Mit Annika Keller läuft es nicht schief!

Mit Annika Keller läuft es nicht schief!

Am 14. und 15. November kommt die lizensierte Bent Branderup Trainerin Annika Keller zum ersten Mal zu uns nach Graz für einen Wochenendkurs. Ein Kurs, an dem nichts schief läuft – zumindest ist Geraderichtung ja das Kursthema. Im Interview gibt Annika Keller eine Vorschau auf den Wochenendkurs.

Wir freuen uns schon riesig auf deinen Input, vor allem da du ja Kenntnisse aus Biomechanik, Osteopathie und Akademischer Reitkunst zusammenführst. Was wird uns konkret erwarten? 

Annika: Ich freue mich schon sehr bei Euch zu sein! Wir beginnen am Samstag mit der theoretischen Einführung über die natürliche Schiefe, bzw Faktoren, die diese Schiefe im Pferd beeinflussen und wie wir sie als Reiter wahrnehmen. Für dieses erste Wahrnehmen und Fühlen der Schiefe des Pferdes am Boden oder Sattel nehmen wir uns auch in der ersten Praxiseinheit viel Zeit. Spannend ist es dadurch auch für die Zuschauer, weil ich anhand der Bewegungsabläufe (zwischen und von) Pferd und Reiter die Schiefe dann nochmal praktisch erklären kann.

Danach gehen wir nach und nach in die Bearbeitung der Schiefe und analysieren konkret wie wir sie mehr und mehr relativieren können.

Natürlich bleiben auch die Menschen dabei nicht unbeachtet, wir werden ein paar Bewegungsrätsel und Händigkeitsspiele ohne Pferd machen….mehr wird aber noch nicht verraten. 😉

Wer ist eigentlich schiefer? Der Mensch oder das Pferd? 

Annika: Das lässt sich nicht so einfach beantworten, es ist einfach seeeehr individuell. Klar sein muss aber, egal wie schief der Reiter ist, wenn er auf dem Pferd sitzt, wird der „kleine Menschenkörper“ vom „großen Pferdekörper“ bewegt.

Natürlich beeinflussen wir durch unsere Stärken und Schwächen die Qualität der Pferdebewegung, dennoch wird das Pferd uns bewegen, nicht umgekehrt. Wichtig ist daher unsere Wahrnehmung und zunächst das bewusste Zulassen der Bewegung zu schulen, um dann später überhaupt Einfluss nehmen zu können anstelle immer präventiv einzuwirken.

Du trainierst ja auch nach „Primal Move“. Bist du dank des Equestrian Movement Konzepts heute gerader? 

Annika:Ich würde eher sagen ich bin mir bewusster über die Schwierigkeiten, die beide Körperhälften auf ihre Art mit sich bringen. Nur wenn etwas bewusst gemacht wird, kann es sich tatsächlich ändern. Und man muss von dem pauschalen Gedanken „gute Seite/schlechte Seite“ oder „starke Seite/schwache Seite“ weg.

Henne oder Ei? Müssen wir zuerst vom Boden aus mit uns selbst beginnen, bevor wir uns schief aufs Pferd setzen?

Annika: Die Kombination ist toll, denn was wir visuell erkennen, können wir mit Gefühlen verknüpfen. Womit man beginnt, ist tatsächlich abhängig davon, auf was unser Gehirn primär reagiert, das heißt, was für ein Lerntyp wir sind. Wer ein visueller Lerntyp ist, dem hilft “ sehen-fühlen“, wer eher der motorische Lerntyp ist kann durch „fühlen(machen)-sehen“ besser lernen. Zusätzlich gibt es im Unterricht meinen auditiven Reiz durch Erklärungen und in den hoffentlich entstehenden Gesprächen kommen die „kommunikativen Lerntypen“ dann auf ihre Kosten.

Osteopathie und Akademische Reitkunst – wo sind da Gemeinsamkeiten und wo Ergänzungen, wenn es ums Geraderichten geht! 

Annika: Die Gemeinsamkeit sehe ich ganz klar in dem Wunsch nach guter, darunter verstehe ich physiologischer und funktionaler Bewegung.

Die Osteopathie hilft, wenn Einschränkungen nicht mehr vom Körper selbst aufgelöst werden können, und die Akademische Reitkunst bemüht sich dem Pferd „trotz“ Reiter eine gute Bewegungskompetenz zu geben. Erfolg haben wir in beiden Bereichen wenn das Pferd ohne unsere Einflussnahme, also in seiner „Freizeit“ diese Kompetenzen selbstständig nutzt um sich unverbrauchender oder störungsfrei zu bewegen.

Vielen Dank für diesen Vorgeschmack auf den spannenden Kurs mit dir, liebe Annika! 

Jetzt kann wirklich nichts mehr schief gehen und ab 14. November reiten wir alle Einfach  🙂 

ERP 015: Die Lösung für das Schlaufzügelproblem …

ERP 015: Die Lösung für das Schlaufzügelproblem …

…oder doch nicht?

Vorreiter Schweiz. Zuerst wird im Alpenstaat die Rollkur verboten, dann folgt ein Verbot für die Nutzung von Schlaufzügeln bei Springturnieren.

Jubelmeldungen im Internet überschlagen sich, es bleibt jedoch ein Beigeschmack. Welcher? Darüber habe ich mir in der aktuellen Podcastfolge ein paar Gedanken gemacht.

Wie immer freue ich mich, von euch zu hören. Was ist eure Meinung dazu?

Als MP3 herunterladen (Rechtsklick auf den Link und Speichern Unter):

Einfach Reiten Episode 15 – Die Lösung des Schlaufzügelproblems

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Auch wenn sie nicht mehr da sind…

Auch wenn sie nicht mehr da sind…

21. Oktober 2009. Ich fahre wie ferngesteuert über die Autobahn. Vor mir fährt der Anhänger mit meiner Stute Barilla. Sie hat eine Kolik, wir fahren in die Klinik. Allerdings fahren wir niemals mehr gemeinsam zurück nach Hause.

Heute vor sechs Jahren ist Barilla gestorben und es kommt mir nach wie vor wie gestern vor. Barilla war das Pferd, das mich zur Akademischen Reitkunst brachte und das Pferd, das vermutlich am meisten „leiden“ musste. Wie sagt Bent Branderup in seinen Theorievorträgen:

„Das erste Pferd leidet immer am meisten.“

Weil wir da noch selbst einiges zu lernen haben. Barilla war nicht mein erstes Pferd, sondern mein zweites. Und vermutlich war dies auch das Hindernis, warum ich Anfangs nicht so bereitwillig lernen wollte. Schließlich hatte ich mit Anfang zwanzig meiner Meinung nach in den letzten 14 Jahren genug vom Reiten gelernt. Hatte schwierige Pferde über Hindernisse dirigiert, war von Steigern nicht abgestiegen. Kurz: ich hatte einiges an Mut und Durchsetzungsfähigkeit bewiesen. Dinge also, die man zum Reiten braucht.
Ach tatsächlich? Das braucht man zum Reiten?

Von Barilla habe ich nach und nach tatsächlich gelernt, was es tatsächlich braucht, ein guter Reiter zu werden.

In allererster Linie nämlich Demut: Denn – wir müssen unseren Pferden nichts beibringen. Es ist ja bereits alles da. Deswegen kann grundsätzlich auch (körperliche Schwierigkeiten und Krankheiten ausgeschlossen) jedes Pferd alles lernen.

Damals war ich gerade im zweiten Semester meines Studiums der Kommunikationswissenschaften. Interessanterweise war ich jedoch nicht bereit, mit meinem Pferd zu kommunizieren. Ich wollte irgendwann ein wenig mehr als Ausreiten und ging davon aus, Barilla würde ohnehin alles verstehen, was ich von ihr wollte.

Jedoch – dem war nicht so. Ich hatte das Gefühl eine „Tonne“ in der Hand zu haben. Sie stützte sich auf meiner Hand ab, war gleichzeitig furchtbar triebig und klemmig.

Körperliche Schwieirgkeiten habe ich damals viel zu spät erkannt. Und ich kam zu einer sehr eigenartigen Theorie: ich hatte wirklich das Gefühl, mein Pferd würde absichtlich sämtliche Aufforderungen zur Mitarbeit mit mir negieren. Mein Hauptziel: Der Schädel muss unten sein. Aber der wollte eben nicht. Zumindest nicht ohne diese Masse an Gewicht in meiner Hand.

Und da habe ich noch immer nicht auf mein Pferd gehört, sondern Tierärzte, Sattler usw. konsultiert.

Erst mit der Akademischen Reitkunst konnte ich verstehen, warum wir an so vielen Punkten gescheitert waren. Plötzlich konnte ich sehr klar mit Barilla kommunizieren. Freilich – auch hier war es in allererster Linie sehr schwierig mit mir. Barilla war natürlich skeptisch. Schließlich hatten wir zuvor einige Trainingsmethoden ausprobiert, die rückblickend betrachtet nicht mit, sondern eher gegen das Pferd arbeiteten.

So ist es nicht verwunderlich, dass wir uns jetzt über jeden winzigen Schritt, jede minimale Rückeroberung des Vertrauens freuen mussten. An große Schritte war nämlich nicht mehr zu denken.

Ich lernte, dass ich meine Ansprüche absolut zurückschrauben musste. Ich schulte meine Geduld. Ich versuchte meine Enttäuschung über mich selbst möglichst vor meinem Pferd zu verbergen. Und gelang mir das nicht, erschrak ich, denn mein Pferd begann plötzlich mich zu spiegeln – oder sagen wir so – ich begann den schonungslosen Blick in den Spiegel zu ertragen und weiter daraus zu lernen.

Ich erkannte die Bedürfnisse meines Pferdes besser. Ich verstand, dass ich in erster Linie mich schulen musste, was Hilfengebung und Kommunikation anbelangt.

Ich habe wirklich viel von Barilla gelernt. Wir konnten den Weg der Akademischen Reitkunst nur für sehr kurze Zeit gemeinsam erkunden. Barilla hat die Kolikoperation heute vor 6 Jahren nicht überlebt.
Was blieb, war die Erkenntnis, dass ich mich für mein Pferd bessern konnte.

Nach Barilla zogen zuerst Tabby (Tarabaya D) und dann Pina (Pina Colada) in den Stall. Wieder mal zwei Stuten. Unterschiedlicher wie sie nicht sein könnten.

Von Tabby habe ich gelernt möglichst deutlich zu formulieren, wenn wir aneinander vorbei reden. Was mir selbst auch bei aller Konzentration immer wieder schwer fällt – mich mit meinen Pferden über ihre Fähigkeiten zu freuen. Manchmal bin ich so vertieft, dass ich mich selbst wachrütteln muss. Tabby hat auch diese Fähigkeit geschult.

Pina möchte alles richtig machen. Heißt aber auch – manchmal passieren Erfolgstreffer einfach so – ganz zufällig. Das schult aber auch die Kommunikation unter uns. Denn schließlich lassen sich Zufälle nur schwer auf Wunsch abrufen. Pina schult außerdem meinen Minimalismus. Sie hat mir gezeigt, wie wunderbar leise man mit einem Pferd auch flüstern kann.

Wir lernen täglich von den Pferden und nicht jede Lektion, die man auch fürs Leben mitnehmen kann, schmeckt süß. Nicht immer ist es angenehm, seine eigene Unzulänglichkeit am Präsentierteller serviert zu bekommen. Aber dann sind da die Momente, wo ich merke, dass sich meine Pferde für mich anstrengen, mir mal weiterhelfen, wenn ich gerade ratlos bin.

Bent Branderup schreibt in seinem Buch: Jeder Mensch bekommt das Pferd, das er verdient.

Ich bin sehr dankbar von Kobold und Barilla gelernt  zu haben und nun meinen Weg mit  Tabby und Pina weitergehen zu dürfen!

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PS: Wer waren eure Lehrmeister und was habt ihr von ihnen gelernt. Wie immer freue ich mich über eure Geschichten. 🙂

Visualisieren – kommunizieren – Analysieren

Visualisieren – kommunizieren – Analysieren

Wie werde ich zum guten Pädagogen für mein Pferd? Mit dieser Frage beschäftigten wir uns vergangenes Wochenende beim Seminar mit Bent Branderup in Wendlmuth.

4 Geister müssen wollen, was 4 Körper können. Letztes Wochenende wagten Eva und ich aus Graz die Reise nach Wendlmuth. Mit ein wenig Bauchweh habe ich Pina in den Hänger gestellt und nach Bayern gefahren. Wollen hier wirklich zwei Geister und Körper zum Kurs? Würde mir Pina die lange Reise übel nehmen?

Nein.

Pina kam staubtrocken, total relaxed und unaufgeregt in Wendlmuth an und war hochmotiviert.

Vom Visualisieren und der korrekten Blickschulung

Bent Branderup fesselte die Theorieteilnehmer in seinem ersten Vortrag zum Thema Biomechanik. Warum der Antrieb aus der Hinterhand kommt und sämtliche Gelenke der Hinterhand zusammenarbeiten sollten, erläuterte der dänische Reitmeister anschaulich und natürlich mit einigen Anekdoten zum Schmunzeln. Wie soll ein gerader Weg der Energie aus der Hinterhand durch den Pferdekörper nach vorne aussehen? Echter Rückenschwung überträgt sich aus der Hinterhand in die Vorhand. Dabei empfiehlt es sich durchaus nicht nur auf das Vorderbein in der Luft, sondern auch das stehende Vorderbein zu fokussieren. Als Ausbilder unsere Pferde sollten wir aber zuerst die Hinterhand genau beobachten und die daraus resultierenden Schwingungen analysieren lernen.

„Was macht die Wirbelsäule? Wenn wir uns fragen, worauf und warum wir auf das Pferd einwirken, dann müssen wir analysieren, wie sich die Hinterbeine bewegen. Welches Hinterbein trägt, welches Hinterbein schiebt – und wie sollte beispielsweise im Falle eines ausfallenden Hinterbeins die Bewegung nach der Korrektur aussehen?“ (Bent Branderup)

Werden schiebende Bewegungen dominant federt der Kopf eher nach vorne-oben. Echter Rückenschwung macht sich durch die Nickbewegung und der nach vorne kippenden Ohren bemerkbar. Dabei gilt aber: Schummeln verboten, denn:

„Ausbinder zur Platzierung einer Kopf-Hals-Position kaschieren Fehler. Aber wir müssen doch die Symptome sehen dürfen, um auf die weitere Vorgehensweise in der Ausbildung zu schließen“. (Bent Branderup)

Wie erkennt man also, ob der Brustkorb des Pferdes richtig und korrekt rotiert? Wenn sich das innere Hinterbein hebt und nach vorne schwingt, sollte sich die innere Hüfte absenken. Der innere Rippenbogen sollte nach unten schwingen, der äußere Rippenbogen sollte sich heben. Auch die alten Meister hatten hier unterschiedliche Formulierungen in der Blickschulung:

Steinbrecht schreibt hier vom sanften Hang nach innen, der dem Reiter vom Pferd vermittelt wird. Gueriniere sagt, das Pferd wird hohl um den inneren Schenkel des Reiters und Newcastle fühlt den inneren Steigbügel gleich 4 inches länger“. (Bent Branderup)

Die richtige Blickschulung wird aber nicht nur mit dem Auge vollzogen. Auch die Hand ist ein wichtiges Analyseinstrument für den Reiter, vor allem um Steifheiten im Pferdekörper aufzuspüren.

„Was ist zu tief und was ist zu hoch in Punkto Kopf-Halsposition. Es gibt hier keine Daumenregeln. Man muss das Pferd als Individuum sehen. Klar ist, je weiter der Hinterfuß nach vorne greifen kann, umso tiefer ist eine Dehnungshaltung möglich. Aber in der Bewegung gibt ein Blick in Richtung Buggelenk und dessen Tätigkeit Aufschluss darüber, ob das Pferd bereits zu tief kam“. (Bent Branderup)

Zuviel oder Zuwenig – das ist auch häufig die Frage in den Seitengängen.

„Pferde sind keine Krabben von der Nordsee. Gerade deswegen ist das Wissen über biomechanische Zusammenhänge so wichtig. Wer das Seitwärts über alle Maßen ausdehnt, verursacht Schäden in den Gelenken. Hier kann es auch hilfreich sein, sich das eigene Knie vorzustellen und mit den eigenen Beinen Seitwärtsbewegungen zu erfühlen. Wer sein Pferd zu sehr seitwärts und vom Schwerpunkt wegschickt, könnte in kritischen Situationen im Gelände durchaus in Wohnungsnot geraten (Wenn das Pferd bei einem Seitensprung nicht mehr dem Schwerpunkt des Reiters folgt), oder man macht sein Pferd hilflos – und keinesfalls brav wie so oft und fälschlicherweise angenommen“. (Bent Branderup)

Wie arbeiten Gelenke richtig? Worauf gilt es hier zu schauen? Saubere Grundgangarten fangen bei den Hufen an. Das Pferd muss flach auf und abfußen können. Hier kann es auch für AHA- und Lerneffekte sorgen, wenn man sich den Hufabdruck im Sand genauer anschaut. Wo hat das Pferd mehr Gewicht verlagert. Mehr in Richtung Ballen oder mehr in Richtung Zehe? Wird Sand aufgewirbelt, wenn das Pferd den Huf auf den Boden setzt?

„Wer sein Pferd gerade richtet, wird feststellen, dass die Kräfte und Energien zunehmend gerade durch den Körper kommen können“. (Bent Branderup)

Von der Theorie ging es zur Praxis.

Mit Pina hatten wir in der ersten Einheit die Handarbeit von außen geführt zum Inhalt. Da sich Pina sehr gerne auf die Schultern stützt und in der Versammlung gerne zu sehr auf die Stelle möchte, habe ich diese Position gewählt. Sicherlich würde es mir aus der Distanz (zb Longenarbeit) leichter fallen, das gesamte Pferd im Überblick zu behalten. Auch durch unsere Größenunterschiede wäre dies praktischer. Dennoch – von außen geführt, habe ich die Möglichkeit durch meinen Körper zum äußeren Zügel zu werden und genau da eine Hilfe einzusetzen, wo ich sie brauche. Schade, dass ich mich für diese Arbeit aber nicht größer zaubern kann 😉

Kommunikation

Um die Hilfengebung aller Sekundarhilfen vom Boden, Longenposition, Langzügelposition oder bei der Handarbeit aus ging es auch in Bents zweitere Theorieeinheit.

„Ein Pferd, das die Hanken gleichermaßen beugt, ist komplett ausgebildet. Die Parade ist die Abwesenheit jeglichen Widerstands. So schreibt Xenophon im 4. Jahrhundert vor Christus: „Reite die Hinterbeine des Pferdes nach vorne und gib eine Parade, so dass das Pferd die Hanken biegt. Wer diesen Satz verstanden hat, hat die gesamte Reitkunst verinnerlicht“. (Bent Branderup)

Hilfen sind nur dann Hilfen und Kommunikationsmittel, wenn sie helfen. Sie sollen keine Dauerkrücken werden,  mahnte Bent Branderup vor übermäßigem Einsatz. Der Sitz ist eine Hilfe, die nicht ausgesetzt werden könne, wenn man auf dem Pferd sitzt – schon alleine durch die physische Präsenz. Sekundarhilfen können hier den Sitz unterstützen, bis das Pferd – ganz nach Vorbild von Meister Pluvinel – frei aus der Hüfte heraus bewegt werden könne. Zu Pluvinels Zeiten war es noch üblich den Reiter auf geschulten Pferden auszubilden.

„Heute ist es auch ein Problem, wenn Sitzschulungen auf Pferden ohne korrekten Rückenschwung durchgeführt werden“. (Bent Branderup)

Übung macht den Meister – und Übung will oft wiederholt werden:

„Je öfter eine Bewegung ausgeführt wird, umso eher werden Nervenverbindungen geschlossen und Kommunikation zwischen den Synapsen findet statt. Übung und Wiederholung sind hier die Schlüsselworte – es kommt gar nicht so auf das Talent an“. (Bent Branderup)

Wiederholung heißt aber auch Variation zu zulassen:

„Wenn ein Reiter sagt, er verwendet immer die gleichen Hilfen, dann machen wahrscheinlich auch die Pferde immer die gleichen Fehler. An muss sämtliche Lektionen im Körper haben. Wie sollen die Körperteile des Reiters in Schulterherein, Kruppeherein positioniert sein? Kopf parallel zu Kopf, Schulter parallel zu Schulter und Hüfte parallel zu Hüfte“. (Bent Branderup)

Wie die verschiedenen Energierichtungen in der Praxis aussehen können und welche unterschiedlichen Möglichkeiten der Schwungentfaltung es gibt konnten wir dann in der zweiten Praxiseinheit erfühlen.

Analysieren

In der dritten Theorieeinheit legte Bent den Schwerpunkt auf die Reiterliche Analyse:

„Es geht nicht darum sich zu fühlen, sondern durch sich zu fühlen“. (Bent Branderup)

Wenn wir zu den Ausbildern unserer Pferde werden wollen, dann müssen wir ein klares Bild von lösbaren Aufgaben im Kopf haben. Das fängt beim korrekten Hufe-geben an und schließt den Kreis zur Biomechanik.

„Wer die Biomechanik des Pferdes kennt, weiß, dass man den Hinterhuf des Pferdes nicht rückwärts raus ziehen darf. Der Huf muss zuerst nach vorne genommen werden. Werden die Hinterhufe sofort rückwärts gezogen, stehen die wenigsten Pferde still. Wir dürfen also die Natur des Pferdes nicht unsachgemäß beeinflussen“. (Bent Branderup)

Bent Branderup empfahl den Teilnehmern zu denken und zu verstehen wie die Pferde.

Wir müssen das Pferd bei seinen guten Eigenschaften nehmen und daraus entwickeln.
Talent ist nur ein kleines Stück der Gesamtmasse. Und für alle Reiter, die sich manchmal vor unüberbrückbaren Hürden sehen, gilt:

„Wer direkt vor dem Berg steht, der kann den Gipfel nicht sehen. Daher gilt es einzelne Schritte zu analysieren. Was liegt nun vor mir und wie kann ich das Problem überwinden? Talent macht es vielleicht am Anfang leichter, wenn es aber immer schwierig war, lernt man mehr über sich und sein Pferd, spätere Hürden scheinen dann gar nicht mehr so hoch.“ (Bent Branderup)

Die eigene Entwicklung sollte als Geschenk gesehen werden. Negative Gefühle müssen nichts schlimmes sein – so kann so manche Verzweiflung in viel Freude umgewandelt werden, vor allem wenn gute Leistungen unsere Erwartungen übertreffen.

„Es ist noch nicht so lange her, da hat sich die Ritterschaft der Akademischen Reitkunst der Schulparade und ihrer Erforschung gewidmet. Anfangs wussten wir noch gar nicht alle Fehler, denn sie waren ja schließlich noch nicht gemacht. Durch die Kommunikation untereinander, konnten wir Fehler machen, durch Feedback lernen und Wissen weitergeben. Man muss sich nicht als Einzelkämpfer sehen.“ (Bent Branderup)

Je sicher die Basis erarbeitet wird, umso weniger dramatisch wären spätere Fehler. Wer zu schnell ausbilde, der würde laut Bent Branderup rasch durch sein Pferd zur Ordnung gerufen.

„Man kann wie am Klettersteig mit Flaschenzug und Aufzug arbeiten. Das wäre dann die Illusion vom Aufstieg. Ähnliche Phänomene gibt es beim Reiten. Selbst auf hohem Niveau ist der Selbstbetrug möglich. Wir sollten uns aber nicht in Richtung der Illusion entwickeln, sondern in der Richtung unserer Träume“. (Bent Branderup)

Ein Trost für schwierige Situationen. Denn ein problemloses Leben macht uns nicht happy. Echte Freude wird auch vom Pferd wahrgenommen und nichts ist schöner, als wenn sich Mensch und Pferd im Einklang über die gemeinsamen Fähigkeiten freuen.

Als Ausbilder unserer Pferde ist es aber wichtig, ihnen lösbare Aufgaben zu stellen. Dass es für den Menschen durchaus aber auch schwierig sein kann, sich ehrlich mit dem Pferd zu freuen, mag auch am Alltag der Städter und der englischen Umgangsformen liegen. Höfliche Zurückhaltung gilt quasi nicht beim Pferd. Wer sich im Alltag bemüht, seine Emotionen ständig herunterzufahren, darf sich nicht wundern, wenn das Pferd dem Reiter ein liebloses „Brav“ nicht als echtes Lob abkauft.

Zum Abschluss erinnerte Bent Branderup uns, zwei Geister und Körper gleichmäßig zu arbeiten, dann wird Harmonie nicht zum Zufallsprodukt!

4 Geister und 4 Körper traten inspiriert und voller neuer Ideen den Heimweg an.

Ein großes Dankeschön an Sabine Oettel für die Organisation des Kurses, an Bent Branderup, dem Ratschläge und Antworten nie ausgehen, Silke Linhart Eva Stix und Pia Haas für weitere Denkanstöße und die immer schöne Fachsimpelei, sowie Kati Gamsjäger und Andrea Lichtenberger, die mich und Pina auf der Reise unterstützt haben.

ERP 014: Pferd und Mensch – Wer trainiert eigentlich wen?

ERP 014: Pferd und Mensch – Wer trainiert eigentlich wen?

Wer ein guter Trainer für sein Pferd sein möchte, der braucht natürlich einen Haufen an Fachwissen. Und analytische Fähigkeiten, schließlich gilt es ja Bewegungen zu erkennen und zu schulen. Und was noch wichtig ist: eine gute Kondition. Vor allem, wer in der Bodenarbeit rückwärts unterwegs ist, spürt mangelnde Fitness sofort.

In der heutigen Podcast Folge gehe ich der Frage nach, wer fitter ist. Sind es mittlerweile gar unsere Pferde, da wir Menschen immer mehr zum Stubenhocker und Couch Potato avancieren?

Warum wird in Fachmagazinen immer wieder die Frage gestellt: Sind wir fürs Reiten zu dick? Wiegen wir zu viel für unsere Pferde. Laut einer britischen Studie: JA. Mein lieber Kollege Martin Haller hat dazu auch einen Beitrag für propferd.at verfasst. Prädikat lesenswert: Sind wir zu schwer für unsere Pferde?

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Einfach Reiten Episode 14 – Wer ist fitter? Du oder dein Pferd?

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