Der denkende Reiter legt sein Pferd auf die Couch?

Der denkende Reiter legt sein Pferd auf die Couch?

Play-smile-and practice – das ist das Motto des schwedischen Bent Branderup-Trainers Christofer Dahlgren, den wir kommendes Wochenende in Graz zum ersten Mal begrüßen werden. Letzte Woche hat er mir im Interview erzählt, warum Entspannung der Schlüssel zur Ausbildung der Pferde ist. Im Gespräch mit Christofer hat mich vor allem beeindruckt, wie viele Gedanken sich der Ausbilder vor allem über die Psyche des Pferdes macht.

Dies hab ich mir zum Anlass genommen, mich im heutigen Blog mit dem „denkenden Reiter“ zu befassen. Über den Reitertakt könnt ihr hier nachlesen.

Warum reiten wir eigentlich Lektionen, um das Pferd zu schulen? Diese Gedanken haben sich bereits 1733 Francois Robichon de la Guérinière, 1814 der Oberbereiter der spanischen Hofreitschule – Max von Weyrother und Exzellenz von Hohlbein 1898 gemacht und schreiben in ihren Werken immer wieder vom denkenden Reiter, der durch die Arbeit mit dem Pferd an verschiedensten Lektionen die Stärken und Schwächen des Pferdes herausfindet. Dahlgren empfiehlt auch hier herauszufinden, ob sich ein Pferd beispielsweise in der Bewegung oder im Stehen besser lösen und entspannen kann.

In dieselbe Kerbe schlägt Exzellenz von Hohlbein in seinen „Directiven“:

„…dass jeder denkende Reiter Auskunft geben können müsse, warum und zu welchem Zeitpunkt er verschiedene Übungen von seinem Pferd verlangt. Ein denkender Reiter wird, die Stärken seines Pferdes ausnützend, an die Behebung seiner Schwächen herangehen. Damit wird er dem Pferd das Lernen erleichtern und sich selbst viel Zeit ersparen. Allerdings darf er sich nicht in den Schwächen seines Pferdes vergessen, ein Fehler, der nur allzu leicht aus jeder in jedem Menschen wohnenden Eitelkeit geboren werden kann. Grundbedingung ist also, dass der Reiter den Körperbau seines Pferdes kennt und ihn beurteilen kann“.

Für den Reiter heißt das also auf die Individualität seines Pferdes einzugehen. Um noch einmal Christofer Dahlgrens Philosophie zu betonen: Play – smile – and practice: Demnach erreicht man nur bei guter Stimmung des Pferdes eine hohe Leistungsbereitschaft.

Sich Zeit lassen

Auch dieses Credo behält der denkende Reiter stets im Kopf. Immer wieder lese ich in Foren bzw. höre ich in Diskussionen von der „guten alten Zeit, wo man sich Zeit gelassen hat“.

„Sich Zeit lassen. Das ist eine Erkenntnis, die gerade in unserer schnelllebigen und nach raschen Erfolgen heischenden Zeit nicht oft genug in Erinnerung gebracht werden kann“.

Ein aktuelles Zitat? Die gute „alte Zeit“? Mitnichten. So formulierte es der Oberbereiter der Wiener Hofreitschule Alois Podhajsky in seinem Werk „Die klassische Reitkunst“ 1965. Und er ergänzt:

„Effekthascherei und besonderer Auswüchse persönlicher Eitelkeit werden niemals zur Richtschnur für die Entwicklung einer Kunst werden können.“

Was heißt sich Zeit lassen? Mitunter der wichtigste Satz in der Pferdeausbildung, denn wer schnelle Fortschritte auf Kosten der Korrektheit erzwingt, landet rasch in der Sackgasse und arbeitet möglicherweise gegen das Temperament des Pferdes. Auch hier eine Weisheit des Oberst der Wiener Hofreitschule:

„Bekanntlich kommt man über Mängel im Körperbau leichter hinweg als über Temperamentfehler. Ja, diese wird der Reiter nur dann erfassen können, wenn es ihm gelingt, sich ganz in das Wesen seines vierbeinigen Mitarbeiters hineinzudenken. Deshalb muss der gute Reiter auch ein guter Psychologe sein“.

Auf die Couch gelegt?

Man mucouch2ss kein Sigmund Freud sein, um sinnvoll mit seinem Pferd zu arbeiten. Gerne wird die Faustregel herangezogen: Temperamentvoller Reiter für eher ruhiges Pferd und umgekehrt. Auf Faustregeln sollte man sich aber gerade in der Reiterei nicht verlassen – denn kein Pferd reagiert strikt nach dem Lehrbuch. Vielmehr geht es darum – so hat es Jossy Reynvoet in seinem Kurs im April schön formuliert – „ein Entdecker zu werden und kein Pauschaltourist“.
Keine einfache Sache – gerade wenn Mensch und Pferd zusammen arbeiten kommt es gerne zu Interpretationen und „Schuldzuweisungen“. Für eigene Fehler darf das Pferd aber nicht als Sündenbock missbraucht werden.

Der Reiter darf auch nie vergessen, über Ursache und Wirkung nachzudenken. Warum reiten wir welche Lektionen und welche von ihnen wähle ich in welcher Situation für mein Pferd. Eine kleine Anregung zur Trainingsvorbereitung kann hier mein Trainingstagebuch geben.

„Nur so großes Wissen und reiche Erfahrung gepaart mit einem feinen Gefühl und vor allem einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen in andere Lebewesen werden den Reiter zum individuellen Ausbilder heranreifen lassen und ihn dazu befähigen, sich vom Handwerksmäßigen zur Kunst zu erheben“. (Alois Podhajsky).

Für mich ist der denkende Reiter einer, der hinterfragt, Antworten sucht und sich nicht mit: „das war schon immer so“-Erklärungen zufrieden gibt. Hier komme ich noch einmal auf Christofer Dahlgren zurück. Seiner Meinung nach liegt es oft an der „Verhaftung im System“, wenn schlechtes Reiten zutage kommt. Schließlich streben viele Reitdisziplinen nach Leichtigkeit – die Ausbildung dürfe aber nicht stur in einer Systemverliebtheit stecken bleiben.

Ich freue mich schon sehr auf den Kurs am kommenden Wochenende mit Christofer Dahlgren. Ich bin schon sehr gespannt, wie Christofer unsere Pferde analysiert und welche Tipps er uns für die „psychologische“ Arbeit kombiniert mit Biomechanik auf unsere Reise zur Reitkunst mitgeben wird.

In diesem Sinne – werden wir zum Psychologen für unser Pferd – dann Reiten wir Einfach 🙂

signature2

Relax – take it easy – Interview mit Christofer Dahlgren

Relax – take it easy – Interview mit Christofer Dahlgren

Der Vorteil der Sommerakademie der Akademischen Reitkunst? Man lernt tolle Ausbilder kennen! Der Nachteil: Sie wohnen oft weit weit weg. Aus dem Nachteil einen Vorteil machen: Der Schwede Christofer Dahlgren kommt am 30. und 31. August nach Graz, um uns in „seiner“ Disziplin „Relax-Reitkunst“ – vom fortgeschrittenen Longieren bis zur Levade  – Inputs zu geben. Auf der Sommerakademie in Dänemark habe ich ihn vorab für alle Interessierten interviewt:

Why did you choose the Academic Art of Riding to educate horses?

Christofer: 15 years ago i bought an arabian gelding. He was a pleasure to ride – but only in an indoor riding arena. At that time I read an article about the Academic Art of Riding and became interested. It was my horse that chose that path for me, because he liked this kind of training and thanks to him I also found my way in the Academic Art of Riding.

foto1Relaxation is one of your most important keywords. Why is it so essential for you to check if the horse is relaxed?

Christofer: Without relaxation you cannot communicate. Training a horse means always to start with relaxation. So – as a rider or trainer you have to ask yourself: Is movement helping the horse to relax or is work in standing, or playing with the horse the key to get the relaxation. Playing means to me: Smile and practice. Find out what your horse likes to do – then smile.  The work has to start with a smile in your face. Smiling is important to avoid mental pressure of the horse.

Your YouTube video about you and Saxo – showing the advanded lungeing – became really famous -what is your secret of advanced lungeing?

Christofer: I started with this kind of lungework three years ago because I wanted to learn something new. I already had a proper basis with Saxo but i wanted to work on canter and more collection and pirouettes. And I wanted to work the horse on the ground with more distance, so I had to find a way to work him on the lunge. During the next 3 – 5 month I discovered how to move the shoulders and control the hindlegs of the horse while lungeing it. The secret of the advanced lungeing is giving a proper frame to the horse – then you can ask for collection. I became inspired by my wife who does a lot of liberty dressage training. So I took some parts of the liberty dressage training which were suitable for the advanced lungeing training.

You told me that you see different types of characters in horses. can you tell me more about that?

Christofer: I use the definition by Pat Parelli: So we can talk about a left brain (which means a self confident horse) or a right brain (an insecure horse), or an introvert or extrovert type. Those different characters CAN help to decide how to start the training of a horse. But: Horses never behave like written in theory. So it is very important not to be fixed on these characterizations.

Christofer DalgrenWhy is it so crucial to develop and to work on the mindset of the horse?

Christofer: Well, because no body can work without it`s mind. We need the horses to WANT. Everyone will agree that the body, or biomechanics moves the horse – but the mind is the motor of all energy. You will never be able to treat horses the same and you will never be able to train a horse that does not want to be, play and work with you.

What can riders and spectators expect at the clinic in Graz?

Christofer: The clinic will contain the work on relaxation, balance, groundwork, advanced lungeing, clean gates, transitions and collection. BUT: Collection without relaxation will be a big NO NO! And our theory participants will be active as well. We will have also practical theory!

At the Summer Academy we were talking about aids. You told me that less is more, why?

Christofer: In our work with the horse we want to develop relaxation, lightness, balance and suppleness. Maybe we get the relaxation first and then start with the lightness and add the next goal and so on. We can’t have all at once. We have to work on straightness and bending to get a balanced horse. So the first step is how we approach the horse – how we ask for the bending. Start with a little bending and the horse will give you more motivation. So you can ask the horse to give a little more. Do not stress the horse. Instead be happy with a good result for that moment. If you ask for less you also have the opportunity to explain the horse the purpose of the aids and exercises.

You combine horsemanship and art of riding. Your keyword is relaxation. What is your opinion about the accusation of too much pressure in the horsemanship work these days?

Christofer: There are so many methods which provide good technical content. But you will never be able to work a horse without the proper feeling. So I recommend to everybody to school and work with empathy. Never be too technical because no horse is a mathematical equation. If you press button A you expect to get a decent Piaffe? That`s ridiculous. Bad horsemanship means for me: Chasing the horse around without giving it any options to react. A better way is to invite the horse to resolve a problem together with communication and relaxation. You can’t push a horse into a small corner where it has no option.

I really do not believe that there are so many dominant horses. I prefer to divide into well trained and untrained horses which sometimes seem to be dominant because they do not know what to expect. In my opinion working with domination is not good horsemanship – and it is never the system – it is always the human that gets it wrong. You can compare it with riding-systems: I don’t know a riding system that wants to develop stiff horses. You can say that there is no bad riding system. There are only many people who use a system in the wrong way. Good riding always stays good riding in a positive and trustful way.

Thank you Christofer Dahlgren for the interview!

 

In diesem Sinne – relax and take it easy – dann Reiten wir Einfach 🙂

signature2

Sommerakademie 2014

Sommerakademie 2014

4 Tage, über 100 Pferdebegeisterte, ein Brainpool zum Thema Schulschritt und ein packender Vortrag über equine Zahngesundheit, Diskussionen, Spaß und richtig gutes Essen – das war die Sommerakademie 2014.

Wenn einer eine Reise tut…

plakat…dann tut er sie nicht alleine. Vergangenen Mittwoch brachen wir zu sechst (vier Damen aus Graz und zwei aus Salzburg) auf nach Dänemark. Nach einer langen Anreise (Start in Graz um 03:00 Uhr), etlichen Umwegen (gesucht wird eine grüne Wiese, eine Allee und eine übersichtliche Zufahrt „ganz in der Nähe von Idestrupp“) kamen wir pünktlich wie die Feuerwehr zur Öffentlichen Abendarbeit in Lindegaard.

Bent Branderup und Kathrin Tannous präsentieren hier die Arbeit mit ihren Pferden. Vom jungen Frederiksborger Indus (Kathrins Nachwuchspferd) bis hin zu Routinier und Herzensbrecher Hugin gab es viel zu sehen. Bent kommentiere zwischen oder während der Ritte mit, selbstverständlich konnten auch Fragen gestellt werden.

Der Abend klang gemütlich bei Pizza und Wein aus.

Brainpool: Schulschritt

Donnerstag konnten wir erneut bei Bents und Kathrins Training zusehen. Mich hat vor allem die körperliche Entwicklung der Pferde sehr beeindruckt. Und: Nobody is perfect. So erzählte uns Bent auch ganz genau, mit welchen Herausforderungen er bei der Ausbildung seiner Pferde zurecht kommen musste. Breitbeiniges Fußen, Verlust der Balance bis hin zum Katzenbuckel in der Schulparade – gerade durch diese kniffligen Aufgaben konnten wir uns durch Bents Erfahrungsschatz ebenso wieder bereichern.

Am Nachmittag wurde „gebrainpoolt“. Diesmal ging es, wie im Vorjahr um den Schulschritt. Der Schulschritt ist in vielen alten Stichen und Gemälden abgebildet und wirkt – auf den ersten Blick wie eine Piaffe oder versammelter Trab. Allerdings handelt es sich bei diesen Bildern um einen zweitacktigen Schritt mit diagonaler Beinfolge mit Schritt-Rückenschwung. Bent Branderup bringt die Herausforderung für das Pferd dabei in seinem Buch „Akademische Reitkunst“ auf den Punkt:

„Die größte Schwierigkeit für das Pferd besteht darin, in der Ruhe des Schritts die Balance auf dem diagonalen Beinpaar am Boden zu halten. Dies ist eine sehr gute Vorbereitung auf die Piaffe, bei der es dem Pferd wesentlich leichter fallen wird, sich auszubalancieren, weil es nicht so lange auf dem diagonalen Beinpaar stehen muss“.

In weitere Folge und mit gesteigerter Balance auf dem diagonalen Beinpaar, lässt sich auch die Entwicklung der Passage fördern.

Die Herausforderung für den Brainpool der Ritterschaft: Die alten Meister beschreiben den Schulschritt relativ vage – oder anders gesagt – beschrieben wird das Endergebnis, nicht aber der Weg zum Schulschritt.

In einer gemeinsamen Runde wurden daher viele Beispiele aus der Arbeit mit dem Schulschritt präsentiert. Das Fazit: Eine zu starke Konzentration auf das Diagonalisieren der Beinpaare kann dazu führen, das Pferd zu stark auf die Schulter zu bringen. Daher ist es ratsam die Versammlung im viertaktigen Schritt zu beginnen. Auch über die Arbeit mit Energie wurde diskutiert. Hier ist der Reiter aufgefordert nach der Versammlung zu überprüfen, ob das Pferd mental und physisch wieder entspannen kann. Einige Reiter konnten außerdem berichten, durch die Arbeit mit dem Schulschritt besser zu fühlen, was im Pferd bzw. in der Biomechanik vorgeht.

Wichtigstes Fazit: In der gesamten Ausbildung – egal ob Schulschritt oder Basisarbeit – wer sich zu sehr auf die Theorie versteift, übersieht vielleicht in der Praxis ein wichtiges Detail. Schließlich sind Pferde eigenständige Wesen und kein Pferd verhält sich wie die Theorie im Buch.

Auf den Zahn gefühlt…

gebissFreitag Nachmittag stand dann ein besonders spannender Vortrag auf dem Programm. Torbjörn Lundström, einer der führenden Zahnspezialisten für Pferde (übrigens auch in der Humanmedizin als Zahnarzt und Kieferchirurg tätig) ließ uns fast drei Stunden lang an seinem Wissen in einem packenden Vortrag teilhaben und stand dann noch den ganzen Abend für Fragen und Diskussionen zur Verfügung. Von den Mythen der equinen Zahnheilkunde (Pferdezähne wachsen eben NICHT ein Leben lang) bis hin zu den Folgen des Zahnabschleifens (wer die Zähne des Pferdes schleift, raubt Lebensjahre, Zahnspitzen sind 84 Tage nach dem Schleifen wieder spürbar) bis hin zu mysteriösen Narben auf der Zunge (verursacht durch Parasitenbefall) – Torbjörn Lundström „bewaffnete“ uns quasi mit vielen Fragen für unsere heimischen Tierärzte beim nächsten Zahncheck. Für den Reiter sei es seiner Meinung nach unerlässlich auch hier – nicht nur wie in der Reitkunst – immer zu reflektieren und ebenso nachzufragen, warum, welche Behandlung beim Pferd gerade notwendig ist. Hier bekamen einen wichtigen Merksatz von Lundström mit:

„Lasse dein Pferd niemals behandeln, ohne dir die Methode und Gründe erklären zu lassen!“

Spannend waren natürlich auch die Ergebnisse aus der Forschung: So ist der Unterschied bezüglich Verletzungen im Maul zwischen gerittenen Pferden und ungerittenen Pferden rund 50%. 70% der Erkrankungen des Pferdemauls stehen im Zusammenhang mit dem Gebrauch des Pferdes (Arbeitspferd, Sportpferd).

Hier entfachte natürlich eine Diskussion bezüglich gebissloser Reitkunst oder Reitkunst mit Gebiss. Lundström warnte beim Reiten mit oder ohne Gebiss vor der Quantität des Drucks, der auf Zunge oder Nasenbein ausgeübt wird. Egal welche Ausrüstung, wer permanent „dran“ ist, reitet zu Lasten der Gesundheit des Pferdes. Hier ergänzte Bent um das Wissen der alten Meister:

„Stop the aid, as soon as the horse reacts“!

Torbjörn Lundström plädierte in seinem Schlusswort an die Reiter, das Wohlbefinden der Pferde immer im Auge zu behalten, denn:

„The horse comes first!“

Eine Reise geht zu Ende…

Überreichung des Gertenknaufs

Überreichung des Gertenknaufs

Am Samstag stand noch der „Round Table“ der Ritterschaft am Programm. Hier durfte ich mich aufgrund meines Updates als Squire in das Buch der Ritterschaft eintragen und bekam den silbernen Gertenknauf. Meine liebe Freundin Silke Linhart erhielt für ihre bestandene Piaffeprüfung ihren ersten Goldring für den Gertenknauf. Gratulation an Silke und Lurko!

Schade, dass die Sommerakademie auch heuer viel zu rasch vorbei ging. Ich habe viel aus den Gesprächen mit allen Reitern mitnehmen können und mich sehr über den lebendigen Austausch unter den „Pferdesüchtlern“ gefreut und mir viele Anregungen, vor allem für die Arbeit mit Tabby mitnehmen können.

Besondere Vorfreude herrscht nun auch auf die letzten beiden Kurse mit Christofer Dahlgren und Jossy Reynvoet – denn das ist das schöne an der Ritterschaft: hier macht keiner ein Geheimnis aus der Reitkunst – jeder lässt jeden sehr gerne und offen an seinem Wissen und Erfahrungsschatz teilhaben.

Teilen wir also unser Wissen – dann Reiten wir Einfach 🙂

signature2

PS: Und zum Abschluss noch ein kleiner Film von Bianca Grön über die heurige Sommerakademie:

Biegung – oder die Haupteigenschaft des guten Reitpferdes!

Biegung – oder die Haupteigenschaft des guten Reitpferdes!

Mit der „Biegung“ folgt Teil 2 der Lexikon-Serie rund um Begrifflichkeiten und Definitionen in der Reitkunst. Die korrekte „Längsbiegung“ wird durch eine möglichst gleichmäßige und kontinuierliche Seitwärtswölbung der Wirbelsäule – beginnend beim ersten Halswirbel bis zum letzten Schwanzwirbel angestrebt.

Wenn`s schiebt – dann bieg!

Sinn und Zweck der Biegung ist an der Geraderichtung des Pferdes zu arbeiten und das innere Hinterbein vermehrt zum Tragen zu bringen. Die biegende Arbeit – korrekt ausgeführt beeinflusst aber auch die Geschmeidigkeit des Pferdes und wirkt Steifheiten entgegen. Die Ausrichtung von Vorderhand auf Hinterhand, sowie die Fähigkeit kurze und scharfe Wendungen plötzlich und mit Leichtigkeit auszuführen, sowie die Korrektheit der Gänge sind der Biegearbeit zu verdanken. Die korrekte Seitenbiegung des Pferdes bezeichnet Gustav Steinbrecht auch als die „Haupteigenschaft des guten Reitpferdes“.

Die Aktivierung des inneren Hinterbeins und somit die korrekte Längsbiegung lassen sich am besten vom Boden aus – Schritt für Schritt erarbeiten: Tritt das innere Hinterbein in Richtung Schwerpunkt, kippt das Becken des Pferdes nach innen-unten ab, die Wirbelsäule wird gleichzeitig aufgewölbt.

Bevor es an die Bewegung geht, kann man dies gut im Stehen mit dem Pferd erarbeiten. Dabei gilt aber zu Beachten: Eine korrekte Stellung im Genick soll nicht mit einer starken Halsbiegung verwechselt werden. So schreibt Alois Podhajsky:

„Die seitliche Biegung ist erst dann vollkommen, wenn der Hals nicht mehr als der ganze Körper gebogen wird und das Pferd vor allem hinter den Ganaschen nachgibt“.

Eine korrekte Stellung beginnt beim ersten und zweiten Halswirbel durch die Drehung des Schädels. Der Kopf des Pferdes wird nach innen gewendet, der Unterkiefer sollte dabei nach außen rotieren. Hier ist die Arbeit mit dem Kappzaum einer Trense oder einem Halfter vorzuziehen. Die innere Ganasche rotiert dann unter den inneren Atlasflügel. Bent Branderup beschreibt in seinem Buch „Akademische Reitkunst“, wie sich diese Rotation fortsetzt und worauf man „Stichwort Blickschulung“ achten sollte:

„Diese Rotation pflanzt sich durch die Halswirbelsäule fort, führt zum Überspringen des Mähnenkamms nach innen und läuft durch die Brust- und Lendenwirbelsäule weiter bis zur Hüfte. Die innere Hüfte sollte nach vorne kommen, so dass das Pferd als Ganzes gebogen ist. Die gesamte äußere Oberlinie soll sich von der Hüfte bis zum Unterkiefer dehnen. Erst wenn das junge Pferd sich in Rechts- und Linksbiegung vorwärts abwärts streckt und sich auf die inner Hüfte stellen lässt, lasse ich es auf einem Zirkel gehen. Dieser hat eine Größe, die der Biegung des Pferdes entspricht. Fällt dem Pferd diese Übung schwer, bilde ich es zuerst im Untertreten auf dem Zirkel aus, sodass es lernt, sich auf der innern Hüfte zu tragen. Zu langen als auch zu kurzen Pferden kann es schwerfallen, mit dem inneren Hinterbein exakt den Schwerpunkt unter dem Körper zu finden.“

Jedes Pferd reagiert unterschiedlich, allerdings ist festzustellen, dass den meisten Pferden die Biegung auf einer Seite leichter fällt, manchmal muss man sogar aufpassen, die Biegung auf dieser „guten“ Seite nicht zu übertreiben. Auf der anderen Seite jedoch ist das Pferd dann steifer.

Die Sache mit der „Rippenbiegung“..

Als gängiger Begriff hat sich auch die „Rippenbiegung“ durchgesetzt – allerdings ist eine Rippenbiegung aus anatomischen Gründen nicht möglich, da die Zwischenrippenräume und die Rippenbreite dies fast unmöglich machen.

Auch Steinbrecht kritisiert diesen irreführenden Begriff:

„Von Biegung der Rippen, als fester Knochen kann nicht die Rede sein. Vielmehr ist das, was wir unter „Rippenbiegung“ verstehen, eine seitliche Biegung des Rückgrats, wodurch die Rippen der gebogenen Seite sich etwas zusammenschieben.“

Fühle die richtige Biegung..

Die richtige Biegung könne der Reiter, so Steinbrecht erfühlen:

„…durch einen sicheren und bequemen Sitz mit leichtem natürlichen Hang nach innen, den ihm das Pferd durch die Abspannung seiner Muskeln von selbst geben muss, wenn er es wendet oder auf zwei Hufschlägen reitet“.

Richtige Biegung bedingt außerdem eine ruhige Schenkellage des inneren Schenkels. Wird der Schwung der Hinterbeine des Pferdes ohne Spannung durch den ganzen Körper bis zum Pferdekopf durchgelassen, wird das Pferd das Genick hergeben und in der Hand leicht.

Reiten wir also Einfach – mit Hilfe der korrekten Biegung 🙂

Fotocredit: Danke an Katharina Gerletz-Fotografie für den Foto-Support!

signature2

 

Pin It on Pinterest