Hankenbiegung

Hankenbiegung

Hankenbiegung oder Hankenbeugung ist die Grundlage der Versammlung. Rein physikalisch gesehen verändert sich der Winkel zwischen den großen Gelenken der Hinterhand in der Stützbeinphase. Klingt jetzt nicht so kompliziert, ist das schon alles?

Es war einmal die Hinterhand….

Unternehmen wir also eine Reise ins Pferdeskelett. Bei genauer Betrachtung stellt sich die Frage: Ist unser Pferd tatsächlich zum Reittier geschaffen? Auf der Vorhand lastet ein Großteil des Gewichts, die Hinterhand ist durch das Hüftgelenk mit dem Becken gelenkig verbunden. Wenn wir also von Hankenbiegung oder Hankenbeugung sprechen, dann sind alle großen Gelenke der Hinterhand daran beteiligt, also Hüft-, Knie- und Sprunggelenk. Diese drei Gelenke stehen in einer leichten Beugestellung zueinander. Hüfthöcker, Sitzbeinhöcker und Knie sind bei den meisten Pferden gut zu ertasten.

Betrachten wir diese Winkel der Hinterhand ganz isoliert vom übrigen Körper könnte man annehmen, dass die Gelenke alleine bei einer Belastung im Stehen wie ein Kartenhaus unter Belastung in sich zusammenfallen müssten.

Warum das nicht passiert?

Zwei sehnige Spannbänder verbinden Knie- und Sprunggelenk miteinander. Das bedeutet, bei Beugung oder Streckung des Kniegelenks finden die gleichen Bewegungen, also Streckung oder Beugung auch im Sprunggelenk statt. Beide Gelenke können immer nur gleichzeitig arbeiten. Die Tätigkeit von Kniegelenk oder Sprunggelenk zieht also vice versa die gleiche Streckung oder Beugung nach sich. In der Streckstellung wird dann das Kniegelenk festgestellt, wenn Kniescheibe und Oberschenkelbein aufeinander treffen. Davon ist aber nicht nur das Kniegelenk betroffen, sondern auch das Sprunggelenk, das in Streckstellung fixiert wird.

Diese Verbindung wird als Verspannung bezeichnet, sie gilt aber nur für Sprung- und Kniegelenk, nicht aber für das Hüftgelenk.

Je tiefer das Pferd die Gelenke der Hinterhand beugt, umso stärker wird die Beanspruchung der Muskeln der Hinterhand. Wer einmal sehr tiefe Kniebeugen langsam ausgeführt hat, kann das nur bestätigen.

Für das Pferd ist Hankenbeugung sehr kräftezehrend, da die Winkelung der Hinterhandgelenke von stark fleischigen, aber wenig sehnig durchsetzten Muskeln gehalten werden muss. Für die Arbeit mit dem Pferd bedeutet das: Hankenbiegung setzt jahrelange Arbeit in punkto Muskelaufbau voraus. Korrekte Versammlung und Hankenbeugung auf Knopfdruck kann es also nicht geben.

Muskelkraft

Muskelkraft wird von Kruppenmuskeln, inneren Lendenmuskeln, den langen Sitzbeinmuskeln, Kniescheibenhaltern oder Kniegelenksstreckern abverlangt.

Die Form folgt der Funktion – dementsprechend richtet sich die Funktion nach der entsprechenden Bewegungsphase und kann bei gleichen Muskeln ganz unterschiedlich angesprochen werden.

Versammlung

In der Versammlung werden also Hüft-, Knie- und Sprunggelenk zunehmend in der Stützbeinphase (wir sprechen also vom am Boden stehenden Bein, nicht vom Bein das gerade in der Bewegungsphase ist) stärker gebeugt. Die Qualität der Hankenbeugung ist allerdings abhängig von der Dehnungsbereitschaft der Rückenmuskulatur und den großen Muskelgruppen der Hinterhand.

Hüfte, Knie und Sprunggelenk werden also in der Versammlung gebeugt, das Becken kippt ab, der Widerrist wird angehoben.

Versammlung lässt sich durch einen Ziehharmonika-Effekt beschreiben. Je mehr das Pferd versammelt wird, umso eher schiebt sich sein Körper unter dem Reiter zusammen, man kann „mehr Pferd“ unter sich wahrnehmen. Es kommt zu einer Aufrichtung der gesamten Oberlinie. Je höher der Grad der Versammlung, umso deutlicher verändert sich der Winkel des Beckens zur Wirbelsäule. Große Bedeutung kommt hierbei dem Lumbo-Sakralgelenk zu, der Gelenksverbindung zwischen Kreuzbein und Lendenwirbelsäule. Die Veränderung des Winkels aus dem Becken wird schließlich wesentlich durch das Lumbo-Sakralgelenks beeinflusst. Senkt sich die Kruppe in der Versammlung ab, wird der hintere Teil des Rückens aufgewölbt.

Das Pferd wirkt wie die Ziehharmonika, die zusammengeschoben wird, immer kürzer, die Vorhand des Pferdes wird entlastet.

Let`s move…

Versammlung heißt Bewegung. Die Hinterbeine schwingen also nach vorne, fußen auf, es kommt zur Stützbeinphase und wieder zum Abschwingen. Umso kürzer das Pferdebein am Boden stehen bleibt, umso kürzer also die Stützbeinphase wird, umso weniger schiebt das Pferd beim Abfußen nach vorne. Wenn der Reiter also bereits über die Seitengänge Schulterherein und Kruppeherein gelernt hat, das jeweilige innere und äußere Hinterbein anzusprechen, kann der Abfußmoment vom Pferd etwas früher verlangt werden, um die Stützbeinphase zu verkürzen.

Versammlung heißt: Die Hinterbeine nach vorne reiten. Wenn allerdings die gesamte Last des Pferdes in der Stützbeinphase nach vorne geschoben wird, fällt das Pferd auf die Vorhand, das Hinterbein muss dann seitlich neben den Vorderbeinen vorbei treten, oder das Pferd tritt sich selbst auf den Ballen.

Anatomie-Experte?

Man muss kein Anatomie-Experte sein, Anatomie-Verständnis unterstützt aber für gutes Reiten. Wer sich mit Versammlung und Hankenbeugung beschäftigt kommt nicht umhin sich mit der Anatomie und Biomechanik des Pferdes zu beschäftigen. Biomechanik ist fast schon ein Modewort. „Bios“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Leben“, Biomechanik bedeutet also Mechanik des Lebens. Dabei geht es um das Verhalten und das Verhältnis von Gelenken in Bewegung.

Wer die Biomechanik versteht kommt auch mentalen Grenzen seines Pferdes leichter auf die Schliche. Was geht und warum geht’s nicht? Diese Fragen können wir hier miteinander verknüpfen.

Wer sich in den Pferdekörper denkt, Reitet also Einfach 😉

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ERP 018: Erzähl mir von der Leichtigkeit

ERP 018: Erzähl mir von der Leichtigkeit

Es gibt viele unterschiedliche Argumente, warum sich Reiter für die Akademische Reitkunst interessieren. Ein sehr häufig genanntes Motiv ist jedenfalls „Leichtigkeit“. Gewicht in der Hand ist in der Akademischen Reitkunst kein Ziel. Gewicht in der Hand verrät uns, ob das Pferd sein Gewicht vermehrt auf die Vorhand belastet, sich gar auf der Reiterhand als fünftes Bein abstützt.

Echte Leichtigkeit entsteht dann, wenn das Pferd seinen Brustkorb aus der Hinterhand heraus trägt. Die lizensierte Bent Branderup Trainerin Kathrin Tannous erzählt in Podcast Folge 18 über den Weg zur Leichtigkeit und warum wir hier besonders viel von unseren Pferden lernen können.

Mein Tipp: Unbedingt öfter als einmal reinhören.

Als MP3 herunterladen (Rechtsklick auf den Link und Speichern Unter):

Einfach Reiten Episode 18 – Erzähl mir von der Leichtigkeit

Mehr von Kathrin Tannous gibt es auf ihrer persönlichen Seite: http://www.kathrintannous.de/

Fotocredit: Lotte Lekholm

 

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Eine Versammlung der Alten Meister

Eine Versammlung der Alten Meister

Sie prägten die Reitkunst wie niemand sonst – Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) versammelten sich für die Ausgabe Nr. 12 der „Feinen Hilfen“ fiktiv zu einem Gespräch über das Thema „Versammlung“:

Guérinière: Meine Herren, ich freue mich mit einer kurzen Zusammenfassung unsere heutige Diskussion um Thema Versammlung einzuleiten. Meines Erachtens ist ein Pferd versammelt oder geschlossen, wenn es seinen Gang verkürzt und der kundige Reiter es somit auf die Hinterhand setzt. Dies erreicht man durch ein vorsichtiges Zurückhalten der Vorhand des Pferdes bei gleichzeitigem Engagement der Hinterhand, um das Pferd darauf vorzubereiten sich zwischen die Hand und die Schenkel zu stellen.

Steinbrecht: Bleiben wir gleich bei der Vorhand, mein lieber Herr de la Guérinière. Diese wird ja von Natur aus stärker belastet als die Nachhand, was die Sicherheit seiner Bewegung zwar nicht in der Freiheit, wohl aber unter dem Reiter ganz deutlich beeinträchtigt. Wir trachten also danach, diesen Mangel zu beseitigen, indem wir die Nachhand durch entsprechende Inanspruchnahme vermehrt belasten. So wird zuerst eine gleichmäßige Belastung aller Pferdebeine erarbeitet, was in einer zunehmenden Gewichtsverlagerung nach rückwärts mündet. Die Gelenke der unter die Last vorgeholten Hinterbeine werden vermehrt zusammen gerückt und dadurch werden die in ihnen ruhenden Kräfte, die Schub und Tragkraft entwickeln, aktiviert.

Pluvinel: Womit Sie, werter Herr Steinbrecht einmal mehr den Sinn der Tragkraft unterstreichen. Ist das Pferd nämlich geschmeidig gemacht und trägt sich dadurch gut, so wird es dann bei entsprechender Hilfengebung mit Sicherheit die gewünschte Lektion zeigen.

Steinbrecht: Trägt sich das Pferd aber schlecht?

Pluvinel: In so einem Falle würde ich persönlich auf die Arbeit in den Pilaren zurückgreifen. Wie Herr Steinbrecht aber immer wieder betonen, gibt es zu wenige Reitakademien die den sicheren Umgang mit den Pilaren heutzutage lehren. Ich kann also dem unkundigen Reiter diese Arbeit nicht ans Herz legen. Der Ehrlichkeit halber sei aber erwähnt, dass ich in einem solchen Falle, also der mangelnden Tragkraft in den Pilaren, das Pferd seitwärts hin und her treten lasse und danach sofort absteige.

Guérinière: Da der Herr de Pluvinel die Arbeit in den Pilaren zurecht nicht guten Gewissens empfehlen kann, rate ich gerne zur Arbeit mit den Paraden. Wir Reiter haben das Mittel zum Versammeln in der ganzen Parade, der halben Parade und im Rückwärtsrichten gefunden.

Steinbrecht: Hier möchte ich jedoch mit der Bedeutung des Vorwärts ganz deutlich einhaken, geschätzter Herr de la Guérinière. Schließlich ist das Vorwärts die Losung in der Reitkunst, wie im gesamten Weltall. Es müssen daher dem Reiter mehr Mittel zum Vorwärtsreiten, als zum Verhalten zu Gebote stehen.

Guérinière: Ich stimme Ihnen zu, sehe dennoch das Rückwärtsrichten als eine Möglichkeit, das Pferd auf die Hanken zu setzen, die Hinterbeine richtig zu stellen, den Kopf in eine richtige Position zu bringen und es leichter an der Hand zu machen. Rückwärts sollte demnach auch immer ein Vorwärts enthalten. Wenn also ein Pferd gleichmäßig rückwärts treten soll, muss man es so halten, dass ein Vorwärts nach jedem rückwärts sofort möglich ist!
Grundsätzlich würde ich mich aber lieber auf die ganzen und halben Paraden konzentrieren – vortreffliche Mittel, da sie dem Pferd leichter fallen als das natürliche Wenden. Sie machen das Pferd leicht in der Hand und angenehm für den Reiter. Um eine korrekte Parade zu geben, muss man das Pferd in der Vorbereitung ein wenig anfeuern. Sobald das Pferd etwas schneller geht, werden die Schultern sanft zurückgebracht und der Zügel wird leicht angenommen, bis das Pferd still steht. Gleichzeitig versehen die Waden einen feinen Dienst, um die Hinterbeine unter den Pferdeleib zu manövrieren.

Pluvinel: Vergessen wir hier jedoch keinesfalls auf den Sitz. Die Hilfe, die praktisch nie aussetzen kann. Der Oberkörper muss bei der Parade leicht nach hinten gehen. Egal aus welcher Gangart der Reiter die Parade abfragt. Wenn das Pferd leichter die Hanken unter den Körper setzt, geschieht das, weil der Reiter durch die Gewichtsverlagerung die Lende des Pferdes stärker belastet. Neigt sich der Oberkörper aber zu weit nach vorne, kommen Reiter und Pferd aus dem Gleichgewicht, das Pferd wird dann zu einer unschönen Ausgleichbewegung angehalten.

Steinbrecht: Mein guter Pluvinel, zum Sitz möchte ich noch eine eigene Definition hinzufügen. Für den Reiter ist es wichtig, sich in der Versammlung im Sitz zu öffnen. Hierzu ein bildliches Beispiel, das Anatomie und die heute so viel gepriesene Biomechanik vereinigt: nach dem Grundsatz, dass ja jeder Körper einen umso stärkeren Umfang annimmt, je mehr er durch Zusammenpressen verkürzt wird, muss sich das Pferd ja auch in seinen Rippen und Flanken erweitern, wenn es sich in einer versammelten Haltung befindet. Der Reiter muss diese Ausdehnung in seinem Sitz dahingehend unterstützen, indem er seine Oberschenkel und Knie künstlich öffnet, also vom Pferd entfernt, damit er durch eine – oftmals auch ungewollte Einwirkung von Oberschenkel und Knie – nicht diese Ausdehnung des Pferdes behindert.

Pluvinel: Der Reiter bleibt aber demnach dabei, die Bewegung des Pferdes aus der Hüfte zu dirigieren.

Steinbrecht: Allerdings, wobei sich das Pferd mit dem offenen Sitz fühlt, wie im Zustand der Freiheit und daher auch mit einer Leichtigkeit und Lust arbeiten wird, so als handle es sich um freiwilliges Vergnügen auf der Koppel.

Guérinière: Ein Zusatz sei noch zum Sitz gemacht: Da man aber den Oberkörper im Versammeln und in der Parade zurücknimmt, müssen die Ellenbogen ein wenig am Leib gehalten werden, um die Zügelhand ruhig halten zu können. Ansonsten entsteht das heute so oft sichtbare Missverständnis des Rückwärts-Einwirkens der Reiterhand.m Jedem Reiter sei außerdem geraten zu überprüfen, ob die Parade wirklich auf der Hinterhand gemacht wird. Denn wenn eines der beiden Hinterbeine in der Versammlung von der Linie der Schultern abweicht, dann steht das Pferd schief und kann nicht auf beiden Hanken sein.

Steinbrecht: Daher brauchen wir ein Gleichgewicht, Stellung und Biegung, um das Pferd zu befähigen, die für die Reitkunst erforderliche Richtung seines Körpers einzunehmen und nach dem Willen des Reiters beliebig lange beizubehalten.

Guérinière: Wobei der Willen nicht dem ungeschulten Pferde aufzuzwingen ist. Denn eine plötzlich durchgeführte Parade, ohne davor eine gewisse Leichtigkeit gespürt zu haben, würde sich auf den Rücken und die Hinterhandgelenke negativ auswirken. Man könnte sogar ein junges Pferd, das körperlich noch nicht ausgereift ist, für immer schädigen.

Steinbrecht: Wer so vorgeht, hat die Dressur und das Geheimnis der Versammlung nicht verstanden. Der Reiter muss seine Kunst für schwache und ungünstig, ja fehlerhaft gebaute Pferde verwenden, und bei diesen die Dressur zur Heilgymnastik erheben. Schließlich ist die richtige Dressur eine naturgemäße Gymnastik für das Pferd, durch die seine Kräfte gestählt und seine Glieder gelenkig gemacht werden. Durch die Kräftigung der schwächeren Teile entsteht schließlich vollkommene Harmonie….

Pluvinel: …eine Harmonie, die für mich in allen Gangarten Vollkommenheit verschafft ist nur durch die Passage – oder wie sie heute genannt wird – den Schulschritt herzustellen. Auch wenn Sie, werter Kollege Steinbrecht den Schwund der Reitakademien zu recht oft an den Pranger zu stellen wissen, möchte ich Ihnen erfreut mitteilen, dass der Schulschritt nun immer häufiger wiederbelebt wird. Er ist das probate Mittel, um nicht zu sagen, die sanfteste Methode, um dem Pferd völligen Gehorsam auf Hand und Sporen beizubringen, ohne dem Pferd einen Anlass zur Aufregung zu geben, oder zur Widersetzlichkeit. Der Schulschritt, der heute auf den ersten Blick anmutet wie eine Piaffe, ist der Schritt mit dem Rückenschwung des Schritts und der Beinfolge der Piaffe. Er dient dazu alle weiteren Gangarten zu verfeinern.

Guérinière: Hier möchte ich noch einmal die wichtigste Erkenntnis von Kollegen Steinbrecht ergänzen: Ein langsames Pferd geht noch lange nicht versammelt. Wichtig ist den Vorgriff des jeweiligen Hinterbeins zu erhalten, den Rückschub aber aufzufangen.

Steinbrecht: Wie recht Sie haben, geschätzter Guérinière. Und deswegen werde ich nicht müde zu sagen: Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade. Auch und gerade in der Versammlung!

 

Das Gespräch der Alten Meister, sowie weitere spannende Artikel zum Thema „Versammlung“ gib es in der Ausgabe Nr. 12 der Feinen Hilfen.

Im Gespräch mit Bent Branderup

Im Gespräch mit Bent Branderup

Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können. Heute gibt es auf vielfachen Wunsch das Podcast Interview von Bent Branderup zum Nachlesen – auf Deutsch übersetzt.

Bent, warum hast du dich dazu entschlossen die Alten Meister zu studieren? 

Bent Branderup: Ich war sehr neugierig über alles, was ich so rund um die Reitkunst kriegen konnte. Ich war in ganz Europa unterwegs, habe dabei Museen besucht, mir alte Sättel angesehen und natürlich Leute besucht, die noch immer nach der Akademischen Reitkunst gearbeitet haben.  Auf der Suche habe ich mich gefragt: Wo ist der Beginn und wo das Ende? Wo bekommt man alle Informationen, die zusammenpassen?  Natürlich habe ich mir die Bücher der Alten Meister gekauft. Wenn man diese Bücher liest, muss man beachten: Hier sprechen Meister über Jahrhunderte hinweg zu uns. Der Geist dieser vergangenen Zeiten ist allerdings noch immer da, er ist in diesen Büchern.  Dabei ist es auch sehr interessant zu sehen, was die Autoren ihren Lesern weitergeben wollten. Man erfährt dabei auch viel über das damalige Publikum, für das ja publiziert wurde.

Wie lässt sich der Weg von Bent Branderup zur Akademischen Reitkunst beschreiben? 

Bent Branderup: Am Anfang war da das große Interesse für Pferde – von Kindesbeinen an. Zu meiner Zeit war das Pferd bereits altmodisch, könnte man sagen. Während meine Großeltern noch immer mit Pferden gearbeitet haben, war das bei meinen Eltern schon nicht mehr der Fall. Ich war offensichtlich an etwas Altmodischem interessiert. Ich habe aber alles ausprobiert. Vom Kutschenfahren, über Vielseitigkeit oder Jagden – was eben zur damaligen Zeit geritten wurde. Ich war dann später auf Reisen quer durch Europa und habe dabei verschiedne Pferdekulturen kennen gelernt. War ein Jahr auf Isalnd oder mit den Reitern in Ungarn unterwegs. Dann kam ich nach Jerez de la Frontera und wurde dort Schüler in der Escuela Andaluza del Arte Ecuestre. Von diesem Zeitpunkt an wußte ich genau, in welche Richtung ich mich entwickeln wollte. Und natürlich habe ich die Meister der damaligen Zeit besucht. Ich war also bei Nuno Oliveira in Portugal und bei Egon von Neindorff in Deutschland. Zwei Meister, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten besonders spannend waren. Ich denke, da wo sich alle Meister der Reitkunst in der Gemeinsamkeit treffen, da sind die Ideale der Reitkunst. So fragte ich mich stets was einen Xenophon, einen Guérinière, einen Newcastle, einen Steinbrecht und einen Pluvinel eint.  Das war und ist für mich  das Spannendste. Denn wo sich die Meister in einem Zeitraum von 2.000 Jahren einig sind, das kann nicht so falsch sein.

Also würdest du die Alten Meister nicht als altmodisch bezeichnen?

Bent Branderup: Manchmal kommen die Dinge aus der Mode und manchmal kommen sie wieder in Mode. Ja, und manchmal ist Mode auch gemacht!

Wussten die Alten Meister mehr als wir heute mit allen modernen Methoden und Möglichkeiten der Wissenschaft? 

Bent Branderup:  Sie hatten natürlich viel mehr Erfahrung als wir je sammeln können. Schon alleine weil sie  ihre Forschungs- und Bildungsreisen, aber auch Kriege beritten absolvierten. Also nicht wie wir heute per Flugzeug von Wien nach Paris. Das machgt den Unterschied aus und natürlich haben sie auch weit mehr Pferde ausgebildet als wir das heute tun. Neue Erkenntnisse konnten sie somit in der Ausbildung von vielen Pferden anwenden und somit Hypothesen überprüfen und testen.

Können wir die Pferde der Vergangenheit mit den Pferden von heute vergleichen?

Bent Branderup: Wir können das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Viele Jahrhunderte lang wurden Kutschpferde gezüchtet. Diese Pferde sind dafür geschaffen, mit der Hinterhand rückwärts hinaus zu schieben und dabei die Gelenke der Hinterhand zu öffnen. Dann gibt es wiederum Pferde, die die Gelenke der Hinterhand besser schließen können, aber auch noch für den Schub nach vorne gezüchtet wurden – die Rennpferde. Und diese beiden Typen hat man nun vereint. Und dann gab es eben viel früher Pferde, die noch besser auf der Hinterhand waren. Wir brauchen nun Züchter, die sich genau auf diesen Typ Pferd fokussieren. Ich denke es gibt aber Pferde, die dem alten Typ noch sehr nahe kommen können.

Die Dressur ist für das Pferd da? 

Bent Branderup: Dafür ist Hugin natürlich ein sehr gutes Beispiel. Blind mit drei gebrochenen Beinen. Das war die Ausgangslage, wo ich lernen musste – oder man kann auch sagen, Hugin war derjenige, der mir die Akademische Reitkunst beibrachte. Ich hatte also einen völlig neuen Zugang zu lernen. Wenn wir das Pferd für die Dressur nutzen, dann sehen wir, dass viele Leute Übungen und Lektionen reiten, ohne den Inhalt zu begründen. Da werden dann oft Seitengänge geritten, die den Gelenken mehr schaden, als nutzen. Ich musste also meine Sicht auf die Dressur ändern. Das hat mir sehr geholfen und somit konnte ich wiederum anderen Menschen helfen.

Ist Hugin der wahre Gründer der Akademischen Reitkunst? 

Bent Branderup: Ja das könnte man so sagen.

Warum sollen wir die Bücher von Steinbrech, Newcastle, Guérinière, Pluvinel und Xenophon lesen? 

Bent Branderup: Bei diesen „big five“ sieht man die Zusammenhänge sehr schlüssig. Sie ergänzen und beantworten quasi offene Fragen gegenseitig. Guérinière beschreibt alles sehr gut, Steinbrecht ist bei der Biomechanik Meister. Die Wissenschaft heute kann dieses Wissen von damals quasi in neue Worte fassen und neue Ansichten hinzufügen, wie beispielsweise über die Faszien. Aber die Funktion bleibt gleich. Man muss natürlich die Art und Weise zu schreiben beachten. Manche Alten Meister scheinen auf den ersten Blick vielleicht chaotisch. Viel Wissen wurde da gar nicht aufgeschrieben, weil es zu ihrer Zeit als Selbstverständlichkeit galt. Heute kann man im Gegenzug dazu ein Buch über das Führen des Pferdes am Halfter schreiben, das viele Leute gerne kaufen und lesen. Bei den Alten Meistern muss man sich fragen, was es wert war erwähnt zu werden. Wir lesen heute also auch immer wieder Lücken, die den damaligen Autoren nicht erwähnenswert genug schienen.

Warum hast du die Ritterschaft der Akademischen Reitkunst gegründet? 

Bent Branderup: Ritter kommt im Deutschen von Reiter. Man könnte es heute auch eine Organisation von Reitern nennen. Früher hatte auch jede Gruppe eine Gilde. Das wäre vielleicht das korrektere Wort. Jetzt haben wir eine Organisation von Leuten, die gerne mit Pferden arbeitet – es sind aber nicht alle Professionisten. Der Zweck ist es, einen Brainpool zu bilden, um Menschen international zu einem Austausch einzuladen, wo jeder sein Wissen mitbringt. Wenn die Reiter mehr Können und Erfahrung sammeln, dann wird insgesamt das Niveau der Gruppe auf einen höheren Level gehoben.

Wie war da die Entwicklung der letzten Jahre? 

Bent Branderup: Was neu war? Wir haben viele Experimente mit Schulhalt und Schulschritt gemacht. Wir haben in Büchern und Bildern geforscht und uns gefragt warum und wie die Lektion damals geritten wurde. Beim Experimentieren wurden dann natürlich auch Fehler gemacht. Aber nur wegen der Fehler können wir heute sagen, was ein großer Fehler ist, was ein unwichtiger Fehler ist, was man leicht oder schwer korrigieren kann usw. Wir hatten eine große Anzahl an Erfahrungen, diesen Erkenntnisgewinn kann man alleine gar nicht schaffen.

Warum sind Schulhalt und Schulschritt für die Pferde so nützlich?

Bent Branderup: Zunächst geht es darum, mit dem Pferd eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Erst dann können wir mit dem Körper arbeiten und der Wirbelsäule eine Form geben, um so die Gelenke der Hinterhand zu erreichen. Hier gibt es viele verschiedene Schlüssel. Wir können die Sprunggelenke und die Knie erreichen. Das Pferd bekommt ein besseres Bewusstsein, aber auch der Mensch wenn es um die Hinterhand geht. Wir können lernen, die Fähigkeiten der Hinterhand zu beurteilen. Und wir können feststellen, dass Pferde, die körperlich eigentlich gute Voraussetzungen mitbringen sich schwer tun in der Kommunikation und Pferde, die sehr intelligent sind, sehr leicht die Gymnastik verstehen. Nur wenn die Botschaft verstanden wird, kann man mit verschiedenen Körperteilen arbeiten. Für manche Pferde war daher der SChulhalt der Schlüssel zur Hinterhand, für andere Pferde war es eine andere Übung.

Welche denn zum Beispiel? 

Bent Branderup: Zum Beispiel Schulschritt oder Piaffe. Es sind aber immer die gleichen Muskeln, die mit den gleichen Knochen arbeiten. Es ist also immer der Geist, den man zuerst ansprechen muss. Und das gelingt beim einen Pferd dann besser über Galopp, beim anderen über Piaffe usw.

Wo trifft man dich auf Kursen im heurigen Jahr? 

Bent Branderup: ich unterrichte in Europa. Ich bin glücklich mit meinen Pferden, ich möchte möglichst kurz von ihnen getrennt sein und rasch wieder zurück kommen. Kurse weltweit sind auch mit den lizensierten Trainern möglich.

Die internationalen Kurstermine von Bent findet ihr hier laufend aktualisiert.

Und am 2. und 3. Juli 2016 freuen wir uns auf ein Wiedersehen mit Bent in Graz.

Macht’s noch Spaß?

Macht’s noch Spaß?

Spaßgesellschaft, diesen Ausdruck hat doch jeder schon mal gehört. Wir leben in einer Zeit, in der wir nicht reiten müssen. Wir dürfen. Und jene Pferde, die wir als Freunde halten, müssen weder in den Krieg ziehen, noch Äcker pflügen oder sonstige schwere Arbeiten leisten. Wir haben hier eigentlich einen ziemlichen Luxus. Warum macht der dann nicht immer Spaß?

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel über den magischen Knopf beim Reiten geschrieben. Den gibt es kurz gesagt nämlich nicht.

Wer etwas Punkt für Punkt innerhalb von wenigen Stunden zusammen setzen will, der ist bei Ikea sicher glücklicher, als auf dem Rücken eines Pferdes. Reiten nach dem Baukastenprinzip gibt es nicht. Wir sind Individuen, das Pferd auch.
Jeder bringt körperliche und geistige Stärken, aber auch Schwächen mit. Wie ehrlich sind wir hier in Punkto unserer Schwächen zu uns selbst? Und wenn`s keinen Spaß mehr macht – woran liegt das wohl?

Der Start ins neue Jahr ist immer ein guter Zeitpunkt, um ein neues Kapitel zu schreiben.

Das Zusammensein mit dem Pferd, Reiten, die Erarbeitung von Zielen macht weder Reiter noch Pferd Spaß? Ursachenforschung und kleine Projekte sind der erste Schritt zur Besserung:

  1. Projekt Schöner Wohnen. Ja, das gilt vor allem auch für Pferde. Und ja, zu wenig Auslauf, zu geringe Möglichkeit für soziale Kontakte, mangelnde Futtermenge und –qualität sorgen nicht für gute Laune. Wie oft steht hier die eigene menschliche Bequemlichkeit an erster Stelle? Es ist nicht DIE sensationelle Neuigkeit, aber scheinbar vielen Pferdehaltern noch immer nicht bewusst, wie sehr sie die Qualität des Zusammenseins mit ihren Pferden durch die Optimierung der Haltungsbedingungen verbessern können. Eine liebe Schülerin von mir kann ihr Pferd aufgrund der weiten Anfahrtszeit nicht täglich sehen, dafür hat ihr Pferd aber täglich das, was es als Pferd tatsächlich braucht. Und obwohl hier nicht täglich geübt werden kann, schütteln die zwei die Erfolge nur so aus dem Ärmel.
  2. Projekt: Mehr Denken. Womit wir wieder beim Visualisieren wären. Wie heißt es so schön? In der Reitkunst geht es darum nach und nach durch das Erlernen der einzelnen Hilfen mehr Werkzeuge zur Verfügung zu haben. Die eine Seite ist die Technik. Die andere Seite ist unser Geist. Wir erinnern uns:

    „Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können“ (Bent Branderup).

    Ja das Wollen. Vom Wollen haben wir oftmals genug. Aber wissen wir überhaupt was wir wollen? Und haben wir davon nur eine vage Vorstellung oder ein sehr detailliertes Bild? Denken wir über künftige Handlungen und Bewegungsabläufe nach. Graue Flecken im Bild? Liegt vielleicht daran, dass wir noch kein Bild dazu haben. Wie kann man eine korrekte Rotation des Brustkorbs visualisieren? Knifflige Frage – vielleicht ist es aber noch kniffliger über einen Halt aus einer seitlichen Führposition nachzudenken. Schwarze oder graue Flecken zeigen uns, wo wir selbst Nachholbedarf haben.

  3. Projekt: Mehr Wissen: Wissen aneignen, wo immer es geht. Um unsere schwarzen Flecken zu visualisieren hilft es am besten sich tatsächlich mit der Materie auseinander zu setzen. Lesen ist tatsächliches Kopfkino. Und heizt die eigene Blickschulung ganz von innen an.
  4. Projekt Geduld. Ein Projekt für jeden Tag 😉
  5. Projekt: Sich Freuen. Ja wirklich. Wie oft freuen wir uns ehrlich über Fortschritte und wenn sie noch so klein sind? Wir sind ständig dran zu betonen und zu formulieren, was gerade nicht klappt und warum Fehler passiert sind. Einerseits geht es darum, unser Pferd durch echte Freude zu motivieren. Andererseits tut es uns selbst auch mal gut, auf die guten Dinge zu fokussieren. Und die passieren. Auch wenn wir sie vor lauter Selbstverständlichkeit nicht mehr sehen. Worüber ich mich neulich am Meisten gefreut habe? Über eine Tabby, die auf der Koppel angaloppiert kam, weil sie unternehmungslustig war.
    Eine kleine Übung für das tägliche Leben: Am Alltag die positiven Dinge öfter mal aussprechen.
  6. Projekt Vorbilder: Müssen’s immer reiterliche Vorbilder sein? Sicherlich lernen wir durch die Alten Meister. Sicherlich brauchen wir Vorbilder, die uns beim Erreichen unserer Ziele direkt oder indirekt unterstützen. Aber manchmal kann es auch helfen, Vorbilder an ganz anderen Ecken zu sehen. Ich erinnere mich gut an Theorieseminare in denen Bent Branderup Kung Fu Panda im Sinne der Pädagogik zitiert hat. So gesehen – wir finden überall Inspiration – auch zur Freude!
  7. Projekt Motivation: Wer sich nicht selbst freuen kann, der wird sich schwer tun, sich über die Fähigkeiten der Pferde zu freuen. Pferde lassen sich gerne motivieren, wir müssen uns in erster Linie klar sein, WAS wir loben und WIE wir das tun. Ich bin persönlich ein großer Freund von positiver Bestärkung. Wenn wir unser Pferd loben, dann sollten wir uns aber nicht nur Gedanken über die Ausführung einer Übung oder Lektion machen. Lernen wir unsere Pferde zu lesen. Wer mehr über Körpersprache weiß und gelernt hat den Ausdruck seines Pferdes zu deuten ist auch beim Aufbau der Anforderungen klar im Vorteil.
  8. Projekt: Bekanntschaft mit dem Pferd. Ja, auch wenn wir manchmal bereits jahrelang mit unserem Pferd zusammen sind hört die Beziehungsarbeit nie auf. Auf der zwischenmenschlichen Eben werden wir ja auch immer wieder überrascht durch Handlungen oder Äußerungen gerade von Menschen, die uns sehr nahe stehen. Warum denn nicht auch beim Pferd? Ein langer Zeitraum sagt nichts darüber aus, wie gut man sich tatsächlich kennt. So habe ich beispielsweise durch das Projekt „Schöner Wohnen“ eine völlig andere Tabby kennen gelernt. Eine, die im Übrigen motivierter und kommunikativer geworden ist.
  9. Das Nix-Projekt. Das krasse Gegenteil von viele Punkte auf der Liste beachten? Keinen beachten. Manchmal muss man einfach loslassen. Manchmal hilft es, sämtliche Ziele über Bord zu werden und nach dem Motto: „Es geht um nichts“ in den Tag mit dem Pferd zu starten. Wer immer etwas will und fordert landet rasch im ÜBERfordern. Eine Sache, die den menschlichen Alltag auch durchaus sehr bereichern kann: Nämlich einfach mal Nichts zu wollen. Wie ich mir das immer wieder in Erinnerung rufe kannst du hier nachlesen. Als Reiter sind wir dazu verpflichtet, für das Pferd eine Umgebung zu schaffen in der es sich wohl fühlt und gerne lernen kann. Diese Verpflichtung betrifft aber uns auch.

Achten wir auf uns, dann werden Spaß und Freude echt 😉

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