3 Farben merken können, sich die Merkfähigkeit und Konzentration im fortgeschrittenen Trainingsstand jedoch deutlich steigern!

Der Schritt der Pferde eignet sich toll für Übungen im akustischen Bereich.

Es bereitet den Kindern sehr viel Freude, auf dem Pferd den Takt des Pferdeschritts mit zu trommeln.

Für welche Kinder ist das Lerntraining mit Pferden geeignet?

Sandra Tiefengraber: Für alle Kinder! Im Speziellen profitieren natürlich besonders Kinder mit Lernblockaden, Teilleistungsschwächen, Legasthenie, Dyskalkulie, Schulangst, Prüfungsangst, Stress etc.

Das Training mit Pferden fördert die Motorik und Feinmotorik, löst Spannungen und stärkt das Selbstbewusstsein. Konzentration und Ausdauer werden gesteigert. Es verbessert das Körpergefühl, Kinder müssen oft erst lernen, sich im Raum zu orientieren und ihren Körper kennenlernen. Das klappt mit den Pferden natürlich wunderbar. Aber auch die Integration von rechter und linker Gehirnhälfte, vorne/hinten, unten/oben.

Gerade im Bereich der Motorik/des Körpergefühls kann es auch bei Kindern ohne nachgewiesene Lernstörungen/Lernschwächen Defizite geben.

Die Kids verbringen heutzutage leider sehr viel (oft zu viel) Zeit vor TV-Computer-Handy. Kombiniert mit einer ungesunden Ernährung steigert sich der negative Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns weiter.

Wie erlebst du deine Pferde in solch einer Situation?

Sandra Tiefengraber: Erstmal von Pferd zu Pferd Grund verschieden 😉 Ich bin meinen Pferden unendlich dankbar, dass sie so einen großartigen Job leisten.

Santos ist ja bereits 22 Jahre und bringt entsprechend viel Erfahrung mit. Für ihn ist es ein toller Herzensjob und seine Berufung. Er ist sich seiner wichtigen Aufgabe sehr bewusst und spiegelt die Kinder auf charmante Weise J Am liebsten arbeitet er mit Kindern, die sehr wenig bis gar kein Selbstvertrauen mitbringen. Durch seine riesige Erscheinung und seine liebenswerte Art ist er unser „Selbstwert-Pusher“. Nach nur wenigen Einheiten auf ihm scheint es für viele Kids, dass die Sterne greifbar sind. Santos wird dadurch natürlich zum Held, und er genießt es, betüddelt und geliebt zu werden 🙂

Stellato steht mit seinen 8 Jahren noch am Beginn seiner Ausbildung zum Co-Trainer bei den Lerntrainings. Er geht irrsinnig offen auf Kinder zu und passt auch entsprechend gut auf. Er schafft es, schüchterne Kinder aus ihrem Schneckenhaus zu holen da er einfach ein Prinz-Charming ist.

Amigo, 11 Jahre alt, ist anders als alle anderen 😉 Er leistet bei nervösen oder hyperaktiven Kindern seinen wertvollen Beitrag. Ist jemand auf seinem Rücken angespannt und nervös, beginnt auch er flach zu atmen und verliert den Takt. Den Kindern fällt dies sehr rasch auf und sie fragen sich natürlich warum… Hier kommen Atem- und Ruheübungen – verpackt in einer netten Geschichte um Amigo – zum Einsatz. Binnen kürzester Zeit geht Amigo wieder ruhig im Takt, senkt den Kopf und beginnt abzuschnauben wie eine alte Dampflok – die Kids finden das lustig und absolvieren die restliche Einheit meist ohne dass ein weiteres Zeichen von Amigo nötig wäre.

Wohin der Weg von Amor führt, wird die Zeit zeigen 😉

Welche Veränderungen sind bei den Kindern festzustellen?

Sandra Tiefengraber: Vorweg muss hier erwähnt werden, dass jede Art von Lernstörung Stress verursacht. Betroffene Kinder kämpfen quasi vom Stammhirn aus ums Überleben!

Stress ist zwar überlebensnotwendig, wenn z.B. ein großer Felsbrocken auf uns zurollt und wir ausweichen müssen. Er kann uns in alltäglichen Situationen jedoch auch behindern und uns krankmachen – wo wir doch eigentlich nur lernen wollen!

Stress ist das, was uns antreibt – aber auch das, was uns blockiert!

Die Veränderung der Kinder durch das Lerntraining ist enorm! Sie finden wieder Freude am Lernen und brechen aus alten Mustern aus. Das Tolle ist, dass es sehr viele Übungen – speziell im mentalen Bereich – gibt, die sie eben auch in Stress-Situationen abrufen können. Sei es im „normalen“ Schulalltag oder in besonderen Situationen wie Prüfungen, Schularbeiten etc. Und selbstverständlich auch im Alltag und ihr restliches Leben.

Was hast du von deinen Pferden gelernt?

Sandra Tiefengraber: Bei weitem noch nicht alles 😉 Die wichtigsten Lehren erteilen sie mir Tag für Tag aufs Neue: ehrlich zu mir selbst zu sein und zu meinen Gefühlen zu stehen. Santos läuft in Windeseile von mir weg, wenn er merkt, dass es mir eigentlich nicht gut geht und ich dies in mich hineinfresse oder vertuschen möchte.

Charakterliche Grundzüge des anderen zu akzeptieren und einfach anzunehmen lehrt mich Amigo. Vieles geht seit dieser Erkenntnis wie von selbst. Wir sind wahrscheinlich beide manchmal nicht so einfach, seit wir uns jedoch so annehmen wie wir sind, vor allem ich ihn, haben wir eine sehr harmonische und ausgeglichene Pferd-Mensch-Beziehung.

Amor lehrt mich wie kein anderes Pferd Geduld, Ruhe und auch ein kleines bisschen Nachsicht.

Stellato wohnt erst ein halbes Jahr bei uns, derzeit genieße ich einfach die gemeinsame Zeit mit ihm, seine Lehren werden bestimmt noch kommen 😉

Das Tolle ist, dass mir alle 4 Pferde tagtäglich unterschiedliche Spiegel vors Gesicht halten. Die Erkenntnisse sind manchmal belustigend, dann aber auch wieder traurig und schmerzvoll. Wichtig ist, nicht still zu stehen, ein Leben lang die Freude am Lernen zu bewahren (oder wiederzufinden) und immer weiter an sich selbst arbeiten zu wollen – auch einmal das eigene Ego zu verdrängen und bewusster im Hier und Jetzt zu leben.

Gibt es Einschränkungen beim Alter bei den Kindern in Bezug auf die Teilnahme?

Sandra Tiefengraber: Es gibt keine Alterseinschränkungen bei den Kindern. Kindergartenkinder profitieren ebenso von einem EREL-Training – z.B. in Hinblick auf eine frühzeitige Erkennung von Teilleistungsschwächen – wie Volksschulkinder oder Kinder höherer Schulstufen.

Was können Erwachsene für ihren Alltag mitnehmen?

Sandra Tiefengraber: Erwachsene lernen im besten Fall, dass es nie zu spät ist zu beginnen! Manchmal braucht es besondere Wege, um sich seiner Probleme zu stellen. Was für Kinder gilt, verliert auch im Erwachsenenalter nicht seine Gültigkeit – aus alten Mustern auszubrechen, wieder Freude am Lernen zu erfahren und im Hier und Jetzt zu leben stehen auch hier im Vordergrund.

Gehen die Pferde unterschiedlich mit ihren Schülern um – also gibt es Unterschiede zwischen Kind oder Erwachsener?

Sandra Tiefengraber: Nicht immer, aber doch sehr oft. Meine Pferde sind mit Kindern viel nachsichtiger und geduldiger. Kinder leben für den Moment und zerdenken Dinge nicht ständig, sie lassen sich viel offener und aufrichtiger auf die Pferde ein, das spiegelt sich natürlich auch im Training wider.

Santos ist der einzige, der mit Kindern besser kann. Kinder sind einfach sein Ein und Alles.

 

Lernen wir mit Pferden, dann Lernen wir Einfach 😉

Vielen Dank an Sandra Tiefengraber für dieses herzliche und motivierende Interview. Mehr über Sandras Arbeit gibt es auf Ihrer Website

 

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Galoppieren mit den Alten Meistern

Galoppieren mit den Alten Meistern

Der eine ist bekannt für seine Pädagogik. Der andere wird gerne als Vater des Schulterherein auf der Geraden genannt. Und der Leitsatz des Dritten prägte die gesamte Reiterei bis heute. Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) würden sich im Hier und Jetzt vielleicht so über die Galopparbeit unterhalten – für die Ausgabe der Feinen Hilfen Nummer 14 habe ich die Alten Meister „interviewt“:

Moderator: Meine Herren, warum ist es so wichtig gesondert über den Galopp zu diskutieren?

Steinbrecht: Über jede Gangart lohnt es sich gesondert zu sprechen. Die Kenntnis, dass sich die Tätigkeiten der Gliedmaßen im Galopp ja ganz wesentlich von jenen im Schritt und Trab unterscheiden ist ganz wichtig, wenn man bei der Entwicklung des Galopps keine nachteiligen Folgen befürchten möchte.

Guérinière: Ich denke wir sind uns einig, dass wir hier vom Bahngalopp oder Schulgalopp sprechen, wenn wir über Reitkunst reden. Dabei ist die Bewegung der Vorhand abgekürzt und die der Hinterhand schnell. Die Hinterhand darf nicht geschleppt werden, dann begeistern die schönen Bewegungen sowohl Zuschauer wie auch den Reiter selbst.

Pluvinel: Wobei die Begeisterung erst entfacht werden kann, wenn das Pferd gelernt hat sich zu tragen. Wird das Pferd zu stark angetrieben, bevor es vorne leicht geworden ist und gelernt hat sich auf die Hanken zu setzen, wird es sich wohl auf die Vorhand legen. In solch einem Falle ist es schwer, die Aufrichtung wieder herzustellen.

Moderator: Ist der Galopp sehr fehleranfällig?

Steinbrecht: Absolut. Ich kritisiere den „verkürzten Lauf-Galopp“, dem das Sprungartige fehlt. Der Rücken bleibt starr und leblos. Der Reiter bemerkt den Fehler durch ein drehendes Gefühl unter dem Gesäß. Der Fehler passiert häufig, wenn die Verkürzung der Sprünge durch falsche Aufrichtung mit der Hand und ohne durchlässiges Genick erzwungen wurde. Auch phlegmatische Pferde neigen zu einem schwerfälligen, schleppenden kurzen Galopp, dem die Lebhaftigkeit und der Schwung fehlen. Das Qualitätsmerkmal bleibt also der Schwung und nicht verkürzte Tritte.

Guérinière: Vergessen wir nicht den Kreuzgalopp oder den Tralopp – eine wahrlich hässliche Gangart, die man bei Pferden mit schwachen Hanken und verdorbenen Hinterbeinen oft findet. Auch junge Pferde, die man zu früh zum Galopp zwingen will, zeigen diese Gangart, wie Jagdpferde mit verbrauchter Hinterhand.

Moderator: Sie sprechen vom Jungen Pferd. Wann sollte die Arbeit mit dem Galopp beginnen?

Pluvinel: Lassen Sie es galoppieren, wenn es Ihnen den Galopp anbietet. Es wird nämlich alles sehr gut gelingen, wenn der Reiter nur seine gute Haltung bewahrt, das heißt in der Bewegung im Gleichgewicht bleibt.

Guérinière: Ich galoppiere erst dann, wenn das Pferd durch seine Vorbildung in der Lage ist den Schulgalopp auszuführen. Die hohe Versammlung ermöglicht dem Pferd dann alle zuvor gelernten Lektionen prompt auszuführen. Eine Regel, die von allen erfahrenen Reitern stets beachtet wird, ist, das Pferd niemals im Galopp zu reiten, bevor es nicht durch den Trab so geschmeidig ist, dass es von selbst, ohne in die Hand zu drücken oder zu ziehen den Galopp anbietet.

Steinbrecht: Bau und Temperament des Pferdes geben über den Beginn der Galopparbeit Aufschluss. Bei den ersten Galoppübungen sind enge Wendungen zu vermeiden und daher gerade Linien oder einen großen Kreis zu benutzen.

Pluvinel: Ich bevorzuge hier die Arbeit am Pilar. Zuerst lernen die Pferde im Schritt die Kreisbewegung kennen, es folgen 6 bis 12 Tage um den Pilar im Trab. Das Pferd zeigt uns dann in seinem Wesen, welche Kraft und Neigung es besitzt. Erst wenn es mühelos im Schritt und Trab herum gehen kann, kann man es auffordern sich in den Galopp zu setzen. Wenn es das gut kann, muss man ihm mehr Schwung geben, damit es gezwungen ist, sich stärker auf die Hanken zu setzen, sich gut zu tragen und vielleicht sogar einige Sprünge Terre à Terre zu machen.

Guérinière: Ich meine auch, dass man Pferde mit festem Rücken nicht immer nur auf geraden Linien reiten, sondern häufig auf dem Zirkel galoppieren soll. In den Wendungen sind sie zur Versammlung angehalten und werden dadurch stärker gymnastiziert. Auch werden sie geistig gefordert, wodurch sie ihre Neigung in die Hand zu drücken verlieren.

Steinbrecht: Ruhe, Zwanglosigkeit und Gleichmäßigkeit im Galopp – all das erreicht der Reiter nur durch wiederholtes ruhiges Angaloppieren. Durch häufiges Nachgeben der Zügel, Überstreichen und Abklopfen des Pferdes überzeugt sich der Reiter, ob die erforderliche Selbsthaltung fest begründet ist.

Moderator: Und wie arbeiten Sie dann weiter an der Versammlung?

Pluvinel: Zwischen zwei Pilaren lernt das Pferd sich auf Aufforderung des Ausbilders in Schritt, Trab und dann auch im Galopp, manchmal auch Terre à Terre zu setzen und seitwärts hin und her zu treten. Die Arbeit an Courbetten und Terre à Terre setzt das Pferd noch zuverlässiger auf die Hanken und lässt weitere Sprünge sicherer werden.

Guérinière: Pferde, die ihre Kräfte zurückhalten, müssen auf langen geraden Linien geführt und gestreckt geritten werden, hitzige Pferde müssen aber in einem langsamen und kurzen Galopp gehalten werden. Das verbessert auch ihre Atemtechnik. Beinahe alle Pferde haben die Neigung mit dem inneren Bein am Schwerpunkt vorbei zu greifen. Daher muss man auf der rechten Hand Schulterhereinstellung galoppieren, auf der linken Hand arbeite man für die Geraderichtung vermehrt am Kruppeherein.

Steinbrecht: Die Traversstellung wird durch die Galoppbewegung sehr begünstigt und deshalb von den Pferden gerne auf der rechten Hand bevorzugt. Ich verwende gerne den Kontergalopp, weil wir auf der inwendigen Seite die Bande haben, die der Neigung des Pferdes, das inwendige Hinterbein durch Seitwärtstreten der Biegung zu entziehen, eine Schranke setzt. Der Kontergalopp gestattet mir die Arbeit des auswendigen Hinterbeins, dessen vermehrte Tätigkeit auch das inwendige Hinterbein fördert und kräftigt.

Guérinière: Abschließend möchte ich noch sagen, dass es für die Reiter wichtig ist, zu lernen, den Gang zu erfühlen. Man setze daher den Schüler auf ein Pferd mit raumgreifendem Schritt und lasse ihn das Aufsetzen der Vorderfüße erfühlen und in weiterer Folge auch laut aufzählen. Dieses Gefühl muss in die Schenkel übergehen und später im Trab und letztlich im Galopp gefestigt werden. Kein Reiter, der den Galopp seines Pferdes nicht fühlt, kann als richtiger Reiter gelten.

Pluvinel: Und ein Reiter, der viel Mühsal im Sitz zeigt auch nicht. Daher rate ich jedem, der sein Pferd sicher angaloppieren will , mit der Zügelhand drei Fingerbreiten nachzugeben und mit den Waden dort anzudrücken, wo sie geschmeidig liegen ohne weitere Umstände im Sitz zu machen!

Moderator: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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