Man lernt nie aus

Man lernt nie aus

Hört das Lernen jemals auf? Während sich die einen über Meilensteine und Zeugnisse freuen, möchten andere niemals aufhören zu tüfteln und zu entwickeln. Welcher Typ bist du?

Professoren des Lebens….

Als ich fünf Jahre alt war, besuchte ich die musikalische Früherziehung. Ich kann mich hier nicht mehr genau an den Inhalt erinnern. Wenig später jedenfalls bekam ich meine erste Violine geschenkt. Ausgepackt und drauf losgefiedelt…dachte ich. Enttäuscht legte ich das glänzende Instrument in den Kasten zurück.

Ein paar Tage später lernte ich meinen Professor kennen. Es stellte sich heraus, dass ich mich – nachdem ich die Technik durch mühsame Kleinarbeit gelernt hatte – komplett auf mein Gehör verlassen konnte, wenn es darum ging ein neues Konzert einzustudieren.

Rückblickend würde ich sagen: vermutlich habe ich in punkto Violine wirklich ordentlich Talent mitgebracht. Während andere Schüler meines Professors viele Stunden akribisch getüftelt und geübt haben, habe ich mich auf mein Gehör verlassen und drauf gegeigt.

Eines Tages hatte ich eine Beethoven-Sonate zu spielen. Lustlos ließ ich meine Finger über die Saiten gleiten. Irgendwie war das wohl ganz brav „heruntergestrichen“. Zufrieden war mein guter Professor jedenfalls ganz und gar nicht. Ich war mitten in der Pubertät und natürlich ob der Kritik genervt. Bitte, jeder Ton war da, ich habe mit dem Bogen keinen Blödsinn gemacht. Alles war doch da. Sogar Pausen habe ich eingehalten (ich gebe zu, für jemand der sich beharrlich weigerte Noten zu lesen, war das schon eine Leistung).

Kopfschüttelnd nahm mein Professor meine Erwiderung: „Aber ich kann es doch. War doch fehlerfrei“ zur Kenntnis und konterte: „Man lernt nie aus. Man kann immer was verbessern. In einem Leben wird man es noch nicht vollständig können“.

Und hier schlägt sich die Brücke zur Reitkunst. Viele Jahre später. Ich lausche einem der ersten Theorieseminare von Bent Branderup in Österreich und höre plötzlich:

„Ein Leben reicht nicht aus, um Reiten zu lernen“. (Bent Branderup)

Wer lernt wie Reiten? In vielen Sportarten gibt es Einteilungen. Vom Basislevel bis zum Fortgeschrittenen. Klar, auch beim Reiten gibt es beispielsweise verschiedene Turnierklassen, die auf das Können Rückschlüsse geben können. Bedenklich wird es aber, wenn die Reiter aus den Königsklassen nicht auf ihren „Krachern“ sondern auf anderen braven, ruhigen Pferden in die Ehrenrunde reiten müssen, oder gar nicht daran teilnehmen können.

„Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können“. Irgendwo driften dann diese Geister aber scheinbar bei einer Siegerehrung auseinander.

Lernen mit allen Sinnen

Es gibt verschiedene Lerntypen:

Der auditive Lerntyp

Lerninhalte laut aussprechen, vom Band hören, Selbstgespräche fürs Auswendiglernen und absolute Ruhe beim Lernen – diese Strategien kommen diesem Lerntyp am ehesten entgegen. Demnach lernt der auditive Lerntyp gut im Dialog und durch die Begleitung eines Coaches.

Der visuelle Lerntyp

Lesen und Lernen durch Beobachten. Der visuelle Lerntyp hat in punkto Reiten einen Vorteil, wenn das Auge gut geschult ist. Auch aus der Reitliteratur kann er sich viel mitnehmen.

Lernen durch Gespräche

Wie gut, dass Reiter prinzipiell ein geselliges Volk sind. Hier wird gerne diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht, Fragen gestellt und Antworten geliefert. Dieser Lerntyp tut sich im Gespräch leicht. Als Lernender ohne Begleitung durch einen fachkundigen Trainer, kann sich dieser Lerntyp aber auch schwer tun: schließlich kann man sich nur auf die Inhalte aus den Diskussionen verlassen – wenn der Erfahrungsschatz aber selbst noch nicht so groß ist, werden solche Lerntypen möglicherweise gerne zu „Trainerhoppern“.

Lernen durch Bewegung

Learning by doing. Der motorische Lerntyp ist kein Pauschaltourist, sondern ein Entdecker. Bewegung und Lernen durch Beobachtung kommen hier entgegen. Eine „tragende Rolle“ als Lehrmeister nimmt hier natürlich auch das Pferd ein – nicht immer zu seinem Vorteil – vor allem wenn es selbst seine Bewegungskompetenz als Reittier schulen müsste.

Prinzipiell lernen wir mit allen Sinnen. Wenn wir wollen. Wir dürfen eigentlich nie aufhören Lernende zu sein, Reisende zu sein. Wir haben einen Schatz an Büchern, hinterlassen von den Alten Meistern. Wir haben Trainer, die sich komplett auf Bewegungskompetenz von Mensch oder Pferd fokussieren, wir haben die Möglichkeit viele Reiter und Vorbilder zu vergleichen, von ihnen zu lernen. Und wir haben die Möglichkeit uns permanent mit anderen Lernenden auszutauschen.

Die Kehrseite der unendlichen Möglichkeiten: Wie ist es mit dem Erkennen falscher Lehrinhalte? Wann ist ein Ratschlag gut – und wenn er wirklich gut ist, passt er für mich, für mein Pferd?

Wenn es nichts mehr zu entdecken gibt?

Die Summe meiner Erfahrungen und Gefühle machte Musik letztlich lebendig, hauchte ihr eine besondere Note ein. Und die Summe meiner Erfahrungen mit den Pferden prägt auch mein reiterliches Fortkommen. Ein Pferd auszubilden macht noch keinen Experten, schließlich sind Pferde auch nicht gleich.

Wie viele Reiter glauben, sie sind bereits am Ziel? Wenn wir ständig auf unserer Reise bleiben, dann REITEN WIR EINFACH. Und: Ein Leben reicht nicht aus, um Reiten zu lernen. Wir sollten dieses Leben daher unbedingt so gut wie möglich nutzen, dann reiten wir EINFACH.

Ich widme diesen Text meinem lieben Professor Franz Diethard, der mir beigebracht hat, dass Talent zwar möglicherweise für den ersten Schritt reicht, aber Leidenschaft und Begeisterung, die zu Fleiß führen, unser Tun erst melodisch machen.

signature2

 

Erklär mir mal….das Zungenbein

Erklär mir mal….das Zungenbein

Betrachtet man den equinen Schädelknochen, dann fehlt bei den meisten Anschauungsmodellen ein kleiner H-förmiger Knochen, dem oftmals von der Form und Gestalt her Ähnlichkeit mit einem Schlitten nachgesagt wird – das Zungenbein.

Wer?

Wer im Fachlexikon nachschlagen möchte, muss mit dem Begriff Os hyoideum oder Os hyoides suchen.

Was?

Das Zungenbein ist ein kleiner Knochen, zu finden im Unterkiefer des Pferdes. Konkret ist das Zungenbein die Verbindung zum Schläfenbein und liegt zwischen Zunge und Kehlkopf. Es ist also gelenkig mit dem Schädel verbunden und zwar konkret mit dem Schläfenbein. Über Muskeln und Faszien ist das Zungenbein direkt oder indirekt mit dem Schädel und dem Unterkiefer, dem Bereich Schulter/ Oberarm und dem Bereich Becken/ Kreuzbein verbunden. Fasst man von unten an den Ganaschen des Pferdes nach innen ist das Zungenbein zwischen den Unterkieferästen mit den Fingern vorsichtig zu ertasten. Das Zungenbein hat weiters eine Verbindung zum Kehlkopf, es liegt also seitlich des Rachens. Es besteht aus mehreren kleinen, stabförmigen Elementen.

Wozu?

Die Aufgabe des Zungenbeins lässt sich als Aufhängeapparat für die Zunge beschreiben. Es dient außerdem als Befestigung der Zungenwurzel. Funktion übernimmt es auch beim Kau- und Schluckakt. Da das Zungenbein rein muskulär, also ohne direkte knöcherne Verbindung mit dem Zungengrund und dem Kehlkopf verbunden ist, wird klar, dass es auch beim Reiten eine entscheidende Funktion einnimmt. Nicht umsonst spricht man von einem ruhigen und entspannten Maul.

Kommt der „Schlitten“ in einen Schiefstand – also wird das Zungenbein schief gestellt, dann vermutet man in der Ostheopathie auch einen Schiefstand in der Kommunikation. Eine falsche Lageinformation, was die horizontale Körperausrichtung anbelangt wird an das Hirn durchgegeben, das Pferd leidet unter Gleichgewichtsstörungen und ataktischen Störungen des Bewegungsapparats.

Aus ostheopathischer Sicht macht es wenig Sinn, das Zungenbein losgelöst vom Rest des Körpers zu betrachten, es bedarf einer kompletten Untersuchung des Pferdes und vermutlich einer Behandlung an verschiedenen Bereichen des Pferdekörpers. Die Behandlung am Zungenbein beruht auf der Lösung muskulärer und faszialer Spannungen durch eine so genannte Listening-Technik, so Tierarzt und Ostheopath Manuel Flätgen.

Stichwort Kommunikation: In diesem Zusammenhang wird das Zungenbein auch als Schaltstelle zwischen Körper- und Kopffaszien bezeichnet. Bei koppenden Pferden werden Kontraktionen zwischen Zungenbein und Brustbein- sowie den Unterkiefer Muskeln festgestellt.

Wodurch?

Wodurch kann das Zungenbein verletzt oder blockiert werden? Als Hauptverursacher ist wie immer der Mensch zu nennen. Das Pferd stolpert im Gelände, der unerfahrene Reiter hält sich am Zügel fest. Schon kann es zu einer Verletzung kommen. Vorsicht ist auch bei Zahnbehandlungen geboten, wenn die Zunge aus dem Maul geführt wird, sollten ruckartige, reißende Bewegungen vermieden werden. Ein guter Pferdezahnarzt prüft auch nach der Behandlung, ob das Zungenbein verschoben wurde, oder ob Blockaden vorliegen.

Lernen wir die Anatomie verstehen, dann können wir auch richtige Fragen an unsere Ostheopathen, Chiropraktiker, Physiotherapeuten und Tierärzte stellen…:-) Lernen hört nie auf! Zum Glück!

 

signature2

Themenseminar: Hankenbeugung

Themenseminar: Hankenbeugung

Die Themenseminare in Deutschland mit Bent Branderup erfreuen sich großer Beliebtheit. Nach der Diskussion rund um „Vorwärts-abwärts“wurde in Lüdinghausen am Gestüt Moorhof von Marius Schneider nun über Hankenbeugung referiert. Stefanie Niggemeier hat wieder für alle „Daheimgebliebenen“ Mäuschen gespielt:

„Wenn man das Pferd mit dem Zügel durchhält, während es die Hinterhand nach vorn untersetzt, so beugt es die Hinterbeine in allen Gelenken, die Vorhand aber hebt es in die Höhe“

Mit diesem Zitat Xenophons beginnt Bent Branderup seinen Vortrag beim dritten Themenseminar dieses Jahres auf dem Gestüt Moorhof, dem deutschen Zentrum für akademische Reitkunst in Lüdinghausen. Gastgeber Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst, freute sich nicht nur über das sommerliche Wetter, sondern auch die zahlreichen Theorie-und Praxisteilnehmer aus mindestens acht verschiedenen Nationen, die sich für das Thema „ Hankenbeugung“ interessierten.

Aufgrund des mehr internationalen Publikums- drei Praxisteilnehmerinnen, lizensierte Trainerinnen der Akademischen Reitkunst waren extra aus ihrer fernen Heimat angereist- wurde die Theorie und auch einige Praxiseinheiten in englischer Sprache abgehalten. Dieses Englisch war jedoch gut zu verstehen und auf Nachfrage war Bent Branderup gerne immer wieder bereit, Inhalte noch einmal auf Deutsch zu wiederholen, bzw. erklärte ihm besonders wichtige Sachverhalte gleich in beiden Sprachen.

Das eingangs erwähnte Zitat Xenophons, immerhin schon 2400 Jahre alt, sei die „gesamte Reitkunst in einer Nussschale“, erklärt Bent Branderup.

Ganz besonders wichtig war ihm, dass der Fokus des Reiters nicht ausschließlich auf dem Beugen der Hinterhandgelenke und dafür besonders geeigneter Lektionen die der Piaffe und der Schulparade liegen darf: „ Angst auf der Stelle , Strampeln- das kann jedes Pferd innerhalb kurzer Zeit lernen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ein Pferd ein gutes Reitpferd ist, das den Reiter lange gesund tragen kann. Dazu gehört viel mehr!“ führt er aus. So sei das oberste Ziel der Arbeit mit dem Pferd die Suche nach Balance, die jedoch immer in jedem Moment individuell sei.

Balance– zu diesem Stichwort arbeiteten dann die verschiedenen Pferd-Mensch-Paare in ganz unterschiedlicher Weise. Mal konnten Lektionen wie Seitengänge dem Pferd helfen, in Balance zu kommen, mal half ein wenig mehr Schwerpunktsverschiebung in Richtung Hinterhand bei gleichzeitigem Erarbeiten des Vorgriffs der Hinterbeine dem Pferd, in eine gute, tragfähige Form zu kommen.

„Balance, Losgelassenheit, Form: diese drei Begriffe sind nicht zu trennen. Ohne Losgelassenheit keine Form, ohne Form keine Balance, ohne Balance keine Losgelassenheit“ , erklärt Bent Branderup.

Die Form, das ist ihm ganz wichtig, dürfe nie aus der Idee kommen, das Pferd in eine bestimmte „Figur“ zu pressen, die kursfotoHilfen des Reiters sollten immer und jederzeit Vorschläge sein, die der Mensch dem Pferd macht. Ob und wie das Pferd diese Vorschläge umsetzen kann – oder überhaupt will- das sei ein Kultivierungsprozess.

„Minimale Hilfen sind ein Privileg des Meisters “, schmunzelt er.

Er erklärt immer wieder, dass es vor allem der Geist des Pferdes sei, der zuerst einmal erreicht werden müsse und sich dem Menschen zuwenden müsse, bevor an eine Formgebung überhaupt gedacht werden könne.

Die verschiedenen Werkzeuge, die der Akademische Reiter schon lange vor dem ersten Aufsitzen oder aber immer wieder im Laufe der Ausbildung nutzen kann, um einerseits eine gute Beziehung zum Pferd zu bekommen, andererseits aber auch ein Verständnis von Hilfen zusammen mit dem Pferd zu erarbeiten seien Techniken wie die Bodenarbeit, Longenarbeit, Handarbeit, Langzügelarbeit und ein Cross-Over, ein Vermischen dieser Techniken, um dem Pferd so helfen zu können, wie es dies gerade braucht.

„Es gibt nicht die eine Technik, es gibt nicht die eine Lektion, es handelt sich um zwei Lebewesen, die gemeinsam einen Weg gehen. Dann, wenn zwei Körper tun, was zwei Geister wollen, dann haben wir unser Ziel erreicht.“

Wenn wir also überprüfen wollen, ob wir unsere Pferde in gesunder Weise ausbilden, dann sei der Blick auf die Tätigkeit der Wirbelsäule das Allererste, was wir zu tun haben. Diese Tätigkeit zeige sich dann im Takt, im der Gangart entsprechenden taktmäßigen Niederschlag der Beine mit gerade öffnenden und schließenden Gelenken. Gut zu sehen war dieser Prozess bei den teilnehmenden Pferden: ein Pferd neigte dazu, die Hinterbeine sehr weit zu stellen, ein Anderes fing an, kürzer zu treten, sobald die Hinterhandgelenke mehr beugten, bei einem weiteren Pferd konnte die Andeutung von Kruppeherein und Schulterherein helfen, dem Brustkorb eine Schwungrichtung aus der Hinterhand zu geben. Je nach Pferd hatte Bent Branderup dann ganz verschiedene Ideen, wie man Balance, Form und Losgelassenheit dann erreichen konnte.

„Die Energie, die der Motor Hinterhand vom Hinterhuf ausgehend produziert muss so durch den Körper des Pferdes fließen können, dass es sich in einer Art und Weise bewegen kann, dass es in den Augen anderer Pferde schön ist. Nicht das, was Menschenaugen schön empfinden ist wichtig in der Ausbildung des Pferdes, Pferde zu Pferden ausbilden ist das Einzige, was in der Akademischen Reitkunst zählt“, betont Branderup immer wieder.

Jedes Hindernis , jede Störung die das Pferd von taktreinen Grundgangarten abhalte müssen im Laufe der Ausbildung mehr und mehr weggearbeitet werden, damit das Pferd zuerst lerne sich zu tragen und dann anschließend gerne und gesund viele Jahre unter dem Sattel tragfähig und geschmeidig bleibe. Hier ist vor allem das Wort „Schwung“ immer wieder ein Begriff, den zu sehen und zu fühlen Branderup die Teilnehmer lehrt. „Schwung“, so erklärt er:

„ist die Fähigkeit der Wirbelsäule, dreidimensional schwingen zu können. Die Energie dazu gewinnt sie aus der Kraftübertragung der Hinterhand.Ist die Hinterhand so wie sie ist tragfähig und in der Lage, Schwung zu produzieren ist eine vermehrte Beugung der Gelenke persönliche Ambition des Ausbilders. Nicht Beugen, Tragen muß das gesunde Reitpferd. Wird das Tragen durch Beugen besser: gut so! Wird es schlechter, hat das Beugen nicht geholfen und man muß andere Wege suchen. Ein Weg kann ein Zulegen sein, das jedoch auch nur dann hilft, wenn das Pferd dabei nicht auf die Schultern gerät. Optimal wäre in der Theorie eine Abwechslung aus Versammlung mit mehr Hankenbeugung und Zulegen und natürlich ebenso andersherum, in der Praxis kann das aber sowohl die körperliche, als auch mentale Balance des Pferdes stören. Hier hilft dann kein starres System, sondern nur ein genaues Beobachten und Umdenken.“

Der Unterschied zwischen Versammlung und Hankenbeugung wird schnell klar wenn Bent Branderup erklärt, dass das anfangs erwähnte Zitat Xenophons sich immer auf den ganzen Pferdekörper beziehen müsse, der immer eine Einheit sei:

„ Ein Pferd ist keine Salami, die sich in Scheiben zerschneiden läßt!“

So könne die Hankenbeugung ein Teil der Versammlung sein, aber nur dann könne man von Versammlung sprechen, wenn das Pferd ohne Taktverlust dazu in der Lage sei, den Brustkorb mit den daran durch Muskel- und Bänderstrukturen aufgehängten Schultern aus der Tätigkeit der Hinterhand zu heben und so mehr Freiheit für die Vorderbeine in Schwungrichtung erhalte. Auch Hals und Schädel sollen frei aus der Tätigkeit der Hinterhand getragen werden, die Hand dürfe ,wie alle anderen Hilfen wie Sitz, Körpersprache, Schenkel, Gerte und Stimme niemals die Energie aus der Hinterhand, den Schwung stören.

Nicht nur ausgesprochen interessante Arbeit wurde von den teilnehmenden Reitern zu diesem hochspannenden Thema gezeigt, auch das Publikum bereicherte das Seminar durch eine sehr konstruktive Wohlfühlatmosphäre, zu der wie immer natürlich auch das gesamte Team des Gestüts Moorhof massgeblich beitrug.

Dankbar für ganz viel Inspiration freue ich mich nun schon auf das nächste Themenseminar mit Bent Branderup im deutschen Zentrum für die Akademische Reitkunst am 17. Und 18. September 2016, wenn es um das Thema „ Facetten der Bodenarbeit“ geht.

Stefanie Niggemeier

Vielen, vielen Dank an Stefanie, die für diese wunderbare Zusammenfassung wieder fleissig zusammengefasst hat.  Weitere Fotos vom Themenseminar gibt es auf Facebook, mehr von der Gastautorin gibt es auf ihrer Homepage. 🙂

 

 

 

Mit Hingabe Karriere machen…

Mit Hingabe Karriere machen…

Die meisten Probleme in der Reiterei liegen in der Kommunikation. Beim Kurs mit Bent Branderup haben wir nicht nur unsere Sprache geschult – wir haben auch herausgefunden, dass viele Redensarten in der deutschen Sprache aus der Reitkunst kommen.

6M1A1506bcTrotz hitziger Bedingungen waren Reiter, Pferde und Zuseher am vergangenen Wochenende hoch motiviert. Bent Branderup hatte uns aus Dänemark wie immer viel Wissen rund um die Akademische Reitkunst mitgebracht. Besonders zum Schmunzeln war die Verwandtschaft zwischen Reitkunst und Sprache. So kommt die Karriere – vom Carriere: dabei kann das Pferd mit der Kraft der Hinterbeine aus der Versammlung heraus eine maximale Beschleunigung erzeugen. Auch bei Rennpferden kann man dies aus der Startbox heraus betrachten. Und manchmal schaffen wir es auch mit geballter Kraft aus einer „Startbox“ heraus Karriere zu machen. Oder wir schaffen eine ganz großartige Leistung „aus dem Stehgreif“, ganz wie von Zauberhand.

Wer schreibt der bleibt….

Das älteste Buch der Reitkunst wurde im 4. Jahrhundert vor Christus verfasst. Xenophon galt nicht nur als großer Pädagoge seiner Zeit, er beschreibt genau wie die Hinterhand des Pferdes dem Brustkorb seine Richtung gibt.

Bent Branderup führte uns durch die Geschichte der Reitkunst gepaart mit viel neuem Wissen aus aktueller Forschung. Dabei betonte er immer wieder Wissenswertes und Zitate aus der Arbeit der Alten Meister wie Pluvinel, Steinbrecht und Guérinière – getreu nach dem Motto:

Wer schreibt der bleibt – was sich damals bewährt hat, hat heute in der Reitkunst noch Gültigkeit.

Wer mit einem Pferd zu arbeiten beginnt, der muss sich sowohl mit der Psyche, als auch mit den physischen Voraussetzungen des Pferdes auseinander setzen. Aller Anfang liegt aber in der Kommunikation mit dem Pferd – und der Erarbeitung einer gemeinsamen Basis.

„Basis ist aber nur Basis, wenn es für irgendetwas Basis ist“ (Bent Branderup)

In diesem Sinne mahnte uns der dänische Reitmeister nicht immer nur in „Endprodukten“ zu denken.

„Wenn ich in manche Reithallen schaue, dann habe ich oft das Gefühl, dass es nur wenige Menschen gibt, die noch wirklich gerne eine schöne Zeit mit dem Pferd verbringen möchten“. (Bent Branderup)

Denn sie wissen nicht was sie tun…

Wie fängt man eigentlich an, wenn man dem Pferd eine bestimmte Form geben möchte? Hier schließt sich der Kreis wieder zu Xenophon, der betonte, die Hinterbeine des Pferdes nach vorne zu reiten und dem Pferd eine Parade zu geben, um die Tragkraft des Pferdes nach und nach zu stärken. „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“Gustav Steinbrecht schlägt hier in dieselbe Kerbe. Und dafür gab es auch gleich eine Bild zum Schmunzeln:

„Menschen und Pferde benutzen relativ selten ihre Vorderbeine zur Bewegung. Es geht um die Schulung der Hinterhand. Wir Menschen benutzen ja auch nicht unsere Vorderbeine – nun ja vielleicht nach einem Kneipenbesuch spätnachts kann es schon sein, dass der eine oder andere auf allen Vieren nach Hause kommt. Die Bewegung erarbeiten wir also immer aus der Hinterhand. (Bent Branderup)

Bevor wir uns aber in den Sattel schwingen, sollten wir unser Auge, unser Gefühl, unseren Geist und unsere Hand vom 6M1A3049bcBoden aus schulen. So wurde in der ersten Theorieeinheit zunächst die Arbeit mit dem Kappzaum besprochen. Vom Genick und seiner Hergabe – oder besser gesagt „Hingabe“ – wurde die Bewegung der Wirbelsäule bis zur Erarbeitung von Schwung, der ja eine dreidimensionale Schwingung der gesamten Wirbelsäule mit vielen Zeichnungen dem gebannten Publikum erklärt. Branderup mahnte dabei das Pferd in Einzelteile zu zerlegen. Die Wirbelsäule könne nur als Ganzes betrachtet werden. Ist somit die dreidimensionale Schwingung überhaupt möglich, wenn die Wirbelsäule im Bereich des Halses durch beispielsweise Ausbinder fixiert wird? Hier kamen die Zuschauer ins Grübeln.

Genauso wenig wie man die Wirbelsäule isoliert betrachten kann, können Muskeln isoliert betrachten.

„Muskeln arbeiten immer in Gruppen zusammen. Was sind die Gegenspieler, wenn es um die Entspannung der Oberlinie geht? Wenn wir das Pferd formen, dann müssen wir wie biomechanische Schachspieler Zug um Zug voraus denken. (Bent Branderup)

Bent Branderup erklärte wie Stellung und Biegung die Wirbelsäule beeinflussen und warum die Rotation des Unterkiefers essentiell für eine korrekte Biegung ist. Dabei ließ er uns auch ein bisschen in die aktuelle Forschung schnuppern. So sammelt sich oft gekautes Rauhfutter als „Rolle“ an der Zunge. Wenn Pferde abschnauben oder husten haben einige Reiter sicherlich schon mal so eine „Rolle“ gesehen. Die Form der Rolle wird nun untersucht, um über die Bewegung der Zunge Aufschluss über das physiologische Gebiss für das Pferd zu geben.

Wie Pferde kauen und wie die Zahnreihen zueinander stehen spielt auch bei der Anpassung des Kappzaums eine große Rolle. Ein zu hoch verschnallter Kappzaum kann beispielsweise Schmerzen an der Backe durch Zahnkanten verursachen.

Jedes Lebewesen mag Balance…

„Wenn es dem Pferd zu viel Kraft kostet die Balance zu halten, dann wird das Pferd ermüden. Wir müssen dem Pferd also gute Vorschläge für gemeinsame Bewegung und Balance geben, dann wird das Pferd auch gerne mitmachen. Ganz nach dem gemeinsamen Motto: Yes we can!“ (Bent Branderup)

Wie stellen wir also die Balance her. Dafür gibt es in der Akademischen Reitkunst die Bodenarbeit, die Longenarbeit, die 6M1A2574bcHandarbeit, die Arbeit mit dem Langen Zügel und die Pilarenarbeit. Und natürlich: den Reitersitz. Die Hilfe, die praktisch nie aussetzen kann, da wir ja nun mal auf dem Pferd sitzen.

Dass wir Pferde auch abstumpfen können, zeigt das Beispiel mit der Fliege. Der größte Kaltblüter kann seine Muskeln bewegen und zusammenzucken, wenn er eine kleine Fliege verscheuchen wird. Wir müssen so fein und leicht wie die Fliegen werden.  Wie sieht korrekte Rückentätigkeit aus und warum ist ein korrekt über den Rücken gerittenes Pferd auch für den Reiter gut? Ein Pferd, das für den Reiter unbequem ist, das ist auch für sich selbst unbequem konstatierte Branderup.

Wir können also wählen das Pferd in der Tragkraft auszubilden, damit es uns gut tragen kann, oder uns dafür entscheiden uns einfach transportieren zu lassen.

„Jeder Muskel hat eine gewisse Fähigkeit, aber die Ausdauer muss von uns entwickelt werden für das Reiten. Und pädagogisch gesehen ist es die wichtigste Fähigkeit des Reiters nicht etwas zu verlangen, sondern zu analysieren, was da unter mir vorgeht“. (Bent Branderup)

Das horizontale Gleichgewicht braucht das Pferd, um seine Hufe so abzunutzen, wie es das in der Natur tun würde. Wer ab und zu einen Blick auf die Hufabdrücke im Sandboden wirft, der lernt auch einiges über die Balance.

Wie Hund und Katz…

In der Kommunikation kann auch mal etwas schief gehen. So interpretiert der Hund das Schwanzwedeln der Katze gänzlich anders, als von der Katze beabsichtigt. Der Hund lernt vielleicht aus den Kratzern an der Nase…Wir sprechen also nie „Pferd“. Und unser Pferd spricht nicht „Mensch“. So müssen wir uns bemühen, bei allem was wir tun, das Pferd zu sehen. Hier lernen wir am meisten, wenn wir uns das Pferd immer wieder in der Natur anschauen.

Von der Theorie ging es dann zur Praxis.

Die erste Einheit des Kurses durfte ich meine Arbeit mit meiner Schülerin Julia Kiegerl und ihrem 10-jährigen Vollblut-Wallach „Catch the Moon“ zeigen. Seit eineinhalb Jahren darf ich Julia begleiten und unser Thema war auch ganz klar: Kommunikation. Durch viel Bodenarbeit wurden die Missverständnisse zwischen den Beiden immer geringer. Der schönste Erfolg war am Kurs eigentlich nicht die tolle Boden- oder Longenarbeit, sondern der vertrauensvolle Umgang zwischen den beiden.

Und ja: zum Feiern gab es doch auch was: Ich freue mich riesig für Julia und Moon zur bestandenen Boden- und Longenarbeitsprüfung! 🙂

Bent begleitete alle Reiter an diesem Wochenende mit viel Feingefühl und Geduld. Wir freuen uns schon riesig auf die Fortsetzung in Graz im nächsten Jahr…auch wenn wir vor Ungeduld vielleicht sogar ein bisschen „…im Karree springen“….;-)

PS: Danke für die Fotos an die wunderbare Katharina Gerletz. Einen gesamten Fotorückblick vom Kurs gibt unter diesem Link auf Katharinas Facebook Fotoseite.

 

 

 

Pin It on Pinterest