Erste Hilfe für den Sitz…Teil 1

Erste Hilfe für den Sitz…Teil 1

Was tun, wenns mit dem Sitz nicht so klappt? Hier beginnt die harte Arbeit für den Reiter. Während die alten Meister ihre Schüler in den Pilaren piaffieren ließen, um den Sitz zu fühlen, können wir uns heute fachkundige Hilfe holen. Laura Haitzmann, die  diplomierte Physiotherapeutin für Mensch und Pferd leistet im heutigen Interview Erste Hilfe für die Primärhilfe Sitz.

Der Sitz wird die primäre Hilfe in der Akademischen Reitkunst genannt. Nur – oft wünschen sich Reiter allzu gerne selbst „Erste Hilfe“ für den Sitz. Warum führen Kommandos wie „Fersen tief“ oder „Hände ruhiger“ oft ins Nirwana und ändern genau gar nichts?

Laura: Weil das Warum fehlt. Wenn ich etwas lerne, muss ich wissen, warum ich es machen soll (und leider fehlt den Reitlehrern heutzutage auch oft  das Hintergrundwissen, warum welche Kommandos gegeben werden). Ich kann ja in Mathematik auch nicht das Ergebnis auswendig lernen ohne Ahnung vom Rechenweg zu haben. Der Sitz ist eine komplexe Angelegenheit, er ist sowohl beweglich als auch stabil. Man kann den Rücken dreidimensional bewegen und gleichzeitig koordiniert der Rumpf die Bewegungen der Arme und Beine, das heißt ohne Stabilität im Rücken ist kein Gleichgewicht möglich. Oft führen sinnlos in die Bahn geschmissene Kommandos dazu, dass sich der Reiter noch mehr verspannt weil er das Gefühl hat etwas falsch zu machen. Gegen sein eigenes Gefühl anzureiten, geht meist nur auf Kosten von Losgelassenheit und verlangsamt Bewegungen, was wiederum eine präzise Hilfengebung erschwert. Simple Korrekturen ohne individuellen Zuschnitt können keine komplexen Probleme (und Sitzprobleme sind immer komplex) lösen.

Wenn es um das Reiten lernen geht, wird vor allem die Vorstellung eines korrekten Sitzes und einer korrekten Hilfengebung vermittelt. Dass aber viele Menschen aufgrund von Verspannungen, Fehlhaltungen und körperlichen Beschwerden gar nicht korrekt sitzen KÖNNEN, wird im normalen Reitunterricht leider oft gar nicht beachtet.

Verbessert man den Sitz eher mit oder ohne Pferd?

Laura: Zunächst muss man ein Körperbewusstsein schaffen. Das ist unsere Grundlage, auf der man später aufbauen kann. Oft ist es leichter diese Grundlage ohne Pferd zu erlernen. Sitzt man dann am Pferd, wirkt der Sitz ständig, er kann nicht nicht wirken sobald wir auf das Pferd steigen. Oft sind wir dann einzig mit unserem Körper beschäftigt. Die Folge: Eine ganze Menge an Überforderung, denn wir müssen auf die anderen in der Bahn Rücksicht nehmen, das Pferd „lenken“, uns auf die Hilfengebung mit Schenkel, Gerte und Zügel konzentrieren….Ich wage zu behaupten, so multitasking-begabt sind nicht mal wir Frauen. 😉 Erst wenn gewisse Abläufe beim Reiten automatisiert sind, kann man sich auf den eigenen Sitz konzentrieren.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass das Körperbewusstsein und die Haltung unserer modernen Gesellschaft immer schlechter wird, nicht zuletzt dadurch, dass viele Menschen sitzenden Tätigkeiten nachgehen. Deshalb macht es Sinn, schon vor dem Reiten an seiner Körperhaltung zu arbeiten.

Kannst du uns ein paar „Trockenübungen“ ohne Pferd nennen?

Allgemeine Trockenübungen sind schwierig auszuwählen, da jeder individuelle Defizite aufweist.

Ich versuche im folgenden Übungen zu erklären, die meiner Erfahrung aus der täglichen Praxis auf die meisten Reiter zutreffend erscheinen:

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Übung 2

1. Brustkorb öffnen:Platzieren Sie ein zusammengerolltes Handtuch (Fortgeschrittene können die Übung auch mit einem Holzkeil durchführen oder mit 2 Tennisbällen, die man in einer Socke zusammenbindet) unterhalb der Schulterblätter auf eine Matte und legen Sie sich nun langsam darauf. Lassen Sie den Atem fließen, auch wenn es sich zuerst unangenehm anfühlt. Durch diese Übung wird die Brustwirbelsäule geöffnet. Diese befindet sich im Alltag allzu oft in Beugehaltung.

2. Oberschenkelinnenseite dehnen: Sie befinden sich in Rückenlage, legen dann die Fußsohlen aneinander und lassen die Knie so weit wie möglich nach außen fallen (normal wäre, dass Ihre Knie den Boden berühren, wobei die Fersen so nahe wie möglich Richtung Gesäß geführt werden). Bleiben Sie mindestens eine Minute in dieser Position liegen.

3. Atemwahrnehmung: Probieren Sie diese Übung am besten zuerst im Sitzen auf einem Stuhl aus. Setzen Sie sich also mit aufrechtem Rücken auf einen Stuhl, allerdings ohne sich anzulehnen (also ähnlich wie auf dem Pferd). Wenn Sie dabei die Augen schließen, kann Ihnen das helfen, aufmerksam in sich hineinzuspüren.

Vergleichen Sie einmal diese beiden Arten zu atmen:

  • Legen Sie zuerst eine Hand auf Ihr Brustbein und atmen Sie ausschließlich in diesen Bereich des Brustkorbes. Ein kurzer Check: Was macht das mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich? Wie spüren Sie den Kontakt der Sitzknochen zum Stuhl?
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    Übung 3

    Legen Sie nun die Hand auf den Unterbauch, also unterhalb des Bauchnabels, und atmen Sie nur dorthin. Spüren Sie auch hier wieder nach: Was macht das mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich? Wie spüren Sie den Kontakt der Sitzknochen zum Stuhl?

Beim Atmen im Brustbeinbereich spürt man meist eine Anspannung im Körper, ein Verlagern des Schwerpunktes nach oben und eine Kurzatmigkeit. Die reine Bauchatmung ist hingegen sehr entspannend.

4. Beckenbeweglichkeit bei gleichzeitiger Rumpfstabilität:

Setzen Sie sich  auf einen Gymnastikball und üben sie dort die Beweglichkeit ihres Beckens. Sie sollen ihr  Becken auf dem Ball nach vorne/ hinten und nach rechts/links fein kippen können. Danach fügt man die Bewegungen zu einer liegenden 8 zusammen, dabei achten sie darauf, dass ihr Oberkörper gerade und stabil bleibt.

 

Übrigens: Lauras Tipps gibt`s auch Face to Face. Die Physiotherapeutin für Mensch und Pferd bietet Sitzintensivtage an.

Insgesamt 6 Reiter können an solch einem Tageskurs  teilnehmen.

Interesse? Dann kontaktiere Laura via Facebook oder laura@physiotherapie-mensch-pferd.at
Mehr Infos auch auf Lauras Homepage

Ist doch eh nur drauf sitzen…

Ist doch eh nur drauf sitzen…

In der Akademischen Reitkunst wird der Sitz die Primärhilfe genannt. Wer nichts mit Pferden am Hut hat meint –  einfach oben zu sitzen – das wäre ohnehin leicht. Reiter wissen – für die Primärhilfe hätte man selbst gerne „Erste Hilfe“, denn Wollen und Können unterscheiden sich oft ganz diametral voneinander. Heute daher ein paar Gedanken zur Unterstützung beim Üben.

1. Du sitzt wie du bist

Jeder Mensch ist einzigartig. Daher können wir für jeden einzelnen Reiter nur einen optimalen Sitz anstreben. Jeder Mensch hat aber auch sein „Binkerl“ zu tragen. Wir schlagen uns mit Alltagsbelastungen herum, verspannen daher in den Schultern. Das Pferd spiegelt den Menschen nicht nur sprichwörtlich, sondern auch im Sitz. Und der Sitz des Menschen spiegelt wiederum sehr häufig, wie es in unserem Inneren aussieht. Wenn wir uns also nicht unseren Idealen nähern können, liegt es meist an uns. Der Fehler sitzt schließlich IMMER im Sattel. Wie wir uns also im Alltag bewegen, ob wir mit einem großen Rücksack auf den Schultern aufsteigen, oder es schaffen, tief durchzuatmen und abzuschalten, so wird sich auch das Pferd unter uns bewegen. Das Wichtigste an dieser Stelle: Wir MÜSSEN nicht reiten, wir dürfen. Es geht ausschließlich darum, mit seinem Pferd Zeit schön zu verbringen. Und an manchen Tagen wäre es rückblickend besser gewesen am Boden zu bleiben.

2. Spieglein, Spieglein an der Wand

„Trau dich, schön zu sein“ (Bent Branderup)

Dieses Zitat des dänischen Reitmeisters unterstreicht vor allem die natürliche Schönheit. Wenn wir uns auf das Pferd setzen, erinnern wir uns an die gängigen Anweisungen. Der Oberkörper soll aufrecht gehalten werden, das Bein lang, der Absatz tief. Trauen wir uns doch, wie Bent Branderup empfiehlt natürlich schön zu sein. Wer war zuerst da? Die Henne oder das Ei? Der gute Sitz, oder das gut gehende Pferd? Auf dem Pferderücken sollte man sich nicht in die Schablone des „schönen Sitzes“ pressen lassen. Es nutzt nichts, ständig in den Spiegel zu blicken, um sich zwanghaft immer wieder in eine schöne aber disfunktionale Sitzposition zu pressen. Der gute Sitz entsteht aus den guten Bewegungen des Pferdes. Daher schadet es nicht den Blick vom Spiegel abzuwenden und zu fühlen.

3. …wer fühlt am meisten im ganzen Land?

Was fühlt sich gut an, was fühlt sich schlecht an. Der Mensch ist ein seltsames Wesen. Er möchte immer alles anfassen und greifbar haben. Ein Musikstück bewegt Menschen unterschiedlich, auch Parfums werden in verschiedensten Facetten wahrgenommen. Wie kann man also fühlen lernen? Zunächst hilft es mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen. Die innere Ampel auf Achtsamkeit zu schalten. Und auf dem Pferd? Hier lohnt es sich auf Forschungsreise zu gehen. Der Sitz muss quasi zum Auge des Reiters werden. Man kann sich entweder von einem Helfer führen lassen, oder auch mal beim entspannten Reiten im Gelände hinspüren, wie der Brustkorb des Pferdes schwingt, wann welches Hinterbein nach vorne greift. Wie sich der Takt anhört und anfühlt. Man spürt zwangsläufig immer etwas – aber seltener machen wir uns Gedanken darum. Wer sein Gefühl schulen möchte, kommt nicht umhin manche Dinge in Worte zu fassen – beispielsweise zu benennen, wann welches Hinterbein in der Luft ist.

4. Sei dreidimensional

anna_hStellen wir uns vor, wir beobachten ein Pferd aus der Vogelperspektive, das sich auf der linken Hand bewegt. Der linke, innere Hinterfuß schwingt nach vorne, das rechte Hinterbein bleibt am Boden und schiebt dann nach hinten hinaus. Durch die Bewegung der Hinterbeine, wird der Winkel des Beckens verändert. Während sich die innere Hüfte nach vorne-unten bewegt, rotiert die äußere Hüfte nach hinten-oben. Diese Schwingungen werden auch auf die Wirbelsäule übertragen. Es kommt zu einer Rotation des Brustkorbs, die früher immer wieder fälschlicherweise als Rippenbiegung bezeichnet wurde. Der innere Brustkorb senkt sich, der äußere Brustkorb hebt sich. Von oben gesehen sehen wir einmal den Pferdebauch seitlich nach außen und nach innen schwingen. Wäre das Pferd gesattelt, würden auch die Steigbügel nach links und rechts schwingen und diese Rotation gut sichtbar machen. Beobachten wir unser Pferd nun seitlich vom Boden aus, stellen wir auch eine Bewegung der Wirbelsäule von unten nach oben fest. Die Schlussfolgerung: Lesen wir in der Reitliteratur von Schwung, so war früher niemals Tempo, oder Vorwärts damit gemeint. Die alten Meister sprachen hier stets von der dreidimensionalen Schwingung der Wirbelsäule.

Was das für den Sitz bedeutet? Der Reiter, der diese Bewegungen nicht erfühlen kann, lässt sich lediglich transportieren. Und: Die meisten Reiter kennen bzw. „aktivieren“ eine Beckenbewegung nach vorne und zurück, die manchmal sogar in einen wild schiebenden „Bauchtanz“ ausartet. Dabei muss auch das Reiterbecken, die Reiterhüfte die Bewegung nach rechts und links, nach oben und nach unten mitmachen können. Und nicht zu vergessen: auch die Bewegung nach oben und unten muss zugelassen werden.

5. Balance bedeutet mehr als Knieschluss

„Knie zu“! Ein Kommando, das helfen kann über einem Sprung nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Wenn wir jedoch mit unserem Pferd in der Reitbahn in Balance kommen wollen, hilft uns kein festes Pressen mit den Knien, sondern hauptsächlich Entspannung. Der gute Sitz fängt mit der Entspannung an. Setzen wir uns so hin, wie unsere Wirbelsäule gewachsen ist. Richten wir uns nicht mehr künstlich „schön“ auf, entspannen wir Schultern, atmen wir tief in den Bauch. Die Oberschenkel liegen entspannt aus der Hüfte mit ihrer Innenseite flach am Körper des Pferdes an, die Unterschenkel „atmen“ entlang des Bauches entspannt aus den Knien heraus. Viele Reiter neigen dazu, die Rückseite der Oberschenkel in Richtung Pferdeleib zu drücken. Das Kommando „Zehenspitzen zum Pferd“ verdeutlicht hier, warum es wichtig ist, eher die Vorderseite der Oberschenkel flach ans Pferd zu bekommen. Dann bohren sich auch die Fersen nicht ins Pferd. Wenn „Absatz tief“ das zu befolgende Hauptkommando in der Reitschule wird, besteht die Gefahr dass ein gestrecktes Bein Knie und Hüftgelenke, sowie die Beweglichkeit des Beckens blockieren, wenn der Absatz krampfhaft nach unten gedrückt wird.

6. Let`s get physical

In der Akademischen Reitkunst wird zwischen dem statischen Sitz (= im Gleichgewicht sitzend) und dem physischen Sitz unterschieden. Der Physische Sitz hilft uns durch die Berührung des Oberschenkels an das Pferd in das Pferd hineinzuhorchen. In Bewegung werden Mensch und Pferd nun in Schwingung versetzt, abhängig von der Gangart. Wir sind noch immer auf der linken Hand. Wenn das innere Hinterbein in Richtung Schwerpunkt greift, wird auch der innere Sitzknochen des Reiters nach vorne abwärts rotieren. Wenn äußere Sitzknochen wird nach hinten-oben mitschwingen. Die Reiterhüften bewegen sich somit parallel zu den Pferdehüften. Somit ist die innere Hüfte nach vorne gelagert, der äußere Schenkel wird leicht nach hinten verlagert. Um dem Pferd die Rotation mit dem Brustkorb zu erleichtern kann der äußere Sitzknochen leicht angehoben werden. Die Schultern befinden sich in genau umgekehrter Position: Innere Schulter hinter innere Hüfte, äußere Schulter vor der äußeren Hüfte – parallel zu den jeweiligen Pferdeschultern. Reiterkopf und Pferdekopf sind parallel zueinander.

Wer den Schwingungen des Pferdes gut folgen kann, kann diese später selbst aus seiner eigenen Hüfte heraus steuern. Wer sich nicht mit dem Pferd bewegt, bewegt sich auf dem Pferd, was wiederum zu unruhigen Händen, die nicht unabhängig vom Sitz agieren können führt.

Wer korrekt mitschwingt, bekommt vom Pferd einen leichten Hang nach innen, der innere Steigbügel scheint länger. Wer nun die Bewegung mit dem Pferd als angenehm empfindet, kann auch die Hilfen am besten unterstützen und erhalten.

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Sitzen wie die Alten Meister?

Sitzen wie die Alten Meister?

Zu ihrer Zeit hatte das Reiten einen ganz anderen Stellenwert. Reitakademien dienten nicht nur dem Reiten, sondern vermittelten auch Kenntnis in Philosophie, Latein, Fechten und Umgangsformen. Antoine de Pluvinel (1555-1620), William Cavendish der Herzog von Newcastle (1592-1676), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) kamen nie zu einer Diskussion zusammen. Und wenn doch? Was hätten Sie wohl in einer Diskussionsrunde über den Sitz zu sagen gehabt?

Die Alten Meister über den Reitersitz

Pluvinel: Zuallererst sei gesagt, dass der Mensch, der reiten möchte angehalten ist, maßvoll und geregelt zu leben, um den ganzen Körper in einer guten Verfassung zu erhalten. Daher muss man alle Arten von Exzessen und Ausschweifungen meiden, die die Gesundheit beeinträchtigen, denn es ist unmöglich als jemand, der das geringste Unwohlsein verspürt zu Pferde etwas so  voller Eleganz umzusetzen. Und dann gibt es natürlich auch noch Vorbilder. Stellen Sie sich doch einen Reiter vor, der gut im tiefsten Punkt des Sattels sitzt, ihn fast nur in der Mitte berührt und eine aufrechte Haltung bewahrt. Ich halte es hier wie Xenophon, man soll demnach so auf dem Pferde sitzen, wie wenn man auf den Beinen stehen würde.

Newcastle: Dieser Interpretation kann ich voll und ganz zustimmen. Ich ziehe für den aufrechten Sitz auch gerne den Vergleich zum Tanz heran. Ein steifer Tänzer, aufrecht, aber steif, als hätte er einen Stecken verschluckt macht auf dem Parkett nicht viel her. Wenn die Tanzpaare nicht an Leichtigkeit und Balance zusammenpassen, so verhält es sich auch mit Pferd und Reiter. Wer nicht mit Geschmeidigkeit auf das Pferd passt, wird sich nie zu einem wahren „Horseman“ entwickeln, wie man heute so schön sagt.

Steinbrecht: Wahre Pferdemenschen. Da muss ich einhaken. Wir können heute feststellen, dass sich viele junge Leute von der Reitbahn und dem systematischen Studium der Reitkunst abgeschreckt fühlen und sich dann lieber dem ungebundenen Jagd- und Rennreiten oder dem Springen ganz einseitig zuwenden. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist, dass wir keine richtigen Reitakademien mehr haben, wo Reiter noch den richtigen Sitz zu Pferde fühlen können. Der Reiter sitzt aber nur dann richtig auf dem Pferd, wenn die beiden Schwerpunkte zusammen fallen. Nur dann kommt man zu Harmonie.

Es kann doch kaum etwas Verkehrteres geben, als den Schüler auf einen abgetriebenen und struppierten, verbogenen und vertrackten Philister zu setzen, ihn auf dieser Karikatur eines Reitpferdes in die Form des so genannten Normalsitzes hineinzuzwängen und nun zu verlangen, dass er sich bei dieser Art Leibesübung Begeisterung oder gar reiterliches Gefühl aneignen soll. (G. Steinbrecht, Gymnasium des Pferdes)

Guérinière: Herr Steinbrecht,Ihre Kritik stimmt mich nachdenklich. Wird denn der Reitersitz nicht mehr so gelehrt wie zu meiner Zeit? Wir sind mit den Reitanfängern so verfahren: Ein erfahrenes Pferd wurde zwischen den Pilaren gearbeitet, vorzüglich in der Piaffe. Der Reitschüler möge nun auf dem schwingenden Pferderücken zur Entspannung finden, so dass sich vice versa auch das Pferd zu Entspannung und Gehfreude motivieren lässt. Ich verstehe daher unter einer guten Haltung auf dem Pferd einen entspannten Sitz, der mit einer aufrechten und freien Haltung des Oberkörpers verbunden ist.  Herr Herzog von Newcastle, Sie teilen den Körper ja in einen beweglichen und einen unbeweglichen Teil ein? 

Newcastle: Ja Sie haben recht, der bewegliche Teil reicht vom Oberkörper bis zur Hüfte des Reiters und dann von den Knien abwärts zu den Füßen. Der unbewegliche Teil wird von der Taille bis u den Knien definiert. Damit meine ich aber nicht und das muss ich noch einmal betonen, dass der Reiter in diesem Bereich steif werden soll – hier geht es um die Verschmelzung zweier Lebewesen!

Pluvinel: Ja, dies ist als Ziel korrekt zu definieren, ich denke hier sind wir uns einig: Unser Ziel ist es das Pferd ganz alleine aus der Hüfte heraus zu dirigieren und in den Wendungen geschmeidig zu führen. Apropos Wendungen, oder Touren, die hat der Herzog von Newcastle auch sehr schön ausformuliert!

Newcastle: Wie die Herren wissen, arbeite ich meine Pferde ja sehr gerne auf dem Zirkel. Befinden wir uns auf der rechten Hand, dann muss meine linke, also die äußere Schulter etwas vorgelagert sein, die rechte Schulter bringe ich hinter meine innere Hüfte. So folgen wir dem Grundsatz: Reiterschulter parallel zu Pferdeschulter, Reiterhüfte parallel zu Pferdehüfte. Reiterkopf parallel zu Pferdekopf. Der innere Schenkel…

Guérinière: …hat die Aufgabe das Pferd um sich herum zu biegen. Ich darf hier ergänzen und sagen, dass die Oberschenkel und Knie etwas nach innen gedreht werden müssen, damit die flache Seite ganz nahe am Pferd liegt, ohne aber aber zu pressen oder zu klemmen. Viele Schüler machen ja verheerende Fehler, indem sie die Unterschenkel entweder weit nach vorne spreitzen, oder zu weit nach hinten…

Steinbrecht: Oder die Schenkel klopfen gleichzeitig. Das kann man von vorne gut beobachten. Der Reiter sitzt nicht in Balance..

Newcastle: Dabei müsste der Reiter doch in Balance gebracht von vorne betrachtet einen längeren, inneren Steigbügel haben. Mindestens 4 Inches länger.

Guérinière: Ihre 4 Inches sind aber auch eine sehr anspruchsvolle Angabe. Das sollte von Pferd zu Pferd wohl individuell unterscheidbar sein. Lernen kann man dieses Mitschwingen aus der Hüfte am besten doch im Trab und das für fünf bis sechs Monate ohne Steigbügel. Und selbst wenn man den längeren inneren Steigbügel als Prüfstein für den inneren Sitz hernimmt, sei davor gewarnt, dass der Reiter sich zu sehr darauf konzentriert und dann abhängend sitzt. Das ist überhaupt einer der größten Fehler.

Pluvinel: Ich stimme hier voll und ganz zu. Ich möchte aber ebenso ergänzen, dass der Bügeltritt nicht als Hilfe zur Verlängerung des inneren Bügels missbraucht werden sollte. Diese Hilfe kann wahre Wunder wirken, wenn es darum geht, das Gewicht noch weiter in Bewegungsrichtung zu verlagern. Der Innensitz ist ganz einfach im Gefecht zu überprüfen: Die Hilfe kam treffsicher an, wenn sich Ross und Reiter auf den Gegner zubewegen.

Steinbrecht: Der heutige Gegner ist ja der Reiter selbst, der gerne alles übertreibt. Spanntritte gegen die Hand. Reiter, die dafür im Oberkörper weit nach hinten lehnen. Die schönen Künste erzeugen wahrhaft Schönes nur wenn sie sich in den Grenzen des Natürlichen halten. Jede Überschreitung dieser Grenzen bestraft sich durch Zerrbilder und Karikaturen, und obgleich die Mode auch solche mitunter schön findet, haben sie doch nichts mit der Kunst gemein. Daher ist es unablässig über Anatomie und Biomechanik des Pferdes, wie es heute genannt wird bescheid zu wissen. Ich weiß, der Ausdruck Rippenbiegung ist heute nicht mehr korrekt, vielmehr wird von einem Absenken des inneren Rippenbogens gesprochen, wenn sich das Pferd eben nach innen biegt. Dadurch lässt sich auch der wie von Zauberhand länger scheinende Bügel der Herren Newcastle und Guérinière erklären. Die innere Hüfte schwingt abwärts und das eben nicht nur auf dem Zirkel. Diese Abwärtsrotation lässt den inneren Bügel länger scheinen.

Lesen wir in den alten Meistern, dann verstehen wir und Reiten Einfach 😉

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PS: Dass es heute keine Reitakademien mehr gibt, bedauert wohl nicht nur Steinbrecht. Selbst, wer viele Trophäen daheim im Schrank sein eigen nennen kann, würde von den Alten Meistern wohl häufig zum „Nachsitzen“ mittels Longenstunden ohne Bügel verdonnert werden.

Von guten Vorsätzen und Konsequenzen

Von guten Vorsätzen und Konsequenzen

Schon mal über die Neujahrsvorsätze nachgedacht?  Neben den üblichen Vorsätzen wie: zum Rauchen aufhören, gesünder und bewusster Leben, abnehmen, sparsamer sein, eine Ausbildung beenden usw. kennen Reiter natürlich auch noch die pferdischen Vorsätze.

Angefangen beim Wunsch konsequenter zu sein, egal ob das die eigene Einstellung oder den Umgang mit dem Pferd betrifft („Ich fahre zum Pferd, auch wenns mal regnet“) bis hin zu hochgesteckten Zielen („Der piaffiert noch heuer“).
Aber mal ganz ehrlich wie gut oder schlecht sind Vorsätze für uns Reiter?

Die Soll und Haben Seite

Nichts fällt uns leichter als das: Aufzählen, was wir gerne hätten. Es ist natürlich sehr leicht, den grundsätzlichen Wunsch nach mehr Harmonie beim Reiten zu artikulieren. Beim SOLL wissen wir so ungefähr, was wir gerne hätten. Die spezifische Beschreibung von Harmonie ist dann eine andere Sache. Auch deshalb sollten wir unbedingt mal mit der  HABEN Seite beginnen.

Was können wir mit unserem Pferd aktuell besonders gut?  Was haben wir im heurigen Jahr bereits geschafft? Können wir alles was Sitz und Hand aufnehmen auch in Worten gut beschreiben?
Wenn wir Ziele erreichen, sollten wir nicht die Lektion definieren sondern unbedingt den Inhalt. Anstelle der Piaffe, formuliere ich meinen Wunsch von mehr Hankenbiegung. Wie erreiche ich das? Einerseits geht es darum beide Hinterbeine in der Tragkraft und Geschmeidigkeit zu fördern. Andererseits geht es Schritt für Schritt zu mehr Leichtigkeit in der Hand, zu einem Heben des Brustkorbs zu kommen. Welche Übungen können mir dabei helfen? Und um auf die Harmonie zurück zu kommen? Im Alltag wie auf dem Pferd – was erlebe ich persönlich als harmonisch und was passiert eigentlich, wenn diese Harmonie eintritt? Im Grunde. Nichts. Harmonie ist nicht „Action“. Den ganzen Tag sind wir gedanklich und körperlich ständig in Bewegung. Nichts zu tun und einfach zu spüren fällt uns daher immer schwerer.

Von nix kommt nix?

Das Erreichen von Zielen fängt bereits bei der Formulierung an. Daher sind Neujahrsvorsätze ja an sich nichts schlechtes. Eines meiner Lieblingszitate von Bent Branderup aus seinen Theorievorträgen lautet:

„Die Menschen wissen nicht, was sie wollen, aber sie wollen es jetzt“.

Einige sagen dann entrüstet: „Ja aber ich weiß, dass ich eine Piaffe will“….oder….“Ja aber ich weiß, dass ich gerne ein Pferd hätte, das am Zügel geht“….

Kennen Sie die Geschichte vom Paar, das in den Urlaub gefahren ist und monatelang vom schönen Strand geträumt hat? Ja der Strand war ja auch traumhaft. Aber das Hotel fiel gelinde gesagt durch.
Genau so ähnlich ist das beim Reiten. Natürlich ist es mehr Abenteuer sich einfach planlos in den Zug oder Flieger zu setzen und drauf los zu urlauben. Da kann man Glück haben oder eben auch nicht.
Und beim Reiten können wir uns auch planlos aufs Pferd setzen. Vielleicht hat man ein Pferd, das sich vom Bodenpersonal ganz gut mit Hilfe einer Touchiergerte in ein paar Tritte auf der Stelle bewegen lässt. Auch gut. Aber ist das dann eine echte Piaffe? Geht es um ein paar trabähnliche Tritte auf der Stelle oder geht es um mehr?

Reitergefühl bedeutet nicht nur zu spüren, im Moment wo man draufsitzt. Reitergefühl bedeutet auch ein Gefühl zu speichern, ein Gefühl zu erahnen und auch als Ziel vor Augen zu haben.
Was wollen wir mit vermehrter Hankenbiegung also spüren, wie soll es sich anfühlen. Wie soll der Takt sein, welche Informationen soll die Reiterhand bekommen? Wie sitze ich im Moment der Piaffe auf dem Pferd. Was passiert nach der Piaffe – kann ich dann mein Pferd zur Hand hindehnen lassen?

Es lohnt sich durchaus nach der Formulierung seiner Wünsche und Ziele zahlreiche Fragen zu formulieren. Wer den Weg kennt und plant, weiß wie er sein Ziel erreichen kann. Und eines sei in der Reiterei auch gesagt: Umwege bitte einplanen, denn meist stellt das Pferd auch noch ein paar Fragen an den Reiter, die es ausführlich zu beantworten gilt.

Nochmal zur Analyse des „Habens“: Wir haben mit unserem Pferd bereits einiges erreicht. Und manchmal bekommt man Dinge ganz nebenbei geschenkt. Es ist nun ziemlich genau ein Jahr her, dass sich meine Fuchsstute Tarabaya („Tabby“) auf der Koppel verletzt hatte und dadurch zu einer längeren Schrittpause gezwungen war. Schritt ist für sie die schwierigste Gangart, weil sie hier sehr breitbeinig und schwankend fußt und die Hinterbeine nur sehr schwer unter den Schwerpunkt zu bekommen sind. Ich hatte zuweilen das Gefühl, noch einmal ganz von vorne beginnen zu müssen. Immer wieder stellte auch sie mir neue Fragen und ich musste an unplanmässigen Antworten tüfteln. Natürlich war ich in dieser Zeit auch oft frustriert, aber es hat sich gelohnt.
Das Ergebnis: Heute habe ich das Gefühl, Tabby versteht meinen Sitz besser denn je.

Der Wunsch nach der Piaffe und die Konsequenzen

Ein ebenso wichtiger Merksatz von Bent Branderup: Die Basis ist nur dann die Basis, wenn sie für etwas eine Basis ist. Wer kommt eher ans Ziel? Der Reiter, der Stück für Stück alle Bausteine zusammen setzt? Balance, Takt, Schwung, Geraderichtung, Losgelassenheit. Tragkraft? Der Reiter, der nach Plan vorgeht und weiß, was hinter jedem Schritt steckt, oder der, der halt „piaffiert“, weils grad so lustig ist. Sicher – beiden Reitern sei das schöne Gefühl einer Piaffe vergönnt. Es wäre wohl gelogen, wenn man einen solch schönen Moment nicht genießen und herbeiwünschen würde. Und jeder, der einen so guten Moment hatte, wünscht sich ihn natürlich auch wieder. Und ja..ein bisschen „Piaffegeilheit“ steckt dann wohl in uns allen…aber….wer planmässig vorgeht, hat länger was davon. Die harte Konsequenz unsachgemäßen Trainings kann sich auch in einer hohen Tierarztrechnung zeigen. Oder in einem Pferd, das schlichtweg nicht versteht was wir voneinander wollen und als Konsequenz beschließt nicht mehr mit uns zusammenarbeiten zu wollen.

Ach, kannst du mir nicht meine Wünsche von den Augen ablesen?

Selbst in einer sehr guten zwischenmenschlichen Bezeihung wissen wir sehr oft ohne genaue Worte nicht, was der andere jetzt von uns will. (Auch wenn geweisse Verfilmungen, nahe englischer Küsten, umgeben von Schafherden und viel Herz-Schmerz anderes vorgaukeln).  Warum glauben wir unser Pferd weiß es besser?
Mein Vorsatz vom letzten Jahr war: Besser mit meinen Pferden zu kommunizieren und noch besser auf ihr Feedback zu achten.
Bei meinen eigenen Pfeden hatte ich zuvor vor lauter Konzentration häufig darauf vergessen, ihnen ein herzlicheres Feedback zu geben.

In diesem Sinne ist es ungemein wichtig nicht nur zu formulieren, was man MIT dem Pferd erreichen möchte, sondern worin man SICH SELBST verbessern möchte! Schließlich haben wir die Pflicht als Ausbilder unserer Pferde am härtesten an uns selbst zu arbeiten!

Viel Spaß bei der Formulierung eurer Reiterlichen Ziele für 2015!

Wenn wir wissen, was wir wollen, dann Reiten wir Einfach 🙂

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