Wer bin ich in den Augen meines Pferdes?

Wer bin ich in den Augen meines Pferdes?

In einer der letzten Podcast Episoden habe ich mit Trainer-Kollegin Sandra Mauer über das „Spiegeln“ gesprochen. Wenn das Pferd der Spiegel ist, dann können wir uns auf eine spannende Reise zu uns selbst begeben. Wie sagt Bent Branderup: Erschrick nicht über die Wahrheit. Manchmal ist es aber schwer in den Spiegel zu sehen.

Das Spiegelkabinett des Grauens…

Wir alle machen eine Entwicklung durch. Aus Fehlern lernt man. Ich kann heute wohl sagen, dass ich vor 14 Jahren nicht unbedingt gelassen an die Ausbildung meiner Stute Barilla ging.

Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Ich sage es ganz ehrlich – leicht fällt es mir heute noch immer nicht über meine Fehler von damals zu schreiben. Zuweilen schiebt sich der Gedanke ein: „Ist doch Schnee von gestern, was hat das mit meinen Fähigkeiten als Ausbilder von heute zu tun?“
Sehr viel, denn mein Ich von gestern hat maßgeblich zu meinem Ich von heute beigetragen und so auch meine heutigen Stärken entwickelt.

Schließlich leben wir aber in einer Gesellschaft, die Unfehlbarkeit anstrebt und nicht gerne verzeiht.

Ist tatsächlich nur der kompetent, der noch nie einen Fehler gemacht hat, oder gehört es zur persönlichen Kompetenz aus Fehlern zu lernen?

Wer bin ich in den Augen meines Pferdes? So ein schöner Satz, mit dem Bent Branderup das Publikum fesselt oder zum Nachdenken anregt. Ich muss gestehen – ich brachte zu meinem Beginn auch eher die Tipps für die Verbesserung der Geraderichtung vom Theorievortrag nach Hause. Wer ich in den Augen meines Pferdes war, diese Frage habe ich auch lange gescheut.

Das Pferd ist kein Kurzzeittrend – seit Jahrzehnten verbringt der Mensch seine Zeit gerne mit dem Pferd. Seit Jahrzehnten gibt des den Wunsch nach Harmonie. Seit Jahrzehnten sehnt man sich danach auf dem Rücken des Vierbeiners total im Hier und Jetzt zu sein.

Wo sind wir denn noch im Hier und jetzt?

Da gibt es das idyllische „Wendy-Klischee“, das versucht die meist vorherrschende weibliche Begeisterung für das Pferd zu erklären. Und dann gibt es einen zunehmenden Trend – der Wunsch die eigene Achtsamkeit zu erhöhen, den Hektik des Alltags durch meditative Tätigkeiten auszuschalten, die Natur bewusster zu genießen. Hier kommt das Pferd ins Spiel und oft schaffen wir nicht den Wunsch nach Natürlichkeit und Innehalten mit dem eigenen Ehrgeiz zu vereinbaren.

Die Kunst der Selbstbeherrschung

Wenn du aufgebracht bist, sagt man im Shaolin tue und sage nichs. Atme tief ein und aus und warte bis dein Geist wieder ruhig und klar ist. (Bernhard Moestl)

Wie oft war ich meinem Pferd gegenüber ungerecht?
Wie oft war ich aufbrausend?
Wie oft war ich undeutlich in meiner Kommunikation und als Konsequenz ungerecht?
Wie oft war ich innerlich wütend, weil mein Pferd mich doch endlich verstehen muss?

Bent Branderup hat recht, wenn er uns fragt, wer wir in den Augen unseres Pferdes sind. Eigentlich ist diese Frage ja über das Reiten hinaus zu sehen. Wie würde ich mich von außen wahrnehmen und beschreiben?

Nun, Bent Branderup sagte auch Reiten ist Lebenskunst:

Als Künstler lebt man zwar nicht länger, aber mehr

Daher bringt uns der tägliche Blick in unseren Spiegel – in die Augen unserer Pferde uns selbst ein kleines Stückchen näher.

Ich bin jemand, mit dem meine Pferde zum Glück gerne zusammen sind. Wenn ich zwei Tage nicht da bin (und meine Pferde werden in meiner Abwesenheit bestens verwöhnt) freuen sie sich offensichtlich über meine Rückkehr. Ich bin heute jemand, der Pina dabei geholfen hat durch unseren gemeinsamen Weg vom schüchternen und eher stillen Mäuschen zur weisen und sehr selbstbewussten Herdenchefin zu werden. Ich bin jemand, der Tabby heute genug Sicherheit gibt und der dadurch von ihr immer wieder überrascht wird. Frühere Zornesausbrüche werden immer seltener, immer öfter lässt sich Tabby vorbehaltlos auf etwas neues ein.
Ich bin jemand, der dann auch gerne in alte Muster zurückfällt und der sich von seinen Pferden dann aber auch gerne sagen lässt: Bitte formuliere deine Wünsche anständig und hudle nicht!

Blicken wir also öfter in den Spiegel Pferd – und wir werden Einfach viel über uns und unsere Reiterei herausfinden!

 

signature2

ERP 006 – Dein Pferd, dein Spiegel

ERP 006 – Dein Pferd, dein Spiegel

Spieglein Spieglein an der Wand..

Eitelkeit hat in der Reitkunst nichts verloren, viel mehr geht es um das, was wir von unseren Pferden lernen können.

Sieh hinein in die Augen deines Pferdes, aber erschrick nicht, sagt Bent Branderup in seinen Theorievorträgen.

Trainerkollegin Sandra Mauer erklärt in der heutigen Podcast Folge warum sie nicht erschrickt und man von seinem Pferd so einiges lernen kann.

Wie das Pferd unseren Charakter spiegelt und vielleicht sogar verbessern kann – darüber hätte ich mich stundenlang mit Sandra austauschen können – daraus geworden sind aber 30 unterhaltsame und spannenden Podacst Minuten.

 

Als MP3 herunterladen (Rechtsklick auf den Link und Speichern Unter):

Einfach Reiten Episode 6 – Dein Pferd, dein Spiegel

Hier kannst du den Podcast kostenlos auf ITunes abonnieren:

 

Wenn Reiter ein Aspirin für das Aspirin der Reitkunst brauchen…

Wenn Reiter ein Aspirin für das Aspirin der Reitkunst brauchen…

Der Beipackzettel für das „Aspirin der Reitkunst“, das Schulterherein, verspricht viel, verrät aber auf den ersten Blick nichts von den starken Nebenwirkungen, die Reiter beim Erarbeiten des Schulterherein plagen können. Ein Überblick über die größten Stolpersteine.

Das Aspirin der Reitkunst

So oder ähnlich könnte es lauten: Die positive Wirkung des Schulterherein wurde seit Jahrzehnten von diversen Pferden überprüft und bestätigt:

  • Schulterherein bewirkt eine erhabene Schulter und hebt den Brustkorb durch den gezielten Einsatz des inneren Hinterbeins.
  • Durch das Schulterherein werden die Hanken mehr gebogen und eine verbesserte Tragkraft der Hinterbeine erzielt.
  • Schulterherein unterstützt Geraderichtung und hilft Schiefheiten auszugleichen.
  • Schulterherein im Schritt und Trab hilft ein gerades Angaloppieren zu erarbeiten
  • Schulterherein kann Unregelmäßigkeiten des Tempos  im Trab verbessern
  • Das Herandehnen und die Anlehnung an den äußeren Zügel werden durch Schulterherein verbessert
  • Das Schulterherein führt zu einem lockeren Genick und entspanntem Kiefergelenk
  • Verspannungen werden gelöst, Dehnungshaltung im Schritt wird verbessert
  • Schulterherein bzw. Schultervorstellung verbessert auch die Piaffe
  • Schulterherein verbessert die Grundgangarten, auf 4 Hufschlägen ausgeführt kann es auch Pferden, die im Schritt zum Pass neigen helfen wieder in den Schritt zu finden

..und die Nebenwirkungen für den Reiter

Was sich leicht anhört ist in der Umsetzung – vor allem für den Reiter schwer. Manchmal könnte man fast schon eine Selbsthilfegruppe fürs Schulterherein gründen. „Hallo mein Name ist Anna und ich habe Probleme beim Schulterherein konstant in meinem Körper zu bleiben“… 😉 Spaß beiseite, folgende Probleme plagen den Reiter beim Schulterherein am häufigsten:

  • Der Reiter sitzt zu stark nach innen
  • Der Reiter sitzt zu stark nach außen
  • der Reiter zieht das Pferd am inneren Zügel herein
  • Der Reiter hat den äußeren Zügel zu stark dran
  • Der Reiter dreht seine eigene Schulter nach außen
  • Der Reiter treibt mit dem inneren Schenkel zu viel und zieht die Fersen hoch
  • Der Reiter verspannt
  • Der Reiter  knickt in der äußeren Hüfte ein
  • Der Reiter führt beide Unterarme nach innen und verspannt sie dabei
  • Der Reiter konzentriert sich zu sehr aufs seitwärts

 

Der Reiter sitzt zu stark nach innen oder nach außen

Wenn der Reiter zu stark nach innen sitzt, tritt das Pferd mit dem inneren Hinterbein nicht zum Schwerpunkt. Bildlich kann man sich den inneren Sitzknochen wie einen Pfeil nach unten darstellen, als Wegweiser für das Pferd („da sollst du hinsteigen“), der eigene Schwerpunkt im Bauch darf dabei ein wenig in Richtung der äußeren Schulter des Pferdes wandern. Oft hilft es schon die Augen in „Fahrtrichtung“ zu wenden, also außen am Pferd vorbei zu schauen. Wenn der Reiter nach außen sitzt, dann sitzt er praktisch dort belastend, wo es eigentlich zu einer Dehnung kommen sollte. Der Brustkorb des Pferdes, sowie der äußere Rippenbogen sollten sich heben, die äußere Schulter freier werden. Es gibt unterschiedliche Auffassungen, wo der Reiter im Schulterherein sitzen sollte. In Bewegungsrichtung? Das wäre dann praktisch nach außen. Nach innen? Steinbrecht schreibt hier beispielsweise bei einer korrekten Ausführung des Schulterherein wird dem Reiter durch das Pferd ein sanfter Hang nach innen verliehen. Wo sollte man nun sitzen? Der innere Sitzknochen ist quasi der Kompass und Zielvorgabe für das auffußende innere Hinterbein. Wird der Schwerpunkt in Richtung äußerer Schulter verlagert (Der Schwerpunkt und nicht der äußere Sitzknochen) kann mehr Vorwärts im Schulterherein geritten werden, wird der Schwerpunkt in Richtung innerer Hüfte verlagert, wird das Schulterherein zunehmend versammelnd.

Der Reiter zieht das Pferd am inneren Zügel herein/
Der Reiter hat den äußeren Zügel zu stark dran

Die Hilfengebung beim Schulterherein sieht vor, dass eine sachte Einwirkung des äußeren Zügels dazu führt, die Vorhand ein wenig nach innen zu holen. Wenn Reiter mit dem Außenzügel nicht durchkommen, kann es passieren, dass sie den Druck am Außenzügel erhöhen. Dies führt nur dazu, dass die äußere Schulter erst recht nicht freier wird.  Das Pferd kippt dann auf die äußere Schulter bzw. verliert die Richtung, manche Pferde kommen dann auch nach innen. In so einem Fall wird auch gerne „überkorrigiert“ – das heißt, anstelle außen leichter zu werden, hält nun der innere Zügel dagegen und drückt das Pferd wieder nach außen. Was als leichte Parade am inneren Zügel gemeint war, wird nun zu einem ständigen Zug, der das Pferd weniger leicht nach innen, als auf die äußere Schulter kippen lässt. Die Lösung? Wer das Pferd gut auf das Schulterherein vorbereitet und durch sachte Paraden vom inneren Zügel löst, bekommt leichter den Kontakt zum inneren Hinterbein und somit auch den gewünschten Schwung in Richtung Schwerpunkt.

Der Reiter dreht seine äußere Schulter nach außen

Kopf parallel zu Kopf, Schultern parallel zu Schultern, Hüfte parallel zu Hüfte. Die Wunschvorstellung eines jeden Reiters ist wohl ein Pferd, das sich lediglich durch die Schulterbewegung dirigieren lässt. Dieser „Trick“ gelingt jedoch schon bei Pferden, deren Ausbildung noch nicht so weit ist. Reiter, die sich bewusst darauf einlassen, ihre äußere Schulter nach vorne zu drehen (hilfreich kann dabei die Vorstellung einer Wendung weg vom Hufschlag sein) werden merken, dass ihr Pferd durch die Drehbewegung der Schultern sofort willig folgt. Oft nutzen alle sorgfältig gegebenen Zügel- oder Schenkelhilfen nichts, wenn der Reiter die Bewegung in seinem Sitz nicht zulässt.

Der Reiter treibt mit dem inneren Schenkel zu viel und zieht die Fersen hoch/ Der Reiter knickt in der äußeren Hüfte ein

Wenn der Reiter sich zu sehr auf das innere Hinterbein konzentriert können zweierlei Fehler passieren. Einerseits kann er das innere Hinterbein ähnlich wie beim Schenkelweichen zu weit nach innen – und damit vom Schwerpunkt weg treiben. Das Pferd fällt dann auch auf die äußere Schulter. Vor lauter Treiben kommt der Reiter dann mit dem Innenschenkel zu stark nach hinten, seine eigene Hüfte fällt dann zurück, die Hinterhand des Pferdes  fällt aus. Das Pferd steigt dann hinter dem Schwerpunkt vorbei und schwingt aus einer zurückgelagerten inneren hüfte nach vorne. Oder aber durch das übermäßige Treiben werden die Fersen hochgezogen. Die Folge: Der innere Sitzknochen wird angehoben, der äußere Sitzknochen wird vermehrt belastet. Dasselbe Problem passiert, wenn der Reiter in der äußeren Hüfte einknickt. Auch dann wird der äußere Sitzknochen vermehrt belastet.

Der Reiter verspannt (in den Unterarmen)

Die Konzentration steigert sich. Alles ist aufs Schulterherein konzentriert. Wie sagt Bent Branderup so schön in seinen Kursen? Entspannung marsch. Gäbe es aber die Entspannung auf Knopfdruck, wir würden wohl mit freundlicheren Gesichtern durch die Straßen laufen. Rasche Abhilfe kann eine tiefe und bewusste Bauchatmung sein. Oder genau auf den eigenen Körper zu hören. Wo sitzen Verspannungen? Habe ich vor lauter Konzentration die Schultern hochgezogen. Halte ich die Unterarme fest und übertrage die Spannung auf den Zügel. Vor lauter Konzentration und „ins Pferd Schauen“ nicht auf den eigenen Körper vergessen – denn dieser ist ja zuständig für die Primärhilfe Sitz! Manchmal hilft hier auch eine Parade zum Halt, um seinen Geist und Körper zu sortieren und schon kann es weiter gehen. Wenn man vor lauter Konzentration zur Anspannung neigt, kann es auch hilfreich sein, nur kurze Reprisen Schulterherein zu verlangen.

Der Reiter konzentriert sich zu sehr aufs seitwärts

Wenn sich der Reiter zu sehr auf seitwärts konzentriert kommt es meist zu den Folgefehlern: Ausfallen des äußeren Hinterbeins, das Pferd lässt sich auf die äußere Schulter fallen, eine falsche Brustkorbrotation wird zu Gunsten des Seitwärts in Kauf genommen. Das Pferd weicht eher dem Schenkel, als dass der innere Hinterfuß nach vorne schwingen kann. Für das Schulterherein gilt: Je mehr Versammlung umso mehr Seitwärts darf verlangt werden. Im vorwärts sollte man sich daher nicht auf die Ausführung auf vier Hufschlägen kaprizieren. Auch hier gilt: Weniger ist mehr.

Verlangen wir gerade am Anfang ein paar gute Schritte Schulterherein und konzentrieren uns vor allem auf das Freiwerden der äußeren Schulter – weniger auf das Seitwärts, dann reiten wir mit der Zeit Schulterherein ohne Nebenwirkungen – ganz einfach 😉

signature2

Kappzäume und ihre Besonderheiten

Kappzäume und ihre Besonderheiten

Ist der Kappzaum eine Modeerscheinung fürs Longieren und Bodenarbeiten? Mitnichten, denn schon die alten Meister arbeiteten lieber mit dem Kappzaum, als mit dem Gebiss – besonders bei der Schulung des jungen Pferdes.

Kappzäume gibt es in verschiedensten Varianten. Gerade in den letzten Jahren kommen immer mehr Reiter vom Longieren mit Gebiss ab. Das Interesse für Bodenarbeit oder Longieren steigt und damit auch die Auseinandersetzung mit der empfohlenen Ausrüstung.

Ein Kappzaum besteht in der Regel aus einem Nasenstück in unterschiedlichster Ausführung, wobei meist drei Ringe auf dem Nasenriemen befestigt sind. Der Nasenriemen wird entweder einfach, oder auch mit einem Flaschenzug verschlossen. Backenriemen, Genickriemen und manchmal auch Kehl- oder Stirnriemen vollenden die möglichen Formen des Kappzaums. Unterschiedliche Materialien werden verarbeitet und verwendet – vom reinen Lederkappzaum bis hin zu sehr schweren und dick gepolsterten Modellen, oder gar einer Kombination aus Nylonhalfter und Kappzaum.

Bei der Arbeit mit dem Kappzaum wirken wir direkt auf den Kopf des Pferdes ein. Diese Einwirkung korrespondiert nicht nur mit dem Schädel des Pferdes, sondern in weitere Folge auch mit der Wirbelsäule, wenn wir an Stellung und Biegung arbeiten. Durch den Kappzaum können wir dem jungen Pferd die Reaktion auf die Reiterhand erklären. Anfangs noch mit einem Leckerli ausgestattet, formulieren wir sanft unsere erste Bitte einer Dehnung nach vorwärts-abwärts und tasten uns so langsam an die Erarbeitung von Stellung und Biegung heran. Warum dabei der Kappzaum dabei das beste Hilfsmittel ist?

Die Botschaften aus vergangenen Tagen…

„Der Kappzaum dient zum Verhalten, Aufrichten und Leichtmachen des Pferdes, um ihm das Wenden und Parieren beizubringen, den Hals biegsam zu machen, Kopf und Kruppe in Stellung zu halten und dabei Maul, Laden und die Stelle, an der die Kinnkette liegt, gesund und unverdorben zu lassen, aber auch um die Schultern und Beine gelenkig zu machen.“

William Cavendish, Herzog von Newcastle

Während der Kappzaum auf den Schädelknochen einwirkt, wirkt die Trense oder das Gebiss auf den Unterkiefer und kann so einige Probleme verursachen:

„Da nämlich die Hauptmuskeln des Halses, über die Genickverbindung hinweglaufend, sich am Oberkiefer anheften, so vermag das auf Trense gezäumte Pferd, während es dem Druck auf die Laden und dem Unterkiefer nachgibt, doch die Halsmuskeln stark zu steifen und im Genick vollkommen unnachgiebig zu bleiben, und wenngleich wir diesem Übelstand durch Anwendung der so genannten Hannover`schen Reithalfter zu begegnen versuchen, können wir dies damit doch nie in so durchgreifender Weise wie mit dem Kappzaum, bei dem die gegenhaltende Hand unmittelbar auf den Oberkiefer einwirkt.“

Paul Plinzner

Das Cavecon

Das Cavecon oder Cavesson bezeichnet den so genannten französischen Kappzaum. Es besteht meist aus einem gut gepolsterten, weichen Nasenteil, seitlichen Backenriemen und einem Ganaschenriemen, der das Verrutschen des Cavecons verhindert. Originale Cavecons werden meist einfach verschlossen, mittlerweile gibt es auch billigere  Modelle, die allerdings (meiner ganz persönlichen Meinung nach) den Nachteil eines Flaschenzug-Verschlusses aufweisen. Ein weiteres Qualitätsmerkmal sind Schutzpolsterungen aus Leder, die auch die seitlichen, meist metallischen Verbindungsstücke abpolstern, so dass kein Druck auf die Backenzähne des Pferdes ausgeübt werden kann.
Der Nasenriemen besteht in seinem inneren Kern aus einer (Fahrrad)-Kette, die eine sehr individuelle Anpassung an die Pferdenase ermöglichen soll – sie formt sich quasi mit.

Bei der Anpassung sollte der Reiter sanft den Nasenknochen ertasten – der Kappzaum sollte mindestens vier Finger unter dem Jochbein aufliegen. Ein sorgfältiges Abtasten des Nasenbeins verrät jedoch, ob die Vier-Fingerregel zu tief gefasst ist – wenn man den weichen Knorpel ertasten kann und weit unter den Hohlraum des Nasenbeins gekommen ist, wurde der Kappzaum zu tief angepasst.

Das Cavecon sollte nicht zu fest verschnallt werden, um ein Kauen bzw. die Kieferrotation des Pferdes bei der Arbeit zu ermöglichen. Er sollte aber auch nicht zu locker verschnallt werden, da sonst die Gefahr besteht, dass der Backenriemen ins Auge rutscht.

Das Cavesal

Das Cavesal wurde von Jossy Reynvoet entwickelt und hat mehrere Funktionen.

_MG_3589b

Cavesal by Jossy Reynvoet

Man kann es als Halfter verwenden, zum Longieren und natürlich auch zur Boden- und Handarbeit. Das Cavesal besteht aus einem Nasenteil aus Leder, auf dem drei Ringe befestigt sind, am Kinnriemen sind ebenso zwei Ringe befestigt. Hier kann man später ebenso Zügel einhängen; der Reiter kann dann das Cavesal ähnlich einem Bosal nutzen. Die Backenriemen und Ganaschenriemen, sowie Nasen- und Kinnriemen sind sehr individuell verschnallbar, weshalb sich das Cavesal sehr gut an praktisch jede Pferdenase anpassen lässt. Beim Reiten hat man den Vorteil der Schulterkontrolle. Reitet der Reiter sein Pferd mit der 3:1 Zügelführung, werden der äußere Kappzaumzügel, sowie die beiden Bosalzügel in der äußeren Zügelhand gefasst. Die innere Hand übernimmt dann alleine die Führung des Kappzaumzügels. Führt der Reiter seine innere Hand noch weiter nach innen, mit dem Ziel sich selbst zu longieren, sorgt die äußere Hand für die Schulterkontrolle. Gerade junge Pferde neigen beim Erlernen von Biegung und Stellung dazu, auf die innere Schulter zu fallen – dies wird durch die Bosal-Zügel am Cavesal verhindert.

Weitere Varianten…

Mittlerweile gibt es viele, verschiedene Varianten und „Schulen“, die unterschiedlichste Kappzaummodelle bevorzugen. Der Vollständigkeit wegen erwähne ich noch den Wiener Kappzaum. Dessen Kernstück ist das Kappzaumeisen, welches der Form des Nasenrückens entspricht. Manchmal sind die Eisenteile auch nicht in einem Stück und daher mit Scharnieren verbunden, der Kappzaum wird dann dick gepolstert. Auch bei der spanischen Serreta besteht der Kern im Nasenteil aus einem durchgängigen Eisenstück, das ebenso durch Leder abgepolstert ist. Und dann gibt es noch die „Spar“ Variante – nämlich ein Halfter aus Nylon einfach durch drei Ringe am Nasenriemen zu ergänzen. In der einfachen Form werden nur die Ringe angebracht, in der erweiterten Variante werden mehrere Eisenteile durch Scharniere miteinander verbunden. Letztere Versionen kann ich nicht guten Gewissens empfehlen.

Ein guter Kappzaum macht eine präzise und genaue Einwirkung möglich. Durch die Arbeit mit dem Kappzaum können wir an der Ganaschefreiheit arbeiten, wir können Stellung und Biegung präzise erarbeiten und kontrollieren, ob das, was wir bei der Bodenarbeit am Kopf des Pferdes erzeugen, in der Hüfte eine Antwort widerspiegelt.

Der Kappzaum-Check

Welcher Kappzaum nun also für welches Pferd? Beim Test eines Kappzaums stelle ich mir folgende Gedanken, die hilfreich bei der Auswahl sein können:

  1. Wie schwer ist der Kappzaum? Wie reagiert mein Pferd auf einen schweren, wie auf einen leichten Kappzaum?
  2. Kann mein Pferd beim Verschließen des Nasenriemen noch gut kauen?
  3. Welche Antwort erhalte ich von meinem Pferd, wenn ich es abwärts löse? Habe ich viel Gewicht in der Hand?
  4. Wie präzise kann ich mit dem Kappzaum einwirken?
  5. Schaffe ich es mit dem Kappzaum den Unterkiefer nach außen rotieren zu lassen, wenn ich an Stellung und Biegung feile?
  6. Wie steht es um die Ganaschefreiheit?
  7. Habe ich das Gefühl, das Pferd hinter mir nachzuziehen? Oder folgt es mir freiwillig, ohne viel Spannung oder Gewicht auf der Hand zu fühlen?
  8. Hat das Pferd stark unter dem Kappzaum-Polster geschwitzt?
  9. Rutscht der Kappzaum?
  10. Wie verhält sich mein Pferd, wenn ich den Kappzaum ausziehe? Öffnet es das Maul und erweckt es den Eindruck, als taste es mit der Zunge den Innenraum der Maulhöhle ab?

Wählen wir den Kappzaum mit Bedacht und Sorgfalt aus, dann arbeiten wir später an Stellung und Biegung einfach 😉

signature2

 

ERP 005 – Bitless Art of Riding

ERP 005 – Bitless Art of Riding

Jossy Reynvoet, lizensierter Bent Branderup Trainer aus Belgien, beschäftigte sich lange mit Springsport, später mit Horsemanship. Das „Missing Link“ in der Gymnastizierung fand er in der Akademischen Reitkunst.

Seine Besonderheit: Für ihn muss das Pferdemaul „nackt“ bleiben. Denn er verzichtet gänzlich auf ein Gebiss. Dafür hat er in den letzten Jahren viel experimentiert und nun zwei eigene „Bitless Bridles“ entworfen: Das Cavemore und das Cavesal. Das Cavemore ist eine Kombination aus Hackamore und Cavecon, das Cavesal, das sich vor allem für den Einstieg eignet kombiniert Cavecon und Bosal. Jossys weiteres „Steckenpferd“ ist die Körpersprache, die er für Bodenarbeit verfeinert hat und auch in den Sattel mitnimmt.

 

 

 

Als MP3 herunterladen (Rechtsklick auf den Link und Speichern Unter):

Einfach Reiten Episode 5 – Bitless Art of Riding

Hier kannst du den Podcast kostenlos auf ITunes abonnieren:

Pin It on Pinterest