Zen und die Kunst ein Pferd zu reiten

Zen und die Kunst ein Pferd zu reiten

Wir reiten nicht gestern und wir reiten nicht morgen. Wir sind im JETZT mit unserem Pferd. Den Satz habe ich in einem der Seminare von Bent Branderup aufgeschnappt und daran musste ich in den letzten Tagen im Kloster einige Male denken.

Im Kloster. Richtig gelesen.

In heiterer Gelassenheit

Das Unterrichten bereitet mir riesige Freude, genauso die Arbeit mit meinen eigenen Pferden. Wenn ich aber nebenbei gleichzeitig drei Projekte jongliere, mir über das gestern Gedanken und das morgen Sorgen mache, dann wird in mir eine nervöse Stimme hörbar, die laut nach Ruhe schreit.

Vergangenes Wochenende habe ich die Gelegenheit genutzt und drei Tage lange mit einer Gruppe Gleichgesinnter in einem Stift in Niederösterreich meditiert. Kein Handy, kein Fernseher, kein Facebook. Nichts. Stille und Verweilen im Jetzt. Gedanken an Beruf, Pferde, Reiten, das Wetter und Inspektor Gadget (warum um Himmels Willen ausgerechnet der?), alles steigt nacheinander auf und ich erkenne, wie schwer es eigentlich ist, in diesem Jetzt anzukommen und zu verweilen. Zazen – das absichtslose Sitzen in heiterer Gelassenheit – ist dann doch schwieriger als gedacht. Schon am Morgen finden wir uns in einem wunderschönen Saal mit hohen Fenstern, Deckengemälden und dunklem Holzboden ein und verweilen in Stille. Draußen geht die Sonne auf, die Vögel zwitschern und Alltag und Hektik liegen weit außerhalb der Klostermauern. Erst langsam beruhigen sich auch meine Gedanken. So geht es den ganzen Tag, unterbrochen von kurzen Pausen, wo wir uns aufrichten und durchstrecken. Mit der Zeit gleicht sich dann endlich meine innere Ruhe der äußeren an und mir wird klar, warum einige hier schon seit 30 Jahren immer wieder einige Tage herkommen und sich in dieser Praxis üben.

Warum das Ganze?

Ich versuche schon längere Zeit, mich jeden Tag 20 Minuten hinzusetzen und zu meditieren. Alleine am großen Fenster zur Terrasse wenn die Sonne untergeht nach einem stressigen Tag. Es schärft die Fähigkeit, sich selber zu beobachten. Man lernt Abstand zu gewinnen und sich ein wenig aus der Geiselhaft seiner Gefühle zu befreien. Man wird insgesamt gelassener, erkennt auch im Alltag, dass gerade Emotionen mit einem Schlitten fahren und nimmt sich einen Schritt zurück. Gleichzeitig gelingt es mehr und mehr, im Jetzt zu bleiben und sich auf das zu konzentrieren, was man gerade tut.

Hier schließt sich der Kreis zum reiterlichen Alltag. Pferde sind hochsensible Wesen. Sie spüren unsere Unruhe, unsere negativen Schwinungen, unseren Frust wenn etwas nicht klappt und unsere Zweifel. Wenn wir auch abseits von Stall und Viereck an uns arbeiten, werden wir nicht nur zu besseren Menschen, sondern auch zu besseren Reitern.

Es ist nur ein Weg

Wie heißt es so schön? Das einzige Pferd, das sich wie im Lehrbuch verhält, ist das Pferd aus dem Lehrbuch. Wir haben alle ganz andere Pferde zu Hause. Die Zen Meditation wurde mir als ein Weg beschrieben, aber es ist kein streng gehütetes Geheimnis, das zu einem perfekten Leben in 10 Schritten führt. Diese schnelle Lösung gibt es nicht. Nicht im Leben, nicht im Zen, nicht in der Reiterei. In alldem gehört ein gutes Stück Arbeit an sich selbst, an seiner Achtsamkeit, Wahrnehmung und Reflexion dazu. Manchmal gehört auch ein tiefes Vertrauen dazu, das der Weg der richtige für einen selber ist, auch wenn viele andere einen vermeintlich besseren oder schnelleren zu kennen glauben.

Annehmen – Zulassen – Losgelassenheit

Und plötzlich war sie da. Losgelassenheit. Ein Wort, das in der Reitkunst ebenso schwer und sehr individuell beschrieben wird. Das alles wissende Internet gibt uns in Form von Wikipedia folgende Definition:

Losgesallenheit beschreibt beim Reiten oder Fahren den Zustand, in dem ein Pferd mit schwingendem Rücken, nach vorne gedehntem Hals und ohne Eile mit natürlichen, taktmäßigen und entspannten Bewegungen läuft und die Hilfen des Reiters bzw. Fahrers. reagiert. Die Losgelassenheit ist die zweite Stufe der Ausbildungsskala bei Pferden.

Klingt eigentlich ganz einfach. Zweite Stufe. Erreicht man also rasch, oder? Losgelassenheit ist meines Erachtens nichts, das sich erreichen lässt oder zusammenbauen wie ein Ikea-Regal. Hier stellt sich auch die Frage, wer ist zuerst da, die Henne oder das Ei? Wer muss denn zuerst losgelassen sein, der Reiter oder das Pferd? Oder anders gefragt, kann ich als nicht losgelassener Reiter mein Pferd überhaupt zur Losgelassenheit führen, wenn es auch heißt, das Pferd ist ein Spiegel meiner selbst? Vielleicht erschrecken wir deshalb so oft vor der Wahrheit.

Wenn wir also mit unseren Pferden Zeit verbringen, oder eben auch mal etwas erarbeiten möchten, dann ist der erste Schritt die eigene Losgelassenheit. Aber wie erreiche ich diese?

Sicher nicht

… wenn ich immer am letzten Drücker in den Stall hetze und im Verkehrsstau dorthin geladen und gereizter werde.

… nur halb im Stall bin und mit der anderen Hälfte meiner Aufmerksamkeit auf Facebook.

… im Gedanken in der Vergangenheit verweile und mich über etwas ärgere, auf das ich gar keinen Einfluss mehr habe.

… oder schon wieder überlege, was ich nachher noch alles erledigen muss und soll.

Muss jetzt jeder meditieren? Nein, ganz sicher nicht. Aber ebenso wie die Akademische Reitkunst kann Meditation einfach ein Werkzeug sein, das man in seinem Alltag aufnimmt. Es sind wirklich gut investierte 20 Minuten, die sich nach einer gewissen Regelmäßigkeit in vielerlei Hinsicht auszahlen – nicht nur, aber gerade auch bei der Arbeit mit unseren Pferden.

Vielleicht ist die Zeit mit den Pferden für uns gerade in der schnelllebigen Zeit so kostbar, weil wir eben hier zur Ruhe kommen, uns erden und einfach mal „sein“ können. Diese Achtsamkeit können wir auch gemeinsam mit unseren Pferden trainieren. Sei es beim Putzen, wo man sich ganz auf diese einfache, repetitive Tätigkeit konzentriert und jeden Bürstenstrich bewusst wahrnimmt oder beim Spaziergang auf die Koppel um den Vierbeiner zu holen, wo man sich auf Natur und Umgebung konzentriert und eben nicht im Gedanken ganz wo anders ist. In gewisser Weise stellt sich dann ganz von allein ein meditativer Zustand ein.

Begrüßung und Verabschiedung, Dankbarkeit und Demut

Wann habe ich das letzte Mal bewusst „Danke“ zu meinen Pferden gesagt. Ganz egal ob die Leistung gestimmt hat oder nicht. Danke für die gemeinsame Zeit und die Freude, die sie mir bereitet haben. Bei meinem editationsseminar ging es auch um genau diese Achtsamkeit rund um Dankbarkeit und Demut. Mir wurde bewusst, wie oft ich fast automatisch lobe, aber selten einfach dankbar bin, für den Moment gerade. Und ja ich weiß, wir posten gerne mal schöne Momente oer Bilder auf Facebook, aber nicht immer müssen wir es laut in die Welt hinaus teilen. Manchmal reicht es auch im Stillen, einfach nur zwischen uns und dem Pferd. Das ehrt den Moment viel mehr, als  es 100 Likes je können.

Die eigene Schiefe spüren

Vieles geht beim Reiten ums Geraderichten. Ich kann aber nichts gerade biegen, wenn ich selbst von Eindrücken übermannt bin. Wer seine Achtsamkeit schult, spürt mit der Zeit kleinste Unebenheiten im eigenen Körper umso deutlicher. Genauso, wie man in der Meditation einen aufziehenden Gedanken erkennt, wahrnimmt aber nicht wertet und ihn sanft zur Seite schiebt um in einen Zustand der Balance zurück zu kehren, sucht und behält man später am Pferd sein Gleichgewicht und steuert sanft gegen, wenn man kurz seinen Tritt verliert.

Gelassenheit

Ich bin wirklich der Überzeugung, dass kein Pferd der Welt dreiundzwanzig Stunden irgendwo herum steht und darüber nachdenkt, wie es seinen Reiter das nächste Mal an der Nase herumführen könnte. Wir haben selber die sprichwörtlichen Zügel in der Hand, ob wir es zulassen, dass die Knöpfe bei uns gedrückt werden, wir uns ärgern und explodieren oder ob wir gelassen reagieren und das Feedback, sei es auch negativ, annehmen und überprüfen, ob wir unser Handeln in Zukunft ändern sollten. Das gilt gerade auch für Kurse. Natürlich möchte man da sein Bestes geben und zeigen, was man vom letzten Mal mitgenommen und in der Hausübung verbessert hat. Und wenn es nicht klappt, der Lehrer streng ist und man am liebsten alles hinhaut – mit etwas Abstand und Gelassenheit, weist die Kritik oft den richtigen Weg.

Ich werde garantiert weiter meditieren. Wie das Reiten, ist es ein Streben nach einer wohl unerreichbaren Perfektion. Aber ein Weg, der mich – glaube ich – weiter bringt und von dem ich auch als Reiter profitiere. Ich hoffe, der eine oder andere Leser hat selbst Lust auf Meditation bekommen oder meditiert vielleicht sogar schon regelmäßig? Ich freue mich über Erfahrungen – als Kommentar oder per Mail 🙂

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PS: Einigen ist es sicher aufgefallen: Der Titel des Artikels lehnt sich an das lesenswerte Buch von Robert Pirsig an – Zen and the Art of Motorcycle Maintenance. Am Buchdeckel steht:  As in Zen, the trick is to become one with the activity, to engage in it fully, to see and appreciate all details–be it hiking in the woods, penning an essay, or tightening the chain on a motorcycle. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Verliere nicht den Wackeldackel!

Verliere nicht den Wackeldackel!

Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst analysierte vergangenes Wochenende kritisch und motivierend beim Seminar in Simbach am Inn. Wackeldackel im Schritt – dann war Marius zufrieden!

Marius Schneider ist Wiederholungstäter – oder anders gesagt. Der Kurs im Mai in Simbach am Inn fand so viel Anklang, dass gleich zur Fortsetzung gebeten wurde. Samstag Vormittag wurde vom Boden aus gestartet. Wie schon im Mai legte Marius sehr viel Wert auf die korrekte Basisarbeit, vor Stellung und Biegung. So wurde zuerst mal das Distanzverhalten mit den jungen „Grundschülern“ erarbeitet. Die Teilnehmer lernten mit ihrem Körper dem Pferd zu helfen einen Zirkel zu verkleinern und zu vergrößern.

Bevor wir über Lektionen nachdenken, kommt die Kommunikationsarbeit. Diese beinhaltet ebenso in gewünschtem Tempo und Form von A nach B zu kommen. Marius Schneider

Jede Kommunikationsarbeit, wenn sie auf Gymnastik ausgelegt ist, wird dazu beitragen, dem Pferd eine erste Biegung zu geben, betonte Marius. Prompt wurde dies bei einem großen Schwarzwälder Fuchs sichtbar, der an der Longe auf dem Zirkel ohne Einwirkung der Hand am Kappzaum begann sich um den inneren Schenkel zu biegen und fleißig vorwärts zu schreiten. Aus diesem  Beginn ließ sich dann sehr schön Stellung und Biegung auf der gewünschten Linie erarbeiten.

Marius betonte noch einmal die Bedeutung von Wendeübungen und Führübungen, die das Pferd auf die spätere Gymnastik vorbereiten. Wichtig dabei aber auch der Körper des Menschen, denn wie Marius sagt:

Du musst immer im Bewusstsein haben, wie du deine Füße setzt. Den präzisen Plan gibt es aber nicht nur für die eigene Beinarbeit. Wir müssen uns bei der Ausbildung fragen: Welchen Schritt plane ich als nächstes. Wenn die Hilfengebung zum richtigen Zeitpunkt passiert, dann kommt auch automatisch das erste Nachgeben des Pferdes und Suchen zur Hand hin.

Stichwort Hand. Hier hatte Marius ein äußerst scharfes Auge und Gespür. Eine kleine Korrektur der Reiterhand am Kappzaum reichte schon aus, um das Kruppeherein einer jungen, begabten Lipizzaner Stute zu verbessern. Marius ging aber bei seinen Korrekturen nicht nur auf den Reiter ein, er hörte auch genau zu, was die Pferde zu sagen hatten – warum etwa ein Pferd immer wieder mit dem Kopf gegen die führende Reiterhand schlug.

Das Pferd möchte natürlich seinen Kopf und seine Sinnesorgane schützen. Somit kommen wir wieder zurück zur Distanzarbeit. Es ist unsere Nähe und Präsenz am Kopf des Pferdes, die ihm manchmal Unwohlsein bereiten können. Die korrekte Distanz ist also immer allgegenwärtig, daher müssen wir dem Pferd auch die notwendige Freiheit am Kopf geben.

Stichwort Freiheit. Hier analysierte Marius streng die Nickbewegung aller Pferde im Schritt. Seinem scharfen Auge entging dabei nichts; so wurde das Gewicht der Gerte als Auslöser für ungleichmäßiges Mitgehen mit der Hand sofort entlarvt. Marius betonte die Bedeutung der korrekten Nickbewegung für die Schwingung der gesamten Wirbelsäule des Pferdes. Der Reiter müsse also immer mit beiden Händen der Nickbewegung folgen. Findet der „Wackeldackel“ im Pferd nicht statt, dann weist dies auch auf extreme Blockaden in den Kopfgelenken hin.  Für die Reiter mahnte Marius daher auch:

„Verliere nie den Wackeldackel“!

Hier gilt es auch zu überprüfen, ob das menschliche Becken freigelöst von der Reiterhand schwingen kann. Oft schwingt die Hand nach oben und unten mit und gib dem Pferd dann einen anderen Schwung mit.

Weiter ging es mit der Gymnastizierung auf verschiedenen Bahnfiguren. Marius ließ eine Teilnehmerin zuerst Schlangenlinien im Schritt durch die Bahn reiten. Dann wurden allmählich die Bahnfiguren mit den Seitengängen Schulterherein und Kruppeherein kombiniert. Zuerst im Schritt, dann auch im Trab.

„Der Zirkel trainiert die gleichbleibende Form des Pferdes. Der Handwechsel sorgt für Geschmeidigkeit und Durchlässigkeit. Der Handwechsel ist ein wichtiges Element der Grundarbeit. Geht im Handwechsel alles an Formgebung und Durchlässigkeit kaputt? Die Qualität des Handwechsels verrät viel über die vorausgegangene Arbeit. Auch für den Reiter ist das eine gute Schulung der Wahrnehmung der eigenen Händigkeit. Es ist enorm wichtig alle Einzelkomponenten in seiner Arbeit wahrzunehmen und zu überprüfen, um solche Übungen vom Schritt in den Trab mitzunehmen“.

Die Schlangenlinien halfen im Verlauf der Einheit allerdings beim Umbiegen, um die Stellung allmählich auch auf der schlechteren Seite des Pferdes zu verbessern. Kruppeherein wurde zusätzlich auf der Schlangenlinie abgefragt, um das Pferd daran zu hindern sich schwer in die Kurven zu legen.

Das nächste Teilnehmerpaar zeigte zuerst seine Hausübungen in der Bodenarbeit.
Wenn das Pferd nur eine „gute Figur“ machte, wie es Marius ausdrückte – dann verlangte er einmal mehr Kruppeherein um das Körpergefühl des Pferdes für diese Lektion zu schulen. Die Aufgaben waren sorgfältig gemacht, so wurde der Übergang von Bodenarbeit in die von außen geführte Handarbeit gemacht. Zuerst wurde im Stehen das Lösen zwischen den Schultern geübt. Fällt das Pferd mehr auf eine Schulter, kann es helfen seine eigene Körperposition weiter vorne zu finden und mit dem Ellenbogen den äußeren Zügel zu unterstützen. Das korrekte verkleinern und vergrößern des Zirkels wurde in allen Einheiten von Marius überprüft. Auch in der Handarbeit von außen geführt. Alles kein Problem, schließlich hatte Kursorganisatorin Petra ihr Pferd in der Bodenarbeit bereits gut auf die inneren und äußeren Hilfen vorbereitet.

Die inneren und äußeren Hilfen wurden auch beim Fortgeschrittenen Longieren überprüft. Gerades vorwärts schwingen und planes Auffussen wurden  dabei von Marius als Zielsetzung in der Arbeit formuliert. Der sogenannte Ziehharmonika-Effekt kam hier sichtbar zum Vorschein, als mit dem Pferd an der Longe zwischen Dehnungshaltung und Versammlung variiert wurde. Marius gab einige Tipps zur Handhabe der Longe. So soll der Longeur immer eine feine Verbindung fühlen. Eine schlenkernde Longe, die ständig Stöße an den Kappzaum und somit die Nase des Pferdes weitergibt unterbricht die Feinheit in der Hilfengebung. Es wird somit nicht mehr klar, ob das Pferd zur Hand hin sucht. Durch die Hilfengebung des inneren Schenkels (Der eigene Körper dreht sich parallel zum Pferd, Führung der Gerte von unten nach oben in der Schenkellage) möchte man das Gefühl erarbeiten, das Pferd ginge voraus.

Bringe Leben in die Arbeit und schau der Wahrheit ins Gesicht

Marius stellte sich sehr rasch auf die unterschiedlichen Pferdetypen ein. Wir Reiter analysieren unsere Pferde ja auch immer gerne, Marius schaute noch einmal deutlich hin und konnte die Ursache finden, warum das eine Pferd an der Longe auf Hilfengebung hin „motzte“,  das andere Pferd nicht vorwärts laufen wollte in der Distanzarbeit. Den vermeintlich gemütlicheren „Diesel“ ließ Marius länger warmlaufen im Trab und Galopp. Das brachte deutlich Schwung in die Arbeit.

Generell lautete die Empfehlung des  Meisters der Akademischen Reitkunst:

„Bring Leben in die Arbeit. Reite auch mal aus dem Zirkel auf die lange Seite und lass die Zügel lang. Dann schau der Wahrheit ins Gesicht und lasse auch mal Fehler zu. So kann man hineinfühlen, ob ein Übergang gut wird, ob das Pferd weiterhin um den inneren Schenkel  biegt und nach wie vor nach der Reiterhand sucht“.

Jedoch warnte Marius davor Übungen exzessiv zu betreiben, sondern eher den Kern des Problems zu finden. So würden mehrfache Wiederholungen von Traversalen keinen Nutzen stiften. Die genaue Ursache (äußeres Hinterbein arbeitete in konkretem Fall zu wenig) zu finden und daran zu arbeiten. Wechsel zwischen Schulterherein und Kruppeherein auf der Geraden machten die Traversale letztlich auf der Diagonalen zum Kinderspiel.

Für einige Reiter stand am Nachmittag auch noch die Arbeit am Galopp am Programm. Gerade im Galopp mahnte Marius davor die Wackeldackel-Nickbewegung des Pferdes mit der Hand nicht zu stören. Erste Seitengänge und das geradeaus, damit das Pferd besser durchspringt sorgten ganz ohne Handeinwirkung für die Verringerung der Schaukelbewegung.
Das Angaloppieren ließ Marius die Pferde auch mal ganz alleine machen. Direkt aus den halben Tritten wurde der Galopp praktisch ohne Aufwand ganz von selbst angeboten und umso schöner in der Ausstrahlung.

„Wenn man das Pferd auch mal alleine machen lässt, sind die Hinterbeine wesentlich nachgiebiger. Übertreibt der Reiter beim Treiben macht das schnelle Hinterbein die Gelenke oftmals steifer“.

Ich bedanke mich bei Petra Grünleitner und ihrem Team für die perfekte Organisation und den spannenden Samstag!
Ein großes Dankeschön an Marius Schneider für den schönen Austausch und Input!

Lassen wir unsere Pferde öfter mal selbstständig weiterarbeiten, auch wenn die Wahrheit dann den einen oder anderen Fehler aufzeigt – wenn wir analysieren und Ursachen bearbeiten und nicht Symptome verstecken, dann Reiten wir später Einfach 😉

Hilfszügel?

Hilfszügel?

Der Einsatz von Hilfszügeln wird immer wieder heftig diskutiert. Die einen meinen, Hilfszügel sollen dem Pferd helfen, eine bestimmte Haltung einzunehmen und über den Rücken zu schwingen. Die anderen meinen, nur der, der keinen Hilfszügel benötigt, dürfte ihn einsetzen. In der Akademischen Reitkunst kommen wir gänzlich ohne Hilfszügel aus.

Was aber sagte man früher über Hilfszügel?

Gustav Steinbrecht plädiert zur geduldigen Arbeit. Er bezeichnete den Griff zum Hilfszügel als „groben Schwindel“ oder „Unverstand“,

..“wenn Leute sich damit abmühen, künstlich zusammengesetzte Zäumungen oder andere Werkzeuge zu erdenken, die die mühsame Bearbeitung des Pferdes unnötig machen und das rohe Pferd sogleich befähigen sollen, allen Hilfen, in gleicher Weise wie ein gerittenes, richtige Folge zu leisten“.

Steinbrecht geht von einer schmerzhaften Einwirkung aus, die zwar jedem Pferd vorübergehend eine bestimmte Haltung mit entsprechenden Bewegungen aufzwingen könne. Hilfszügel bezeichnet er als tote Maschinen, (Aufsatzzaum, spanischer Reiter), die eine künstliche Aufrichtung der Vorhand erzeugen, mit einer erzwungenen Belastung der Hinterhand einhergehen.

„Auch auf das Maul wirken dieses toten Werkzeuge verderblich ein, indem sie das Pferd durch ihren steten, gleichmässigen Druck entweder veranlassen, sich fehlerhaft darauf zu stützen, und dadurch das tote Maul erzeugen, oder zwingen sich dem Gebiss ganz zu entziehen und hinter dem Zügel zu gehen.“

Die beste Einwirkung, so Steinbrecht sei die Hand des Reiters, da nur sie die Einwirkung auf das Gebiss richtig beurteilen könne. Freilich gehört aber auch viel Zeit dazu, die Reiterhand dementsprechend zu schulen.

Interessant ist jedoch, dass sich Steinbrecht wohl hauptsächlich gegen starre Vorrichtungen aussprach. Über Martingal oder Schlaufzügel sagte er:

„So lange er (der Reiter) die Werkzeuge in der eigenen Hand führt, kann er deren Wirkung genau abmessen und berechnen und wird daher Gefahren vermeiden können, was aber aufhört, sobald das eigene Gefühl ihn nicht mehr unterstützen kann“.

Damit stellt der Reitmeister allerdings keinen Freibrief für die Benutzung von Hilfszügeln aus. Erstens betont Steinbrecht in jedem Kapitel die Entwicklung des Reitertakts, also des feinen Reitergefühls, andererseits warnt er vor der Benutzung aller beizäumenden Hilfszügel, ohne Ausnahme, wie er selbst betont, da sich der Reiter so zu leicht täuschen lasse.

„Jeder beizäumende Zügel, mag er nun einen Namen haben, welchen er will, wirkt eigentlich nur dann gut, wenn er gar nicht wirkt. Ein fortwährend anstehender, beizäumender Hilfszügel ist das Nachteiligste, was man sich denken kann, denn das Pferd spannt, indem es sich auf ihn stützend, dauernd die unteren Halsmuskeln, die es loslassen soll, weshalb der dauernde, derartige Gebrauch eines solchen Hilfszügels ein sicheres Mittel ist, einen Hirschhals herauszuarbeiten. Dabei täuscht ein damit gerittenes Pferd einen unerfahrenen Reiter fortwährend, indem es alle seine Lektionen statt in losgelassenen, in gespannten Zusatand ausführt und gewöhnt sich so an eine Stütze, dass es, ihrer beraubt, vollständig haltungslos und steuerlos wird.“

Gueriniere erwähnt in seinem Werk den Stoßzügel, der das Pferd daran hindern soll gegen die Hand zu stoßen oder mit dem Kopf zu schlagen. Diese Hoffnung zerschlägt sich – geht es nach dem französischen Reitmeister zu einem großen Irrtum, der Hilfszügel würde mehr schaden als nutzen und die Pferde erst recht in diesen Angewohnheiten bestärken. Geht es nach Gueriniere solle man diesen und alle anderen Hilfszügel aus guten Reitställen verbannen.

Er rät dazu zur „Reitkunst zu greifen und nicht einen Hilfszügel zu Rate zu ziehen“.

Reitkunst heißt langwieriges Lernen. Schulung von Körper und Geist – und das in zweifacher Hinsicht, schließlich:

„müssen zwei Geister wollen, was zwei Körper können“ (Bent Branderup)

Und dafür gibt es einfach keinen magischen Knopf. Hilfszügel wurden früher übrigens auch Nothzügel genannt. So schreibt Adolf Kästner über den Nothzügel und meint damit alle Vorrichtungen, die fest am Pferd verschnallt werden. Er nimmt dabei eine ähnliche Unterscheidung wie Steinbrecht zwischen starren Hilfszügeln und Hilfszügeln, die in der Reiterhand zum Einsatz kommen vor. Aber auch er unterstreicht, „dass der Hilfszügel nur von demjenigen Reiter mit wirklichen Nutzen gebraucht werden könne, welcher auch ohne dieselben zum Zwecke zu gelangen versteht“.

Der Schlaufzügel ist in vielen Reithallen leider ein oft gesehener Gast. Klar, kostet eine günstige Variante um die 17 Euro. Guter Reitunterricht ist eben auch eine größere Investition. Wie heißt es aber auch so schön: Gutes Reiten kann man nicht kaufen, man muss es lernen.

In der Akademischen Reitkunst kommt man – wie schon eingangs erwähnt ohne den Einsatz von Hilfszügeln aus. Hier geht es in erster Linie um die Schulung des Gefühls, vom Boden, wie vom Sattel aus. Auch das Pferd lernt alle Hilfen einzeln kennen. Später geht es darum mit der geschulten Hand Informationen aufzunehmen und auch wiederum an das Pferd weiterzugeben. Einen Hilfszügel als Übersetzer möchten wir hier gänzlich ablehnen!

Schulen wir also unser Gefühl – pur – also ohne Hilfszügel, dann Reiten wir später Einfach 🙂

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Trainerhopping

Trainerhopping

Vor einiger Zeit habe ich für das Bookazin „Feine Hilfen“ einen Artikel zum Thema „Trainerhopping“ verfasst:

Es gibt Schüler, die treffsicher und mit Bedacht viele Trainer konsultieren und durch die Kraft geballten Wissens sicheren Fortschritt und Zufriedenheit erzielen. Es gibt aber auch Reiter, die frustriert von Trainer zu Trainer „hoppen“. Dieses – durch Misserfolg und Frustration verursachte Trainerhopping sollte in diesem Artikel genauer unter die Lupe genommen werden.

Früher gab der Reitlehrer den Ton an

Wer sich an die Kinderreitschule erinnert, spürt manchmal noch die Schwielen an den Fingern, den Knoten in der Brust, wenn man mit scharfem Ton zurechtgewiesen wurde und die große Erleichterung, wenn dann doch mal gelobt wurde. Der scharfe Ton ist zum Glück etwas abgeklungen. Die Erinnerung jedoch bleibt. Ein weiteres Merkmal des „Unterrichts von gestern“ war die fixe Verortung von Reitlehrern. Es gab keine mobilen Trainer, daher waren Schüler durch den Standort an den Reitlehrer gebunden. Ein Wechsel des Lehrers bedeutete für die Schüler zugleich ein Wechsel der Reitschule, was aufgrund der weiten Distanzen und des geringeren Angebots seltener vorkam – auch wenn man mit dem Trainer nicht so ganz zufrieden war.
Heute kann man sich meist den Trainer nach Belieben aussuchen und in den Stall kommen lassen. Trainer werden entweder per Mundpropaganda weiterempfohlen, im Internet auf Herz und Nieren geprüft und in Reiterforen breiter Kritik oder Lob ausgesetzt. Ob ein Schüler treu ist oder sich – im Extremfall – von Probestunde zu Probestunde hantelt, hat in manchen Fällen nur bedingt mit der Qualität des Trainers zu tun. Häufige Trainerwechsel passieren, wenn Marketing, Psychologie und Konsumverhalten auf die Reitlehre treffen.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet?

Es gibt sie: Die treuen Schüler. Die einen arbeiten seit Jahren gut mit dem Trainer zusammen, hinterfragen gemeinsam und kommen so auch voran. Die anderen sind zwar seit Jahren treu, aber insgeheim unzufrieden. Seltene Highlights in den Stunden sorgen wieder kurzzeitig für Zufriedenheit und Bestätigung. Die Treue des Schülers liegt daher weniger in den eigenen Fortschritten begründet, als im tiefen Glauben an die Kompetenz des Lehrers. Zweifel und Fragen traut man sich nicht offen anzusprechen. Sein Wort ist Gesetz. Kritische Stimmen von außen sorgen beim Schüler für Bauchschmerzen, die man mit einer raschen Gegenargumentation loszuwerden hofft. Der Unterschied zwischen den zwei Typen? Der erste Schüler prüft den Trainer vorab auf Herz und Nieren. Passen die Ziele mit der Methode des Trainers zusammen? Wie unterrichtet der Trainer? Gibt es ein pädagogisches Konzept für Pferd und Mensch? Kann der Trainer Fragen mit logischen Antworten und Zusammenhängen begründen oder wird man mit altbekannten Floskeln abgespeist? Der zweite Typ, treu aber unglücklich, kam meist über eine Empfehlung zu seinem Trainer. Eine Überprüfung der Qualität blieb jedoch aus. Er traut sich nicht, seine Wünsche und Ziele zu äußern, im Restaurant würde er wohl auch nie eine Speise zurückschicken und den halb vollen Teller mit seiner eigenen Unzulänglichkeit entschuldigen. Ein netter Typ, der seine eigenen Ansprüche zu Gunsten der anderen ständig zurückschraubt.

Ich will so sein wie du, mein Guru…

Trainer haben oft eine ganz besondere Aura. Das hat einerseits mit der Kompetenz zu tun, andererseits mit Selbstsicherheit, die durch fundiertes Können entsteht. „Ich will so sein wie du“ – wer kennt diesen Gedanken nicht? Und warum werden so manche Trainer als „Guru“ bezeichnet? Der Begriff „Guru“ kommt eigentlich aus der hinduistischen beziehungsweise der buddhistischen Ecke und bezeichnet den unentbehrlichen Lehrer, der dem Schüler den Weg zur Erlösung zeigt. Geht es ums Reiten, wird der Begriff oftmals abwertend oder spöttisch verwendet, häufig sogar an Fachleute mit überdurchschnittlichem Wissen, langer Erfahrung und charismatischer Ausstrahlung adressiert. „Ich will so sein wie du“ – der eine möchte gleich oder annähernd so gut wie das Vorbild werden, der andere reagiert mit der klassischen Neid-Reaktion. Letztere ist in der Folge für die Abwertung und Bezeichnung als „Guru“ verantwortlich. Provokant gesagt: Je mehr Menschen sich für einen Trainer interessieren und mit seinen Methoden erfolgreich werden, desto eher werden die Glaubenssätze des Kritikers in Frage gestellt. Und niemand stellt sich selbst gerne in Frage – vor allem, wenn man jahrelange Arbeit in seine aktuellen Fähigkeiten als Freizeitreiter gesteckt hat. Die Folge ist die verbale Abwertung, um sich selbst wieder auf ein erträgliches Niveau aufzuwerten.
So sorgen reiterliche Gurus mit ihren Lehren und Wissen auch häufig für Glaubenskriege und Diskussionen unter ihren Schülern, die Dank der Anonymität und Distanz des Internets auch mal feste unter die Gürtellinie gehen.
Egal welche Schule nun verfolgt wird – der eine Schüler möchte also gerne so sein wie sein Idol. Der Trainer wird nicht in Frage gestellt. Bis zum Tag X. Zu diesem Zeitpunkt hat der Schüler ein gewisses Niveau erreicht und möchte aus dem Schatten seines Trainers heraus treten. Immer häufiger steht nun der Trainer selbst in der Kritik des Schülers, der die Ratschläge und Korrekturen seines Lehrers immer seltener annimmt. Je weiter der Schüler kommt, desto geringer wird die Vorbildfunktion des Lehrers – bis zur vollständigen Abnabelung. Ebenso häufig an dieser Stelle zu beobachten: Trennungen dieser Art erinnern an das Aus einer jahrelangen Partnerbeziehung. An dem vormals hoch gelobten Lehrer wird kein gutes Haar gelassen. Relativ selten ist das Eingeständnis, ohne diesen Trainer ja gar nicht so weit gekommen zu sein. Ein neuer Guru hat den alten vom Sockel verdrängt. Entweder ist der Schüler sich selbst genug oder aber er hat ein neues Idol.

Darf man sich nicht das Beste rauspicken?

An dieser Stelle kommt unweigerlich die Frage auf: Darf man sich denn nicht unterschiedlichste Anregungen holen? Ja sicher, unbedingt sogar! Aber hier gibt es eben unterschiedliche Stile und Umgangsformen.
Harmonie ist sehr schwer zu beschreiben. Daher fällt es vielen Menschen auch schwer zu beschreiben, was sie eigentlich suchen. Losgelassenheit, Leichtigkeit – zutiefst subjektive Gefühle machen die Einordnung in ein quantitativ messbares System schwierig. Es ist leichter, die Korrektheit von Bahnfiguren beschreib- und erlebbar zu machen, als Gefühle und Ziele in einem Trainingsplan zu vereinbaren.
Häufige Trainer-Hopper sind sich der raschen Wechsel bewusst. Sie selbst beschreiben sich als Schüler, die „sich überall das Beste rauspicken wollen“. Hier greife ich sehr gerne zu einem „Diät-Vergleich“, wenn das Beste ohne Reflexion und Zusammenhänge herausgepickt wird. Wer nur eine Woche bei einer Diät bleibt, erreicht kein nachhaltiges und längerfristiges Ergebnis. Ebenso wenig kommt derjenige ans Ziel, der sich die Rosinen rauspickt. Manche Diäten schließen süße Gaumenfreuden in Maßen genossen nicht aus. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn nur nach den Dessertvorschlägen gekocht wird. Wer nur selektiv den Anweisungen seines Trainers folgt, weil er sich ja nur das Beste rauspicken will, arbeitet nach einem Konzept voller Lücken. Ein Trainerwechsel ist somit keine Erfolgs-, sondern eine Emmentaler-Garantie, löchrig wie Schweizer Käse.
Manche Trainer sind es Leid, ständig ausgewechselt zu werden und unterstützen deshalb ihre Schüler dabei, das Wechselverhalten in andere Bereiche zu projizieren. Wenn es im Training nicht klappt, wird das auf mangelhafte Sättel, Verspannungen im Pferderücken, zu behandelnde Zähne oder eine unpassende Trense geschoben. Der Sattel ist schließlich nicht persönlich gekränkt, wenn er in den Kleinanzeigen landet. Für Pferde, deren Besitzer sich aus der Verantwortung stehlen, kann das Abschieben auf die Verkaufsseiten aber tragisch enden. Der Schüler wird durch diese zweifelhafte Unterstützung des Trainers nur im Glauben bestärkt, irgendwann den „magischen Knopf“ finden zu können, der alle reiterlichen Probleme ausmerzt. Die Einsicht, dass der Fehler mitten im Sattel sitzt, tritt – im schlimmsten Fall – nie ein. Interessanterweise konsultieren die meisten Reiter statistisch häufiger den Sattler, als an einer Sitzschulung teilzunehmen.
Stichwort (Beratungs)Resistenz: Einige Schüler kennen ihr Pferd in und auswendig (oder besser gesagt die eigene Interpretation darüber). Sie lassen sich oftmals gar nicht auf den Trainer ein und ersparen sich so häufige Wechsel, indem sie wieder überwiegend alleine trainieren. Schließlich wissen sie ohnehin, was für das geliebte „Gauli“ am besten ist. Eine andere nicht zielführende Möglichkeit ist, nicht für den Unterricht zu bezahlen, sondern für die Bestätigung. Diese Schüler holen sich nur den Trainer in den Stall, der überwiegend die eigenen Theorien des Reiters bestätigt und bestärkt.

Es geht um nichts?

Kann man Fußballtrainer mit Reittrainern vergleichen? Fußballtrainer sind der Sündenbok für das gesamte Versagen einer Mannschaft. Auch wenn die Mannschaft an diesem einen Tag wirklich schlecht gespielt hat.
Reittrainer werden ebenso für das Gelingen oder Misslingen verantwortlich gemacht. Dabei geht’s ja um nichts – lediglich um unser eigenes Vergnügen. Wir reiten heute, weil wir mit Pferden „unsere“ Zeit schön verbringen können. Wir müssen nicht. Wenn wir uns auf unsere Pferde einlassen, können wir von ihnen enorm viel (vor allem über uns selbst) lernen. Dies ist auch mit der Unterstützung von guten Trainern möglich. Wir können uns noch gut an Lehrer aus der Schulzeit erinnern, deren Kritik wir aufgrund von großer Sympathie gut annehmen konnten. Wenn Trainer gewechselt werden, dann kann die Ursache auch an mangelnder Sympathie liegen, manchmal fühlen wir uns als „Kunde“ aber auch schlecht beraten. Das würde die Frage aufwerfen, ob wohl die Zeit in der die Reitlehrer das Sagen hatten besser war? Reiter waren gezwungen, sich mit diesem einen Reitlehrer auseinander zu setzen. Heute ist der Kunde König. Menschen, die sehr empfindlich auf Kritik reagieren, investieren dann lieber in andere Dinge, als in fundierten, aber halt auch kritischen Unterricht. Ein bisschen Ursachen- und Nachforschung, was man sich erwartet und erreichen will, wäre hier wohl hilfreicher als planloses Wechseln.
Kommt es zur Anbahnung zwischen Schüler und Trainer ist eine der ersten Fragen, (durchaus berechtigt) die nach den Kosten. Zunehmend ist in unserer Gesellschaft generell eine „wer zahlt, schafft an“- Mentalität festzustellen. So neigen Menschen vermehrt dazu, rasche Belohnungen zu erreichen. In der Freizeit muss man heutzutage Spaß haben. Diesem Konsumgedanken zur Folge ist es natürlich logisch, nicht für etwas zu bezahlen, das keinen Spaß macht.

Monogam oder polygam?

Was ist nun besser – eine „monogame“ und möglichst langfristige Zusammenarbeit mit dem Trainer? Ständige Wechsel, aber monogam, oder ein polygames Verhältnis zu einigen Coaches? Warum klappt es bei den einen, sich tatsächlich nur die Rosinen rauszupicken und bei den anderen nicht? Das Geheimnis ist der rote Faden! Wer diesen für sich und sein Pferd gefunden hat und Ziele sehr genau definiert, der weiß auch, was er sich von Trainer A und Trainer B abholen kann und möchte. Aber häufige Trainerwechsel, manchmal auch Rückkehr zu „konsumierten“ Trainern lösen bei Stallkollegen besonders dann Unverständnis aus, wenn der Schüler den Trainer heute stark kritisiert und morgen in den Himmel lobt. Was dabei deutlich wird: der Schüler hat weniger an den eigenen Fehlern reiterlicher Natur gearbeitet, ist dafür aber in der Lage in jedem Debattierclub zu bestehen (auch für eine politische Karriere wären damit schon einige Kompetenzen errungen).
Das Fazit: Wer noch keinen roten Faden für die begehrten Rosinen gefunden hat, könnte den geeigneten Trainer mit Hilfe einer Selbstanalyse finden. Kann ich gut zuhören? Kann ich mich gut auf Kritik einlassen? Picke ich mir nur das raus, was mir schmeckt? Kann ich Fragen an meinen Lehrer formulieren und bekomme ich zufriedenstellende Antworten? Bin ich zu ungeduldig? Gebe ich dem Trainer eine reelle Chance, mir und meinem Pferd zu helfen? Wenn mal etwas nicht klappt, wie oft gebe ich mir selbst die Schuld? Und bin ich fair zu meinem intimsten Trainer – höre ich auf das, was mir mein Pferd an Feedback mitgibt?
Lernen ist ein sehr individueller Prozess, der aus Geben und Nehmen besteht. Die Skala der Ausbildung nennt Balance, Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung. Diese Komponenten können uns helfen, die Arbeit mit unserem Pferd zu überprüfen. Genau genommen aber auch, ob es mit dem Trainer klappt. Haben wir den richtigen Takt füreinander? Kann ich bei dem Trainer ehrlich loslassen und mir etwas sagen lassen? Kann man sich anlehnen? Stimmt die Chemie – also die Schwingungen? Hilft mir mein Trainer dabei, meine eigene Schiefe auf dem Pferd zu korrigieren? Und schaffe ich es, aus der Sammlung seiner Anweisungen etwas auf den Rücken der Pferde mitzunehmen?

Wer weiß, welche Bausteine für den roten Faden fehlen, setzt diesen dann auch mit Hilfe eines kompetenten Trainerteams auch leichter zusammen. Es ist also weniger das „Hopping“ oftmals das Problem, sondern das Unwissen über die eigenen Ziele und Wünsche!

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Foto: Katharina Gerletz Fotographie

ERP 013: Geraderichten – Nicht nur fürs Pferd

ERP 013: Geraderichten – Nicht nur fürs Pferd

Durch Seitengänge und Geraderichten wollen wir unser Pferd in Form bekommen. Der Reiter formt das Pferd.
Umso verständlicher, wenn Trainer wie Bent Branderup den Anspruch erheben: Der Reiter müsse den Seitengang bereits im eigenen Körper – im Sitz haben.

Auf dem Pferd in Bewegung verblasst dieser theoretische Anspruch an uns selbst ganz rasch.
Warum also nicht auf dem „Trockenen“ üben? Maja Caspersen, Mitglied der Ritterschaft der Akademischen Reitkunst aus Dänemark hat sich auf Spüren und Bewegen spezialisiert.

Da kann es schon sein, dass man mal Schulterherein und Kruppeherein ganz ohne im Sattel zu sitzen übt!
Wie das geht, verrät Maja in der aktuellen Podcast Folge:

Mehr von Maja Caspersen gibt es auf ihrer lesenswerten Homepage.

Als MP3 herunterladen (Rechtsklick auf den Link und Speichern Unter):

Einfach Reiten Episode 13 – Walking Straight

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