Bist du begeistert?

Bist du begeistert?

Wir haben gute und wir haben schlechte Tage. Wir können Entdecker sein oder Pauschaltouristen…und wenn wir unsere Begeisterung fürs Lernen ad acta legen, dann bedeutet das Stillstand.

Noten mit Begeisterung

In wenigen Tagen ist es soweit und in ganz Europa werden die Schulzeugnisse verteilt. Während sich die einen freuen, heißt es für die anderen möglicherweise: Zurück an den Start. Was hat das Lernen und die Schule aber mit dem Reiten zu tun?

Sehr viel, denn wie wir lernen und wie unsere Haltung dem Lernen gegenüber ist, das beeinflusst natürlich auch unsere Arbeit mit dem Pferd.

Mach es zu deinem Projekt

Nein das ist jetzt kein Plädoyer einer Heimwerker-Werbung. Dieser Ansporn kam erst kürzlich von Bent Branderup bei seinem Seminar in Ainring bei Salzburg. Bent appellierte an unseren Entdeckergeist, an die Freude zu lernen und passend dazu hörte ich im Radio ein Interview mit Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie.

Seine zentralen Aussagen?

Der Mensch hat ein angeborenes Erkundungsbedürfnis, aber auch ein starkes Bindungsbedürfnis. Wir sehnen uns also nach Verbundenheit, brauchen aber Begeisterung, damit unser Hirn das nötige Brainfood auch aufnehmen und leicht verdauen kann.

Wir sind aber auch die Summe unserer Erfahrungen – und so ist es auch logisch, dass wir nicht immer einer Meinung sind. Das ist auch gut so, schließlich kann man ja auch viel voneinander lernen und von den Erfahrungen anderer wertvolles Wissen partizipieren. Wenn ich mir aber gerade in der Reiterwelt die Diskussionen im Internet und diversen Foren ansehe, dann habe ich weniger das Gefühl auf Entdecker mit Begeisterung zu stoßen. Nur die eigene Meinung zählt und ist beinahe schon in Stein gemeißelt. Wir reden oder besser gesagt tippen aufeinander ein. Wer anderer Meinung ist muss schnellstens von der eigenen Meinung überzeugt werden. Macht so das Teilen von Meinungen und Inhalten Spaß?

Wo ist die Begeisterung?

Jeder hat schon mal die Erfahrung gemacht, wenn etwas wirklich, wirklich wichtig ist, dann legt man sich dafür so richtig ins Zeug. Wir schmieden einen Plan, wir widmen unsere ganze Aufmerksam auf das angestrebte Ziel. Wir lassen uns nicht vom Weg abbringen. Oder doch? In meinem Studium der Kommunikationswissenschaft habe ich mich intensiv damit beschäftigt, warum sich Menschen welchen Medien zuwenden und wann.

Irgendwie habe ich das Gefühl in der Generation „Switch“ gelandet zu sein. Wir scannen Inhalte rasch und suchen uns die Inhalte die wir brauchen. Wir recherchieren und befragen auch das Internet. Aber wie lange bleiben wir dann wirklich dran? Ich habe zunehmend das Gefühl, das Inhalte rasch gescannt werden und so geht es uns auch in der Praxis.

Ein schneller Kick, ein schnelles Erfolgserlebnis muss her. Talente fallen nicht vom Himmel. Es heißt nicht umsonst: Übung macht den Meister. Die Talentforschung hat sich mit der Vita bedeutender Meister befasst – beispielsweise Leonardo da Vinci oder Wolfgang Amadeus Mozart. Was sie gemein haben? Sie haben früh begonnen, sie haben viele Stunden täglich mit ihrer Materie zugebracht – sie waren von „ihrem Thema“ und ihrem Ziel nicht abzubringen.

Wie sagt Bent Branderup in seinen Kursen so schön:

„Die Menschen wissen nicht, was sie wollen, aber sie wollen es jetzt!“

Ich kann diesem Satz nur zustimmen. Wir haben sicher alle schon mal den zunehmenden Medienkonsum verurteilt. Das Zappen, das switchen, die Zappelphilipps, die sich nicht mehr auf eine Sache konzentrieren können.

Vielleicht möchten wir deswegen so gerne Zeit schön mit unseren Pferden verbringen, um sich zu erden, um wieder auch ein wenig mehr in die eigene Balance zu kommen. Mit und in der Natur zu sein – das bringt uns auch ein Stückchen näher zu uns.

Entdecken wir wieder die Begeisterung für unser Projekt. Wie ist es uns als Kind gegangen, wenn wir etwas Neues ausprobiert haben? Und wie kommunizieren wir mit unserem Pferd? Können wir auch hier Begeisterung entfachen?

Jeder hat mal einen Tag, wo es nicht so gut läuft. Man war vielleicht zu vertieft, man hat dem Pferd zu wenig Feedback gegeben. Wir reagieren sehr unterschiedlich auf solche Ergebnisse. Während der eine grübelt und überlegt, was schief gelaufen ist und wie man es verbessern kann, sucht der nächste möglicherweise schon wieder nach einer neuen Methode. Wir neigen gerne dazu, sofort einer Sache den Rücken zu kehren, wenn sie nicht raschen Erfolg verspricht. Wir machen es uns einfach, in dem wir sämtliche äußerliche Komponenten bis ins Detail analysieren, weniger oft reflektieren wir über unsere eigenen Fähigkeiten als Pädagoge.

Sind wir mit Begeisterung dabei? Und können wir unser Pferd ebenso begeistern? Dann Reiten wir Einfach mit Begeisterung 🙂

 

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Vorwärts als Schlüssel für Versammlung?

Vorwärts als Schlüssel für Versammlung?

„Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ so der bekannteste Satz von Reitmeister Gustav Steinbrecht.

Und gleichzeitig warnte Steinbrecht: „Aber ich meine nicht das Schnelle“….

Was verstanden unsere Reitmeister eigentlich unter vorwärts?

Ein kleiner Auszug, in einem ersten Teil….

Xenophon (430-355 v.Chr.)

„Wenn jedoch einige glauben, dass ein Pferd welches biegsame Hanken besittzt, auh den Köper in die Höhe aufrichten kann, so stimmt das nicht ohne weiteres. Vielmehr ist dazu auch eine starke und kurze Lende erforderlich. Ein solches Pferd wird die Hinterhand wiet unter die vorderen Schenkel setzen können. Wenn man das Pferd mit dem Zügel durchhält, während es die Hinterhand nach vorn setzt, so beugt es die Hinterhand in den Hanken, die Vorhand hebt es in die Höhe, so dass dem Gegenüberstehenden Bauch und Schamteile sichtbar werden. Wenn der Reiter sein Pferd ermuntert und dabei weder zu schnell noch zu langsam reitet, sondern derart, wie sehr mutige Pferde am stolzesten und in der Versammlung am schönsten werden………“

Guérinière (1688-1751)

„So hervorragende Übungen auch das Schulterherein und Kruppeheraus sind, die immer zusammen gehören, so darf man deswegen doch nicht versäumen, das Pferd weiterhin auf gerader Linie, als auch auf dem Zirkel im Trab zu üben. Dies ist der Anfang zu dem man immer wieder zurück kommen muss, um die Schultern und Hanken in einer beherzten und entschlossenen Bewegung zu halten und zu festigen. Der Trab ist das beste Mittel, jungen Pferden die erste Biegsamkeit zu geben, die sie brauchen, um zum Gehorsam zu kommen. Das Pferd wird im Gehen von der Natur bewogen, sich der Stärke seines Rückens, seiner Hanken und seiner Sprunggelenke zu bedienen, um den gesamten Körper nach vorwärts zu schieben. Da seine Schultern und Vorderbeine diese Bewegung abstützen müssen, liegt das Gewicht überwiegend auf der Vorhand und das Pferd ist zwangsläufig schwer in der Hand. Um ein Pferd auf die Hanken zu setzen, und ihm diesen Fehler zu nehmen, auf der Vorhand zu gehen, habend die Reiter ein Mittel in der Parade, der halben Parade und im Rückwärtsrichten gefunden“.

Pluivinel (1552-1620)

„Nichts ist schöner beim Pferd anzusehen als Gehwille in den Lektionen, und nichts ist schlimmer als Trägheit und fehlender Nerv. Aus dem Sitz heraus zu reiten, bedeutet dem Pferd beizubringen immer nach vorne zum Schwerpunkt zu treten. Ich lasse das Pferd im Schritt, Trab und Galopp gehen, ohne Einengung, damit das Pferd merkt, dass es Bewegungsfreiheit hat und sich darüber freut, sich in seiner Freude an  die Lektionen erinnert, die es gelernt hat..“

Steinbrecht (1808-1885)

„Vorwärts ist die Losung in der Reitkunst, wie im ganzen Weltall. Es müssen daher dem Reiter mehr Mittel zum Vorwärtstreiben als zum Verhalten zu Gebote stehen. Unter Vorwärtsreiten verstehe ich nicht ein Vorwärtstreiben des Pferdes in möglichst eiligem und gestreckten Gangarten, sondern vielmehr die Sorge des Reiters, bei allen Übungen die Schubkraft der Hinterbeine in Tätigkeit zu erhalten, dergestalt dass nicht nur bei den Lektionen auf der Stelle, sondern sogar bei Rückwärtsbewegungen das Vorwärts, nämlich das Bestreben des Pferdes, die Last vorwärts zu bewegen, in Wirksamkeit bleibt. Man befähige daher das Pferd durch Übung seine Schubkraft durch Belastung bis zum Äußersten zu beschränken, man unterdrücke sie aber niemals durch Überlastung. …Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade – und vergesse nicht, dass auch im Galopp die Versammlung, durch die wir diese Gangart vervollkommnen  wollen, von hinten her beginnen muss, indem der Reiter durch doppelte Tätigkeit und Wachsamkeit seiner Schenkel die Hinterbeine zu lebhaften und entschlossenen Vorwärtsbewegungen anregt und sie dabei stets so gerichtet erhält, dass sie gegen den Schwerpunkt der Gewichtsmasse wirken.

 

Alles im grünen Bereich?

Alles im grünen Bereich?

Reite die Hinterbeine des Pferdes nach vorne und gib ihm eine Parade…so einfach ist das mit der Versammlung, meinte zumindest Xenophon. Was seine Formel tatsächlich bedeutet und wie die Alten Meister Versammlung definierten – darüber referierte Bent Branderup beim Wochendseminar in Ainring.

Von Augen und Gelenken

Ein Reitmeister, eine große Menge Motivation, geballtes Wissen aus der Reitgeschichte, sowie Biomechanik und Pädagogik. Eine perfekte Mischung für ein gelungenes Wochenende rund um das Thema Versammlung. Bevor es aber tatsächlich in die Praxis ging, mahnte Bent Branderup die Teilnehmer ihren Blick und ihre Augen zu schulen. Ein Isländer wäre anders zu gymnastizieren als ein Quarter – neben der Fähigkeit, die Nachgiebigkeit in jedem Gelenk der Hinterhand zu suchen und zu prüfen, setzt Versammlung beim Menschen auch pädagogisches Geschick voraus.

In der Theorie wurde zunächst einmal der Unterschied zwischen Schub- und Tragkraft besprochen. Wie sieht die Hinterhandtätigkeit in beiden Situationen aus. Was sieht das menschliche Auge, wenn das Pferd schiebt und was fühlt der Sitz dabei? Wenn es dann um die Beugung von Gelenken geht, dann beugen die wenigsten Pferde selten gänzlich in den Hanken.

Wir müssen wissen, was wir gymnastizieren wollen. Bei einem Pferd mit perfekten physischen Voraussetzungen steht also die Schaffung einer gemeinsamen Kommunikation sowie gemeinsam Erfahrungen zu sammeln im Vordergrund der Ausbildung. (Bent Branderup)

Branderup referierte über die Erarbeitung einer korrekten Stellung, Schwung und korrekte Seitengänge. Die Wirbelsäule des Pferdes müsse immer in ihrer Gesamtheit betrachtet werden. Wer sich nur auf den Hals oder auf das Genick fokussiere, verliere den Nutzen einer Lektion leicht aus den Augen. Erst das Verständnis des Zusammenspiels zwischen Beugung und Streckung mache ein Verständnis für Versammlung möglich.

Bist du bereit dich zu dehnen?

Am Anfang der Ausbildung steht die Dehnungsbereitschaft. In der Bodenarbeit sollen wir die Dehnungsbereichtschaft der Oberlinie überprüfen, die Abkürzungsbereitschaft der Unterlinie kommt dann hinzu. Für viele Reiter kommt nach der Frage der Dehnungsbereitschaft aber auch die Frage hinzu: Dehnen, ja möglich, was aber wenn das Pferd schwer auf die Schultern fällt? Branderup erklärte, dass die Schulter keine Knochenverbindung zur Wirbelsäule habe, der Brustkorb ist im Gewebe aufgehängt. Gutes Reiten erleichtere den Brustkorb. Die Blickschulung ging weiter zu den Vorder- wie Hinterbeinen. In der Bewegung verrät der Fesselkopf eine Menge über die Qualität und Energie. Sinkt der Fesselkopf tief nach unten – vor allem beim Vorderbein tiefer, weist das auf Steifheiten hin. Kommen die Vorderbeine gerade oder seitlich oder schief unter das Pferd? Ohne Balance könne also kein Gelenk locker sein – ohne Balance aber auch keine Leichtigkeit, so Bent Branderup.

Wie kann man also den Brustkorb heben?  Über die Tätigkeit der Hinterhand, die dem Brustkorb somit auch eine Bewegungsrichtung gibt. Die Hinterbeine müssen gleichmässig zum Schwerpunkt treten. Wenn die Hinterhand nicht mehr unter das tritt, was sie tragen muss, dann wird sie nicht mehr tragen können. (Bent Branderup)

So können wir unsere Pferde nach der Dehnung auch nach der Beugung befragen. Die meisten Pferde werden gerne anbieten, im Becken bzw. in der Hüfte zu beugen, Knie und Sprunggelenke beugen sich anfangs noch nicht so leicht.

In den anschließenden Praxiseinheiten wurde die korrekte Nickbewegung des Pferdekopfes observiert. Dehnten die Pferde zur nachgiebigen Reiterhand? Schwingt das Genick nach vorne unten oder nach hinten oben? Im zweiten Fall wurde dann an der Verbesserung des korrekten Schwingens der Wirbelsäule gearbeitet. Bent Branderup ließ die Reiter ihren eigenen Schwerpunkt immer wieder verändern, so wurden die Paraden aus dem Sitz in Richtung des inneren oder des äußeren Hinterbeins erarbeitet. Für die Zuschauer wurde das Absenken der Lende gut sichtbar, wenn beide Hinterbeine der Pferde auch im Schulschritt schön nach vorne gearbeitet wurden.

Alles im Fluß?

Weiter ging es mit Energiearbeit. Dabei wurde die Qualität der Versammlung auch „danach“ überprüft. Wie ließ sich der Energiefluss aus der Versammlung in das Vorwärtsreiten mitnehmen?

Überprüfe die Qualität der Versammlung durch das Vorwärts und das Vorwärts durch Versammlung (Bent Branderup)

„Kann eine Lektion die Grundgangarten verbessern“? fragte Bent Branderup das Publikum – um sofort zu betonen, die Lektion an sich könne es nicht – der korrekte Inhalt macht es aus.

Echter Rückenschwung und Spannung würden sich ausschließen. Ein Pferd habe schließlich keine Stahlfedern im Rücken. Bent Branderup erklärte anschaulich die dreidimensionale Schwingung der Pferdewirbelsäule. Ein Reiter müsse diese Wirbelsäule immer als Ganzes betrachten und sich beispielsweise nicht auf den Hals fixieren. Würden Ausbinder den Hals in einer Position fixieren wäre der Fluss der Wirbelsäule unterbrochen.

Ich kenne keine faulen Pferde. Wenn die Energie nicht stimmt, dann liegt es meist an einer Steifheit, die den Energiefluss unterbricht. (Bent Branderup)

Und alles noch im grünen Bereich?

Bent Branderup betonte die Bedeutung von Balance. Wer mit dem Schwerpunkt spiele, ihn mal zurück, mal nach vorne nehme, der müsse ständig darauf achten, ob denn noch alles im grünen Bereich sei. In der Reitkunst gehe es nicht darum zu dominieren oder dominiert zu werden, sondern zu führen oder sich führen zu lassen. Wie die Balance aus dem Gleichgewicht kommt? Hier hatte Bent Branderup ein anschauliches Beispiel aus dem Tanzunterricht. Wer schon mal Gelegenheit hatte, sich vom versierten Tanzlehrer führen zu lassen, der kennt das Gefühl von Leichtigkeit. Plötzlich muss man doch nicht mehr über komplizierte Tanzschritte nachdenken.

Wer allerdings schon mal mit einem regelrechten Besenschrank getanzt hat, der weiß wie schwer es ist, sich dann übers Parkett zu schleppen….(Bent Branderup)

So sollten die Reiter genau spüren, was unter ihrem Sitz mit den Gelenken des Pferdes passiert. Die Energierichtung ließ sich schon in der Arbeit im Stehen erfühlen. Wie ein Tänzer, der im eigenen Körper anfängt eine Bewegungsrichtung vorzugeben, sollten auch die Pferde darauf reflektieren. Wie leicht das tatsächlich klappt, war bei allen Reiterpaaren sehr schön zu beobachten.

Für viele Reiter ist der Traum von Harmonie, vom Tanzen –  die Piaffe.

Eine Piaffe ist laut Bent Branderup eine gymnastische Maßnahme, um dem Pferd eine motorische Fähigkeit zu geben. Wird der Brustkorb des Pferdes dabei nicht leicht, handle es sich um Pseudoversammlung. Der Inhalt der Arbeit fördert das Verständnis des Reiters für das Warum. Erschließt sich das Warum, dann ist die Dressur für das Pferd da und nicht umgekehrt. So warnte Branderup vor dem Phänomen der Piaffengeilheit.

Am Abschluss der Praxiseinheiten vom Sonntag schärfte Branderup den Teilnehmern des Seminars noch einmal ein, erst die Dinge zu arbeiten, die gut funktionieren.

Bleibe erst mal im grünen Bereich. Man muss zuerst allen Dingen eine Routine geben. Es sind schließlich die gleichen Muskeln, Sehnen, Bänder und Knochen die bewegt werden. Wenn im Schritt eine gute Grundlage geschaffen ist, dann klappt es auch den gelben Bereich auf grün zu streichen. Man muss natürlich ganz viele Fehler auch erleben, um zu verstehen und zu sehen, was ist richtig und was ist falsch. Ich möchte euch aber mitgeben, diesen Lerneifer und Wissbegier zu eurem Projekt zu machen. Finde immer wieder einen neuen Berg, oder ein neues Blatt, dass du zum grünen Bereich machst. Der Weg ist das Ziel – und gespickt mit Freude an kleinen Dingen zu lernen und zu wachsen. (Bent Branderup)

 

Reiten wir also im grünen Bereich – dann wachsen wir Einfach 😉

Das Themenseminar in Ainring war spannend, lehrreich und voll lebendigem und positivem Austausch!

Ich freue mich schon sehr auf das Seminar bei uns in Graz am 2. und 3. Juli in Graz, wenn es wieder heißt „Entspannung – Marsch“ 🙂

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Kandarenreif?

Kandarenreif?

Hat man eine bestimmte Klasse für den Start am Turnier erreicht, dann ist man kandarenreif…… Eine sehr simple Erklärung, die sich weder die Frage stellt, ob das Pferd inhaltssicher ist, sondern lediglich auf Lektionen-Sicherheit fokussiert. Und auch die tatsächliche Kompetenz des Reiters wird bei dieser oberflächlichen Betrachtung nicht realistisch eingeschätzt.

Warum überhaupt Reiten auf Kandare?

 Die wichtigste Hilfe in der Akademischen Reitkunst ist der Sitz, nicht die Hand. Oberstes Ziel ist es, nach historischem Vorbild, einhändig mit blanker Kandare das Pferd über den Sitz zu führen. Dabei sollen die Zügel eine leichte Verbindung zwischen Pferdemaul und Reiterhand herstellen.  Die Reiterhand bekommt Informationen über den gesamten Pferdekörper – ist also das Info-Aufnahmezentrum.

Bis sich ein Pferd allerdings nur über den Sitz führen lässt, ist es ein weiter Weg der Ausbildung. Die Hilfen werden dem Pferd daher erst vom Boden mit Hilfe des Kappzaums erklärt. Ich selbst habe so mit meiner Fuchsstute Tarabaya begonnen, bin dann eine Zeit lang auf Trense kombiniert mit Kappzaum geritten, später dann auf Kappzaum kombiniert mit Kandare. Ein MUSS ist die Kandare allerdings auch keineswegs.

Und zur Schärfe?

 Eines sei vorweg gesagt: Nicht das Werkzeug ist scharf, sondern möglicherweise die Hand die es benutzt.

Die Vorbilder der Akademischen Reitkunst – Pluvinel oder de la Guérinière– setzten für die Erarbeitung der Biegung auf den Kappzaum, der das Pferdemaul schont und für die Bestimmung der Aufrichtung bzw. die Dehnung zur Hand hin –  auf die Kandare.

Der Kappzaum wirkt dabei auf den Schädel des Pferdes ein. Wie schon in der Bodenarbeit führt eine Einflussnahme auf den Schädel dazu, dass bei korrekter Dehnung, der Unterkiefer unter den Atlas, nach außen rotieren kann. Die innere Hüfte des Pferdes wird somit nach vor kommen.

Einen Einblick in das Genick des Pferdes gibt es hier.

Die Trense wirkt über die Kiefermuskulatur auf den Schädel ein und ist und bleibt für den modernen Reiter das bekannteste Gebiss. Mit ihr beginnt beinahe jeder seinen reiterlichen Werdegang. Auf Trense gezäumt, lässt sich das Pferd am einfachsten lenken. Historisch gesehen feierte die Trense genau deshalb ihren Triumphzug, als die großen Kavallerien im Krieg eingesetzt wurden und mehr Männer zu Pferd benötigt wurden, die eine weniger (zeit)intensive Ausbildung genossen.

Bei der Auswahl der Trense muss nicht nur die richtige Breite berücksichtigt werden. Dünnere Trensen wirken schärfer, dickere milder, lassen aber auch weniger Platz im Maul.

Schauen wir wieder weiter zurück in die Vergangenheit und zu Stichen der alten Meister.

Bei Betrachtung alter Stiche fragt man sich fast, wozu man denn eine Kandare benötigt, denn die Zügel hängen komplett durch. Genau das gleiche Ziel verfolgt die Akademische Reitkunst noch heute: Dabei formt der Reiter das Pferd durch den Sitz. Allerdings ist es unabdingbar für jeden Reiter – egal ob unterwegs mit Trense oder Kandare, oder auch gebisslos – die Wirkungen der einzelnen Instrumente zu kennen. Die Kandare wirkt über die Hebelwirkung der Kinnkette über das Kiefergelenk auf den Schädel ein.

Der Vorteil des Stangengebisses, also der Kandare ist die Symmetrie im Pferdemaul und damit die Anpassung an die extrem feinfühlige Zunge des Pferdes.

Stichwort Babykandare: Ein langer Unterbaum verkleinert Handfehler, er wirkt sanfter. Die vermeintliche „Babykandare“ mit kürzerem Unterbaum verursacht eine deutlich größere Winkeländerung, wenn die Zügel angenommen werden. Fazit: ein langer Unterbaum verlangsamt und verkleinert somit die Bewegungen der Reiterhand. Ein Stangengebiss mit großer Auflagefläche verringert außerdem den Druck im Maul. Ein mit viel Zungenfreiheit angepriesenes Gebiss hingegen kann eine schärfere Wirkung durch den erhöhten Druck an den Zungenrändern ausüben.

Kommen wir zurück zur Symmetrie im Pferdemaul: Weil ein Kandarengebiss also keine Gelenke wie eine Trense besitzt, soll eine blanke Kandare niemals in beiden Zügelhänden geführt werden. Beidseitige Führung bedeutet ein Kippen der Kandare auf den Zungenrand, wobei eine schiefe Belastung im Pferdemaul entsteht. Dies erklärt auch, warum man mit der Kandare nicht stellen oder biegen kann und diese Kommunikation zunächst dem Kappzaum überlässt.

 Kann mein Pferd eine Kandare tragen?

….das ist die eine Frage.

In der Akademischen Reitkunst lernt das Pferd zunächst alle Sekundarhilfen vom Boden aus kennen. Das heißt: Innerer und äußerer Zügel, innerer und äußerer Schenkel, Gertenhilfen sowie die Hilfen aus dem Körper des Menschen. Auch die Schulung der Parade, wobei die Reiterhand lernt zu fühlen und das Pferd hinsichtlich seiner Durchlässigkeit und Losgelassenheit überprüft wird, kommen hier zum Tragen.

Waldemar Seunig beschreibt diesen Umstand folgendermaßen:

„…..dass der Anzug die Kraft des Hebels, nicht in der Kreuzgegend stecken bleibt, sondenr auf die durch Biegearbeit trag- und beugefähig gewordenen Hanken….übergeht und so alle Gelenke der Hinterhand belasten kann.“

Ein weitere Faktor für Kandarenreife: Wenn sich das Pferd dann in weiterer Folge auch vom Sattel aus durch den Sitz in Biegung und Stellung führen lässt – oder wie es Seunig weiter ausführt:

„Ist unser Pferd soweit ausgebildet, dass es denjenigen Grad von Versammlung annehmen kann, den ihm sein Körperbau gestattet, wird es keinerlei nachteilige Folgen haben, wenn wir es an die Wirkung des Stangengebisses und die Führung damit gewöhnen“.

Führung bedeutet vor allem die Führung zwischen den Schultern. So wirken die Kandarenzügel auf die Schultern ein, die Schenkel und Hüften des Reiters parallel dazu auf die Hüften des Pferdes.

Kann der Reiter mit einer Kandare umgehen?

 

„Ist als Folge des guten sitzes die Reiterhand weich und stet, eine richtige „Glaswasserfaust“, die im Ellbogen- und Schultergelenk alle durch die Bewegung vermittelten Erschütterungen federnd abfängt, mag der Moment gekommen sein, wo man in Gottes Namen mit dem Reiten auf Kandare beginnen kann“. (Waldemar Seunig)

Seunig prangert in erster Linie an, dass junge Reiter die Kandare benutzen, obwohl sie wenig über ihre Wirkung, sowie die korrekte Zäumung bescheid wissen. Ähnlich wie Gustav Steinbrecht ist er der Meinung, dass das korrekte Reitergefühl lediglich auf einem bereits weit ausgebildeten Pferd erfolgen kann. Erst wenn der junge Reiter, durch das erfahrene Schulpferd Feinheit erfahren hat, erst dann wird er ein Verständnis für die korrekte Verbindung auf Kandare erlernen.

„Wirkliche Kandarenreife bei Pferden und Reitern findet sich seltener als man gemeinhin glaubt- sie soll mindestens als ein ehrlich erworbener Gesellenbrief gelten, Würden sich alle, die ihr Pferd zu früh mit einer Kandare beglücken, die kleine Mühe nehmen, und etwas über den Bau des Pferdes und eine vom Gebiss ausgehende Hebelwirkung auf sein Knochengerüst im allgemeinen und seine Hankengelenke im besonderen nachdenken, gäbe es weniger Meinungsverschiedenheiten zwischen Pferd und Reiter und daraus resultierende rote Köpf der letzteren“. (Waldemar Seunig)

„Ein Zeitmaß für die Ausbildung des Reiters anzugeben ist schwer oder nahezu unmöglich. Es sind meistens die größten Reiter, die erkannten, dass sie nie ausgelernt haben. Vielleicht hat aber gerade diese Erkenntnis ihnen den Aufstieg zu einer Höhe frei gemacht,d ie nur wenigen Auserlesenen vorbehalten bleibt“. (Alois Podhajsk)

Bent Branderup bringt uns in seinen Theorievorträgen die Reitkunst vergangener Tage näher. Dabei vergleicht er die einhändig geführte Kandare mit dem Reichsapfel des Monarchen. Er mahnt dabei die Reiter ihre „Macht“ demnach nicht zu missbrauchen.

Aller Anfang ist hinten…

Nur wenn das Pferd über die Tätigkeit der Hinterbeine den Schwung über die Wirbelsäule in den Pferdekörper überträgt- nur dann kann eine korrekte Aufrichtung, oder ein korrektes Dehnen und Suchen zur Hand hin entstehen. Ein Gebiss, aber auch eine gebisslose Zäumung kann somit niemals die korrekte Tätigkeit aus der Hinterhand ersetzen.

Reiten wir die Hinterbeine nach vorne, dann reiten wir also Einfach…egal ob mit oder ohne Kandare/ Gebiss. 🙂

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Auf den Zahn gefühlt?

Auf den Zahn gefühlt?

Schon mal dem Pferd auf den Zahn gefühlt? Manuel Flätgen, Tierarzt aus Niederösterreich macht das quasi täglich. Gesunder Zahn = gesundes Pferd. Gerade aber über die Zahnkunde bei Pferden gibt es noch einige Theorien, die sich hartnäckig halten.
Was sollten Pferdebesitzer über die Zähne ihrer Pferde eigentlich wissen?

zahn1Manuel, was ist nun richtig oder falsch? Wachsen Pferdezähne tatsächlich ein Leben lang?

Manuel: Pferdezähne sind hypsodont. Das bedeutet nichts anderes, als das es sich um sehr lange Zähne handelt. Schaut man einem Pferd ins Maul, sieht man nur den obersten Teil des Zahns, die sog. klinische Krone, der größte Teil des Zahns verbirgt sich jedoch in den Zahnfächern im Kieferknochen. Pferde sind daran angepasst sich von faserreichem Futter wie Gras oder Heu zu ernähren. Das Zermahlen dieses Futters bedeutet für die Backenzähne des Pferdes eine massive Abnutzung. Der Abrieb eines Zahns beträgt ca. 2-3mm pro Jahr. Um diesen Abrieb zu kompensieren, wird der Zahn ebenfalls um 2-3 mm aus dem Zahnfach hervorgeschoben. Das heißt also Pferdezähne wachsen nicht, sondern das Gegenteil ist der Fall, sie werden im Laufe eines Pferdelebens immer kürzer, nur die klinische Krone, also der Teil des Zahnes den man im Pferdemaul sehen kann, bleibt immer gleich lang, zumindest bis die Pferde ein gewisses Alter erreicht haben. Bei alten Pferden ist die Zahnsubstanz dann irgendwann wirklich am Ende angelangt, das Pferd befindet sich in der Stummelzahnperiode.

Welchen Einfluss haben die Zähne auf den allgemeinen Gesundheitszustand des Pferdes?

Manuel: Die Verdauung beginnt bereits im Maul, für den gesamten Verdauungstrakt ist es ausgesprochen wichtig, dass hier alles richtig läuft. Die Zähne gehören gemeinsam mit Lippen, Zunge und Speicheldrüsen zum sog. Kopfdarm. Gesunde Zähne zerkleinern das Futter stark. Dies ist wichtig, damit der Futterbrei ungehindert durch den Verdauungstrakt transportiert werden kann. Schlecht zerkleinertes Futter birgt das Risiko von Verstopfungskoliken. Auch für die Futterverwertung in Magen und Darmtrakt ist eine ausreichende Futterzerkleinerung in der Maulhöhle erforderlich.
Während des Kauvorgangs wird das Futter mit Speichel durchtränkt. Je länger das Pferd kaut, desto mehr Speichel wird produziert und mit dem Futter abgeschluckt. Es ist wichtig, dass genügend Speichel in den Magen gelangt, denn dort puffert dieser die Magensäure ab. Kommt nicht genügend alkalischer Speichel in den Magen, besteht die Gefahr von Magengeschwüren.
Was sollte in Punkto Zahn nun tatsächlich beim Pferd behandelt werden? Reicht ein jährlicher Check?

zahn2Manuel: Bei einer routinemäßigen Zahnbehandlung werden scharfe Kanten und Spitzen abgerundet, eventuelle Fehlstellungen korrigiert und das Maul insgesamt ausbalanciert. Die Zähne des Pferdes werden permanent abgerieben und dann wieder aus dem Zahnfach nachgeschoben. Bei den meisten Pferden kommt es aber nicht zu einer absolut gleichmäßigen Abnutzung der Zähne, dann entstehen Spitzen und scharfe Kanten. Dies liegt oft auch an der Art und Weise der Fütterung, heutiges Heu und Gras sind zu weich, werden oft nicht in ausreichender Menge angeboten und zusätzlich wird zu viel Kraftfutter gefüttert, dies alles führt zu einer geringeren Anzahl an Kauschlägen.
Haken und Kanten führen zu Bewegungseinschränkungen des Kiefers, das Pferd kann den Unterkiefer nicht mehr korrekt gegen den Oberkiefer verschieben, um das Futter mit effektiven Mahlbewegungen zu zerkleinern. Auch beim Heben und Senken des Kopfes muss sich der Unterkiefer gegen den Oberkiefer verschieben können. Verhindern Haken dies, führt das zu Druck in den Kiefergelenken. Dass sich der Unterkiefer problemlos gegen den Oberkiefer verschieben kann ist auch beim Reiten bzw. der Bodenarbeit wichtig, da das Pferd je nach Versammlungsgrad seinen Kopf höher oder tiefer trägt und Stellung und Biegung ebenfalls eine Verschiebung des Unterkiefers erfordern. Das Pferdemaul auszubalancieren heißt nun aber nicht alle Zähne schön glatt zu raspeln. Dies würde die Effektivität bei der Futterzerkleinerung deutlich verringern, denn dazu braucht es sehr wohl raue, leicht unebene Kauflächen. Außerdem ist, auch wenn das Pferd sehr lange Zähne hat, die Zahnsubstanz begrenzt, besonders bei älteren Pferden. Demnach sollte man eher punktuell raspeln. Es geht nicht darum ein optisch perfektes, gleichmäßiges Gebiss zu „erraspeln“, sondern vielmehr ein für dieses Pferd funktionierendes Gebiss zu erhalten.

Neben dieser routinemäßigen Zahnbehandlung gibt es natürlich auch echte Zahn- und Zahnfleischerkrankungen, die z.B. das Ziehen eines oder mehrere Zähne notwendig machen können. Ein Teil dieser Erkrankungen kann eine Folge eines nicht ausbalancierten Mauls sein. Vermehrter Druck auf einen Zahn prädestiniert diesen einfach für Erkrankungen.
Grundsätzlich ist ein jährlicher Check für die meisten Pferde genügend. Bei jungen Pferden im Zahnwechsel oder bei alten Pferden, bei denen Zahnsubstanz immer weniger wird, können auch engmaschigere Kontrollen (z.B. halbjährlich) sinnvoll sein.

Wie kommt der Pferdebesitzer dahinter, wenn im Maul des Pferdes etwas schief läuft?

Manuel: Es ist gar nicht so einfach ein Zahnproblem frühzeitig zu erkennen, da Pferde auch bei schmerzhaften Prozessen im Maul oft lange Zeit ganz normal weiterfressen und die Futteraufnahme erst einstellen, wenn es gar nicht mehr anders geht.
Umso wichtiger ist eine einmal jährliche gründliche Zahnkontrolle.
Dennoch kann der Besitzer auf einige Dinge achten.
Es ist durchaus sinnvoll sein Pferd ab und zu mal bewusst bei der Futteraufnahme zu beobachten:

  • Frisst das Pferd mit großem Appetit oder eher lustlos?
  • Kaut es langsamer oder vorsichtiger als sonst?
  • Kaut es vielleicht seit neuestem nur noch auf einer Seite?
  • Kann das Pferd gut von einer Karotte abbeißen oder scheint ihm das Schmerzen zu bereiten?
  • Spuckt es mitunter vielleicht sogar einen Teil des Futters wieder aus z.B. kleine Karottenstücken?
  • Auch das sog. Wickel- oder Zigarrendrehen lässt sich manchmal beobachten. Hierbei schiebt das Pferd das Raufutter lange im Maul hin und her und spuckt es schlussendlich in Form eingespeichelter Röllchen wieder aus.
  • Hat das Pferd in letzter Zeit abgenommen?
  • Zeigt das Pferd „Unwilligkeit“ (es will vielleicht schon, kann aber nicht) beim Reiten oder beim Aufzäumen?
  • Wie sieht der Kot aus? Sind langfaserige Futterpartikel enthalten oder unverdaute Kraftfutterkörner?
  • Lässt sich Nasenausfluss beobachten? Stinkt das Pferd aus Maul oder Nüster?
  • Fällt am Pferdekopf von außen eine Schwellung auf?
  • Auch Headshaking kann mintunter im Zusammenhang mit einem Zahnproblem stehen.

Die Sache mit dem Gebiss – wie kann der Pferdebesitzer das optimale Gebiss für sein Pferd wählen – worauf ist da aus tierärztlicher Sicht zu achten?

Manuel: Als Zahnarzt sieht man hin und wieder Verletzungen der Maulschleimhaut oder der Zunge,zahn3die durch das Gebiss verursacht wurden, oft ist der Übeltäter aber nicht das Gebiss an sich, sondern derjenige der das Gebiss verwendet. Es kann auch zu Verletzungen kommen, wenn das Pferd auf den Zügel tritt. Das Gebiss hat normalerweise keinen Kontakt zu den vordersten Backenzähnen, Zügelzug kann aber die Maulschleimhaut gegen diese Zähne drücken und, falls diese Zähne scharfkantig sind, zu Verletzungen führen. Hier ist dann der Zahnarzt gefordert.
Die Wahl des richtigen Gebisses beruht zum Großteil darauf verschiedene Gebisse auszuprobieren und genau zu beobachten, was das Pferd als am angenehmsten empfindet.
Einige grundlegende Dinge können aber die Wahl des richtigen Gebisses zumindest erleichtern. Die Länge des Gebisses sollte natürlich zur Breite des Pferdemauls passen. Das Gebiss liegt auf den Laden, das ist der zahnfreie Bereich der Unterkieferknochen. Man sollte die Laden auf ihre Beschaffenheit abtasten. Pferde können sehr feine scharfkantige Laden haben oder breitere, abgerundete Laden. Für ersteres sollte man ein eher dickeres Gebiss und für zweiteres ein eher dünneres Gebiss wählen. Möchte man ein einfach oder doppelt gebrochenes Gebiss verwenden, sollte man sich vergewissern, dass die Gelenke des Gebisses nicht direkt auf den Laden zu liegen kommen, dort können sie Verletzungen verursachen. Der Abstand der Laden von einander ist meist deutlich geringer als man es erwarten würde. Auch die Länge des Mauls sollte man sich anschauen. Bei Pferden mit einer kurzen Maulspalte liegt das Gebiss weiter vorne, hier ist aufgrund der Lage der Zunge und der abnehmenden Wölbung des Maulhöhlendachs weniger Platz für ein Gebiss. Pferde mit einer längeren Maulspalte haben meist mehr Platz für ein Gebiss.
Der Gaumen bzw. das Maulhöhlendach weisen eine individuell unterschiedliche Wölbung auf. Dies ist wichtig zu wissen, falls man Gebisse mit einer Zungenfreiheit verwenden möchte. Manche Pferde haben einen flachen Gaumen und haben demnach nur für eine kleinere Zungenfreiheit Platz. Wichtig zu wissen ist auch, dass sich die Maulhöhle im Laufe eines Pferdelebens verändert, da sich die Winkelung der Schneidezähne über die Jahre verändert und somit auch das Platzangebot im Pferdemaul. Also sollte man den Sitz des ursprünglich gut passenden Gebisses immer wieder mal überprüfen. Verwendet man eine Kandare ist auch die Passform der Oberbäume zum Pferdeschädel zu beachten, diese sollten nicht von außen gegen die Backen drücken. Auch nicht unerwähnt sollte bleiben, dass manche Pferde auf bestimmte Gebissmaterialien allergische Reaktionen zeigen können.

Meiner Ansicht nach sollte man sich aber nicht im Dschungel der unzähligen Gebissvarianten und -materialien verlieren, sondern sich beim Ausprobieren auf ein paar Standardvarianten beschränken und die größere Aufmerksamkeit auf die Erlangung eines zügelunabhängigen Sitzes richten.

Man kann als Pferdebesitzer nicht alles wissen, aber man kann die richtigen Fragen stellen – welche Fragen sollten Pferdebesitzer an ihren Pferdezahnarzt parat haben?

Manuel: Der Pferdebesitzer sollte sich darüber informieren, wann die Zähne wieder kontrolliert werden sollten.
Ansonsten finde ich es auch wichtig, dass der Pferdebesitzer versteht, warum regelmäßige Zahnbehandlungen notwendig sind und in diesem Zusammenhang Fragen stellt.
Bei speziellen Behandlungen wie Zahnextraktionen sind dann natürlich Fragen bezüglich der Nachsorge zu besprechen.

Was sind die basics in Punkto Zahngesundheit, die Pferdebesitzer unbedingt wissen sollten?

Manuel: Am wichtigsten für die Zahngesundheit des Pferdes ist eine artgemäße Fütterung durch die Verwendung von Futtermitteln die eine große Anzahl an Kauschlägen erfordern. Das bedeutet ausreichende Mengen Heu, Gras oder Heulage. Kraftfutter muss deutlich weniger gekaut werden und trägt deshalb nicht zu einem möglichst gleichmäßigen Zahnabrieb bei.
Es ist wichtig dem Pferd zumindest einmal jährlich von einem Fachmann ins Maul schauen zu lassen, denn Pferde zeigen Zahnprobleme oft relativ spät. Vielen Zahnproblemen lässt sich jedoch bei regelmäßiger „Wartung“ vorbeugen.

Was ist beim Anpassen eines Kappzaums wichtig?

Manuel: Der Kappzaum sollte weder zu hoch noch zu tief verschnallt werden. Liegt er zu tief, also unterhalb des knöchernen Nasenbeinforsatzes, drückt er auf die empfindlichen Nasenknorpel des Pferdes und kann Einschränkungen der Atmung bedingen. Wird er zu hoch verschnallt, drückt er die Backen gegen die Mahlzähne, was dem Pferd unangenehm ist. Der Kappzaum darf außerdem nicht zu eng verschnallt werden, da er sonst das Verschieben von Unter- gegen Oberkiefer negativ beeinflusst. Generell sollte die Form des Kappzaums zur Form der Pferdenase passen (dies ist besonders bei fixem Naseneisen zu berücksichtigen).
Vielen Dank für das Gespräch 🙂 

 

 

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