Kein Schummeln, viel Schulterkontrolle – Kursbericht Christofer Dahlgren

Kein Schummeln, viel Schulterkontrolle – Kursbericht Christofer Dahlgren

Er legt die Pferde gerne mal auf die Couch für eine ausführliche Psychoanalyse. Ist das Pferd extrovertiert? Selbstbewusst? Gibt es Antworten auf die Reaktionen? Christofer Dahlgren aus Schweden schaut Reitern genau auf die Finger und lässt sie genau spüren.

Unsere Verena Harum war beim Kurs in Ingolstadt mit ihrem Lusitano Sagitario zu Gast.

Verena, letztes Jahr hattest du in Graz einen Kurs mit Christofer organisiert. Dabei hat er in der Theorie einen besonderen Fokus auf die Psyche des Pferdes gelegt. Wurdet ihr auch diesmal genau analysiert?

Verena: Wie letztes Jahr wurde nicht nur die Psyche des Pferdes genau analysiert, sondern auch die des Reiters. Christofer sieht sofort wie Pferd und Mensch ticken und kann damit hervorragend auf die Lernbedürfnisse des Reiters sowie des Pferdes eingehen. Wie auch letztes Jahr hat er sofort bemerkt, dass ich zu kritisch bin, jede Kleinigkeit korrigieren möchte und damit die Mitarbeitsfreudigkeit von Sagi behindere.

Sagi gehört dagegen mittlerweile zu der ausgeglichenen Sorte. Er befindet sich schon recht gut in der Mitte, d.h. nicht zu selbstbewusst oder zu wenig, nicht zu extrovertiert oder introvertiert. Darauf bin ich sehr stolz, denn das war nicht immer so. Insgesamt hat sich mein Pony (Zitat Christofer: Pony=nice horse) bei seinem ersten Kurs fern von daheim super gehalten, war super relaxed und hat brav mitgearbeitet-mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen :-).

Welche „Themen“ hattest du für den Kurs in Gepäck und woran wurde wie gearbeitet?

Verena: Ich muss zugeben dass ich nicht so richtig mit einem „Plan“ zum Kurs gefahren bin. Mein Ziel war es, Christofer Handarbeit, Longieren und Reiten zu zeigen und zu schauen was er zu unserer Arbeit sagt. Am Samstagvormittag ging es mit Handarbeit und Longieren los. Wir haben mit Following gestartet. Following ist Christofers Konzept, bei dem das Pferd lernt dem Bauch des Reiters zu folgen ohne dass der Reiter am Zügel ziehen muss. Dabei fängt man an, rückwärts vor dem Pferd herzugehen und kontrolliert ob das Pferd in den Wendungen folgt ohne dass man am Zügel zieht und ohne dass es über die äußere Schulter fällt. Das ganze wird noch erschwert, indem man mit der Gerte zum Bauch des Pferdes zeigt und das Pferd sich um die Gerte biegt ohne mit der Hinterhand auszufallen. Das heißt das Pferd soll sowohl mit der Hüfte als auch mit der Schulter zum Reiter hin wollen und nicht von ihm weg indem es über die äußere Schulter fällt oder die Hüfte verliert – und das ist gar nicht so leicht wie es sich anhört. Fällt das Pferd mit der Hüfte aus, kann man das mit der Kruppehereinhilfe wieder korrigieren, fällt das Pferd in der Wendung über die äußere Schulter hat man von vorne noch die Möglichkeit das mit der Gerte an der äußeren Schulter zu korrigieren. Besser jedoch ist es wenn man dann einen Schritt nach innen in die Bahnmitte macht um das Pferd wieder zum Following zu bringen. Wenn man das in der Bodenarbeit gut beherrscht, kann man das Konzept auch beim Longieren anwenden. Dann erspart man es sich den äußeren Zügel beim Longieren durch die Gertenhilfe zu ersetzen und kann somit die äußere Schulter mit dem Körper kontrollieren, was sehr hilfreich ist wenn man die Gerte eigentlich im gleichen Moment z.B. beim inneren Hinterbein einsetzten möchte. Leichter gesagt als getan, aber das Konzept funktioniert und Sagi und ich haben das beim Longieren dann auch schon ganz passabel hinbekommen und mein Pony hat gaaaanz viel Lob eingesteckt 😉 Samstagnachmittag und Sonntag ging es dann darum das Konzept des Followings auch beim Reiten zu erarbeiten. Dazu wurden Hütchen (Pilonen) auf einem Zirkel aufgestellt und man sollte kleine Kreise um die Hütchen und dann wieder einen großen Zirkel gehen. Das klingt ja gar nicht so schwer, oder? Allerdings sollten wir das ganze ohne innen Zügel reiten. Das heißt Stellung und Biegung nur über innen Schenkel und äußeren Zügel, Ziel war es, das Pferd an den Außenzügel herandehnen zu lassen ohne die Hüfte zu verlieren und ohne dass das Pferd über die äußere Schulter fällt. Im Schritt klappte das ja dann schon ganz gut aber im Trab war das ganze dann noch schwieriger. Wenn man den inneren Zügel bewusst nicht mehr einsetzten darf fällt einem erst auf wie oft man eigentlich mit dem inneren Zügel schummeln möchte 😉 Ein weiteres Thema war das Pferd dehnen zu lassen und aufzunehmen ohne einen Verlust des Vorgriffst der Hinterbeine. Christofer machte uns darauf aufmerksam, dass ein häufiger Fehler in der „vermeintlichen“ Versammlung ist mehr an Rückwärts zu denken als ans Vorwärts, wodurch die Hinterbeine dann anfangen kürzer zu treten anstatt vermehrt unterzugreifen.

Vor einem Jahr haben wir uns besonders mit der Schulterkontrolle befasst, also auch in Ingolstadt wieder ein großes Thema!

Verena: Ja genau, die Schulterkontrolle ist eines der wichtigsten Themen in Christofers Unterricht und hat natürlich auch bei diesem Kurs nicht gefehlt. Es geht darum, dass einer der häufigsten Fehler jener ist, dass das Pferd über die äußere Schulter fällt. Das kann verschiedene Ursachen haben: das Überbiegen des Pferdes, ein falsch gerittenes Schulterherein oder einfach eine Wendung die nicht bewusst mit Schulterkontrolle geritten wurde. Auf dem Zirkel kann man sich das so vorstellen, dass das Pferd mit dem äußeren Vorderbein in Bewegungsrichtung läuft, mit einer Tendenz zur Mitte des Zirkels, da es sich ja um einen Kreis handelt. Falsch wäre es wenn sich das äußere Vorderbein des Pferdes Richtung Außenseite des Zirkels bewegen würde. Christofer erklärte in einer Theorieeinheit, dass man einen Zirkel so reiten sollte als hätte er ganz viele kleine Ecken, damit man das Pferd bewusst wendet und es nicht der Zentrifugalkraft überlässt.

Auf der Sommerakademie hat Christofer den Unterschied zwischen Antwort und Reaktion genau erklärt. Kannst du hier vielleicht auch zusammenfassen, was Christofer damit meint?

Verena: Der Unterschied zwischen Antwort und Reaktion des Pferdes war ein weiteres Thema in den Theorieeinheiten. Wenn das Pferd auf meine Hilfe antwortet, weiß es was ich möchte und reagiert nicht aus purem Stress. Das beruht auch auf dem Unterschied zwischen Energie und Stress. Wenn das Pferd zum Beispiel unter dem Reiter rennt, bringt es auch nichts das Pferd auf die Hanken zu bringen, denn wenn ich wieder loslasse ist das Pferd davon gerannt. Das Pferd muss lernen, trotz Zugabe von Energie entspannt zu bleiben.

Für wen eignet sich der Kurs bei Christofer besonders?

Verena: Das ist leicht zu beantworten: Ich kann einen Kurs bei Christofer wirklich jedem, egal auf welche Ausbildungsstufe sehr empfehlen, da er auf das jeweilige Pferde/Reiterpaar eingeht und einfach wirklich guten Unterricht gibt.

Was war besonders neu?

Verena: Für mich neu war die Übung mit den Hütchen (Pylonen) die ich oben schon erwähnt habe und die laut Christofer zu seinen Lieblingsübungen zählt. Da der Schwerpunkt von Sagi und mir beim letzten Kurs mehr auf der Bodenarbeit und dem Longieren gelegen hat war das Umsetzen des Konzepts des Followings während des Reitens neu für mich. Das Reiten ohne Innenzügel am Gebiss war nichts Neues an sich, aber dass ich den Innenzügel auch nicht an der inneren Schulter anlegen durfte war (und ist) eine wahre Herausforderung für Sagi und mich, wird aber von Tag zu Tag besser. Ein weiteres wichtiges Thema für mich ist die bewusste Schulterkontrolle des Pferdes beim Reiten. Dieses bewusste Reiten jeder Wendung damit das Pferd nicht auf die äußere Schulter kommt kennt man ja in der Theorie, aber wenn man damit konfrontiert wird bemerkt man mal wieder, dass man das bisher in der Ausbildung etwas außen vor gelassen hat und dann hat man einiges zum Knabbern ;-).

Was konntest du mitnehmen?

Verena: Wie ich das Following besser vom Boden und auch vom Reiten erarbeiten kann, aber darauf bin ich oben schon eingegangen.

Das es verschiedene Stufen gibt, dem Pferd die Zügelhilfen beizubringen. Zuerst bringt man dem Pferd bei vom inneren Zügel wegzukommen und dann ist es sehr wichtig das Pferd bewusst an den äußeren Zügel zu bringen bevor man es gleichmäßig zwischen beiden Zügeln hat. Dieser Schritt ist sehr wichtig, denn wenn man dem Pferd nicht bewusst beibringt an den äußeren Zügel zu dehnen wird man immer wieder zum Innenzügel zurückkommen müssen, wenn später etwas einmal nicht klappen sollte. Wenn man dem Pferd aber das Dehnen an den äußeren Zügel beigebracht hat, kann man es immer wieder abrufen wenn man es braucht ohne dabei am inneren Zügel zu ziehen. Da reicht dann ein kleines Vibrato mit dem Schenkel und schon dehnt das Pferd wieder an den äußeren Zügel.

Gibt es Zitate, die dir besonders im Ohr hängen geblieben sind?

Verena: Ein Zitat dass das Following Konzept beschreibt:

Never push your horse away because we need a horse that comes to you.

Ein anderes Zitat das finde ich sehr gut Christofers Einstellung in der Pferdeausbildung zeigt:

The „doing less part“ is very important for my work. The problem is, that we are always doing something more by doing something else. For example a horse is doing too much shoulder in, we try to correct this by doing quarter in, but we should do less shoulder in instead. The result is the same but the approach is very different for the horse.

Welche Hausübungen konntest du mitnehmen?

Verena: Hausübungen für mich sind das Dehnen an den äußeren Zügel und das Biegen um den inneren Schenkel ohne dass ich denn inneren Zügel (Stellung) oder den äußeren Schenkel (verhindern dass die Kruppe ausfällt) brauche. Eine weitere Hausaufgabe ist das Rahmenerweitern und verringern ohne den Vorgriff der Hinterbeine zu verlieren und natürlich die bewusste Kontrolle der äußeren Schulter.

 

 

Kurz zusammengefasst, es war wieder ein super toller lehrreicher Kurs den ich nie vergessen werde und von dem wir viel mitnehmen konnten. Herzlichen Dank an Sagi, das tollste Pony der Welt, der so toll mitgearbeitet hat und Claudia Strauß vom Akademischen Team aus Ingolstadt für die tolle Organisation. Sagi und ich hoffen dass wir nächstes Jahr wieder dabei sein dürfen 🙂

 

 

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PS: PSSSSSSST. Christofer kommt nächstes Jahr wieder nach Graz! Wer dabei sein will, sollte sich schon mal den 16. und 17. April 2016 im Kalender eintragen.

Du hast es in der Hand…

Du hast es in der Hand…

Als Pferdebesitzer haben wir es in der Hand. Wir tragen die Verantwortung. Wir entscheiden. Aber wie entscheidungsfreudig sind wir? Und wie gerne geben wir Verantwortung auch wieder ab? Heute ein paar persönliche Überlegungen…

War es die richtige Entscheidung? Ich habe gerade ein ungutes Gefühl in der Magengegend und hätte gerne ein wenig Entscheidungs-Bestätigung.

Vor wenigen Tagen sind meine Pferde umgezogen. Im „alten“ Stall hatte ich seit 1995 mit „Unterbrechungen“ (Studium in Wien, Koppelauszeit) meine Heimat gefunden. Hier muss ich vor allem das ICH betonen.

Vermutlich hatte ich einfach Glück einen Haufen wunderbarer Menschen an einem Fleck zu wissen, denen man sein Herz ausschütten, aber auch Freude teilen kann. Seit letztem Jahr gab es allerdings viele Änderungen: Unsere kleine „akademisch“ reitende Gemeinschaft wurde ein wenig auseinandergerissen. Aus beruflichen Gründen mussten Silke, Verena und Julia Graz verlassen. Gleichzeitig wurde rund um den Stall mit Arbeiten für einen Hochwasserschutz begonnen. Ein Projekt, das noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird. Durch die Bauarbeiten gab es auch weniger Weideflächen.

Zu diesem Zeitpunkt wurden auch die Wallach-Gruppen immer größer, immer weniger Stuten „wohnten“ bei uns im Stall. Ich persönlich habe mich immer sehr wohl gefühlt, meinen Pferden jedoch wünschte ich wesentlich mehr Koppelgang. Ein Umzug stand auch für mich im Raum. Eine Sache, die jedoch wohlüberlegt und nicht als ruckzuck Aktion umgesetzt werden kann. Es stellte sich nach einiger Recherche heraus, dass ich für mich und meine Pferde bei einem Umzug wohl 30 Minuten Fahrtzeit in Kauf nehmen müsste. Bis jetzt hatte ich es bequeme 4 Minuten in den Stall.

Selbst wenn ich mir viel Zeit für meine zwei Damen nehme – sie müssen 20 Stunden auch gut ohne mich auskommen können. 20 Stunden, in denen es nicht um meine 4 Minuten gehen kann.

Ich habe mich für 30 Minuten Fahrzeit entschieden. Ein für mich schwerer Abschied von lieben Freunden und auch meine Pferde werden wohl noch etwas Zeit benötigen, bis sie im neuen Zuhause auch wirklich angekommen sind. Pina hat sich sofort wohlgefühlt, Tabby ist noch ein wenig gestresst, da sie ja „ihre“ Pina vor Annährungsversuchen anderer Pferde schützen muss.

Ich muss bei der Integration in die Herde möglicherweise auch mit ein paar Blessuren rechnen. Ich kann meine Pferde aber nicht in Watte packen. Wie ist das mit der Verantwortung? Bei seinem Kurs in Graz betonte Bent Branderup, dass wir Pferdehalter es in der Hand haben. Nicht der Hufschmied ist schuld, wenn ein Eisen vernagelt wird, weil das Pferd nicht stillsteht. Wir Pferdebesitzer sind dafür verantwortlich, dass wir Stillstehen auf drei Beinen üben, damit es beim Beschlagen oder bei der Hufbearbeitung keine Probleme gibt. Wir sind dafür verantwortlich, dass sich das Pferd vom Tierarzt vertrauensvoll überall anfassen lässt. Wir sind verantwortlich und entscheiden, ob das Pferd 24 Stunden auf der Weide steht, oder in der Box gehalten wird. Wir entscheiden über das Training, wir entscheiden aber auch über Didaktik mit oder ohne Hilfszügel.

Wir entscheiden

Und manchmal lehnen wir uns auch mit Entscheidungen sehr weit hinaus.

Es ist ein interessantes Phänomen unter Reitern, es für die „anderen“ meist besser zu wissen. Gerne kommentieren und beratschlagen wir überall mit. Mit der eigenen Entscheidungsfreudigkeit haben wir es manchmal aber nicht so – oder umgekehrt – lassen wir uns nicht so gerne beraten.

Viele zwischenmenschlichen Probleme im Reitstall entstehen durch zu gut gemeinte Ratschläge. „Erst mal selbst besser machen“ ist dann aber auch kein gutes Argument. Der vielgerühmte Blick über den Tellerrand kann sich manchmal richtig lohnen.

Wie gut tragen wir Verantwortung?

Zu „gut“, ist da die schnelle Antwort. Es gibt sie, die Pferde, deren Beine quasi permanent einbandagiert sind. Stallbandagen runter, Arbeitsbandagen rauf. Koppelgang? Fehlanzeige, denn ein bisschen Gras kann man auch am langen Führstrick sammeln.

Zu „schlecht“, ist da die nächste Möglichkeit zu antworten. Das fängt beim Pferdekauf an. Schick ist er, der junge Hengst. Aber habe ich wirklich die Möglichkeiten ein solches Pferd artgerecht zu halten? Wer möchten wir sein, in den Augen unseres Pferdes. Die ehrliche Antwort des jungen Hengstes in Einzelhaft und ohne Koppelgang könnte für den Besitzer nicht so angenehm ausfallen.

Wir überschreiten Grenzen? Tun wir das? Pferde, die in der Öffentlichkeit am Turnierplatz stehen bzw. laufen setzen sich einer Unzahl von Richtern aus. Einerseits ist da das Publikum. Andererseits sind da die Richter. Man kann dem Großteil des Publikums nun nicht mehr vorwerfen, ein ungeschultes Auge zu haben. Interessant wie sich Meinungen da oftmals stark unterscheiden. Richter haben die Verantwortung auch über die Blickschulung des reiterlichen Nachwuchs zu wachen. Wenn die Champions exaltierte und künstliche Bewegungen zeigen, oder Piaffen mit rückständigen Vorderbeinen zeigen, ist es ja kein Wunder, wenn Kinderzeichnungen genau das wiedergeben. Und man möchte ja auch dann diesen Bildern später nacheifern.
Einer der lautesten Kritiker ist Dr. Gerd Heuschmann. Der Tierarzt fragt in seinem Buch „Balanceakt“:

„Wenn Kernprinzipien unserer Reitlehre wie physische und psychische Gesunderhaltung des Pferdes – offensichtlich keine Rolle spielen, welche Bedeutung haben dann die Richter auf einer Turnierveranstaltung noch? Könnte man die Reihenfolge der Platzierungen da nicht gleich vom Publikum durch die Lautstärke des Beifalls ermitteln lassen?“

Richter haben die Verantwortung Pferde aus dem Bewerb zu nehmen, wenn es Probleme gibt. Nicht immer aber ist das der Fall. Wo nehmen wir als Publikum dann unsere Verantwortung war? In sozialen Medien laut zu werden ist noch einfach, aber wie sieht das unmittelbar im Geschehen aus? Und abseits von öffentlichen Veranstaltungen – dürfen wir uns wirklich auch überall einmischen?

Bent Branderup fragt das Publikum während seines Vortrages:

„Wer möchte ich sein in den Augen meines Pferdes? Und für wessen Augen möchte ich gut reiten? Für die Augen meines Pferdes. Nur wenn das Pferd es gut findet, dann bin ich auf dem richtigen Weg. Wer seinem Pferd, die Möglichkeit gibt, physisch und psychisch zu wachsen, nutzt die Dressur für das Pferd und nicht das Pferd für die Dressur“.

Auch der Blick in die Kinderreitschule kann so unterschiedlich sein. Hier lernen die Kinder einen sorgsamen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Pferd, dort bekommen die Kids das Pferd bereits fertig gesattelt hingestellt. Wenn Eltern nicht selbst reiten, fällt es oftmals schwer den reitenden Nachwuchs zu unterstützen. Dunkle Pferdeställe, die eher an ein Gefängnis erinnern sollten aber auch den unkundigen Eltern zu denken geben.

Manchmal ist es schwer, die Verantwortung zu tragen. Ich habe daher auch mit Menschen beratschlagt und viele Pro und Contra Gespräche geführt, als es an meinen Umzug ging. Ja, künftig muss ich wohl meine Pferde auch für einen Kursbesuch in den Hänger stellen. Ja, künftig werde ich auf liebgewonnene Plaudereien am „Bankerl“ vor der Halle verzichten müssen. Ja, manchmal wird es nicht mehr klappen, nach einer langen Unterrichtstour noch rasch beim Stall vorbei zu fahren. Ich könnte meinen Pferden dann über die Nase streicheln. Dieses Nasestreicheln ersetzt aber keinen ausreichenden Koppelgang.

Wir sind verantwortlich. Dafür plädierte auch Gustav Steinbrecht:

„Liegt es nicht in unserem eigenen Interesse, auf die Züchtung, Erziehung und Ausbildung des Pferdes die größte Sorgfalt, ernstestes Forschen zu verwenden? Und dennoch sehen wir uns auf diesen drei Gebieten, die uns den sicheren und reichlichen Besitz guter und gebrauchsfähiger Pferde verschaffen sollen, durch verkehrte Anschauungen, kleinliches Verfolgen einseitiger Ziele und Vorurteile aller Art die ärgsten Fehler begehen. Alle Künste und Wissenschaften haben in unserer Zeit durch Erforschung der natur so schnelle Fortschritte gemacht, dass die in ihnen erreichten Erfolge oft ans Wunderbare grenzen. Es wäre wohl an der Zeit, sich hieran ein Beispiel zu nehmen, alle veralteten Vorurteile zu beseitigen und die Grundgesetze zur Erzielung eines guten Pferdes nur der Natur abzulauschen.“

Steinbrecht ließ sich hier nicht auf eine Diskussion ein, ob man nun denn überhaupt reiten solle. Das stand nicht zur Debatte. Ich persönlich kann darauf sagen: Ich habe gelernt, dass es darum geht, meine Zeit mit den Pferden gut zu verbringen. Ich habe gesehen, wie man durch Reitkunst Pferden eine neue Bewegungsqualität (generell und nicht nur unter dem Sattel) verschafft, die durch Verletzungen, Arthrosen oder Rückenprobleme deutliche Handicaps mitbrachten. Ich sehe Pferde, die sich über das Zusammensein mit ihrem Menschen freuen und an Stolz und Selbstbewusstsein wachsen. Dieser Weg gefällt mir, ich kann ihn aber auch nur für mich selbst wählen.

Und ich bin mir der Verantwortung bewusst, die ich sehr gerne für meine Pferde trage.

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ERP 012: Reite dein Pferd vorwärts

ERP 012: Reite dein Pferd vorwärts

Was bedeutet eigentlich vorwärts genau? Geht es um Schnelligkeit, geht es um Schubkraft? Und wie wird eigentlich korrekter Schwung definiert?

Die lizensierte Bent Branderup Trainerin Ursula Ursprung aus Hamburg hat sich in Theorie und Praxis Gedanken über das Vorwärts in der Akademischen Reitkunst gemacht. Das Fazit: Ohne Vorwärts keine Versammlung und keine sinnvolle Gymnastizierung. In der Podcast Folge sprechen wir besonders über die Qualität des Vorwärts. Was passiert wenn zu wenig vorwärts bzw. zu viel vorwärts geritten wird und wie können Reiter die Bewegungsqualität ihre Pferde einordnen?

Mehr von Ursula Ursprung gibt es auf ihrer Homepage.

Als MP3 herunterladen (Rechtsklick auf den Link und Speichern Unter):

Einfach Reiten Episode 12 – Wieviel vorwärts?

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Sommerakademie 2015

Sommerakademie 2015

Wann ist ein Pferd ein Pferd? Und welches Futter für welches Pferd? Spannende Theorievorträge, offener und kritischer Austausch und viel Lehrreiches gab es auf der heurigen Sommerakademie der Ritterschaft der Akademischen Reitkunst.

Entdecke die Reitkunst…

Meine liebe Kollegin Eva und ich sind diesmal aus Graz angereist. (Unsere Silke haben wir heuer zum Akademischen Austausch nach Namibia geschickt). Motiviert von Eva haben wir uns in Humlebaek bei der Louisiana Gallerie gleich mal mit Kunst auseinandergesetzt. Skulpturen, Gemälde und Installationen indoor und outdoor brachten uns zum Staunen. Vielleicht war es der perfekte Einstieg in die heurige Sommerakademie. Vielleicht weil es in Punkto Individualität und Kunst zum Nachdenken anregte. Die nächste Station führte uns jedenfalls zum großen Ganzen. In der Gemeinschaft der Akademischen Reitkunst ist es ein Genuss den internationalen Austausch und die große Begeisterung für die Reitkunst hautnah zu erleben.

Eine neue Tradition…

Ein Pferd ist untrennbar mit der Akademischen Reitkunst verbunden. Im letzten Jahr konnten wir ihn auf der Sommerakademie noch mit Bent Branderup gemeinsam tanzen sehen. Heuer war „Hugin“ nicht mehr dabei. Unweit von seinem Paddock präsentierte Bent eine Skulptur von Hugin. Wer Lindegaard besucht kommt ab sofort nicht umhin Hugin zu besuchen und über die Nase zu streicheln. Als Bent das Leintuch lüftete war dies ein unglaublich berührender Moment. Wer Bent und Hugin einmal gemeinsam gesehen hat, wird die Harmonie zwischen den Beiden wohl nie vergessen.

…und bewährte Rezepte

Harmonie gab es dann auch in der anschließenden Abendarbeit. Kathrin Tannous und Bent Branderup präsentierten die Arbeit mit ihren Pferden. Wenn man den Beiden nur sehr selten über die Schulter schauen kann ist es doch erstaunlich und wundervoll zugleich der Entwicklung der Paare zu folgen. Bents Nachwuchspferd „Dorado“ hat mit seinem Charme das Publikum ebenso rasch für sich gewonnen wie der vor Selbstbewusstsein strotzende „Zarif“. Im Anschluss wurde auf das bewährte Konzept des „Pizzaabends“ zurückgegriffen. Für Eva und mich (weit angereist aus dem Süden und große Italien-Fans) immer wieder verblüffend Salat und „Hendl“ auf einer Pizza zu finden. (Und nein, ich meine nicht Ruccola). 😉

Du bist was du isst…

Von der dänischen Pizza zur Ernährung der Pferde. Am Donnerstag wurde uns ein überaus spannender Vortrag von Cécilia Müller serviert, Professorin und Expertin für Pferdefütterung aus Stockholm. Wie sind Fütterung und Pferdegesundheit miteinander verbunden. Was ist natürliches und was unnatürliches Fressverhalten? Und was passiert im Pferdemaul, im Magen und in den Därmen eigentlich genau? Cécilia Müller zeigte uns genau wie man den Futterbedarf der Pferde exakt berechnen kann. In ihren zahlreichen Studien werden Heu, Heulage und Silage genau unter die Lupe genommen. Und: auch die Alten Meister sind mit ihren Futterempfehlungen durchaus aktuell: So empfahl Guérinière Heu und Stroh, Hafer allerdings in Maßen. Er unterstrich außerdem die Futtermenge an die Größe, Temperament und Leistung der Pferde anzupassen und warnte vor Hufrehe-Erkrankungen bei fettleibigen Pferden.

Das Fazit: Viel Rauhfutter für das Pferd und viel Analyse für den Menschen (dieser sollte über Energie und Proteingehalt des Rauhfutters bescheid wissen). Konzentrate (Müsli, fertige Futtermischungen etc.) sind am Speiseplan nicht notwendig, Mineralstoffmischungen, sowie die Mischung aus Weidehaltung und ausreichend Rauhfaser sind absolut ausreichend.

Verständlich, dass nach so viel Theorie wieder mal der Magen knurrte. Beim anschließenden Barbecue stand auch der internationale Austausch mit vielen Gleichgesinnten im Zentrum rund um das Feuer. Leider gab es heuer kein Dessert der fabelhaften Celina Harich.

Train the trainer…

Spannend wurde der Freitag. Jossy Reynvoet, Annika Keller, Ylvie Fros, Kathrin Wallberg, Kathrin Tannous und Pia Haas, sowie Christofer Dahlgren luden zum aktiven gegenseitigen Austausch. Jossy zeigte eine Unterrichtseinheit mit Fokus auf Körpersprache, Annika ließ ihre Erkenntnisse aus Ostheopathie und Biomechanik in einen äußerst feinfühligen Unterricht einfließen, Ylvie zeigte uns Bilder aus dem Centered Riding, um den Sitz zu verbessern. Pia sorgte für Balance und das richtige Körpergefühl, um durch Nuancen auf den Punkt in der Bodenarbeit zu kommen. Auf den Punkt kam natürlich auch Christofer, der durch sein Feingefühl jedes Pferd „mal auf die Couch legt“ und bei der Arbeit mit dem Pferd vor allem die Psyche im Fokus hat. Es war wundervoll so viele verschiedene Ansätze an einem Tag zu sehen.

…in the brainpool

Heuriges Thema für den Brainpool der Ritterschaft: Schulterherein. Im neuen Setting wurden zuerst Problemstellungen (Reiter, Pferd, Pädagogik usw.) gesammelt und in kleinen Einzelgruppen erörtert. Bei der gemeinsamen Präsentation konnten alle mitdiskutieren und Fragen stellen. Einen Schluss durch die Rechnung machte uns hier nur der Gong zum Essen – ich denke wir hätten noch ewig weiter diskutieren können, schließlich ist das Schulterherein einer der wichtigsten Inhalte, aber eben auch mit vielen Hürden und Stolperfallen.

Vom Wappenträger zum Meister…

Am Samstag wurden die neuen Mitglieder der Ritterschaft begrüßt. Aber auch „alte“ Mitglieder hatten was zu Feiern. Ich freue mich für Laura Haitzmann und Andrea Harrer aus Salzburg über deren Updates (Squire und Knight). Ein weiterer Höhepunkt: Ein neuer Meister wurde gefeiert. Marius Schneider aus Deutschland nahm als zweiter Meister an der Tafel Platz! Der Applaus hat glaube ich Minuten gedauert! 🙂

Die Tage in Dänemark sind regelrecht verflogen. Ich hatte eine wundervolle Zeit und kann es kaum abwarten meine liebe „academic family“ so rasch wie möglich wieder zu sehen!

Ein großes Dankeschön an Bent Branderup, Kathrin Tannous und Michelle Wolf für die heurige Sommerakademie!

Wie immer hat Bianca Grön für eine fabelhafte Video Zusammenfassung gesorgt.

Rückwärts aus dem Büro!

Rückwärts aus dem Büro!

Nicht nur Pferde lernen nach den Lehren der Alten Meister ein neues Bewegungskonzept. Auch der Mensch schult um – und läuft in der Bodenarbeit gut und gerne vor dem Pferd rückwärts. Wer rückwärts läuft hat sein Pferd gut im Blick. Aber nicht nur für Blickschulung und Korrektur erntet das Rückwärtslaufen eine Menge Pluspunkte

Rückwärtslaufen ist gesund!

Ja richtig. Rückwärts zu laufen ist tatsächlich ein optimales Fitness Programm. Einige internationale Sportinstitute haben dazu Tests gemacht.
Das Ergebnis: Rückwärtslaufen beansprucht die Gelenke weniger als Vorwärts zu laufen. Außerdem: Rückwärts unterwegs zu sein bedeutet einen höheren Sauerstoff- und Kalorienverbrauch. Somit lassen sich beim Rückwärtslaufen Herz und Kreislauf effizienter trainieren als beim Vorwärtslaufen.

Rückwärts ist nicht gleich Vorwärts

Wer sich rückwärts bewegt, bewegt und belastet seinen Körper völlig anders, als in der Vorwärtsbewegung. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die menschliche Hüfte und Wirbelsäule, sowie die Muskulatur. Die Hüfte wird gekräftigt, das kommt natürlich auch der Stärkung der Wirbelsäule zu Gute.

Gerade Menschen, die viel im Büro sitzen (und das ist natürlich ein Großteil) leiden unter einer schwachen Rückenmuskulatur, sowie schwacher Hüfte. Ein wenig Rückwärts kann blockierte, oder verschobene Beckenschaufeln wieder frei legen. Einige Sportler schwören auf Rückwärts, vor allem mit steigendem Tempo sollen hier die Effekte umso größer werden.

Waden und Oberschenkelmuskulatur werden beim Rückwärtslaufen ebenso gestärkt. Die meisten Menschen, die das Vorwärts in Rückwärts umwandeln berichten von Muskelkater.

Was Rückwärts noch bringt? Auch die Arme werden gekräftigt und natürlich schulen wir unsere Balance und Körpergefühl.

Spitzensportler, vor allem Läufer nehmen die Rückwärtsbewegung in das Training dazu. Einerseits wird man durch das Rückwärtslaufen im Vorwärts schneller, andererseits dient das Rückwärts den Sportlern zum Koordinationstraining.

Rückwärtslaufen macht mutig

Wer rückwärts unterwegs ist, wagt sich ein wenig ins Ungewisse. Wer im Blindflug unterwegs ist, schult aber auch zugleich seine Selbstsicherheit. Das Rückwärts Training hilft also auch Ängste abzubauen. Ähnlich wie beim Pferd, wo wir zur Feststellung kommen, dass ein ausbalancierter Geist  eher in einem ausbalancierten Körper schlummert, kann uns das rückwärtsgehen auch helfen, die innere Balance und Achtsamkeit zu schulen. Dadurch können Ängste auch abgebaut werden.

Rückwärts für Anfänger und Fortgeschrittene

Wer noch nie rückwärts unterwegs war, sollte sich eine bekannte Strecke aussuchen. Auch wer mit der Bodenarbeit mit dem Pferd beginnen möchte, sollte bei der Schulung des eigenen Körpers beginnen. Wir können nicht von unserem Pferd Stellung und Biegung, sowie Geraderichtung verlangen, wenn wir selbst in Schlangenlinien völlig unkoordiniert unterwegs sind. Es lohnt sich daher alleine auf vertrautem Boden rückwärts zu laufen. ACHTUNG: Eine Viereck mit tiefem Boden oder großzügigem Hackschnitzelbelag kann zu Beginn zu Muskelkater führen. Daher sollte auch das eigene Training nicht übertrieben werden. Pylone, Cavaletti oder andere Hindernisse sollten den ersten Rückwärtsgang nicht zur Stolperfalle machen. Vielleicht hilft der eine oder andere Stallkollege als „Towerpersonal“ bei der Navigation. Zu Zweit können auch die ersten Führübungen bewältigt werden.
Hier kann überprüft werden, ob die Bewegung parallel zueinander stattfindet. Einer führt, der andere lässt sich führen. Jeder hält einen Strick in der Hand. Wie fühlt sich diese Führung an? Baut man als Geführter Widerstände auf? Oder eher ab? Wie flüssig sind die Bewegungen, oder kommt man mit steigendem Schwierigkeitsgrad (Schlangenfiguren oder Volten) eher ins Stocken?

Gerade rückwärts ist für viele Menschen nicht leicht. Allerdings müssen wir selbst gerade bleiben, wenn wir von unserem Pferd auf der geraden Linie am zweiten oder dritten Hufschlag ein Schulterherein oder Kruppeherein abfragen möchten. Hier empfiehlt sich auch die Trockenschulung ohne Pferd. Bei der Übung sucht man sich am besten einen Orientierungspunkt (einen Buchstaben in der Halle, Büsche rund ums Viereck, Pylonen, Koppelzaun etc.) und versucht schnurgerade von diesem Orientierungspunkt wegzulaufen.
Klingt einfach – für viele Menschen ist aber geradeaus rückwärts zu laufen die schwierigste Übung überhaupt.

Wer es schon fortgeschrittener mag, kann auch die Treppe rückwärts laufen. Hier ist das Primal Move Konzept eine Empfehlung. Wer nach dem rückwärts die Beine hochlagern und entspannen möchte, dem empfehle ich die Podcast Folge mit Annika Keller.

Generell gilt: Wer sich selbst und seinen Körper schult, reitet einfach 🙂

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PS: Übungen für einen guten Sitz gibt es zum Nachlesen im Interview mit Laura Haitzmann.

 

 

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