Pferdehaltung für Fitness und Gesundheit

Pferdehaltung für Fitness und Gesundheit

Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können. Wenn wir uns Gedanken über eine schonende und gesunderhaltende Gymnastik für unser Pferd machen, dann kommen wir nicht umhin uns auch mit Haltung und Fütterung zu beschäftigen. Gesundheit muss immer ganzheitlich betrachtet werden.

Meine Leser können selbstverständlich Themenwünsche bei mir deponieren. Ein Themenwunsch wird im aktuellen Zweiteiler erfüllt – es ging konkret um die Frage:

Was macht ein Pferd eigentlich den ganzen Tag?

Ich habe die Frage ein wenig umgemünzt in: Was machen Pferde den ganzen Tag, wenn sie nicht bis zu 20 Stunden in der Box/ Box mit Paddock wohnen?

Tagsüber sind meine eigenen Pferde mindestens 12 Stunden draußen am Paddock-Trail, genächtigt wird in einer großen Box mit Paddock und eigener Heuraufe. Wie wohnen und verbringen anderswo Pferde ihren Tag? Ich habe mich mit Pferde-Physiotherapeutin Laura Haitzmann und meiner lieben Schülerin Michaela Krautwurm unterhalten.

Laura hat im Sommer 2014 ihren eigenen Paddock Trail in Salzburg für ihre Pferde realisiert. Beim Paddock Trail werden mit Hilfe von zweireihig angelegten Weidezäunen sogenannte Tracks simuliert. In ihrer Minimalausführung führen diese künstlichen Wanderwege in Form eines Rundkurses um ein Weideareal. Damit die Pferde beständig in Bewegung bleiben, verteilen sich die einzelnen Funktionsbereiche, wie Tränke, Futterraufen, Unterstand, Ruhezone, Wälzplätze, Lecksteinstation, etc. über die gesamte Wegstrecke.

Wohnträume die fit und gesund halten

Michaelas Paint Horse Jac wohnt in der buckligen Welt in Niederösterreich in einem Bewegungsstall.

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Lauras Paddock Trail

Anna: Als meine Pferde umgezogen sind, habe ich natürlich befürchtet, dass sie nur noch grasend auf der Weide stehen. Zu meiner großen Überraschung habe ich erlebt, dass Pferde sich nicht den Bauch vollschlagen, wenn es ein entsprechendes Angebot gibt. Ich konnte beobachten, dass am Vormittag überwiegend im Herdenverband gegrast wird, danach halten die Damen kollektiv ihren Mittagsschlaf ab 11 Uhr. Die einen dösen im Stehen, die anderen strecken sich aus und schlafen wirklich tief und fest. Danach ist man in Kleingruppen am Trail unterwegs und nascht an den Heuraufen. Gegen Nachmittag kommen die Pferde nach oben an den Stall zurück und dösen dort auch noch einmal gerne in der Sonne. (Der Name des Stalls lautet nicht umsonst „Sonnenhof“.) Das Angebot 24 Stunden lang zu fressen wäre da, es findet aber mehr Bewegung statt, als ich ursprünglich angenomemn hatte. Vor allem gibt es zwei Shettys in der Herde, die als heimliche Herdenchefs die Damen wirklich auf Trab halten. Mittlerweile haben sich meine zwei Stuten auch mit anderen Herdenmitgliedenr angefreundet – allerdings ist zu beobachten, dass die Pferde gerne Kleingruppen bilden, die relativ konstant bleiben.

Laura: Ja, meine Pferde wechseln sich ebenso ab mit Bewegung, fressen, trinken, schlafen, dösen und spielen. Dadurch dass Futter- und Wasserstelle weit voneinander entfernt sind, bewegen sich die Pferde stets in einem gemütlichen Schritttempo. Das ist übrigens generell sehr wichtig für die Darmmobilität und somit vor allem für alle Kolikpferde. Beim täglichen Weidegang wird aber auch ausgelassen getobt im rasanten Galopp. Generell gesagt nimmt Fressen die meiste Zeit des Tages in Anspruch, bei Pferden, die Heu oder Stroh ad libitum zur Verfügung haben beträgt die Zeit mindestens 60% des Tages. So auch bei meinen Pferden.

Anna: Michaela, wie lebt es sich für deinen Jac im Bewegungsstall?

Michaela: der wichtigste und markanteste Unterschied zu vielen anderen Haltungsformen ist, dass der Tagesablauf meines Pferdes zum Großteil nicht vom Menschen vorgegebenwird. Die Herde besteht insgesamt aus 30 bis 40 Pferden. Das Jahr ist in zwei Hälften geteilt. Im Winter sind die Pferde im Bewegungsstall, dieser umfasst 3 ha unterschiedlichster Flächen: mehrere große Liegehallen, Futterstellen, Naturböden, Sand, gepflasterte Plätze, befestigte Wege und Wiesenflächen. Im Sommer sind die Pferde auf hügeligen Weiden, die ca 25 ha Fläche aufweisen und in ca. 4 ha große Teilbereiche abgeteilt sind. Wenn die Pferde im Frühjahr auf die Weide kommen, bilden sich innerhalb der großen Herde kleine Familienverbände von 2 bis 4 Pfefrden. Im Winter lösen sich diese Klein-Gruppen meist auf, einige Pferde gehen jedoch tatsächlich eine Ganzjahresfreundschaft ein. Mein Wallach Jac gehört nicht dazu, im Winter geht er lieber seine eigenen Wege, seit zwei Jahren ist er auch als „Frauenversteher“ gerne in Gesellschaft von Damen.

Sehr spannend ist auch die Aufgabenteilung unter den Pferden: Jac beispielsweise kümmert sich um schüchterne Neuankömmlinge. Er begleitet sie ein paar Wochen und zieht sich dann zurück, wenn die Integration geklappt hat.

Abseits der Weidesaison stellt die Zeit von Spätherbst bis Frühling den Menschen vor eine große Herausforderung eine artgerechte Haltung zu ermöglichen: Durch bauliche Maßnahmen gibt es Ruhezonen für alle Herdenmitglieder, entstehende „Engstellen“ sind so entschärft. Eine Heuraufe im Ruheraum wäre eine absolute Katastrophe für rangniedrige Pferde, denen somit der Zugang verwehrt wird. Bei uns gibt es so viele Ruhezonen, dass jedes Pferd seinen bevorzugten Rastplatz wählen kann. Liegt es mal an einer anderen Stelle als gewöhnlich, wird es genauer beobachtet und Auffälligkeiten dem Besitzer gemeldet oder einfach in den täglich geführten Notizen aufgezeichnet. Es kann natürlich vorkommen, dass dies überhaupt keine Bedeutung hat, aber oft waren diese Details schon sehr hilfreich. Die eine oder andere Kolik kann hier rechtzeitig erkannt werden, weil man die Pferde und ihre speziellen Eigenheiten und Bedürfnisse kennt. Zum Thema Koliken möchte ich erwähnen, dass sogenannte Verstopfungskoliken nie und Kreislaufkoliken bei uns kaum auftreten. Einige ehemalige Kolikpferde leben bei uns beschwerde- und symptomfrei, werden allerdings auch mit Argusaugen bei Wetterumschwüngen und/oder Futterwechseln (Sommer-Winter) beobachtet.

Die Fütterung erfolgt elektronisch mittels Abrufstationen, somit bekommt jedes Pferd ganz speziell auf seine Bedürfnisse abgestimmte Rationen. Über 24 Stunden verteilt holt sich jedes

Jac der "Frauenversteher"

Jac der „Frauenversteher“

Pferd selbstständig sein Rauhfutter. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Pferde dieses nicht stündlich fressen, vielmehr holen Sie sich Ihre Rationen alle paar Stunden ab und fressen dann eine längere Zeit ihr Ration. Es gibt keine pauschale Fütterungsmengen, bei Ankunft eines neuen Pferdes wird ein ungefährer Schätzwert in das Computer-System eingegeben. Frisst das Pferd eher langsam, wird dem Pferd eine längerer Fresszeit gewährt. Geregelte Zugangszeiten zur Heuraufe verhindern das „Hamstern“ von Vorrräten. 😉 Zusätzlich wird in einer großen Raufe Heulage mit Stroh vermischt und unter engmaschigen Netz angeboten. Diese wird selbst erzeugt und ist für Pferde geeignet. Es gibt auch 2 Kraftfutterstationen, hier kann ebenfalls über 24 Stunden verteilt individuell täglich frisch gequetschter Hafer, mineralisiertes Müsli oder eine Mischung aus beiden Futtermitteln gefüttert werden. Ich schätze es sehr, dass bei uns keine ganzen Rauhfutterballen in den Raufen zu finden sind. Diese werden in den Abrufstationen sowie in der Futterraufe handverlesen. Somit ist die Futterqualität stets sehr hochwertig. Als zusätzliche Beschäftigung für alle Pferde gibt es Minerallecksteine, mehrere Raufen mit Ästen und Zweigen zum Knabbern. Wasser wird den Pferden über zwei beheizte Schwimmertränken zur Verfügung gestellt, diese Tränken wurden so positioniert, dass die Pferde eine kleine Wegstrecke zurücklegen müssen um zu diesen zu gelangen.

Es existiert kein fixer Tagesplan den wir Menschen vorgeben, vielmehr ist das Pferd den ganzen Tag damit beschäftigt über die Verbindungswege von einer Station zur Nächsten zu gelangen, in den Ruhezonen zu dösen und Sozialkontakte zu pflegen. Zeit für ausgelassenes Spielen ist in den Morgenstunden und das nicht nur für die Jungen, sondern durchwegs spielt hier oft und sehr gerne auch die etwas ältere Generation. Diese Spielzeit resultiert daraus, dass ein Teil des Bewegung Stall-Systems für die Hauptreinigung (von ca. 7:00 bis 8:30) geschlossen wird. Stuten spielen im Allgemeinen viel weniger als Wallache, sondern nutzen diese Zeit für ausgiebige Fellpflege und Mähnenkraulen oder um ein Ründchen zu dösen, aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel.

Anna: Laura, nicht überall sind Trail Haltung – oder eben Wohnen im Bewegungsstall möglich. Was kommt denn sonst noch deiner Meinung der Natur am ehesten entgegen? Die Haltung im Offenstall?

Laura: Hier muss ich kurz definieren, was als Offenstall bezeichnet wird. Als Offenstall wird ein Stallsystem verstanden, das sowohl Tränken als auch Futterbereiche draußen ansiedelt. Es gibt dabei aber riesengroße Unterschiede. Oft wird das Pferd in einen Offenstall gestellt, damit der Besitzer zufrieden ist. Frei nach dem Motto:“Mein Pferd steht im Offenstall jetzt geht es ihm gut.“ Die Realität ist aber oft weit gefehlt. In vielen Offenställen bewegen sich die Pferde nicht mehr oder weniger als in Boxenhaltung mit Paddock. Unbedingt beachtet werden muss neben den Bewegungsanreizen die Anzahl der Tiere, welche gemeinsam in der Herde leben, die Harmonie in der Herde und ob ausreichend Platz zur Verfügung steht. Pferde gehen Auseinandersetzungen in der Regel aus dem Weg, dafür muss aber unbedingt genügend Platz zur Verfügung stehen. Häufig wird gerade am Platz für Ruheräume und Unterstände gespart. Da kommen rangniedrige Pferde oftmals zu kurz, wenn es um einen Unterstand oder die Möglichkeit sich auszuruhen geht. Wichtig ist auch, dass die Ruheräume über genügend Einstreu verfügen. Zudem sind unpassende Herdenmitgliedern oder zu große Herden ein weiterer Stressfaktor. Und natürlich darf Futter- und Wasserqualität nicht außer Acht gelassen werden.

Mein momentaner Favorit ist aber auch der Bewegungsstall, wie bei Michaela.

Michaela: Ich würde mein Pferd auch nicht woanders unterbringen wollen. Aber nicht jeder hat die Möglichkeit dieser Haltung. Nicht jeder Offenstall ist zudem pferdefreundlich, nicht jeder Boxenstall ist kategorisch abzulehnen. Es gehört viel Management und Pferdeverstand dazu einen Offen-Bewegungs-Paddock-Trail, wie auch immer man die Haltungsform nennt, richtig zu managen. Problematisch finde ich zu viele, gut gemeinte aber schlecht geführte Offenställe. Dort wird nicht auf die individuellen Bedürfnisse eingegangen, es werden zu viele Pferde auf zu geringer Fläche gehalten und den Pferden wird zu wenig Bewegungsanreiz geboten, deshalb sind Stress und Unruhe vorprogrammiert. Ein ambitionierter Boxen-Stallbesitzer kann ebenfalls einiges zum Wohl seiner Gäste beitragen und trotz Boxenhaltung ein hohes Maß an pferdegerechter Haltung bieten.

Jeder Pferdebesitzer muss sich fragen: Was ist das Optimum an artgerechter Haltung? Wie weit bin ich bereit zu fahren, um meinem Pferd eine gute Haltung zu ermöglichen? Was kann ich machen damit es meinem Pferd im aktuellen Stall besser geht?

Tu es nicht morgen, tu es heute, sonst lebst du morgen wie gestern. Dieser Spruch fällt mir dazu ein. Es ist allerdings auch ein Prozess der in jedem Pferdebesitzer selbst reifen darf bis er bereit ist und den Schritt der Veränderung wagt.

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Horse Ressort am Sonnenhof

Anna: Ich kann bestätigen, dass dieser Schritt auch für mich nicht leicht war. Schließlich bleibt man liebgewonnenen Gewohnheiten und vor allem lieb gewonnen Menschen ja gerne treu. Laura hat ihre Pferde ja quasi vor der Haustüre. Ich fahre jeden Tag 30 Minuten – Michaela nimmt, soweit ich weiß 80 Kilometer zu ihrem Jac auf sich.

Für mich gilt heute: Jeder Kilometer mehr ist es wert, meine Pferde sind ausgeglichener, zufriedener und leistungsbereiter den je. Und: ich nehme zwischen den Pferden der Herde deutlich mehr Kommunikation und Interaktion war, als ich vermutet hätte.

Im Sinne von Michaela: Tu es nicht morgen, sondern tu es heute – dann reiten wir Einfach 😉

 

PS: Im zweiten Teil sprechen wir über Gewichtszunahme, Bewegungsqualität, Schlafzeiten und wann denn überhaupt die richtige Zeit zum Reiten ist.

Piaffegeil?

Piaffegeil?

Piff-Paff und Blamage oder die Sache mit der Piaffengeilheit. Ist man Piaffegeil, wenn man einen schönen Moment erlebt? Oder geht es eher um ehrgeizige Ziele und so genannte Nicht-Ziele?
Wann schießen Wünsche übers Ziel hinaus und warum lohnt es sich, am Inhalt orientiert zu bleiben. Ein paar Gedanken dazu in diesem Blogartikel:

Momentegeil versus Piaffegeil

Wer kennt das nicht. Man erlebt einen wunderbaren Moment mit seinem Pferd. Plötzlich war es da. Dieses lang herbeigesehnte Gefühl. Wenn die kopflastige Sache von einem Gefühl der Harmonie überrollt wird. Beim Reiten heißt es, sollen wir im Hier und Jetzt sein. Schon allein das verlangt Konzentration und Achtsamkeit. Dann geht es darum seinen Sitzknochen zu spüren. Blöd nur, dass wir den ganzen Tag die längste Zeit eher mit unseren Händen beschäftigt sind. Ob im Beruf oder im Studium, es wird getippt, sortiert, gezählt, gegessen, geputzt. Ein großer Teil unseres Alltags lastet auf unseren Händen und dann sollen wir auf dem Pferd plötzlich nicht mehr drastisch „eingreifen“, sondern unsere Sitzknochen wahrnehmen, Schiefen im eigenen Körper spüren und zusätzlich noch analysieren, beurteilen und beeinflussen, was da unter uns passiert. Der Kopf hat alle „Hände“ voll zu tun, den eigenen Körper zu koordinieren und noch dazu viel aus der Theorie in die Praxis umzusetzen. Und dann das. Der heiß ersehnte Moment ist da. Annika Keller hat in einer Diskussion auf einer Sommerakademie Harmonie als das schöne Gefühl von „Nichts“ beschrieben. Bent Branderup sagt, eine Parade ist die Abwesenheit von jeglichem Widerstand. Harmonie wird ganz individuell empfunden. Aber eines ist ganz sicher – wir hätten alle gerne ein Stückchen mehr davon.

Ich würde sagen, wenn ich einmal einen sehr schönen Moment mit meinen Pferden hatte, dann würde ich gerne auf die STOPP Taste drücken und wieder zurück spulen, um den Moment immer wieder zu erleben. Vielleicht sogar noch etwas bewusster, als beim ersten Mal.

So. Jetzt lassen sich Momente aber nicht so einfach reproduzieren. Für den einen mag es der Moment absoluter Versammlung sein, für den anderen kann der besondere Moment schon darin liegen, wenn das Pferd sich in der Bodenarbeit von vorne, wie von der Seite führen lässt, ohne seinen Menschen zu überholen oder zu bedrängen und ohne sich dabei zu verspannen.

Momente bzw. der Wunsch nach einem besonderen Moment entwickeln sich natürlich ständig weiter. Und wenn es am Anfang lediglich um einen schönen Zirkel ging. Einen Zirkel, den das Pferd mit seinem Reiter beschreiten kann, ohne über die innere oder äußere Schulter zu laufen – dann kann mit gesammelter Erfahrung und gewachsener Kompetenz schon auch der Wunsch nach etwas mehr reifen.

Piaffegeil?

Gestern noch der Zirkel, das Schulterherein oder einfach eine Haltparade ohne die Hand zur Hilfe nehmen zu müssen – morgen schon Piaffe? Ab wann meldet sich der Ehrgeiz, der den Weg zum Ziel ausklammert und nur das Ziel selbst im Fokus hat?

Ohne Basis geht nichts. Wir wissen genau, was heute dran ist, wenn wir unseren Pferden genau zuhören. Dafür brauchen wir aber in allererster Linie eine gute Kommunikation mit dem Pferd. Wie man hier zur Leichtigkeit kommt, darüber erzählt Kathrin Tannous in einer speziellen Podcast Folge zum Thema. Schließlich erzählt uns unser Pferd ganz genau, was am Stundenplan stehen könnte und was nicht. Im Internet kann man sich wunderbar austauschen – da gibt es schon die eine, oder andere Frage nach dem Erlernen der Schulparade, oder einer Piaffe.

Klar, ein schönes Ziel, wenn der Reiter das Pferd aber nicht einmal führen kann, Stellung und Biegung lediglich im theoretischen Vokabular, der praktischen Ausführung aber nicht vorhanden sind, dann bleibt so manches Ziel wohl nur ein Traum.

So manch einer hat vielleicht die letzte Seite vom spannenden Buch voraus gelesen – und somit auch eine Menge spannender Dinge verpasst. Der Weg darf uns auch Freude bereiten.

Darf ich keine Ziele haben?

Doch. Natürlich. Unbedingt! Jeder sollte Ziele haben. Vielleicht ist nicht jedes Ziel unbedingt realistisch und vielleicht sollte man es wie bei einer gut durchdachten Diät in Etappen angehen. Dann lässt sich auch die Zielerreichung genauer definieren.

Die Frage ist nur – möchte ich eine Lektion, einfach nur um der Lektion Willen lernen, oder möchte ich darüber hinaus wissen, warum dieser Inhalt meinem Pferd gut tut. Wer sich mit dem Inhalt beschäftigt wird vielleicht auch durch die Beschäftigung mit der Biomechanik Grenzen, Potenziale und Möglichkeiten seines Pferdes überdenken. Die Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur.

Und dennoch. Wir bleiben einfach beim Piaffebeispiel: Wer eine schöne Piaffe bewundert hat, der möchte seinem Vorbild möglicherweise nacheifern – und wenn man selbst an eine Etappe kommt, dann ja, dann darf man sich natürlich auch freuen.

Wer kennt das nicht? Ich gebe zu, es gibt Momente, da hätte ich es gerne einfacher. Da frage ich mich, warum ich wieder alles Behirnen und genau Erfühlen muss. Wo sich Fehler eingeschlichen haben. Warum es Sonntag spitze lief und Dienstag darauf meine Harmonie vom Sonntag in der Vergangenheit blieb und nicht mitgekommen ist. Vielleicht weil ich mich Sonntag ehrlich überraschen ließ und am Dienstag reproduzieren wollte?

Ich denke es ist auch okay zu sagen, die Reset Taste, die uns wieder „back to Basis“ holt, ist manchmal wirklich zum Verzweifeln. Aber sie bringt uns auch umgekehrt am Meisten bei. Mich lehrt sie immer wieder noch deutlicher für mein Pferd zu formulieren, was ich gerne hätte und wenn wir uns missverstehen neue Fragen und Antworten zu finden.

Ehrgeiz muss nicht per se eine schlechte Sache sein. Oft sogar ein guter Motor, um die Motivation aufrecht zu erhalten. Die Frage ist eben nur: Die Piaffe um jeden Preis? Die Piaffe als Lektion, oder bekomme ich die PIaffe, weil ich mich mit dem Inhalt gründlich auseinander gesetzt habe.

Schießen wir also mit unserem Ehrgeiz nicht übers Ziel hinaus, dann reiten wir Einfach 😉

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Die sechs W`s der Akademischen Reitkunst

Die sechs W`s der Akademischen Reitkunst

Wer, wie, was, wann, wo und vor allem warum? Wer die Akademische Reitkunst kennenlernt staunt zunächst einmal über den Namen. Die gängigsten Fragen rund um die Akademische Reitkunst gib es im heutigen Artikel.

Was ist die Akademische Reitkunst?

Der Begriff bezieht sich auf die historischen Reitakademien, die während der Renaissance überall in Europa zu finden waren und deren Ziel die künstlerische, geistige und körperliche Ausbildung von Mensch und Pferd war. Und genau dieses Wissen aus der damaligen Zeit, das Wissen der „Klassiker“ wie Xenophon, Guérinière, Pluvinel, Newcastle, Steinbrecht….findet im „Akademisch Reiten“ heute wieder praktische Umsetzung.

Wer prägt die Akademische Reitkunst?

Der Begriff „akademische Reitkunst“ wurde in den letzten Jahren ganz deutlich durch die Arbeit von Bent Branderup geprägt.
Er setzte sich über Jahre mit den Lehren der alten Meister auseinander, übersetzte teilweise ihre Texte neu und analysierte klassische Reitergemälde. In das erworbene Wissen lässt er laufend aktuelle moderne wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Physiologie, Pädagogik und Veterinärmedizin einfließen.
Seine eigene Ausbildung absolvierte er unter anderem in der königlichen Hofreitschule in Jerez de la Frontera, bei Nuno Oliveira in Portugal und bei Egon von Neindorff in Deutschland.

Wie funktioniert akademische Reitkunst?

In der Akademischen Reitkunst lautet die oberste Prämisse: Das Pferd soll durch gezieltes Muskeltraining in die Lage versetzt werden, das Gewicht des Reiters in allen Lektionen ohne Schaden an Leib und Seele ein Leben lang tragen zu können (das bezieht sich auch auf jene Pferde, die gerne und wie ich finde irrtümlicherweise als „Gewichtsträger“ bezeichnet werden).

Und: Wir wollen doch sicherlich ein Pferd, das auch gerne mit uns Zeit verbringt!
Akademische Reitkunst ist eine lange Reise, eine Beschäftigung mit vielen Detailfragen, die man an sich selbst und an das Pferd stellt. Durch die sehr genaue Hilfengebung lernt das Pferd auf die Hilfen zu reagieren und nicht zirzensisch Lektionen abzuspulen.
Der Reiter muss vor allem sein Gefühl und Auge schulen – eine Sache, die schwierig scheint, aber lohnt. Vielen mag der Weg lang erscheinen – aber wer sich viel Zeit für die Basis nimmt, erntet später umso mehr harmonische Momente.

Wie schon beschrieben – es geht um die Schulung einer feinen Hilfengebung und Kommunikation zwischen Mensch und Pferd.

Dadurch stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:

– Bodenarbeit
– Longenarbeit
– Handarbeit von innen und von außen geführt
– Arbeit am Langen Zügel
– Arbeit zwischen den Pilaren
– Schulung der Kommunikation vom Sattel aus

Dem Menschen stehen dabei primäre und sekundäre Hilfen zur Verfügung. Als Primäre Hilfe wird in der Akademischen Reitkunst der Sitz bezeichnet, primär deshalb weil es eine Hilfe ist, die niemals aussetzen kann – es sei denn der Reiter steigt vom Pferd. Als Sekundäre Hilfen werden Stimme, Hand, Bein, Gerte usw. bezeichnet.

Was passiert bei der Akademischen Reitkunst?

Bei der Akademischen Reitkunst geht es in erster Linie um den Inhalt – also nicht um die Lektion. Sicher könnte ich jetzt einige Lektionen aufzählen wie Schulterherein, Kruppeherein, Renvers oder Piaffe. Das, was uns aber bei der Ausbildung, bei der physischen und psychischen Stärkung des Pferdes interessiert ist beispielsweise das innere und das äußere Hinterbein explizit ansprechen zu können, über Schulterherein oder Kruppeherein. Wir möchten Balance finden und gemeinsam mit dem Pferd die Balance oder den Schwerpunkt verschieben lernen. Wir möchten das Pferd auffordern der Reiterhand Informationen zu geben und vice versa empfänglich für Informationen aus der Reiterhand zu sein. Was in welchem Moment geritten oder erarbeitet wird entscheidet immer das Pferd. Es gib kein Schema F, nach dem ausgebildet werden kann. Kommunikation und eine gemeinsame Sprache sind die Basis, ob sich ein Pferd wohler fühlt, wenn der Mensch auf Distanz kommuniziert, wie bei der Longenarbeit, oder die Kommunikation besser von vorne geführt bei der Bodenarbeit klappt, entscheiden physische und psychische Voraussetzungen – oftmals nicht nur auf das Pferd bezogen.

Wann kann man akademisch reiten?

Eigentlich immer. Es ist nie zu spät zu lernen. Ich persönlich habe nach 20 Jahren im Sattel die Akademische Reitkunst entdeckt und lerne jeden Tag dazu. Und wie heißt es in Bent Branderups Theorievorträgen so schön:

Ein Leben reicht nicht aus um reiten zu lernen. Als Künstler lebt man nicht länger, aber mehr!

Aber: in Wahrheit geht es um die schönen Momente, also Zeit gut zu verbringen.

Wo?

Wer beginnen möchte braucht kein Reithaus aus der Renaissance. Ein ebenes Wiesenviereck reicht aus. Die Frage ist eher: Wo stehe ich als Mensch, wo steht mein Pferd, wie ist meine Bereitschaft zu lernen und wie kann ich mich für neues öffnen. Und wo bekomme ich Unterstützung. Hier gibt es eine Liste aller lizensierten Bent Branderup Trainer.

Warum?

Kurz gesagt: Weil es um die Momente geht. ☺ Und weil es Pferd und Mensch einfach Spaß macht und ein gesundes Training ist.

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Reiten wie Xenophon

Reiten wie Xenophon

Xenophon – sein Name ist untrennbar mit der Reitkunst verbunden. Schriftsteller, Philosoph, Politiker, Schüler von Sokrates.
Sein Plädoyer für einen gewaltfreien und schonenden Umgang mit dem Pferd hat noch heute Gültigkeit.

Wie würde wohl eine Unterhaltung heute mit ihm aussehen?

Herr Xenophon, was sagen Sie heute über das Reiten?

Xenophon: Das was ich zu meiner Zeit geschrieben habe, hat noch immer Gültigkeit. Ich bedaure eher, dass offenbar einige Hinweise in Vergessenheit geraten sind? Wir vernachlässigen uns schließlich selbst, wenn wir das Wohlergehen und die Gesundheit des Pferdes vernachlässigen. Selbst wenn es heute nur zum Vergnügen gehört ein Pferd zu halten und zu reiten, so steht doch Sicherheit nach wie vor an oberster Stelle.

Was sagen Sie über „Horsemanship“?

Xenophon: Der Begriff an sich scheint mir modern. Für mich fällt das unter Grunderziehung. Aber worauf es ankommt ist die sanfte Arbeit ohne Druck. Wenn sich ein Pferd vor etwas fürchtet, so muss man selbst das, was dem Pferd so furchtbar und schreckeinjagend scheint, berühren und dann das Pferd durch sanfte Behandlung herbeiführen. Die Menschen aber, die das Pferd schlagen würden, machen ihm ja noch mehr Angst.

Und sehen Sie heute noch Reitkunst?

Xenophon: Leider in geringer Zahl. Schon zu meiner Zeit unterschied ich hier deutlich zwischen Sport und Kunst. Wer glaubte, es sei viel Mühe sich in der Reitkunst zu üben, der sollte doch bedenken, dass die Männer, die sich für sportliche Wettkämpfe vorbereiten, noch viel Anstrengenderes durchführen müssen als die, welche sich der Reitkunst widmen. Sportliche Übungen werden meist mit viel Schweiß und großen Anstrengungen durchgeführt, bei der Reitkunst geschieht das meiste aber mit Vergnügen.

Heute gibt es ja auch Maschinen, die den Menschen in die Luft bringen. Ich sagte früher aber einmal:

Wenn man sich wünschen würde fliegen zu können, so gibt es nichts unter den menschlichen Dingen, was diesem Wunsch näher käme als Reiten.

Wie sitzt ein Reiter denn korrekt im Sattel?

Xenophon: Wenn er mit beiden Schenkel gespreizt aufrecht, als ob er steht auf dem Pferde sitzt. Einen Sitz wie auf einem Sessel, mit hochgezogenen Knien kann ich durchaus nicht loben. Vom Knie abwärts muss der Reiter das Schienbein mit dem Fuß schlaff herabhängen lassen. Der Reiter muss auch seinen Oberkörper, also oberhalb der Hüften dazu schulen sehr beweglich zu sein.

Wenn Sie sich die heutigen Pferde ansehen, wie unterscheiden sich diese zu den Pferden Ihrer Zeit?

Xenophon: Sie sind viel größer, als die Pferde, die wir hatten. Bei der Beurteilung eines jungen Pferdes lege ich Wert auf die Geschmeidigkeit der Knie, Wenn das Pferd diese beim Gehen beugt, dann wird es auch unter dem Reiter gelenkige Schenkel haben. Guter Kniebug ist mit Recht sehr geschätzt, denn er bewirkt, dass das Pferd weniger stolpert und auch weniger stößt, als bei steifen Schenkeln.

Wenn man das Pferd in eine Haltung bringt, die es selbst annimmt, wenn es sich das schönste Ansehen geben will, so erreicht man, dass das Pferd des Reitens froh und prächtig, stolz und sehenswert erscheint. Ich bin mir nicht sicher, ob ich heute viele Pferde sehe, die diese eigene Haltung noch überhaupt zeigen dürfen.

Warum ist es noch immer wichtig, auf dem Zirkel zu arbeiten?

Xenophon: Die Arbeit auf dem Zirkel nannten wir PEDE. Sie ist lobenswert, da sie das Pferd daran gewöhnt auf beiden Seiten zu wenden. Zu empfehlen sind auch Übungen von ungleicher Länge, also zwischen Zirkel und Gerade zu wechseln, denn so wird sich das Pferd eher wenden lassen. In den Wendungen ist das Pferd zu versammeln, der Reiter muss aber darauf achten, das Pferd nicht zu sehr mit dem Zügel zu stören.

Sie meinten ein Pferd, das die Hanken generell leicht beugt, wäre dann auch später leicht zu versammeln?

Xenophon: Ja, allerdings muss das Pferd auch eine kurze und starke Lende mitbringen. Soweit der körperliche Aspekt. Reiterlich gesehen ist es so, dass der Reiter eine Parade zu geben hat, während das Pferd die Hinterhand nach vorne untersetzt, so beugt es die Hanken, die Vorhand wird dabei leicht und angehoben. Man darf die Zügel nicht hart anziehen, um zu versammeln, so dass sich das Pferd dagegen wehrt, aber auch nicht unbestimmt ,so dass es nichts fühlt. Wenn man das Pferd aber versammelt und es den Nacken hebt, so muss man mit der Hand und dem Zügelzug unbedingt leichter werden.

Hat man eine Übung lange genug gemacht, bedenke man unbedingt auch die Pausen.

Pausen gehören auch zum Lob?

Xenophon: Ja, wir können ja per Wort miteinander kommunizieren. Man kann zwar sanft auf das Pferd einreden, aber wenn man das Pferd jedes Mal lobt, ihm schmeichelt, ihm einen Gefallen erweist nach einer gelungenen Übung wird es am besten lernen. Es wird den Zaum annehmen, wenn man ihm etwas Gutes tut und es wird über Gräben springen, wenn nach der Ausführung der Übung Lob und Ruhe zuteil wird.

Vielen Dank für das Gespräch 

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