Jahresrückblick 2014 mit ein bisschen „Karacho“

Jahresrückblick 2014 mit ein bisschen „Karacho“

2014 ist vorbei – und damit liegen 47 Blogbeiträge, 365 Tage voller Pferde, 4 Kurse bei uns in Graz und ein intensiver Austausch mit Freunden, Lehrern und Schülern hinter mir.

Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte – in diesem Sinne möchte ich für den Jahresrückblick Katharina Gerletz durch ihre Fotos sprechen lassen. Sie hat für uns einige Momente, Pannen, Hoppalas und viel zum Schmunzeln bei den Kursen mit Bent Branderup, Christofer Dahlgren und Jossy Reynvoet festgehalten. Daher gibt es heute mal einen Bilder-Blog.

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Ich wünsche euch ein PROSIT NEUJAHR und einen guten Rutsch hinüber!

Mit einem Lächeln reiten wir einfach 🙂

 

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PS: Die Kursplanung ist schon voll im Gange. Die vorläufigen Termine findet ihr hier!!

Sind wir schon da?

Sind wir schon da?

Geduld, Geduld und nochmals Geduld. Bereits die alten Meister betonten geduldig und mit Weitblick an die Ausbildung des jungen Pferdes heranzugehen, denn: „…Die Anmut eines jungen Pferdes ist wie der Duft einer Blüte, der einmal verflogen, nie wiederkehrt“, schrieb bereits Antoine de Pluvinel im 17. Jahrhundert.

Die Betonung langsam zu arbeiten taucht in der Reitliteratur immer wieder auf – und das aus gutem Grund.

Die Krux mit der Ergebnisorientierung

Wir leben in einer ergebnisorientierten Welt, also wollen wir auch von unserem Pferd Ergebnisse sehen. Von unserem Pferd. Und nicht in allererster Linie von uns.

Ganz anders formulierte es da Gustav Steinbrecht in seinem Gymnasium des Pferdes. Denn er wollte zunächst einmal ein paar grundlegende Charaktereigenschaften des Reiters sicher stellen:

„Hätte die Kunst nicht ihre großen Schwierigkeiten, wir würden gute Reiter und vorzüglich gerittene Pferde in Menge haben. Sie erfordert aber, abgesehen von allem anderen, schon Charaktereigenschaften, die sich nicht in jedem vereint finden: unerschöpfliche Geduld, feste Ausdauer bei Anstrengungen, Mut mit ruhiger Geistesgegenwart gepaaart. Nur eine wahrhaft warme Liebe zum Pferde kann diese Eigenschaften, wenn der Keim zu ihnen vorhanden ist, zu derjenigen Höhe steigern, die alleine zum Ziel führt“.

In dieselbe Kerbe schlägt Egon von Neindorff:

„Lass dich nicht hetzen. Aber wird das immer gewollt? Lass deinem Pferd und dir Zeit zur körperlichen und seelischen Entwicklung. So müsste es auch in der Reituasbildung allgemein heißen. Denn wie soll ein Pferd leicht und weich führbar werden und so vielleicht auch für eine Spezialausbildung heranreifen, wenn man keine Geduld mit ihm hat, heute sogar vielfach von ihm verlangt, es solle sich schon im ersten Ausbildungsjahr rentieren?“

Wer mit Kindern eine Reise tut, kennt die Frage von der Rückbank: „Sind wir schon da?“. Reiter stellen ähnliche Fragen. Wer Unterstützung bei der Ausbildung von Pferd und Reiter anbietet, kommt nicht umhin, die Frage nach der Dauer der geplanten Arbeit zu beantworten. Wie lange dauert er – der Weg der Akademischen Reitkunst?

Heute Arbeit im Stehen – morgen Piaffe?

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Wer reitet weiß – schnell geht nichts. Dieser Satz wird gerne und überall betont, innerlich plagt sich der unruhige Geist mit der Ungeduld. Der Weg ist in der Reitkunst wirklich das Ziel, vor allem wenn wir uns immer wieder vor Augen halten, dass wir Lektionen ja nicht zum Selbstzweck reiten, sondern den Inhalt der Lektionen für unser Pferd nutzen möchten.

Als ungeduldiger Mensch verstehe ich aber die verzweifelte Frage von der Rückbank. Vielleicht hilft es, ein wenig Struktur in das Ganze zu bringen? Können wir uns möglicherweise auch vom Ergebnis zum Erlebnis orientieren? Hilft es der Ungeduld ganz bewusst die Erarbeitung der einzelnen Schritte zu erleben und immer wieder kleine Erfolge zu feiern?

Struktur, Reihenfolge, Leiter…

Zunächst geht es einmal um unsere Fähigkeiten als Ausbilder für unser Pferd zu schulen. Schließlich möchten wir ja unbedingt ein Pferd haben, das gerne Zeit mit uns verbringt. Sicher hat jeder noch Erinnerung an einen bestimmten Lehrer aus der Schulzeit, für den wir wenig Sympathien aufbringen konnten. Dann gab es den sehr beliebten Lehrer. Wo hat man wohl leichter gelernt und kann Wissen noch heute abrufen? Daher steht

  1. Beziehungspflege ganz oben auf der Leiter.
  2. Balance am Boden – für den Reiter. Bodenarbeit ist eine wichtige Grundkomponente, ein Fundament könnte man sagen. Wenn ich aber selbst auf wackeligen Füßen stehe, dann werde ich mir schwer tun, ein stabiles Fundament zu bauen. Daher sind „Trockenübungen“ ohne Pferd zu empfehlen. Schließlich wollen wir unser Pferd ohne Probleme führen und dabei selbst problemlos rückwärts gehen, um den Überblick über unser Pferd nicht zu verlieren.
  3. Körpersprache. Bevor wir an Biegung und Stellung arbeiten müssen wir eine gemeinsame Sprache mit dem Pferd finden. Hier gehört auch die Schulung von Achtsamkeit dazu. Vereinfacht gesagt: Werde zum Überraschungsei für dein Pferd. Sei was spannendes, was zum Spielen und Schokolade 😉
  4. Good cop or bad cop? Wir selbst wissen über die Macht von Worten bescheid. Nur wer sein Pferd positiv verstärkt, kann sehr exakte Botschaften senden. PS: Dazu zählt auch die Macht des Leckerli 😉 Es lohnt sich vor Biegung und Stellung darüber nachzudenken wie man loben will und auch das Loben zu schulen. Wer mit viel Freude loben kann ist klar im Vorteil. Wer hochkonzentriert arbeitet, vergisst oft die emotionale Komponente des Lobes. Ein stocksteifes „Gut“ ist lieb gemeint, ein überschwängliches „Guuuuuuuuuuut“ verankert sich aber ganz anders beim Pferd.
  5. Bodenarbeit: Hier gehört die Arbeit am Kappzaum, oder mit dem Cavecon oder Cavesal dazu. In allerersten Schritten lernt das Pferd mit dem inneren Hinterbein in Richtung Schwerpunkt zu treten. Das Pferd lernt dadurch sich zu formen und sich vom Reiter führen zu lassen. Nach und nach wird sowohl im Stehen, wie auch in der Bewegung Stellung und Biegung erarbeitet und verfeinert. Die Arbeit wird gesteigert, die Seitengänge Schulterherein und Kruppeherein werden hinzugefügt. Eine der wichtigsten Sekundarhilfen – die Gerte – dient dazu dem Pferd den inneren und den äußeren Zügel, sowie den inneren und den äußeren Schenkel in aller Ruhe vom Boden aus zu erklären.
  6. Vergrößerung der Distanz: Beim Longieren wiederholt das Pferd die Hilfen der Bodenarbeit. Vorrangig ist hier die Arbeit in den drei Grundgangarten. Wer hier besonders sorgfältig in der Bodenarbeit Zügel und Schenkelhilfen erarbeitet hat, kann sogar Seitengänge an der Longe abrufen.
  7. Ein junges Pferd lernt nun den Reiter aus einer gänzlich neuen Führposition kennen. Vom Boden geht es in den Sattel, wobei sämtliche Hilfen der Bodenarbeit hier als Übersetzungshilfe mitgenommen werden. Pferde, die bereits den Reiter kennen, können nun auf dem Zirkel in allen Grundgangarten gearbeitet werden und verfestigen die Seitengänge Schulterherein und Kruppeherein, um der Geraderichtung Schritt für Schritt näher zu kommen.
  8. Geraderichtung und Formgebung der Oberlinie. Durch die fortschreitende Gymnastizierung bekommt das Pferd auf beiden Händen und in allen Grundgangarten vermehrt Geschmeidigkeit, Losgelassenheit, Takt, Balance und Schwung.
  9. Versammlung und Tragkraft bis hin zur Piaffe. Das Pferd kann sich durch die bereits erarbeiteten Stufen immer besser tragen und gewinnt an Ausstrahlung und Schönheit, in weiterer Folge auch an
  10. Kadenz, ohne dabei durch Spanntritte in der Passage den Rückenschwung zu verlieren.
  11. Die gesteigerte Lastaufnahme der Hinterhand und die Schulung der Paraden führen schließlich nach und nach zu Schulparade und Levade.
  12. Wer die Schulter und Hüfte seines Pferdes durch die Seitengänge kontrollieren kann ist nun auch bereit für den Fliegenden Wechsel.

Und jetzt? Sind wir schon da?

An dieser Stelle wiederhole ich sehr gerne eines meiner Lieblingszitate von Bent Branderup:

„Viele Menschen wissen eigentlich nicht, was sie wollen, aber sie wollen es jetzt“.

Das kleine Kind am Rücksitz, kennt das Ziel der Urlaubsreise nicht, möchte aber schon gerne „da sein“.

Als Reiter kann es für uns sehr hilfreich sein, die tägliche Arbeit mit unserem Pferd in Meilensteine oder Etappen einzuteilen.

Lernen wir unsere Ziele zu formulieren. Wir wissen dann eher, was wir erreichen wollen, können den Weg erkennen und genießen.

Wie heißt es so schön – Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Konzentrieren wir uns also Baum für Baum – und vor allem – genießen wir auch mal zwischendurch. Vielleicht sind wir noch nicht bei der perfekten Piaffe angekommen – sind wir aber nur auf die Piaffe fokussiert, werden wir blind für andere tolle Dinge. Es fühlt sich nämlich toll an, wenn man sein Pferd zwischen den Hilfen hat und diese Ergebnisse aus der Arbeit mit den Seitengänge spürt.

Es gibt kein Patentrezept, wie für die Weihnachtskekse. „Nach 30 Minuten backen“ kommt trotzdem keine Piaffe raus. Wer aber täglich ein bisschen Zeit in die Vorbereitung investiert, gibt sich selbst ein wenig mehr Sturktur und Klarheit.

„Sind wir schon da“ – fragt das Kind von der Rückbank oder der Reiter vom Sattel aus. Vielleicht wird da die eine oder andere Kindheitserinnerung wach. Und was hat geholfen? Ein lustiges Spiel mit den Beifahrern, ein wenig Musik, oder Ablenkung. Vom Ergebnis zum Erlebnis.

Ich klaue jetzt mal von Trainer Christofer Dahlgren und sage: Play, smile and practice – dann reiten wir einfach und haben Spaß an der Geduld! 🙂

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PS: Wer hinter die Kulissen und Ausbildungsschritte der Akademischen Reitkunst und Pferdeausbildung blicken möchte, dem empfehle ich das Tagebuch von Swan – Bents hübschem PRE. Einen Trailer und das dazugehörige Video findet ihr hier!

 

Hol dir Bent Branderup ins Wohnzimmer

Hol dir Bent Branderup ins Wohnzimmer

Seit 2012 gibt es den Videoshop von Bent Branderup. Gemeinsam mit Trainerin Bianca Grön produziert der dänische Reitmeister eine große Bandbreite an Lehrvideos, die in Form einer Online Bibliothek vor allem jene unterstützen, die nicht ständig einen Trainer als „Bodenpersonal“ dabei haben. Derzeit gibt es 13 Videos zur Auswahl, wobei von der Groundwork bis zur Piaffe alles vertreten ist.

Im heutigen Interview erzählen mir Bianca und Bent mehr über die Motivation hinter dem Videoshop und ob sich so der Trainer vor Ort ersetzen lässt.

Gerade in der Akademischen Reitkunst ist das persönliche Gefühl, bzw. die Schulung dessen enorm wichtig. Kritisch nachgefragt: Wie passen da Videolektionen dazu – und hat man dabei nicht Befürchtungen, dass Lektionen später auch falsch ausgeführt werden könnten?

Bent: Doch, natürlich. Jede Art von Unterricht hat seine Grenzen. Sogar im praktischen Unterricht ist die Entwicklung von Gefühl auch enorm schwierig.

Für das richtige Gefühl, braucht man jedenfalls auch theoretisches Hintergrundwissen. Sehr ausführlich wird die Theorie in jedem Video erklärt – beispielsweise über den Sitz. Wie lange braucht ihr eigentlich für die Produktion eines solchen Videos?

Bianca: Im Schnitt sind es zwei volle Drehtage, um das Material für ein Video zu erstellen. Wir beginnen am Vormittag und meistens sind wir dann mit dem Nachvertonen und Verfeinern noch bis spät abends dabei. Bent hat ja früher bereits in vielen Filmen mitgewirkt, was mir ja auch zu Gute kommt, da er sehr routiniert arbeitet. Sofern wir also nicht vergessen haben das Mikrofon einzuschalten, können wir meist den ersten Take verwenden.

Gibt es ein paar Anekdoten über Pannen – man kennt das ja sonst auch beim Film – und was macht ihr, wenn eine zu demonstrierende Lektion nicht gleich auf Anhieb klappte?

Bianca: Na klar gibt es immer wieder solche Pannen. Typisch sind Momente, in denen die Hunde anfangen zu bellen, gerade am Ende einer Theorieeinheit oder wie gesagt das Mikro, das nicht angeschaltet ist. Außerdem gibt es natürlich immer wieder Situationen, wo es etwas zum Schmunzeln gibt. Das heitert ja auch die langen Drehtage auf. Aber ansonsten ist Bent da recht entspannt, wenn Situationen mit dem Pferd nicht so gut klappen wie im Alltag ohne Kamera. Meist improvisiert er dann und kommentiert es auch direkt im Video. So hat der Zuschauer die Möglichkeit zu sehen, wie es auch beim Meister mal nicht klappt. Das macht die Videos auch aus, denke ich. Dass wir nicht bloß die guten Szenen zusammenschneiden, sondern Bent oft während des Trainings mit dem Pferd zusätzlich erklärt, was er gerade macht und warum.

Was, wenn beim Üben daheim doch noch Fragen offen bleiben und man keinen Trainer in unmittelbarer Umgebung hat. Wie kann man dann am besten mit Hilfe der Videos vorgehen?

Bent: Der Film und seine Möglichkeiten sind ja wie gesagt begrenzt. Es gibt aber Menschen, die sich im Selbststudium fortbilden können und Menschen, denen es nicht liegt. Manche brauchen aber auch die praktische Unterstützung, das kann der Film einfach nicht bieten.

Wer übrigens einen lizensierten Branderup Trainer in seiner Nähe sucht, wird hier fündig!

Gibt es eine bestimmte Reihenfolge, in der empfohlen wird, die Filme zu konsumieren?

Bent: Von der Basis aufwärts, ja ☺ Der Film „Diary of Swan“ ist ein guter Einstieg, weil es den Weg eines jungen Pferdes bis zum Reitpferd zeigt. Wir haben dort die Ausbildung über einen recht langen Zeitraum dokumentiert, um zu zeigen, wie viel Sorgfalt in die Ausbildung gelegt wird.

Wie funktioniert denn das System in Kombination mit der Neuauflage der „Akademischen Reitkunst“? Hier gibt es ja Verweise zu den Videos?

Bent: Ich persönlich mag ja sehr gerne so etwas Altmodisches, wie ein Buch in der Hand zu haben. Aber der moderne Mensch ist neue Medien gewohnt und für die funktioniert es wunderbar. Die meisten Menschen mögen jedoch Buch und Videolektionen in Kombination und somit passt das Angebot gut zusammen und bietet quasi gegenseitige Untersützung.

Du betonst ja immer wieder in den Videos die holistische Betrachtungsweise – also das Pferd als Ganzes zu sehen! Wird es vielleicht auch ein Video geben, das dabei Hilft den Blick zu schulen?

Bent: Es ist bisher nicht geplant. Aber wir sind immer offen für Anregung und Wünsche. Also mal sehen, ob wir solch ein Video im nächsten Jahr mit rein nehmen können.

Könnt ihr eine kleine Vorschau geben – werden noch weitere Videos folgen – und wenn ja zu welchen Themen?

Bent: Wir werden natürlich auch im nächsten Jahr neue Folgen drehen, aber wir werden vor allem die bereits vorhandenen Filme aktualisieren.

In einem Pferdeforum hatte ich die Frage gelesen – warum die Videos eigentlich per Online-Login präsentiert werden und nicht auf deiner DVD – warum habt ihr euch für diesen Weg entschlossen?

Bianca: Es ist für uns und auch den Nutzer einfacher. Der Hauptgrund des Videoshops ist ja, dass wir das Wissen für jeden zugänglich und laufend aktualisierbar machen und auch für die nächsten Generationen in einer Art Bibliothek festhalten wollen. Und das klappt auf diese Art und Weise sehr gut.

Es gab ja schon einige DVDs by Bent Branderup – gibt es hier Unterschiede zu den älteren Videos, was wurde hier verbessert bzw. ergänzt?

Bent: Die Akademische Reitkunst befindet sich in einer ständigen Entwicklung und Austausch zwischen den besten Ausbildern. So sind z.B. die äußeren Hilfen beim Longieren, der Schulschritt und die Schulparade Elemente, die innerhalb der letzten paar Jahre entstanden sind und somit in den alten Videos gar nicht auftauchen.

Als Trainer seid ihr sonst immer in unmittelbaren Kontakt mit dem Schüler – wie ist es, plötzlich quasi völlig alleine dazustehen, ohne unmittelbares Feedback?

Bent: Vor der Kamera zu stehen ist immer „steriler“, als vor einem echten Schüler zu stehen und es fehlt natürlich ein unmittelbarer Austausch.

Kann man den Weg zur Akademischen Reitkunst alleine über die Video Lektionen bewältigen?

Bent: Das kommt darauf an, wie stark der Einzelne ein Selbstudium betreiben kann. Ich habe schon Schüler gesehen, die anhand der Videos sehr gut voran kamen. Aber wie gesagt, das ist sehr individuell.

Zum Schluss noch die Frage nach der Technik: Was sind die Voraussetzungen um sich die Videos anzusehen und gibt es Einschränkungen?

Bianca: Die Videos sind auf allen Endgeräten verfügbar, man kann sagen die Abdeckung beträgt 99%. Man kann sich die Videos sowohl am Desktop (Flash, HTML5) als auch auf mobilen Endgeräten ansehen (Android, iOS).

 

Für alle, die noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken sind, ist der Videoshop eine geniale Möglichkeit – vor allem da die Videos auch laufend aktualisiert und erweitert werden. Man hat also länger was davon 🙂

Den Videoshop und 13 Lehrgänge fürs „Patschenkino“ findet ihr hier .

Lernen wir aus Videos, dann reiten wir einfach 😉

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Fotocredit: Lotte Lekholm

„Trau dich schön zu sein!“ – Bent Branderup in Salzburg

„Trau dich schön zu sein!“ – Bent Branderup in Salzburg

Nein, dieses Zitat stammt nicht aus der Werbebranche. Bent Branderup war wieder zu Gast in Österreich, diesmal in Salzburg.

Warum man auf einem Reitseminar über Schönheit, Suppenschüsseln, blinde Inder und Physik nachdenkt? Mit vielen bildhaften Vergleichen und Anekdoten fesselte der dänische Reitmeister einmal mehr Reiter und Zuschauer. Diesmal und weil`s wieder so nachhaltig zum Nachdenken angeregt hat – ein Kursbericht mit dem Schwerpunkt: Philosophie!

Über die Sekundarhilfen..

In seinem Theorievortrag legte Bent Branderup den Schwerpunkt auf die Sekundarhilfen des Reiters. Die primäre Hilfe des Reiters in der Akademischen Reitkunst ist ja der Sitz mit dem Ziel ganz nach Pluvinels Vorbild das Pferd aus der Hüfte heraus zu führen. Wenn das Pferd aber nicht auf die Primärhilfe reagiert, brauchen wir zur besseren Verständigung Sekundarhilfen.

„Wir können die Hilfen nur zusammensetzen wie die Buchstaben des Alphabets. Erst wenn wie richtigen Buchstaben zusammensetzen, sehen wir Worte und Bedeutung. Reiterhilfen müssen wir also auch logisch strukturieren“. (Bent Branderup)

Bent Branderup betonte hier auch die Bedeutung der Kenntnis und das Verständnis um die korrekte Basis.

„Wenn man das Nachher, also das Ziel nicht kennt, lässt sich nur schwer überprüfen ob die Basis überhaupt stimmt. Je deutlicher mein roter Faden als Ausbilder meines Pferdes, umso eher erreiche ich mein Ziel. Heute ist aber das Hauptproblem, dass unausgebildete Reiter auf unausgebildete Pferde treffen. Wir müssen uns also unbedingt als Ausbilder für unser Pferd entwickeln.“

IMG_2692Am Anfang steht somit die theoretische Auseinandersetzung mit der Physis des Pferdes. Wer Einfluss auf den Kopf seines Pferdes nehmen möchte, muss das Pferd nicht nur sprichwörtlich von hinten aufzäumen. Wenn ein Hinterfuß nach vorne greift, wird das Becken des Pferdes in Bewegung gesetzt. Das Becken bewegt sich in Bewegungsrichtung des nach vorne greifenden Hinterbeins ebenso nach vorne-unten, auf der gegenüberliegenden Seite nach hinten oben. Von der Hinterhand ausgehend kommt es zu einer Kraftübertragung auf die Wirbelsäule. Hier werden Schwingungen weitergegeben. Bent Branderup zitierte hier Friedrich von Krane, der diesen Schwung als erster in der Literatur beschreibt.

Die Tätigkeit aus der Hinterhand führt als  zu einer Platzierung des Pferdeskopfes. Das wußten – so Bent Branderup, auch die alten Reitervölker:

„Sie kamen zu der Erkenntnis, dass das Pferd besonders schön zu reiten ist, wenn es eine bestimmte Haltung einnimmt. Heute bekriegen die Menschen aber leider das Symptom (wenn das Pferd nicht nachgibt), als die Ursache dafür zu erschaffen. Was wir vorne in der Hand haben, haben wir von hinten nicht erarbeitet. Was wir in der Reiterhand spüren, ist bereits Vergangenheit. Das Leben muss vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden. Genau so verhält es sich auch mit dem Reiten“.

Wir müssen unsere Pferde demnach vorwärts reiten und die Informationen, die wir an die Hand bekommen entschüsseln. Das Gewicht der Pferde ruht auf den Füßen. Nehme ich als Reiter Gewicht und Druck in meine Hand, erzeuge ich somit auch Druck nach vorne. Das Pferd kann entweder an die Hand herantreten oder in die Hand schieben oder sich aufrollen. Bent Branderup warnte ausdrücklich auch vor der falschen Leichtigkeit.

„So bezeichne ich eine konstante Anlehnung vielmehr als konstanten Informationsaustausch“.

Zu tief, zu hoch und natürlich zu schief…

Weiter ging es im Theorievortrag mit dem „Nackenband“. Senkt das Pferd den Kopf zum Grasen, hilft das Nackenband den Rücken hochzubekommen. Allerdings nicht ein Leben lang. Denn das Nackenband leiert aus. In Punkto Dehnungshaltung müsse man eine goldene Mitte finden. Kommen Kopf und Hals zu tief, würde das Buggelenk blockiert. Auf die Vorhand gebracht schiebt das Pferd nun sein Vorderbein rückwärts unter den Körper (unter den Reiter), wo doch eigentlich das Hinterbein auffußen sollte. Wie gut es um die Schulterfreiheit bestellt ist, lässt sich – so der dänische Reitmeister – an dem stehenden Vorderbein erkennen. Dieses soll möglichst wenig unter den Bauch geschoben werden.

_MG_9954bDie Länge im Hals brauchen wir aber unbedingt zum Öffnen der Ganasche, schließlich besteht bei zu enger Kopfhaltung das Risiko zwischen Unterkiefer und Atlas (erster Halswirbel) die Ohrspeicheldrüse zu quetschen. In korrekter Biegung und Stellung macht der Unterkiefer eine Bewegung nach außen. In Linksstellung würde er nach rechts außen wandern. Das Nackenband springt dann nach innen über. Wo hohle und schiefe Seite liegen, lässt sich daher auch an der Lage der Mähne erkennen. Gespannfahrer nutzen dieses optische Signal und spannten daher, so Bent Branderup, auch ein Pferd mit Mähne nach links, eines mit Mähne nach rechts gerne gemeinsam ein, um ein wirksames Mittel gegen die natürliche Schiefe zu gebrauchen.

„Diese natürliche Schiefe lässt sich auch bei uns Menschen feststellen. Für den Praxistest eignet sich ein Spaziergang ohne fixen Anhaltspunkt durch die Wüste. Je nach Links-oder Rechtshändigkeit; Der Mensch würde im Kreis laufen und wieder am Ausgangspunkt angelangen.

So antwortet Lehrmeister Pluvninel dem junge König im 16. Jahrhundert auf dessen Frage nach der Zweckmässigkeit der Seitengänge: „Wir reiten die Seitengänge, um geraderichten zu können“.“

Vom Stehen bis zum Galopp

Egal ob wir im Stehen, im Trab oder Galopp arbeiten – es sind immer die gleichen Muskeln, Bänder und Gelenke die gearbeitet werden. Die Schwierigeit besteht ja eher für den Menschen bei zunehmendem Schwung korrekt und eindeutig in der Hilfengebung zu bleiben. Überhaupt – spüren lernen ist für Branderup eines der wichtigsten Elemente der Reitkunst.

„Die Hand muss lernen zu spüren, woher die Spannung kommt. Es kann sein, dass sich Gewebe im Halswirbelbereich verhärtet hat, es kann sein, dass de Schulter feststeht. Was man am Kopf tut, muss sich in der Hüfte widerspiegeln und umgekehrt. Wenn wir mit dem Pferd arbeiten, müssen wir immer die Gesamtheit sehen. Der fortgeschrittene Reiter spürt in einer korrekten Parade dann keinen Widerstand mehr. Im Vierten Jahrhundert vor Christus beschreibt Xenophon die Parade bereits als Nachgeben des Pferdes in allen Gelenken der Hinterhand. Wer das versteht, hat die Reitkunst verstanden. Auch der Lord of Newcastle betont dass die ganze Reitkunst darin besteht, das Pferd gut auf die Hanken zu bringen“.

Bent Branderup kritisiert, dass wir sehr oft bei Stillstand in der Ausbildung dem Pferd mangelnde Fähigkeiten attestieren. Seiner Meinung nach müssen wir aber als Ausbilder einen besseren Weg finden, um das PFerd zu gymnastizieren. Wir müssen uns ständig hinterfragen und uns gute Werkzeuge erarbeiten. Dabei sei es wichtig eine gemeinsame Sprache zu finden. Pferdesprache allerdings, das würden Pferde nur von Pferden lernen.

Die Sache mit der Tragkraft…

IMG_2661_2Um Balance zu veranschaulichen, gab es ein gedankliches Beispiel von der Suppenschüssel, die in der Mitte des Tisches platziert wird. Was würde wohl passieren, wenn die Suppenschüssel auf einem wenig stabilen Tisch in die linke Tischecke gestellt würde? So verdeutlicht die Suppenschüssel, warum es für Pferd und Reiter so wichitg ist einen gemeinsamen Schwerpunkt zu finden.

„Besitzt das Pferd keine Tragkraft, kann ich mich als Reiter trotzdem nicht auf eine kleine Statur und zarte Figur ausreden. Der Rücken kommt zu Schaden.

Die Römerwege führen heute noch quer durch Europa. Viele Jahrhunderte vor Erfindung des Hufeisens wurde hier geritten. Das wäre ohne Tragkraft nicht möglich gewesen. Seit Jahrtausenden wurden die Pferde auf Tragkraft gezüchtet. In den letzten 200 Jahren hat man jedoch Kutschpferde mit englischen Rennpferden gekreuzt. Das Ergebnis: Wir haben nun viele Pferde, die den Brustkorb nach vorne drücken und über viel Schub-, aber wenig Tragkraft verfügen“

Und die Geschichte von den Indern?

Mit vielen Anekdoten und einem gewaltigen Hintergrundwissen rund um Biomechanik, Psyche und Pferdezucht fesselte Bent Branderup das Publikum. Durch seine Erklärungen rund um Biomechanik und Motorik des Pferdes gab es viele Aha-Erlebnisse. Was aber, bei individuellen Wahrnehmungen – beispielsweise auf der Suche nach Harmonie?

„Vier blinde Inder ertasten einen Elefanten. Der eine ertastet ein Ohr, der nächste einen Fuß, wieder einer den Rüssel und der vierte die Schwanzquaste. Jeder hat nun ein anderes Bild vom Elefenaten im Kopf. Der erste beschreibt es als Pergament, der nächste als beweglichen Baum usw..
In der Reitkunst helfen uns auch Erfahrung und Empirie. Aber alle Erfahrungen einer Person können nicht ausreichen, um die Reitkunst zu beschreiben. Wie fühlt sich Harmonie an? Nur weil es sich harmonisch anfühlt, sagt das noch nichts über die Anwesenheit von Harmonie aus. Ist Harmonie die Abwesenheit von gefühlten Problemen? Dann neigt der Reiter zur Überkorrektur, weil er etwas spüren möchte“.

Wer bin ich in den Augen meines Pferdes – diese Frage stellt der dänische Ausbilder immer wieder seinem Publikum. Wir sind ja dieselben Menschen, die aus ihrem Alltag heraus aufs Pferd steigen. Wer sich auch im Alltag schlecht bewegt und schlecht hält, der strahlt auf dem Pferd das gleiche aus. Daher warnte Branderup die eigene Körperdynamik und Körpersprache nicht außer Acht zu lassen, wenn wir uns mit Pferden beschäftigen. Daher sein Tipp:

„Trau dich schön zu sein, wenn du auf dein Pferd steigst!“

Ich muss gestehen, Bent Branderup regt mit seinem Vortrag nicht nur zum „reiterlichen“ Nachdenken an. Reiten ist so viel mehr als sich auf ein Pferd zu setzen und oben zu bleiben. Reiten ist – so schreibt Branderup auch in seinem Buch „Akademische Reitkunst“ Lebenskunst.

Und mit einem großen Schmunzeln komme ich zum heutigen Schlusswort:

Trauen wir uns also schön zu sein, dann Reiten wir Einfach 😉

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