Seniorengymnastik – Interview mit Claudia Strauß

Seniorengymnastik – Interview mit Claudia Strauß

Wie heißt es so schön, wir geben den Pferden eine Gymnastik, dabei denken wir vielleicht vorwiegend daran, das Pferd überhaupt zur Tragfähigkeit zu trainieren.
Meine eigenen Pferde sind jetzt 11 u 13, also im besten Alter, wie man so schön sagt. Was ich heute mit ihnen erarbeite, tue ich aber für das Morgen.

Bei einer sinnvollen Gymnastizierung geht es aber auch darum, dem alten Pferd, das vielleicht gar nicht mehr geritten werden kann Lebensqualität zu geben. Für ältere Pferde ist es beispielsweise wichtig, sich ohne Probleme hinlegen, aber auch wieder aufstehen zu können. Darüber spreche ich heute mit Claudia Strauss, meiner lieben Trainerkollegin aus Ingolstadt.

Wir sprechen heute über alte Pferde, warum ist es überhaupt wichtig diese zu gymnastizieren?

Claudia: Mein ältestes Pferd „Willow“ ist eigentlich mein Ausbilder, der mich seit dem ersten Tag auf den akademischen Weg begleitet hat. Er ist jetzt schon ein Senior und leider auch von Melanomen stark beeinträchtigt. Aber ich möchte ihn trotz seines Alters jetzt nicht aus dem Training nehmen, für uns beide ist es wichtig, dass wir weiterhin Zeit miteinander schön verbringen. Willow hat ja bereits eine gute Ausbildung genossen. Er bringt mich dazu, jeden Tag mit ihm bewusst zu genießen und im Hier und Jetzt zu sein. Und da wir über eine sehr gute Kommunikation verfügen, können wir heute auch noch (angepasst an die Tagesform) ein Gymnastikprogramm absolvieren.

An manchen Tagen gehen wir nicht ins Gelände, sondern ich beschließe ihn in der Halle zu bewegen. Dort signalisiert er mir meist deutlich, daß ich aufsteigen soll: er parkt bei der Aufsteighilfe ein. Er genießt er das geritten werden! Auch wenn ich diese Entscheidung für ihn an diesem Tag möglicherweise nicht getroffen hätte, lasse ich mich dann gerne darauf ein. Ich denke wir lernen durch unsere „Oldies“ sehr gut zuzuhören und Bedürfnisse der Pferde wahrzunehmen.

Durch die vorangegangene Ausbildung ist es für Willow also möglich, ein rüstiger Rentner zu bleiben? Wie schaut das bei anderen Pferden ohne diese vorangegangene Ausbildung aus?

Claudia: Solche Beispiele habe ich natürlich auch in meiner täglichen Arbeit.

In erster Linie geht es darum, dem Pferd neue Ideen und Bewegungsmuster zu geben. Das Ziel ist natürlich durch sinnvolle Gymnastizierung das Pferd beweglich zu halten, es gleichzeitig zu stärken und zu schützen. Es ist natürlich etwas schwieriger, wenn wir erst eine gemeinsame Sprache entwickeln müssen, was freilich vor der Gymnastik steht. Bei älteren Pferden, die in ihrem Leben möglicherweise auch viele nicht so schöne Erfahrungen gemacht haben, geht es dann auch darum zuerst den Geist zu gewinnen. Wir müssen uns also geistig bewegen, um den Körper in Bewegung zu bringen.

 Ist es für ältere Pferde also schwerer, aus festgefahrenen Mustern auszubrechen?

Claudia: Ich denke schon. Es gibt zum einen festgefahrene Bewegungsmuster – dann haben wir wie schon oben gesagt den Geist, der möglicherweise aufgrund von körperlicher Einschränkung, Schmerzerfahrung, Demütigung und Resignation sehr verschlossen ist. Hier hilft eine positive, kreative Herangehensweise und Arbeit in kleinen Schritten.

 Wenn wir Kommunikation auf den Menschen übertragen. Jüngere Menschen neigen dazu in Gegenwart von alten Menschen lauter zu sprechen. Ist das bei älteren Pferden auch so?

Claudia: Das ist zwar ein lustiger Gedanke, aber nein, natürlich muss man – egal ob Mensch oder Pferd gerade im Alter noch viel respektvoller miteinander umgehen. Das ist ja schon eine reife Persönlichkeit, der man da gegenübersteht. Und bei jeder Persönlichkeit muss ich einen individuellen Zugang finden.

Wie schaut es da mit den körperlichen Voraussetzungen aus?

Claudia: Ich muss natürlich Rücksicht nehmen in Bezug auf sämtliche Widerstände, die mir bei der Arbeit begegnen. Das können eben körperliche oder mentale Grenzen sein, negative Erfahrungen, die sich erst lösen müssen. Aber: Zum Glück gibt uns unsere Arbeit so viele Möglichkeiten in die Hand. Wir können ja auch sehr viel im Stand erarbeiten ohne große Belastung für die Gelenke in Kauf nehmen zu müssen. Außerdem werden wir ältere Pferde hauptsächlich in ruhigerem Tempo arbeiten. Und über allem steht die Geraderichtung. Junge Pferde bilden wir natürlich auch schonend aus mit dem Ziel spätere Schäden von vornherein auszuschließen. Beim alten Pferd kann ich etwaige Verletzungen und Schäden nicht mehr reparieren – diese Handicaps muss ich natürlich ständig in der Arbeit observieren und berücksichtigen.

Du hast bereist erwähnt die Gelenke nicht zu überlasten. Wie sieht das mit den Muskeln aus?

Claudia: Hier gelten natürlich ähnliche Prinzipien. Ältere Pferde müssen mit ihren Kräften viel mehr haushalten. Wir müssen die Pferde also dahingehend fördern, damit sie sich kraftschonend – oder anderes gesagt – möglichst effizient bewegen. So lehrt es uns auch die Natur. Hier kommt das große Thema der Fazien ins Spiel.

Tatsächlich lieben Faszien vorwiegend Losgelassenheit, Entspannung und Abwechslung – sowohl auf körperlicher, wie auch auf geistiger Ebene.

Grundsätzlich zähle ich die Arbeit am Schulhalt oder am Schulschritt zu den positiven Übungen für den Senior. Ich lege den Fokus vermehrt auf das Geraderichten – dafür benötigt das Pferd bereits ein Verständnis von Schulterherein und Kruppeherein. Natürlich kann ich vom älteren Pferd nicht die gleiche Symmetrie erwarten, wie von einem jungen Pferd. Es sollte aber trotzdem ein zentrales Anliegen sein, die Kräfte, die innerhalb des Pferdes wirken maximal gleichmässig zu verteilen.

Kann man deiner Meinung nach noch mit einem alten Pferd beginnen nach der Akademischen Reitkunst zu arbeiten?

Claudia: Ja freilich, das geht. Jede kleine Veränderung zum Positiven ist Wichtig und nützlich für das Pferd. Ich arbeite ein paar Senioren nur einmal in der Woche und konnte nach kürzester Zeit schon erstaunliche Fortschritte feststellen.

Schüler mit älteren Pferden fragen sich häufig: Kann man sich dann noch überhaupt Fehler erlauben?

Claudia: Das ist relativ. Wenn ich nicht den ersten Schritt wage, kann ich nichts bewegen. Und natürlich können Fehler passieren! Mein Rat: Geht respektvoll, kreativ und wohlwollend vor, dann ist alles gut!

Gibt es vielleicht Übungen, die für das ältere Pferd nicht mehr so geeignet sind?

Claudia: Wir sollten nicht zu lang und nicht in hohem Tempo arbeiten. Hier ist auch die schonende Gelenkstätigkeit als Grund dafür zu nennen. Ich habe ja eine Bewegungsrichtung, in der die Kraft auf ein Gelenk einwirkt, sowohl in der Schwung-, Trage- und Schubphase. Je weniger Beschleunigung umso weniger Verschleiß also.

Auch sollte ich die Arbeit vom Boden aus dem Reiten vorziehen.

Was müssen wir abseits des Trainings noch beachten?

Claudia: Unser Ziel muss sein, die Senioren bestmöglich zu versorgen. Daher müssen wir auch in der Haltung ständig überprüfen und hinterfragen, ob Futterangebot, Herdendynamik, Hufpflege usw. noch stimmen. Bei meinem Willow ist nach wie vor die Haltung im Offenstall mit viel Bewegung möglich, allerdings muss er, um in Ruhe fressen und schlafen zu können doch von seiner Herde eine „Auszeit“ nehmen. Mittlerweile muss ich auch die Hufbearbeitung auf zwei Termine verteilen, weil er nicht mehr so lange belasten kann. In Punkto Fütterung empfehle ich durch ein Blutbild zu recherchieren, ob das Pferd einen Mangel hat und ob man eventuell ein Zusatzfutter supplementiert. Regelmässige Zahnkontrolle sollte selbstverständlich sein.

Wie alt ist dein Senior Willow derzeit?

 Claudia: Er ist jetzt 25 Jahre alt.

Wann ist denn ein Pferd überhaupt in deinen Augen alt?

Claudia: Auch in dieser Hinsicht schaue ich mir Körper und Geist an. Ich achte darauf ob der Körper steif und der Geist eine gewisse Starrheit aufweisen. Gibt es altersbedingten Verschleiß – dann würde ich das Pferd schon bei den Senioren zuordnen.

Meinst du junge Pferde können sich vom Oldie noch etwas abschauen und lernen?

Claudia: Ja ganz sicher – so hat Willow beispielsweise so einigen jüngeren Pferden die ich als Handpferd geführt habe das Gelände gezeigt. Er war beim gemeinsamen Spazierenreiten ein souveränes Vorbild. Ich bin davon überzeugt, dass sich Pferde etwas voneinander abgucken. Wir Menschen müssen für eine vertrauensvolle Atmosphäre sorgen, so kann das junge Pferd offen lernen.

Wer sich von Claudia Strauß etwas abschauen möchte, kann dies auf ihrer Website tun. Ich danke meiner lieben Kollegin aus Ingolstadt für diese Gespräch und wünsche ihrem Willow weiterhin einen so schönen Lebensabend.

 

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Do you speak with your body?

Do you speak with your body?

If your horse keeps saying no, you are either asking the wrong question or you are asking the question in the wrong way

Jossy Reynvoet, lizensed Bent Branderup Trainer from Belgiums know how to communicate with horses – especially by using body language. We speak “human” and horses speak “horse” – how can horses still understand us?

The perfect understanding…

Jossy: I am not sure if it is that easy for a horse to understand us. The first step for us riders is to build up a good connection to the horse and to learn more about their language. The more we focus on the horse`s communication the more we learn how to develop a body language. This way humans and equine start “talking” to each other and develop a better connection. If you want to really bond with your horse, learn how to “bodytalk”.

And why do we have so many difficulties to understand our horses?

Jossy: Our nature is different from the horses. We are predators, they are flight animals. We are used to walk or resolve problems in direct lines, we want quick answers and quick reactions. Horses are quick indeed, but quick on their flight from us. When we need protection, we gather together and come closer, but horses would run away to save themselves. We really need to understand the nature of the horse otherwhise we will never be able to interpret the horse’s behavour correctly. And that is why horses have so many difficulties to understand us as well.

Our main problem is humanity. Of course we think and act like humans, which is different for a horse. For horses it is that simple: They like you or they don’t. The way they show it among themselves is very simple.

We are the complete opposite: We spend much time on focusing and reflecting about our own feelings. But our own feelings do not represent the horse’s needs and feelings. It is often a circle of misinterpretation.

So we should focus more on body language. What are the most important elements of body language?

Jossy: That is a good question. I have been working on this subject for many years. I already mentioned that the horse is a flight animal – so the first thing we do is to make it stop.

If you can do a full halt with your body language, the first step of a good connection to the horse is achieved. If you can tell the horse to stand still it will learn to focus on you and listen to what you have to say.

Sounds easy but it isn’t if you are not really aware of your body. We always “do” something. We are intelligent, we have feelings and instincts but sometimes we are not aware what we are really doing and what we really are. If you talk to a horse it is important that you are “really there” in the moment. The horse is like a mirror. You might think you stand still but the horse still moves. The reason? You were not present in the now and you were not really relaxed enough.

After those first steps – or better said halts – we can start focusing on our aids. We have a direct hand and an indirect hand. The direct hand is in contact with the horse’s head, holding a rope for example.

The direct hand can support your body core and your body language. You can communicate with the hind legs by using the direct hand for example.

Another important point in body language is the intention line: It is the parallel line between horse and human and it is your point of weight that “gives information” to the horse. Intention line for example means: You made up your decision about your walk through the riding arena. The horse shall not pass or cross your intention line. Watch two horses of the herd – one stopping the other when walking to the hey. Intention line means to stop the horse and to “save your path”. Parallel line means walking together with the horse. Of course you can look once at the horse, but I advice my pupils to feel the horse and to work on their awareness.

If you are always looking at your horse you are always in its personal space. Horses feel more comfortable when you are not so focused on them.

The point of weight is another important element. If you move your stomach forward, your horse should mirror the same movement. So on the parallel line, mirroring each other we can turn by using our body. We can go backwards, we can collect and ask for more forward down, control rhythm and tempo. I can ask my horses to do a piaffe or to canter as well. Show the movement with your own body and explain to the horse how to do it. If I show trot to my horses, I do the trot myself.If my steps are more on the place and my point of weight is more backwards, trot will become collected till we have a nice piaffe.

You should learn all these things first on the ground. This way it will be easier with the riding too. It feels wonderful to be together and to watch the horse following your ideas without any physical connection.

You said: without physical connection. Why do we need ropes, whips or other materials to communicate with the horse?

Jossy: The whip is important to touch body parts and to explain movement. It is more like a longer arm for me. Reins and whips are more important for optical communication. There are optical and physical aids and of course there is your voice. The better all three aids work together and the better you can separate them, the better is the communication between rider and horse.

If we talk about optical aids I really need to mention the importance of your legs. Our heels mirror the hindlegs of the horse, our toes mirror the frontlegs. On the Parallel line we can ask for canter, transistions to trot and collection or sidemovements only by using heels and toes.

Physical aids are the connection from groundwork to riding.

Halter, bridle, rope we seldom work our horses freely. How can we get better at this?

Jossy: Of course I never start to ride my horses freely. First we have to develop a good connection on the ground. Later I ride the horses bitless. Also in this training we need a full halt and a horse that can stand still. It is necessary that I can ride all gates in a relaxed shape. If I need reins in the basic to keep my horse with me, I have no real connection to the flight animal. After getting used to the bitless bridle – the cavesal – I would use a neckrope and combine them. I do a lot of work in standing and I walk when I explain the riding aids to a horse. Progressing in time you use less an less aids and then you can ride without anything.

And when you work liberty on the ground?

Jossy: The first connection is build up in the roundpen with the horse. The horse gets direction from the outside and also for the human pupil it is easier to be aware of your own body in the roundpen. And again: the first thing we teach is the halt by using our intention line. Then we start to use our point of weight.

How do you start training the young horse? With liberty work, or do you work with cavesal or cavceon right from the beginning?

Jossy: I like to use the cavesal for the young horse. But I am not too busy to place the horses head. Relaxation and feeling comfortable is the first goal. Later in the groundwork I teach the horse to use its body. Groundwork should prepare the horse to become a riding horse. Therefore we need some gymnastic like side movements and the rider must be able to feel the reactions of the spine with his hand.

There are three steps in the beginning. First I move the horse’s head without moving the shoulders or hindquarters. The horse has to know that moving the skull is something separate. Then we move only the horse’s shoulders and then the hindquarter. This way I can prevent the horse from moving shoulders and hindquarter together.

What are the most important aids you can give with your body?

Jossy: The parallel line is one of the best tools. When you and your horse are moving next to a wall and your body turns away from the wall – you will get a shoulder in. If you turn towards the wall again: quarter in. You also need to use heels and toes to give direction of movement.

And when you want to leave the wall?

Jossy: The aids are exactly the same. Just go on the diagonal with your horse and turn to the horse’s neck – you will get a quarter in again.

And when we are lunging?

Jossy: You use the body language as well. By improving your level of body language you will improve the level of communication and you will raise the level of fun you have.

How can you play with energy?

Jossy: It is quite easy. Play with your horse. Run with it in freedom. Be enthusiastic and happy. When you do this often, the horse will be more outgoing with its energy. You can click with your tongue or send a kiss…then you will get trot and canter. Use your voice for transitions. When you stand still and do not speak the horse will be more focused on you.

But do you stay still or do you mirror the horse?

Jossy: When I really train voice communication I stand still. The horse has to learn one sign of my voice and it has to continue for example to do trot. It is a good way to train energy. You feel the connection which is really great. When you want to raise the energy up to collection, you can also use the voice but then you must add your body language and play with your point of weight. For more collection you go more backwards.

When the horse reacts, what feedback do you give?

Jossy: I become neutral with my body language. It is also important to give the horse comfort while it is moving. Get neutral and then give him a goodie.

The problem with communication is: You cannot stop. You always communicate through your body. And horses will always react to it. Always.

 

I know your lessons are loaded with energy You seem to never become tired of teaching. In September you will come back to Graz and I am happy to welcome you on the 24th and 25th of September. Everybody who is interested in the clinic with jossy can find the information on my website.

Jossy: I am really looking forward too 🙂

Von Mäusen und Muskeln

Von Mäusen und Muskeln

Fantasie ist ein Fitnessgrad für den Geist.
Es mag dich nirgendwohin bringen, aber es baut die Muskeln auf, die es können.
Ich kann mich natürlich täuschen. (Terry Pratchett)

Ohne Muskeln keine Bewegung.

Wenn wir über Gymnastizierung sprechen, dann sollten wir auch unbedingt über Muskeln sprechen.
Muskeln sind die Bewegungsorgane des Körpers. Die lateinische Bezeichnung lautet musculus und bedeutet übrigens „Mäuschen“, weil ein angespannter Muskel unter der Haut wie eine Maus aussieht.

Durch Kontraktion, also durch Zusammenziehen und Erschlaffung arbeiten Muskeln, setzen einen Körper beispielsweise in Bewegung.

Muskeln heften sich an zwei oder mehrere Knochen des Skeletts. Diese so genannten „willkürlichen“ Muskeln sind nun auch für die Überlegungen beim Training des Pferdes interessant.
Der Tonus, das Anspannen der Muskeln wird durch Reflexe ausgelöst und erhalten. Dabei kommt es zur Abhängigkeit von verschiedenen Muskelgruppen. Dies passiert durch einen Nervenimpuls. Bei der Skelettmuskulatur werden die Kräfte für die Bewegung letztlich durch Sehnen auf die Knochen übertragen.

Je nach Lage zu den Gelenken und nach Tätigkeit der Muskeln werden sie als Beuger oder Strecker definiert. Jeder Muskel hat also einen Gegespieler, allerdings sind die Muskeln auch durch eine bindegewebartige Haut miteinander verbunden – die so genannten Faszien. Faszie oder lateinisch fascia bedeutet „Band“ oder „Bündel“ und bezeichnet ein Bindegewebe, das den ganzen Körper als ein umhüllendes Spannungsnetzwerk umfasst.

Was bedeutet also die Abhängigkeit der Muskeln untereinander? Wird die Zusammenarbeit der großen Muskelgruppen untereinander gestört, dann wird die freie und losgelassene Tätigkeit gestört. Anders gesagt: Die Harmonie kommt aus der Balance, neben der Losgelassenheit leiden auch Durchlässigkeit, Schwung oder Takt.

Welche Muskeln gibt es?

Man unterscheidet zwischen lang– und geradefaserigen Muskeln und schrägfaserigen Muskeln mit sehnigen Einlagerungen.

Lange und geradefaserige Muskeln können sich kräftig zusammen ziehen und wieder nachgeben. Wofür sie zuständig sind? Für die Vorwärtsbewegung. Für den Reiter ist hier wichtig zu wissen: Diese Muskeln ermüden allerdings sehr schnell, wenn sie lange in Dauerkontraktion also lange in Spannung bleiben. Daher ist ein Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, Kontraktion und Dehnung so wichtig, um die Durchblutung und den Stoffwechsel anzukurbeln, um so einer Ermüdung entgegen zu wirken.

Schrägfaserige Muskeln mit sehnigen Einlarungen sind eben, wie der Name schon sagt entweder mit Sehnen überzogen oder von Ihnen stark durchsetzt. Ein ganzer Muskel kann sich sogar in einen Sehnenstrang verwandeln (Stichwort Fesselträger) .
Welche Funktion haben diese Muskeln? Die Sehnen unterstützen den Muskel in der Kontraktion bei der passiven Tragearbeit, also beispielsweise in der Stützbeinphase.

Form follows Function

Die Form beeinflusst also die Funktion: Wenn wir bei unserem Pferd Muskeln aufbauen möchten, dann funktioniert das Konzept nur dann, wenn wir die Muskeln ihrer Lage und Funktion entsprechend arbeiten. Ein Muskel kann sich auch zurückbilden, wenn er nicht nach diesen Grundsätzen gearbeitet wird. Auch bei dauerhafter Überlastung kommt es zu diesen so genannten Atrophien.

Wer über die Funktion und Form der Muskeln bescheid weiß, kann sein Training besser konzipieren und Reitet…Einfach 😉

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Sommerakademie 2016

Sommerakademie 2016

In der Biomechanik unter die Pferdehaut geschaut – ein Meistertest der ebenso voll unter die Haut ging und unterschiedliche Trainer hautnah. Das war die Sommerakademie 2016.

„Die beste Sommerakdemie aller Zeiten…“

Irgendwie höre ich mich diesen Satz jedes Jahr sagen, wenn mich Daheimgebliebene fragen, wie es denn in Dänemark war. Irgendwie gibt es jedes Jahr eine Steigerung. Und das nur, weil wir uns ständig hinterfragen, forschen, tüfteln und der gegenseitige Austausch so bereichernd ist.

Mittwoch Abend präsentierten Bent Branderup und Kathrin Branderup-Tannous ihre aktuelle Arbeit mit den Nachwuchspferden und den weiter ausgebildeten Pferden.

Bents Nachwuchspferd „Dorado“ zeigte, wie cool ein Youngster mental sein kann – und das vor großem Publikum. Die unterschiedlichen physischen und psychischen Voraussetzungen konnten wir bei den weiteren Pferden gut beobachten – und wie Hankenbeugung trotz einer nicht optimalen Hinterhand möglich ist. Bent und Kathrin haben uns wunderbar durch ihre Arbeit geführt und gezeigt – nicht immer gelingt alles perfekt, aber mit viel Liebe zum Pferd werden auch nicht so mutige Pferde stolz und selbstsicher in der Arbeit.

Vom korrekten vorwärts-abwärts zur Versammlung

Donnerstag Vormittag wurde es gleich für zwei Praktikantinnen sehr ernst. Vor versammelter Ritterschaft legten beide Damen mit ihren Pferde die Boden- und Longenprüfung ab. Im Anschluss konnten wir wieder Gast sein bei Bents und Kathrins Morgenarbeit. Besonders spannend für mich war das Ergebnis von Bents Handarbeit mit „Cara“. In der gerittenen Arbeit zeigte Bent dann, was ein „zu hoch“, was ein „zu tief“ im Pferdekörper bewirken kann, wie vorwärts-abwärts und ein Übergang zur Versammlung erarbeitet wird.

Letztere Fragen wurden dann auch in der Theorie erörtert. Genauer: Marius Schneider, Stine Larsen und Annika Keller luden am Nachmittag zum biomechanischen Vortrag. Marius brachte die Wirbelsäule eines Pferdes mit, Annika die eines Ponys. So konnten wir nicht nur per Powerpoint-Präsentation, sondern auch wirklich „unter der Haut“ spüren, wo Rotation, Flexion oder Extension zwischen den einzelnen Wirbeln möglich ist und wo nicht.

Wo im Pferdekörper findet leicht Biegung, wenn nicht sogar Überbiegen statt? Marius ging vor allem auf die Fehlerquellen bei Stellung und Biegung ein und brachte hier auch anschauliches Fotomaterial mit.

Stine Larsen erklärte anschließend die Biomechanik der Vorhand, Annika Keller konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf die Hinterhand. Dabei war es vor allem spannend ihren Erfahrungsberichten über die Arbeit mit der Schulparade zu folgen. Die Vorfreude auf Annikas Besuch bei uns am 19. und 20. November 2016 war bereits riesig.

Wie üblich wurde der Vortrag in der Zeit „leicht“ überzogen, die Fragen daher „eingepackt“ und beim gemeinsamen Abendessen und am Lagerfeuer weiter vertieft und diskutiert.

Ich freue mich hier besonders, da es immer einen offenen und freundlichen Austausch gibt, mit kritischer aber immer wohlwollender Haltung.

Train the trainer…

Am Freitag wurde es wieder praktisch. Einige Trainerkollegen wurden für einzelne Unterrichtsstunden ausgesucht. Um Entspannung ging es vorwiegend bei der Trainingseinheit von Yvonne Heynckes und Ute Tannous. Marius Schneider zeigte mit Martine L’ Orsa die einzelnen Führpositionen in der Bodenarbeit. Dabei ging es aber nicht nur um die Aufarbeitung aus dem biomechanischen Vortrag vom Vortag, gut sichtbar wurde auch: Wann ist der Mensch dem Pferd zu nah und blockiert möglicherweise den Schwung? Schwung und Bewegungsrichtung war bei Annika Kellers Einheit das Hauptthema. Dabei wurde am Sitz ihrer Schülerin, sowie an der Geraderichtung des Pferdes gearbeitet. Und wieder um Schwung und Vorwärts ging es bei Celina Harich, die durch den Wechsel von Führpositionen ihrer Schülerin und deren Pferd nicht nur mehr Energie nach vorne vermitteln konnte, sondern auch wie Tanzen mit dem Pferd möglich wird. Kathrin Branderup-Tannous präsentierte mit ihrem Nebo und Schülerin Kati Westendorf, wie man das Pferd in der Bodenarbeit spiegelt und mehr oder weniger Vorgriff der Hinterbeine durch die Spiegelung im eigenen Körper erarbeiten kann.

Ein neuer Meister mit viel Gänsehaut

Christofer Dahlgren präsentierte uns live mit seinem Saxo seine Meisterprüfung. Eine wunderschöne Prüfung, getragen durch gemeinsame Harmonie und Zusammenarbeit. Wunderschön zu sehen war, dass Christofer nach jeder Lektion Entspannung erfragte – egal ob nach einer Croupade, oder nach der Passage.

Langer Applaus, Tränen in den Augen der Zuseher und kolletive Begeisterung – der praktischen Meisterprüfung folgte Christofers Meitservortrag, der nicht minder für Begeisterung sorgte.

Dabei ging der schwedische Trainer auf die verschiedenen Persönlichkeiten der Pferde ein. Wie reagiert ein selbstsicheres Pferd auf eine Aufgabe und warum explodieren ruhig wirkende Pferde so plötzlich? Und wie lassen sich die einzelnen Typen am leichtesten von uns Menschen für das Training begeistern und dauerhaft motivieren.

Die Sommerakademie ist eine Zusammenkunft vieler Reiter aus ganz Europa. Ein Treffen, das mich und viele andere auch dauerhaft motiviert. Ich freue mich schon riesig die vielen Anregungen in die Praxis mit Pina und Tabby mitzunehmen!

Ein großes Dankeschön an Bent Branderup und Kathrin Branderup-Tannous, die uns jährlich einladen und ihre Anlage für die Sommerakademie zur Verfügung stellen sowie an Michelle Wolf und das gesamte Team für die Organisation. 

Sei offen und wertschätzend im Austausch, dann Reitest du Einfach 😉

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Alles im Takt?

Alles im Takt?

„Der Geregelte Takt ist nebst der Zwanglosigkeit die Grundlage von Gleichgewicht und Haltung und steht als solcher am Anfang jeder Ausbildung“. (Waldemar Seunig)
„Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ – das sagte Gustav Steinbrecht und mahnte sogleich ein: Ich meine nicht das Schnelle.
Die bekannte Skala der Ausbildung stellt Tempo und Takt gerne an den Beginn der Ausbildung. Das Fundament oder die Basisschule des jungen Pferdes wird in der Akademischen Reitkunst definiert durch: Balance, Losgelassenheit, Durchlässigkeit, Tempo, Takt und Schwung. Keines dieser Elemente kann für sich alleine betrachtet werden. So steht Balance nicht nur für physische Balance, sondern auch psychische. Ohne Balance keine Losgelassenheit, ohne Losgelassenheit wiederum keine Durchlässigkeit und so weiter…

Was ist aber nun Takt?

Takt hilft uns, mehrere Komponenten in der Reitkunst zu definieren. Zum einen steht Takt in enger Beziehung mit dem Tempo. Tempo wird als Maß für die Geschwindigkeit definiert.
Waldemar Seuning nennt hier in seinem Buch „Von der Koppel zur Kapriole“ ein schönes Beispiel, um auch den Unterschied zwischen Tempo und Takt herauszukitzeln:
Zwei Pferde galoppieren nebeneinander eine bestimmte Strecke in der gleichen Zeit. Beide legen die Strecke mit derselben Geschwindigkeit zurück. Der Zuschauer kann somit ein gleichmässiges Tempo beider Pferde beobachten. Wenn wir uns aber auf die Sprünge der beiden Pferde konzentrieren, zählen wir beim einen Pferd in der festgelegten Strecke 500 Sprünge, beim zweiten Pferd zählen wir 400 Sprünge. Beide Pferde legen ein gleichmässiges Tempo zurück, aber unterscheiden sich jedoch im Takt.

Wozu braucht man Takt?

Zum einen hilft uns der Takt die entsprechende Gangart zu bezeichnen. In den Grundgangarten zählen wir im Schritt einen klaren Viertakt, einen Zweitakt im Trab und einen Dreiertakt im Galopp. In den geschulten Gangarten kann sich der Takt aber auch ändern – so wird mit steigender Versammlung der Schulschritt auch schon mal zu einem Zweitakt. Auf einem Foto scheint das Pferd in der Piaffe, bewegt sich aber tatsächlich mit dem Schwung des Schrittes in einem Zweitakt vorwärts.
Der Takt ist der Gradmesser der Gleichmässigkeit und Reinheit der Gangart. Hier kann der Reiter die Qualität des Bewegungsrhythmus überprüfen. Wenn das Gleichmaß der Bewegung verloren geht, verliert das Pferd seinen korrekten und sauberen Takt.  Ein sauberer Takt gibt hier beispielsweise auch Aufschluss über die Qualität des Rückenschwungs. Eine zu feste Hand kann schon mal den Rückenschwung des Pferdes blockieren und somit die Wirbelsäule in ihrer dreidimensionalen Schwingung beeinträchtigen. Der Reiter bringt sein Pferd somit aus der Balance, darunter leiden auch Losgelassenheit,  Durchlässigkeit, Schwung usw. Wieder schließt sich der Kreis und macht deutlich, dass die einzelnen Meilensteine der Ausbildung immer ineinander greifen und sich gegenseitig beeinflussen.
Ein unsauberer Takt ganz ohne Reiter ist auch ein Warnzeichen. Lahmheiten kann man somit nicht nur sehen, sondern auch hören.
„Der Takt kann zu langsam sein, wenn sich die Tritte zwar in gleichmässigen, aber zu lange dauernden Abständen folgen. Der Takt kann zu eilig sein, wenn die gleichmässigen Abstände der Tritte zu rasch aufeinander folgen.“ (Waldemar Sehnig) .
Am Tempo kann man mit einem Pferd arbeiten das gehorsam ist und mitmacht, durchlässig und losgelassen ist. Sie können es mal zu Vorwärts-abwärts formen, wobei das Pferd sich dehnt und die Schritte verlängert, oder Sie können das Pferd aufwärts formen, wobei es sich zusammen stellt und die Schritte verkürzt und zur Versammlung. Jedes Pferd hat hier andere Fähigkeiten. Das eine kann leichter verstärken, das andere leichter versammeln. Genau in diesem Grenzbereich liegt das Gleichgewicht des einzelnen Pferdes, weswegen auch das Grundtempo bei jedem Pferd individuell geritten werden sollte. Dieses Grundtempo wird sich im Lauf der Ausbildung verändern.

Und das Tempo?

Ist das Pferd durchlässig und losgelassen kann am Tempo gearbeitet werden. Der Reiter kann sein Pferd vorwärts-abwärts formen und dabei die Tritte verlängern, das Pferd kann aber auch zu mehr Versammlung aufgefordert werden, wobei der Takt hier gesteigert wird. Das Pferd fußt mit zunehmender Versammlung schneller ab, ist aber nicht schneller unterwegs. So bleibt in der Stützbeinphase das diagonale Beinpaar nicht so lange am Boden und fußt rascher wieder ab.
Wie heißt es immer so schön: Es gibt nur ein Pferd, das sich wie das Pferd aus dem Lehrbuch verhält – und das steht im Lehrbuch drin. Demnach gibt es auch kein einheitliches Tempo, das für alle Pferde empfohlen werden kann. Das jeweilige Grundtempo muss für jedes Pferd individuell geritten werden.
„Um ein gleichmässiges Tempo zu erzielen, ist es ebenfalls notwendig individuell vorzugehen. Grundsatz aber muss unbedingt das Vorwärtsreiten sein, das aber nicht mit schnell verwechselt werden darf. Vorwärts heißt nicht, mit raschen und ungeregelten Tritten davon zu eilen, sondern in ruhigem und gleichmäßigem Tempo Raumgewinn zu erzielen. Es wird daher notwendig sein, phlegmatische und zur Trägheit neigende Pferde immer wieder zu ermahnen, um den Drang nach vorwärts zu wecken. Vorher ist es aber erforderlich genau festzustellen, ob es sich bei den betreffenden Pferden tatsächlich um Trägheit, oder um Schwäche handelt. Pferde mit eiligen Tritten sollen durch Beruhigen unterstützt werden das Gleichgewicht zu finden und erst dann können durch vortreibende Hilfen auch wieder allmählich raumgreifende Bewegungen erzielt werden. (Alois Podhajsky).
Als kleine Faustregel gilt: Verstärkungen sollten wir also in einem niedrigeren Takt reiten, um das Pferd in der Bewegung nicht zum Eilen zu verleiten. In der Versammlung kann der Takt erhöht werden, um ein Absterben des Motors zu verhindern.
„Achten Sie stets sorgfältig auf einen sauberen Takt in allen Gangarten, wenn sie ihr Pferd gesund erhalten möchten“. (Bent Branderup)

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