Die Selbstverständlichkeit

Die Selbstverständlichkeit

Systematik, Reihenfolge, Logischer Aufbau. Der Mensch trachtet immer gerne nach einem System, um Schritt für Schritt zum Erfolg zu kommen. Egal ob Möbel nach Anleitung, Fitnesstraining oder Selbstverwirklichung – Skalen machen Menschen glücklich. Pferde auch?

Erst vor kurzem habe ich einen Artikel für die „Feinen Hilfen“, Ausgabe Oktober/ November bezüglich der Skala der Ausbildung verfasst und was denn die „Alten Meister“ dazu sagen würden. Beim Studium – vor allem aktueller Literatur ist mir aufgefallen: Viel Info und Gedanken werden für die „Einschulung“ verwendet, die wichtigsten „Basics“ aus dem Pferdekindergarten werden häufig entweder schon vorausgesetzt, oder unter den Tisch gekehrt.

„Was früher Selbstverständlichkeit hieß, heißt heute Horsemanship.“ (Bent Branderup)

Vor Stellung und Biegung liegt die Selbstverständlichkeit

Wenn wir Geist und Körper unseres Pferdes schulen möchten, dann sollten wir unbedingt mit dem Geist beginnen. Schließlich möchten wir ja ein Pferd, das seine Zeit gerne mit uns verbringt und sich mit uns gemeinsam über Erlerntes und Fortschritte freut. Wie wichtig das Wollen, Motivation und ein wacher Geist beim Lernen sind, ist uns deutlich klar, wenn wir an unsere eigene Schulzeit zurückdenken, oder vielleicht in den Schulalltag eintauchen: Sympathie war und ist eine Sache, die uns leichter lernen lässt.

Hutschigu oder der Ernst des Lebens?

Man kann viele Artikel, Bücher und Infos über Horsemanship-Systeme erkunden. Es gibt auch irrsinnig viel zum Thema „Positive Bestärkung“. Und es gibt auch viel zum Thema „Pro und Contra“ beide Richtungen betreffend. Ich persönlich ziehe es vor meine Pferde positiv zu bekräftigen, wenn sie etwas besonders gut gemacht haben, kreativ an neue Aufgaben herangehen und mir zuhören. Das kann „ausrasten vor Freude sein“ (es muss aber von meiner Seite echt so gemeint sein) oder ein beliebtes Leckerli.

Was ist aber nun das Optimum für mich als Pädagoge meines Pferdes?

Eine gute Beziehung. Wie oft SIND wir einfach mit dem Pferd? Wie oft WOLLEN wir schon etwas von unserem Pferd? Und: Fühlen wir uns jetzt ertappt, wenn wir quasi einfach davon ausgegangen sind, dass die Beziehung zu dem Pferd einfach existiert? Wir entscheiden uns für ein bestimmtes Pferd, kaufen es und fühlen uns bereits verbunden. Aber wie geht es dem Pferd damit?

Was will ich eigentlich vom Pferd?

Die einen möchten einfach eine gute Zeit mit dem Pferd verbringen, die anderen träumen von langen Ausritten im Wald und der nächste wünscht sich einmal im Leben eine Piaffe zu entwickeln. Spontan gefragt reagieren die meisten Reiter mit dem Wunsch nach einer bestimmten Aktion oder Handlung. Was wünschen wir aber von der Beziehung mit dem Pferd?

  • Vertrauen?
  • Kontrolle?
  • Akzaptanz?
  • Sympathie?
  • Entspannung?
  • Freundschaft?

Und: Wir als Menschen beschließen ja, dass WIR eine gute Zeit mit den Pferden verbringen möchten, aber hat eigentlich auch jemand unsere Pferde gefragt, ob sie mit uns zusammen sein möchten?

Faktor Zeit

Wir haben Zeit. Wer also in die Qualitiy Time vor der Reitausbildung investiert hat später weniger Probleme. Dazu gehört eben den Fokus weg von der Technik zu schieben, sondern zu Geist, Gedanken, Gefühlen und der Persönlichkeit unseres Pferdes.

So könnten wir uns die Frage stellen, welche Stärken und Schwächen bringt das Pferd geistig mit? Wenn wir unser Pferd überzeugen, dass die Arbeit, das Zusammenarbeit mit uns Freude bereitet, dann können wir auch später leichter den Pferdekörper formen und entwickeln. Lernen wir unserem Pferd zuzuhören. Für die Entwicklung von Beziehung brauchen wir nicht unbedingt eine bestimmte Methode, Achtsamkeit und die Bereitschaft sich auf das Pferd einzulassen sind der erste Schritt.

Und was ist nun selbstverständlich?

Eine häufig gestellte Frage auf den Kursen ist jene nach der Jungpferdeausbildung. Womit wir wieder beim Wunsch wären, sämtliche Schritte in der Ausbildung abzubilden. Die Antwort unserer Referenten?

    • Sich Zeit nehmen für das Pferd, gegenseitiges Kennenlernen steht im Vordergrund.
    • In diesem Video erzählt Bent Branderup seinen Zugang zu seinem „Youngster“ Dorardo.

    • Das Pferd soll lernen, sich überall anfassen zu lassen
    • Das Pferd soll lernen unangebunden stehen zu bleiben, während es geputzt wird
    • Das Pferd soll lernen willig seine Hufe zu geben
    • Das Pferd soll lernen die menschliche Körpersprache zu lesen
    • Führtraining: Dabei lernt das Pferd mit dem Menschen mitzugehen, ganz egal ob der Mensch rückwärts läuft, oder seitlich neben dem Pferd.
    • Hier habe ich ein Video von Jossy Reynvoet gefunden, das die Frage, was denn vor Stellung und Biegung kommt, sehr anschaulich beantwortet.

Je besser das junge Pferd in Punkto zuhören, folgen, Vertrauen und Beziehung bereits geschult ist, umso einfacher reiten wir später. Lassen wir uns Zeit, schließen wir die Arbeit immer mit einem Lob ab. Noch besser: lassen wir es nicht wie Arbeit aussehen, wenn wir unseren Pferden Aufgaben stellen, die leicht zu lösen sind und erst so die Anforderungen steigern.

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ERP 016: Handwork – From the Inside and the Outside

ERP 016: Handwork – From the Inside and the Outside

If you want to train your horse from the ground, there are so many possibilities to choose from: Via Lunging and groundwork you can progress to work your horse in hand.

In this episode Michelle Wolf, licensed Bent Branderup Trainer from Denmark explains how to lead the horse from the Inside and Outside and how you can control the direction of energy. Leading from the Outside is perceived more difficult because you cannot hide (from) your mistakes. But you can improve a lot!

Enjoy this interview:

Als MP3 herunterladen (Rechtsklick auf den Link und Speichern Unter):

Einfach Reiten Episode 16 – Handwork, From the Inside and the Outside

 

You can learn more about Michelle on Facebook and on her personal website.

 

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Die Hüfte machts aus! Kursbericht Annika Keller

Die Hüfte machts aus! Kursbericht Annika Keller

Geraderichten ist einfach der Renner. Genau wie die lizensierte Bent Branderup Trainerin Annika Keller. Die richtete uns am letzten Wochenende nicht nur gerade, sondern ließ uns auch vorwärts reiten. Ganz im Sinne von Steinbrecht. Aber mit viel Motivation und guter Laune gespickt.

Noch bevor es mit der ersten Theorieeinführung losging, stattete Annika mir und meinen Pferden am Sonnenhof einen Besuch ab. Mit Pina haben wir an der Formgebung rund um einen mittleren Rahmen gearbeitet, ohne Balance und Losgelassenheit zu verlieren. Die Entspannung trotz Versammlung zu behalten und diese auch in Übergänge mitzunehmen war hier unser Ziel. Annika übersetzte und analysierte geschickt alles, was ich so unter mir wahrnehmen konnte. Weiter ging es mit Fuchsstute „Tabby“. Seit einer Verletzung am Fesselträger ist Tarabayas Schritt eine Challenge. Hier befassten wir uns damit den Rückenschwung deutlich zu verbessern. Auch Paraden aus dem Stand in die Bewegung mitzunehmen, um auch hier zu mehr Losgelassenheit zu kommen war Thema der Einheit. Leichtes Wegbiegen vom äußeren Schenkel und immer wieder an Kruppeherein zu denken, half uns Tabbys Hüfte deutlich nach vorne zu platzieren. Auch die konstante Biegung unterstützte ein korrektes Schwingen im Rücken.

a4Danach „rasten“ wir nicht nur sprichwörtlich zum Lässerhof, wo die erst Theorieeinführung am Stundenplan stand. Dass sich Annika seit Jahren mit offenen Augen und Ohren mit der natürlichen Schiefe beschäftigt, wurde im Vortrag schnell klar. Dabei ermunterte sie auch die Zuhörer selbst zum Forscher zu werden. Theorien wie die Lage des Fohlens im Mutterleib, die Haltung der Pferde im Stand beim Fressen (wenn ein Bein nach vorne gelagert wird), waren für Annikas Forschung eher irrelevant. Annika hat sich nicht nur die Bemuskelung und Bewegungsqualität der Pferde genau angesehen und auch unter osteopathischen, wie physiotherapeutischen Gesichtspunkten analysiert. Was dabei aufgefallen ist: Die meisten Pferde haben links deutlich mehr Muskeln an der Schulter. Wie Steinbrecht auch im Gymnasium des Pferdes beschreibt, ist das rechte Hinterbein deutlich stärker am Schieben, während das linke Hinterbein deutlich besser tragen kann. Annika fragte daher ins Publikum:

„Wäre das Reiten also nicht einfach, wenn man somit die rechte Seite des Pferdes verkürzt und die linke Seite mehr aufdehnt“?

In dieser Lösung wäre aber laut Annika das rechte Hinterbein noch nicht mit einkalkuliert. Dessen Schub muss von uns also beeinflusst, in bestem Falle abgekürzt werden. Ebenso auf der Rechnung fehlt der Blick auf die korrekte Stellung: Hier möchte ein Großteil der Pferde lieber in Linksstellung laufen. Der Reiter kommt somit auf der linken Seite nicht so gut zum Sitzen, der Sattel rutscht nach rechts. Annika hat mit zahlreichen Sattlern gesprochen, die dieses Bild bestätigen. Die Druckbelastung bestätigt hier in sämtlichen Fällen das oben beschriebene Bild.

Nuno Oliveiras Arbeit wurde ebenso akribisch von Annika unter die Lupe genommen: Auf den meisten Aufnahmen wiederholt sich folgendes Bild:

„Die Pferde sind meist rechts wenig gestellt. Wenn ein Pferd sich etwas überbiegt, dann passiert das links herum“.

Wenn also das rechte Hinterbein oftmals als Verursacher der Schiefe ausgemacht werden kann, potenziert sich das Problem natürlich in die Hüften des Pferdes. Die linke Hüfte kommt nicht so schön nach innen unten.

Die Köpfe rauchten, denn die Probleme, die uns im Pferdekörper durch die natürliche Schiefe begegnen, waren noch keinesfalls zu Ende analysiert.

Auch hier nickten viele Gesichter im Publikum, denn das folgende Problem tritt auch sehr häufig ein:

„Das Pferd drückt im Schulterherein ständig herein. Man kommt vom inneren Zügel nicht weg, die Schulter wird nicht frei. Hier ist die rechte Seite des Pferdes erneut gut über die Hüfte zu korrigieren. Das heißt: Im Schulterherein auch mal an den äußeren Schenkel denken, der von sich wegbiegend die Biegung um den inneren Schenkel unterstützt und somit die innere Hüfte nach vorne holt.“

Wenn das Pferd nach innen herein fällt, hat der Reiter oft das Gefühl, das Pferd würde seitwärts nach a2innen laufen. Allerdings wurde das Pferd in der vorwärts Bewegung zu prominent. Annikas Tipp: Ganz simpel. Nämlich bremsen. Mal das Tempo zurücknehmen, um Pferd und Mensch den Bewegungsablauf bewusster und langsamer spüren zu lassen.

Für Annika ist es wichtig, dass die Reiter sich der Schiefen bewusst werden – vor allem da diese auch von Tag zu Tag unterschiedlich dominant sein können.

„Wer denkt, dass die Natürliche Schiefe alleine durch die Belastung aus dem Sitz heraus zu verbessern ist wird feststellen: Selbst im Kosakenhang wird der Rippenbogen des Pferdes nicht deutlicher nach innen unten kommen, wenn die Hinterbeine weiter hinten raus schieben“.

In der ersten Einheit wurde daher besonderes Augenmerk auf die Wahrnehmung der Schiefe gelegt. Für die Zuschauer kommentierte Annika ausführlich alles Gesehene und Gespürte mit. Nach der ersten „Schiefen-Bestandsaufnahme“ wurde bereits die Bearbeitung der Schiefe aufgenommen.

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Anja und ihr „Blacky“

Vom jungen Pferd, bis zu unserem Routinier Anton gab es für die Zuschauer viel zu sehen und für die Reiter viel zu spüren. Besonders stolz bin ich auf meine Schüler Anja und Julia, die alle Tipps von Anja super gut umsetzen könnten. So hat Julia an der Kommunikation bis zum Advanced Lunging gearbeitet, um ihr Pferd auch im Kruppeherein am größeren Zirkel gut führen zu können. Die Kontrolle über innere und äußere Schulter konnte ebenso verbessert werden. Anja hat vom Sattel aus gearbeitet. Anja war mit ihren 12 Jahren beim Kurs übrigens unsere bisher jüngste Teilnehmerin. 🙂

Durch Annikas positiv-motivierende Art zu unterrichten blieben Zuschauer und Reiter bis zur letzten Einheit motiviert.

Am Sonntag kurz vor dem Abflug ging es noch mal „rasant“ zu meinen Pferden an den Sonnenhof. Dort hat mir Annika einige Übungen aus der Ostheopathie gezeigt, um Tabbys Schulter mobiler zu machen. In der darauf folgenden Einheit wurde der Rückenschwung deutlich besser, Annikas Tipps ließen sich sofort ganz wunderbar umsetzen.

Ich freue mich riesig über den wunderbaren Austausch mit Annika.

Eine Fortsetzung folgt in Graz ganz bestimmt! 🙂

Mehr über Annika Keller gibt es im Podcast.

 

 

Problemzone Kruppeherein?

Problemzone Kruppeherein?

Als Aspirin der Reitkunst wird das Schulterherein gerne seit Nuno Oliveira zitiert. Allerdings können Seitengänge vom Boden, oder vom Sattel aus erarbeitet, gerne zum reiterlichen Kopfzerbrechen führen.

Problemzone Kruppherein – oder wie man bei einem Lanzenstoß im Sattel bleibt.

Reitkunst ist manchmal schon etwas für Pragmatiker.

Besonders im Kruppeherein kommt die praktische Anwendung nicht zu kurz. Als die Menschen im Nahkampf noch zu Pferde saßen, war nicht nur das Sitzen wichtig – es wurde penibel darauf geachtet nach innen zu sitzen. Wenn die Reiter im Kruppeherein aufeinander zu galoppierten, kamen sie somit nicht nur näher an den Gegner heran, sie blieben auch sicherer im Sattel bei einer Lanzenattacke des Gegners.

Selten haben wir heute eine Lanze mitgeführt, wenn wir ins Gelände gehen. Dem gemütlichen Freizeitreiter reicht vielleicht schon ein Reh, das beim Bummeln im Wald zwischen den Bäumen hervorspringt. Pferde, die gelernt haben, immer zum Schwerpunkt hinzutreten, fangen ihren Reiter auf, wenn dieser mal das Gleichgewicht verliert und in „Wohnungsnot“ gerät. Das Pferd sammelt den Reiter – unter den Schwerpunkt tretend – wieder auf.

Abgesehen also von der Sache mit dem Schwerpunkt:

Welche positiven Eigenschaften hat Kruppeherein?

  • Durch das Kruppeherein werden die Hanken mehr gebogen und eine verbesserte Tragkraft der Hinterbeine – vor allem des äußeren Hinterbeins erzielt.
  • Kruppeherein mit einem korrekten Schulhterherein als Basis unterstützt Geraderichtung und hilft Schiefheiten auszugleichen.
  • Kruppeherein im Schritt und Trab hilft ein gerades Angaloppieren zu erarbeiten.
  • Kruppeherein aktiviert das äußere Hinterbein zum Tragen und macht die innere Schulter leichter.
  • Kruppeherein ist eine gute Vorbereitung für Pirouetten, Traversalen und Galoppwechsel.
  • Kruppeherein am Zirkel geritten verbessert die Versammlungsfähigkeit.
  • Das abwechselnde Reiten von Schulterherein und Kruppeherein verbessert die Durchlässigkeit und Losgelassenheit. 

Und was bereitet uns da noch Kopfzerbrechen?

  • Der Reiter sitzt zu stark nach außen
  • Der Reiter hat den inneren Zügel zu stark dran
  • Der Reiter dreht seine Schultern nach außen
  • Der Reiter führt beide Unterarme nach außen und verspannt sie dabei
  • Der Reiter treibt nur noch mit dem äußeren Schenkel
  • Der Reiter verspannt
  • Der Reiter konzentriert sich zu sehr auf seitwärts.

Der Reiter sitzt zu stark nach nach außen

Sitzt der Reiter zu stark nach außen und knickt dabei in der äußeren Hüfte ein, wird der innere Sitzknochen vom Pferd weggehoben. Dabei wollen wir ja weiterhin vom Pferd eine Biegung um den inneren Sitz haben. Wohin soll der Schwerpunkt also? Hier kommt die berüchtigte Statik ins Spiel. Möchte ich vorwärts reiten im Kruppeherein, dann verlagere ich den Schwerpunkt in Richtung innerer Schulter, also nach vorne innen, in Bewegungsrichtung. Wer im Kruppeherein versammeln möchte, der sollte seinen Schwerpunkt in Richtung der inneren Hüfte des Pferdes verlagern. Nur weil man sich auf das äußere Hinterbein konzentriert heißt es also nicht – volle Kraft nach außen.

Der Reiter hat den inneren Zügel zu stark dran

Die Hilfengebung im Kruppeherein sieht vor, dass eine sachte Einwirkung des inneren Zügels am Hals dazu führt, die innere Schulter zu verwahren. Wenn der Reiter mit dem inneren Zügel zu stark gegen den Hals presst und das Genick nicht mehr ausreichend gelöst wurde, wird das Pferd stark nach außen gedrückt. Es kommt zu einem Schenkelweichen nach außen. Ist der innere Zügel zu stark dran, wird das Pferd außerdem auf die äußere Schulter gedrückt. Dabei ist auch im Kruppeherein darauf zu achten, dass die äußere Schulter des Pferdes frei und leicht bleibt. Auch soll der innere Zügel das Pferd nicht zu stark stellen. Wer beispielsweise geradeaus an der langen Seite unterwegs ist, kann prüfen, ob die Stirn des Pferdes noch parallel zur kurzen Seite der Halle oder des Vierecks unterwegs ist oder ob das innere Pferdeohr höher scheint. In diesem Fall hätte sich das Pferd im Genick verworfen.

Der Reiter dreht seine äußere Schulter nach außen/ der Reiter dreht seine Unterarme nach außen und verspannt sich dabei.

Egal ob Schulterherein oder Kruppeherein – es gilt immer: Kopf parallel zu Kopf, Schultern parallel zu Schultern, Hüfte parallel zu Hüfte. Damit das Pferd im Kruppeherein nicht auf die äußere Schulter fällt, kann es schon ausreichen, sich in Erinnerung zu rufen, die äußere Schulter ein wenig nach vorne zu nehmen – die eigene Brustkorbrotation also im Überblick zu behalten. Die innere Schulter sollte dabei hinter die innere Reiterhüfte gebracht werden.

Der Reiter treibt mit dem äußeren Schenkel zu viel/ Der Reiter konzentriert sich zuviel auf Seitwärts

Wenn sich der Reiter zu sehr auf das äußere Hinterbein konzentriert, geht das innere Hinterbein oftmals verloren. Es tritt dann weit aus der Masse nach innen heraus und somit weit vom Schwerpunkt weg. Hier muss der innere Schenkel dafür sorgen, den inneren Hinterfuß zu verwahren. Auch wenn der Reiter mehr „Gewicht“ am inneren Zügel spürt, kann dies ein Zeichen für zuviel Seitwärts und ein Ausfallen des inneren Hinterbeins im Kruppeherein sein. Übermäßiges Treiben mit dem äußeren Bein kann aber auch dazu führen, dass das Pferd mit dem äußeren Hinterbein vom Schwerpunkt wegschiebt.

Der Reiter verspannt sich

Kaum denken wir an eine „Lektion“ geht die schöne Entspannung verloren. Wo noch gerade auf dem Zirkel entspannt das innere Hinterbein unter den Schwerpunkt geholt wurde, die Rotation des Brustkorbes vom Pferd schön fühlbar war – auf einmal – Kommando Kruppeherein und der gesamte Körper des Reiters verspannt. Durch den Fokus auf den äußeren Schenkel, die innere Zügelhilfe und die „Lektion“ an sich, verspannen zuerst der Reiter und in weiterer Folge natürlich das Pferd. Für die Kopfsache kann es wirklich hilfreich sein, den Inhalt zu reiten und eben nicht an die Lektion zu denken. Einfach mal anders formulieren kann da schon helfen: „Also einfach im Anschluss an die Konzentration auf das innere Hinterbein, nun das äußere Hinterbein zum Schwerpunkt zu holen“. Klappt das noch immer nicht, kann der Reiter vermehrt auf seine Atmung achten. Wie entspannt habe ich auf dem Zirkel durchgeatmet und wie verändert sich die Atmung dann im Kruppeherein. Wo sitzen nun Verspannungen?

Plötzlich wird das Hochziehen der Schultern, oder das übermäßige Stemmen des Unterschenkels in den inneren Steigbügel bewusst. Hier kann auch die Arbeit im Stehen hilfreich sein, um dem eigenen Körper Zeit zu geben in den Sitz zu spüren und Veränderungen wahrzunehmen, wenn der Sitz zum Kruppeherein auffordert. Auch Trockenübungen ohne Pferd können hier hilfreich sein. Wer einmal versucht, Kruppeherein geradeaus zu laufen, wird feststellen, wie er seinen eigenen Brustkorb bewegt und möglicherweise automatisch nach außen wendet.

Üben wir also auch mal unseren Sitz vom Boden aus – dann reiten wir später Einfach 🙂

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Die Dressur, die für das Pferd da ist

Die Dressur, die für das Pferd da ist

Heuer kam Weihnachten schon früher. Denn heuer konnte Blida das erste Mal seit langer Zeit taktklar und lahmfrei traben. Ein wundervolles Geschenk – vor allem für Blida selbst.

Leser meines Bogs kennen Katharina Gerletz – oder sagen wir besser gesagt ihre Fotos, mit denen sie meine Seite und natürlich auch unsere Kurse bereichert. Ohne Kamera ist Kathi meistens bei einer gewissen Isländer-Dame anzutreffen.

Seit nunmehr 9 Jahren begleitet und betreut Kathi Isländerstute „Blida“ (Jahrgang 1995).

Wie sagt Bent Branderup so schön:

Das Pferd ist nicht für die Dressur da, sondernd die Dressur für das Pferd.

Wie wahr diese Aussage ist, zeigt die Geschichte von „Blida“. Die 20-jährige und mittlerweile sehr „gesprächige“ Isländerstute Blida hat am rechten Vorderbein von Geburt an eine starke Fehlstellung am Karpalgelenk. Grundsätzlich war das für Blida jahrelang kein Problem, sie wurde 2010 sogar stolze Mutter. Dann kam es aber zu einer gröberen Verletzung am Karpalgelenk, die sich Blida vermutlich durch einen Tritt zugezogen hatte. Kurz danach folgte dann ein sehr starker Arthrose-Schub. Blida lahmte stark, der konsultierte Tierarzt sprach kurzzeitig sogar davon, dass man Blida möglicherweise erlösen müsse.

Doch es kam anderes: Die Verletzung heilte zum Glück aus und die Lahmheit besserte sich bis zu einem gewissen Grad. So konnten wir gemeinsam vor zwei Jahren beginnen, mit Blida, Kathi und Besitzerin Theresa zu arbeiten.

Was damals so am Stundenplan stand?

Zunächst haben wir uns viel mit der Biomechanik auseinander gesetzt. War Blida im Stand anfangs sehr ungeduldig und eher daran interessiert sämtliche Stricke, Longen oder Zügel im Maul mal gründlich zu untersuchen, zeigte sich nach und nach, wie Blida ein besseres Körpergefühl entwickelte. In Blidas Bewegungen waren natürlich die lange Schonhaltung und Fehlbelastung deutlich sichtbar.
_MG_8790bIn der Erarbeitung von Stellung und Biegung war jeder Millimeter, den wir die Hüfte vorholen konnten ein Geschenk. Auch das „Bodenpersonal“ wurde in Punkto Händigkeit gründlich geschult – schließlich sollte ein ungewolltes Verkleinern des Zirkels beim Rückwärtslaufen verhindert werden. Rückwärts-Koordination also für Kathi und Thesi, viel Detailgefuzzle für Blida zunächst im Stehen und allmählich auch in der Bewegung.

Mit der Zeit besserte sich auch Blidas „Laune“. Hier gab es alle Facetten: Von Überraschtheit zu Beginn der völlig neuen Arbeit, über schlechte Laune, wenn die Arthrose wieder schlimmer wurde bis hin zum heute geschwätzigen Pferdchen (Blida wiehert nach italienischer „Pate“-Manier ständig bei der Arbeit und möchte für ihre Leistung natürlich einen Haufen Anerkennung – und die bekommt sie natürlich auch).

Nach dem ersten Jahr der gemeinsamen Arbeit war Blidas Bewegungsqualität schon deutlich besser. Die Seitengänge wurden in dieser Zeit in der Bodenarbeit und der Handarbeit, sowie am langen Zügel erarbeitet. Aber das Wichtigste: Die Lebensfreude hatte Blida wieder – und damit auch der längst vergessene Übermut. 2015 dann im Frühjahr ein Rückschlag. Blida wollte das rechte Hinterbein nicht recht belasten. Wieder eine Verletzung, diesmal rechts hinten. Wieder ein lahmendes Pony, wieder einmal die Ungewissheit, ob sich Blida erholen würde.

Und Blida erholte sich. Kathi hat wieder akribisch im Stand mit Blida gearbeitet. Weniger ist oft absolut mehr. Manchmal reichten schon fünf Minuten Mini-Gymnastik aus.

Und heute? 

_MG_9104bIm Schritt ist Blida mittlerweile so flott unterwegs, dass sie es mit den Großen aufnehmen kann. Wenn ich Kathi und Blida besuche, freue ich mich vor allem über die endlose Geduld und die große Liebe zum Detail, die Kathi aufbringt. Ihr ging es nie um „Pi“ und „Pa“. Im Vordergrund stand eindeutig, Blida eine bessere Bewegungsqualität zu geben, damit auch ein freudiger Trab oder Galopp auf der Koppel ohne Verletzungen und Rückschläge gelingt. Denn Blida ist gerne mit ihrer Mutter, Tochter und „Bruder Bliki“ auf den Wiesen unterwegs – am besten vorne weg.

Und das geht mittlerweile taktklar und lahmfrei.
Nach der Wiederaufbauphase haben wir im heurigen Herbst wirklich geheult vor Freude. Trab links, Trab rechts. Alles kein Problem. Blida ist mit Feuereifer bei der Sache.

Die Dressur ist für das Pferd da! Und dabei geht es nicht immer ums Reiten.
Manchmal ist man gezwungen, sich über Kleinigkeiten zu freuen. Die winzigen Puzzlestücke und Fortschritte haben bei uns allen im Fall von Blida mehr als Freude gezaubert.

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