Mal ein Auge zudrücken – Interview mit Claudia Strauß

Mal ein Auge zudrücken – Interview mit Claudia Strauß

„Man sieht nur mit dem Herzen gut – das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Wer kennt es nicht, das Zitat entnommen aus „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Reiten, Zeit mit dem Pferd zu verbringen bedeutet ebenso mit dem Herzen zu sehen und salopp gesagt, mit dem Po zu spüren. Neben dem richtigen „Reitertakt„, um den es letzte Woche in meinem Blog ging, schadet es jedoch keinesfalls den Blick zu schulen.

Claudia Strauß, lizensierte Bent Branderup Trainerin aus der Oberschwaig in Bayern bietet genau dafür unter anderem Seminare in Punkto „Blickschulung“ an. Ein guter Grund für ein weiteres Interview:

Wie schult man denn deiner Meinung nach am Besten seinen Blick?

Claudia: Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus lernt man am besten seinen Blick zu schulen bei Bent Branderup – Seminaren und Kursen von anderen guten Ausbildern. Für den Zuschauer ist ein Seminar dann effektiv, wenn der Lehrer seine visuelle Einschätzung und seine Erkenntnisse daraus transparent macht. Man sieht bei solchen Kursen ja auch unterschiedliche Pferde und eine Veränderung in deren Statik und Bewegung.

Des Weiteren helfen mir Video- oder Bildmaterial über meine eigene Arbeit. Hier kann ich in aller Ruhe analysieren und vor allem Momente, die sich besonders gut angefühlt haben, visuell erfassen und dann verknüpfen. Letztlich gilt es, einerseits über den Blick das Gefühl zu entwickeln und andererseits durch die intensive Auseinandersetzung mit der Anatomie und Biomechanik des Pferdes seine naturgemäßen Bewegungen zu erhalten und zu fördern.Blickschulung

Hilft es denn, wenn man sich unterschiedliche Bilder und Fotographien ansieht?

Claudia: Ja sicher!  Zu beachten wäre hierbei, dass man wirklich vergleichbare Bilder heranzieht und festgelegte Bewertungskriterien anwendet. Gut auf Bildern zu analysieren sind das Exterieur, grundlegende Elemente wie Takt und Formgebung, aber auch bedingt die Losgelassenheit.

Der Vorteil der Bodenarbeit, ist ja, dass man das ganze Pferd im Überblick behalten kann – was aber, wenn man nun oben sitzt – gibt es hier auch ein paar Tipps für die richtige, sensorische „Po-Schulung“?

Claudia: Genauso wie vom Boden muss man Umschalten können zwischen der Gesamtwahrnehmung und der Fokussierung auf Details:

Kann ich entspannt sitzen? Wo können Ursachen für Spannungen und Widerstände im Pferd liegen? Reagiert das Pferd auf meinen Hang in der Hüfte – rotiert der Brustkorb mit dem gleichseitigen nach vorne schwingenden Hinterbein nach unten? …

Ich empfehle hier spezielle Sitzschulungen und guten Reitunterricht. Unabhängig davon sollte man so viel Zeit wie möglich im Sattel (verschiedener Pferde) verbringen – im Idealfall erlebt man bei einem mehrtägigen Wanderritt Reflexion und schonende Effizienz.

Wie kann man sich denn dein Seminar über die Blickschulung vorstellen?

Claudia: Mir ist wichtig nicht mit Negativ-Beispielen zu arbeiten. Ich versuche zu vermitteln, wie ich als Ausbilder das Pferd beurteile, wie ich selbst Informationen erfasse. Anhand von Fotografien, Filmen und auch bei der Arbeit mit meinen eigenen Pferden erkläre ich die grundsätzlichen Elemente wie Balance, Losgelassenheit, Durchlässigkeit, Tempo, Takt, Schwung im Sinne der Akademischen Reitkunst. Gemeinsam erarbeiten wir Checklisten und üben uns in der Vorgehensweise des Erfassens. Auch versuche ich die Teilnehmer für den weichen Blick zu sensibilisieren, andere Sinneserfahrungen wie das Gehör zu Schulen und ähnliches. Vieles ergibt sich auch durch die Dynamik der Gruppe. Im anschließenden Unterricht versuche ich meine visuellen Eindrücke besonders hervorzuheben.

Mitten in der Arbeit, kann schon einiges schief gehen – ein Verwerfen im Genick, die Hinterhand – „schreamst“ auf gut steirisch mal zur Seite (sprich sie fällt aus) – wenn man zehn Fehler gleichzeitig sieht, kann das auch schon mal überfordern. Was empfiehlst du – wie geht man da am besten an die Sache ran?

Claudia: Grundsätzlich überprüfe ich meine Arbeit hinsichtlich der Losgelassenheit des Pferdes. Ich empfehle, jederzeit den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu kennen und sich nicht zu scheuen dorthin zurück zu kehren. Von hier aus kann man erneut an den einzelnen Bausteinen arbeiten. Auch schadet es nichts sich an die bewährte Reihenfolge zu halten: 1. nicht stören 2. wahrnehmen 3. verändern….. oder einfach mal ein Auge zudrücken ; )

Die „Momentaufnahme“ wird ja mal gerne entweder als Entschuldigung gesehen, oder aber auch als besonders lobendes Beispiel – wie siehst du das?

Claudia: Fotos sagen nur die halbe Wahrheit. Bilder sind immer nur Teil- und Momentaufnahmen. Es gibt Momente innerhalb der Bewegungsphasen, die vorteilhaft wirken (z.B. Einbeinstütze hinten im Galopp), ebenso wie solche die immer ungünstig aussehen (z.B. Einbeinstütze vorne im Galopp). Ein guter Fotograf kennt die Kriterien eines guten Bildes. Ein reflektierter Reiter sollte sie ebenso kennen …Erfahrungsgemäß entstehen bei jedem Shooting (von Profis oder Laien) Bilder beiderlei Art. Zur Selbstanalyse sind alle Bilder interessant, in die Öffentlichkeit sollten nur ausgewählte Motive gelangen … was nicht heißt, dass auf einem stimmungsvollen Bild alles perfekt sein muss.

Zielt die Blickschulung nur aufs Pferd ab, oder auch auf den Reiter? Gibt es hier Tipps, wenn der Reiter einen Fehler erkennt, wie er sich hier das „richtige“ Bild von der Theorie in die Praxis holen kann?

Claudia: Das Seminar zur Blickschulung zielt hauptsächlich auf die Analyse des Pferdes ab. Aber bekanntlich sitzt der Fehler meist im Sattel ; ) … oder anders ausgedrückt: als Ausbilder muss ich immer neu einschätzen ob ich im Moment das Pferd fördern will oder den Menschen mehr begleiten muss. Dem Reiter biete ich gerne innere Bilder an um Veränderungen – vor allem bezüglich des Reitersitzes oder der primären Hilfengebung am Boden – nachhaltig zu erreichen. Deshalb sollten sich theoretischer und praktischer Unterricht gegenseitig ergänzen.

 

Schulen wir also unseren Blick und üben uns in Theorie und Praxis, dann Reiten wir Einfach 😉

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Vielen Dank an Claudia Strauß für das spannende Interview. Auf Claudias Facebook Seite, so wie Ihrer Homepage können Interessierte mehr über die lizensierte Bent Branderup Trainerin erfahren.

Fotocredit: Beitragsbild: A.Rückert, Bild im Artikel: Claudia Strauß

What a feeling – Der gefühlvolle Reiter

What a feeling – Der gefühlvolle Reiter

„Nach genauen Vorschriften und toten Buchstaben kann der Reiter ein Pferd wohl zur Maschine machen, aber nicht dressieren. Dies vermag er nur, wenn er sich von seinem Gefühl und seinem eigenen Urteil leiten lässt“.

Dieses Zitat entnommen aus Gustav Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“ verdeutlicht was der Reiter in erster Linie braucht: Gefühl.

Ich bin kürzlich umgezogen und habe dabei meine Reitliteratur gründlich ausgemistet. Darunter waren vor allem sehr viele Bücher, die ich ganz zu Beginn meiner Reise in die Pferdewelt verschlungen hatte. Woran es lag, sei dahingestellt: Aber in vielen Büchern, vor allem für Reitanfänger, Bücher rund um die ersten Reitabzeichen usw. fand ich erschreckend wenig, besser gesagt gar keinen Inhalte über das richtige Reitergefühl zu lesen, das Steinbrecht mit „Reitertakt“ oder „feinem Gefühl“ beschreibt.

Gerade in der heutigen Zeit muss alles immer schneller und möglichst auf Knopfdruck funktionieren. Viele Diskussionen rund ums Reiten arten dann in Gesprächen rund um die richtige Technik aus. Dabei gibt es doch gar keinen Knopfdruck am Pferd, der prompt eine Piaffe liefert.

 Kopf oder Bauchmensch?

Grundsätzlich würde ich mich eher als Bauchmenschen bezeichnen. Als ich die Akademische Reitkunst kennen lernte, war ich dennoch überrascht, wie lange es dauert, seinen Hintern zur „emphatischen Info-Aufnahmezentrale“ umzuschulen. Dazu kommt: wir sind als Mensch auch sehr daran gewöhnt, alles mit unseren Händen zu erledigen bzw. anzupacken. Das „Raubtier“ Mensch davon zu überzeugen, einmal geduldig zu sein, nicht immer gleich alles zu packen und zu fassen und genau zu fühlen, was da passiert ist kein leichtes Unterfangen.

Wie wichtig eine „Gefühlsschulung“ ist, wurde mir auch im heurigen Jahr beim Kurs mit Jossy Reynvoet klar, als mir die Augen verbunden wurden und ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Pferd blind longierte. „Schau nicht hin“ – war Jossys klare Anweisung. Ich sollte spüren, wie groß die Distanz zu meinem Pferd ist, ob ich unfreiwillig eine verwahrende oder treibende Position eingenommen hatte. Und trotzdem: Selbst blind gelang es mir erst nach ein paar Runden meinen Kopf „loszulassen“ vom dringenden Wunsch hinzusehen und hinzufassen. Mit dem Spüren kam die Erkenntnis, dass ich gar keine Augen benötige, um zu „sehen“ wo sich mein Pferd befindet, ob der Takt noch stimmt, ob ich lösen muss, ob die Schulter herein fällt und und und. Zusätzliches AHA Erlebnis: Für Körpersprache brauche ich keine Augen und „Kopf-Kontrolle“. Im Gegenteil, blind agiert man sogar besser.

Das bestätigt auch Steinbrecht:

„Wie der Blinde den zu prüfenden Gegenstand ganz sanft und leise mit den Fingerspitzen berührt, um nicht durch zu starken Druck die Tätigkeit der feinen Nerven zu beeinträchtigen, so ist es auch für den Reiter erste Bedingung, diejenigen Teile seines Körpers, durch die er sein Pferd zunächst fühlt, weich und natürlich zu lassen. Erfüllt sein Sitz diese Bedingung, so wird er bald die Bewegung der Pferdebeine fühlen, einzeln unterscheiden lernen und dadurch die Mittel gewinnen, so unbedingt über sie zu gebieten, als wären es seine eigenen. Wie sehr steife und gezwungene Körperhaltung das feine Reitergefühl beeinträchtigt sehen wir an manchem alten praktischen Reiter, der trotz vieljähriger Arbeit und Übung über die Fußsetzung seines Pferdes dennoch im Zweifel bleibt und sich in lächerlichen Gebärden mit den Augen davon zu überzeugen sucht“.

Der große deutsche Reitmeister kritisierte bereits zu seiner Zeit (1808-1885), dass es kaum Reitakademien mit ausgebildeten Schulpferden gab, auf denen der ungeübte Reiter seinen Sitz „erspüren“ konnte:

„Bei solcher Ausbildung, bei der sich durch gelegentliche leichte Erinnerung des Lehrers auch die schönen Formen des Sitzes ganz von selbst finden, gewann der Schüler von vornherein Freude und Genuss am Reiten und begründete fürs ganze Leben das, was das wichtigste fürs Reiten und besonders fürs Zureiten ist, das feine Reitergefühl. Es bedarf keiner Worte, dass in der Armee eine derartige Ausbildung der Rekruten kaum möglich ist. Der junge Mann aber, der sich der Reitkunst fachgemäß widmen will, dürfte nicht anders erzogen werden. Wenn daher heutzutage die Klage allgemein laut wird, dass wir keine Bereiter mehr haben, denen man ohne größte Sorge ein junges Pferd anvertrauen kann, so ist dies nur die natürliche Folge davon, dass es keine akademischen Reitschulen mehr gibt, auf denen Schulpferde ausgebildet werden, die dann die wahren Lehrer des Reiteleven abgeben“.

Fühlen lernen

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit kann man lernen, mehr auf sein Bauchgefühl zu hören ebenso. Dies lässt sich auch gut im Alltag üben – vor allem, wenn man bei der Arbeit sehr kopflastig gefordert ist, tut es immer wieder mal gut hineinzuhorchen in sich selbst. Aller Anfang ist schwer, mein Trainingstagebuch hat mir hier auch schon wertvolle Unterstützung geleistet – auch weil ich die Stimmung meiner Pferde analysiere und nicht nur die Lektionen, die nicht geklappt haben. Schließlich steht ja alles in einem großen Zusammenhang. Und immer wieder mal die Augen zu schließen und sich bewusst auf sein Gefühl zu verlassen, kann ebenso sehr hilfreich sein. Immer wieder lasse ich mich auch mal auf meinen Pferden in den Seitengängen im Schritt von einem Helfer vom Boden aus führen, um mein Gefühl für den Sitz zu schulen.

 

Reiten wir also einfach – mit Gefühl! 😉

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Ich pick mir mal das Beste raus….

Ich pick mir mal das Beste raus….

In der Mode ist der Stilmix oftmals ein Hit, aber trifft das auch beim Reiten zu? Immer wieder stolpere ich im direkten Gespräch, in Foren bzw. Internetdiskussionen auf folgenden Satz: „Ich möchte mir mit meinem Pferd einfach nur das Beste aus der Ausbildungsmethode xyz rauspicken“. Ein Satz der mich immer wieder mal zum Nachdenken angeregt hat.

Darf`s ein bisserl mehr sein?

„Ich pick mir mal das Beste raus“ hat für mich immer den Beigeschmack von:

Crème brûlée, ja bitte! Gesundes Grünzeug? Nein danke.

Vielleicht fußt dieser erste Gedanke ja streng gesehen auf meinem eigenen reiterlichen Werdegang. Aus einer Zeit, als ich es mir möglichst leicht machen wollte. So ritt ich quasi konzeptlos durch die Gegend, mal eine Abzweigung da, mal eine dort. Hauptsache, möglichst einfach zum Ziel.

Ist die Akademische Reitkunst beispielsweise eine Ansammlung des „Besten“? Grundsätzlich orientiert sich die Akademische Reitkunst ja an den Lehren der Alten Meister – wie beispielsweise Steinbrecht, Guérinière, Pluvinel oder Newcastle. Letzterer wird ja auch als der Erfinder des Schlaufzügels bezeichnet. Dass die Akademische Reitkunst den Einsatz von Hilfszügel und vor allem Schlaufzügel ablehnt, steht außer Frage.

Die Frage ist – wie „pedantisch“ oder „augenzwinkernd“ sollte man in der Ausbildung seines Pferdes sein. Eines meiner Lieblingszitate von Bent Branderup bezüglich der Pferdeausbildung lautet:

„Die Leute wissen eigentlich nicht, was sie wollen, aber sie wollen es jetzt“.

Wieder ein Blick in meine eigene Vergangenheit – wieder einmal kalt erwischt. Aber zum Glück habe ich dazu gelernt und tue es mit Freude weiterhin!

Ich denke, man kann sich in der Ausbildung seines Pferdes sehr wohl Anregungen und Ideen abholen, aber am Anfang muss ein klarer Weg stehen, ein klares Ziel, das man vor Augen hat und auch konsequent verfolgt.

Zwei lizensierte Bent Branderup Trainer – Jossy Reynvoet, der im April und wieder im Oktober zu Gast sein wird und Christofer Dahlgren, den wir im August in Graz erwarten, kombinieren Horsemanship mit Akademischer Reitkunst. Für alle, die partnerschaftlich mit ihrem Pferd arbeiten wollen, eine logische Konsequenz. Mit dem „Jungspund“ wird man ja am Anfang, bevor die an Biegung und Stellung feilende Bodenarbeit am Plan steht vor allem an der Beziehung, sowie an der Kommunikation durch  Körpersprache arbeiten müssen.

Zunächst das Ziel, dann also der Weg.

Was, wenn ich mich in der Ausbildung mit meinem Pferd fühle wie Sisyphos? Geduld ist vor allem in der Reiterei eine Tugend. Kritisch hinterfragt: Vielleicht liegt es ja auch nicht am Ausbildungskonzept, sondern am Mensch dahinter, wenn Fortschritte ausbleiben? Vielleicht arbeiten wir an Zielen, die unserem Pferd nicht unbedingt (jetzt sofort) möglich sind?

Und vielleicht bringen wir nicht immer die so notwendige Geduld auf, mit kleinen Schritten am großen Ziel zu arbeiten. Eine geschulte Parade klappt schließlich auch nicht von Heute auf Morgen.

ICH pick mir das Beste raus – aber ist dieses „Beste“ auch gut genug für mein Pferd?

In einer Welt der Kommunikationsgesellschaft, wo täglich tausende Videos in sozialen Foren und Netzwerken gepostet werden, ist es leicht sich ein Bild zu machen. Aber habe ich mir dann auch wirklich ein umfassendes Bild gemacht?

Ein Bild sagt mehr als tausend Worteaber umgekehrt wären manchmal tausend Worte notwendig, um ein Bild richtig interpretieren zu können. Was wir sehen ist eine Bewegung, Ausrüstungsgegenstände und einen Reiter, bzw., jemand der mit seinem Pferd arbeitet. Beispiel Zaum: Durch die Ausrüstung schließen viele Interpreten gerne auf das Handwerkszeug – ohne dazu passendes Hintergrundwissen ist das aber auch oft schwer. Auch über die Akademische Reitkunst habe ich Interpretationen gehört wie: „…die knallen jungen Pferden sofort eine Kandare rein“.

Nein das stimmt nicht. Wer das Konzept der Akademischen Reitkunst kennt, weiß, dass mit einem jungen Pferd lange und behutsam vom Boden aus gearbeitet wird. Auf blanke Kandare wird erst dann geritten, wenn die Primärhilfe – also der Sitz – Reiter und Pferd geläufig ist. Und sicherlich wird in der Akademischen Reitkunst nicht von „vorne“ nach „hinten“ gearbeitet. Die Reiterhand gehört zu den Sekundarhilfen.

Ein Bild kann uns also nicht sagen, ob ein Ausbildungskonzept das Beste für das Pferd ist. Selbst ausprobieren – und das am besten mit fachlich, kompetenter Unterstützung ist die Devise. Manchmal kann es aber passieren, dass sich das Pferd mit dem getesteten „Besten“ sehr wohl fühlt – der Reiter aber nicht mitkann.

Zu altbewährtem zurückkehren? Neues wagen? Einen Weg wagen, der ursprünglich nicht geplant war?

Und wenn wir aneinander vorbeireden?

Bildlich gesprochen? Wer schon einmal im Ausland war und die dortige Muttersprache schlecht beherrscht, weiß dass man dann gerne dazu neigt, seinen Worten mit Händen, Füßen, Grimassen und ähnlichem Nachdruck zu verleihen. Beim Pferd wollen wir flüstern, aber versteht es uns nicht gleich werden wir auch schon mal laut, oder schmeißen gleich die berüchtigte Flinte ins Korn. Ein Schuldiger wird schnell gefunden – „dieses Ausbildungskonzept war dann nichts für mein Pferd“.

Nun, vielleicht konnten wir es lediglich nicht gut genug „übersetzen“.

Der Fehler – das ist die grausame Wahrheit – sitzt leider immer im Sattel.

 

Fangen wir also damit an, zu wissen, was wir wollen, dann reiten wir einfach 😉

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Und wer bist du in den Augen deines Pferdes? Kursbericht Bent Branderup

Und wer bist du in den Augen deines Pferdes? Kursbericht Bent Branderup

Biomechanik, Primär- und Sekundarhilfen, sowie Pädagogik. Das alles stand beim Kurs mit Bent Branderup am 5. und 6. Juli in Graz am Programm. Rund 70 Pferdebegeisterte waren gekommen, um Bent Branderup und die Reitkunst zu erleben. Eine Fortsetzung ist für 2015 bereits in Planung!

Von primären und sekundären Hilfen…

 

Samstag früh, die Sonne strahlt und los geht’s mit der ersten Theorieeinheit über die Reiterhand, die Bent als sekundäre Hilfe bezeichnet. Die primäre Hilfe sei der Reitersitz, wobei Bent gleich eine Reise in die Vergangenheit zu Reitmeister Antoine de Pluvinel zeichnete:

BB Vortrag

BB Vortrag

„Pluvinel hatte bereits 1620 das Ziel, das Pferd alleine aus der Hüfte zu dirigieren. Bevor man das allerdings kann, braucht man Sekundarhilfen wie die Hand, um dem Pferd die Hilfen zu erklären“.

Besonderen Stellenwert in der Akademischen Reitkunst hat natürlich die Tätigkeit aus der Hinterhand, die sich in Tätigkeit der Muskelgruppen und Wirbelsäule, Knochen und Gelenke fortpflanzt.

„Friedrich von Krane beschreibt hier Schwung als Übertragung der dreidimensionalen Schwingung durch die Wirbelsäule bis zur Vorhand, also eine Übertragung auf Brustkorb und Schultern“.

Mit bildhaften Vergleichen erklärte Bent die Krafteingangswinkelung der Hinterhand („Das Pferd ist kein Gabelstapler mit einer Taillenlenkung“) und die Folgen falscher Wendungen, wenn das Pferd über das Vorderbein den Brustkorb herumschiebt. In den Seitengängen steht somit nicht das Kreuzen der Beine im Vordergrund, sondern das Heben des Brustkorbs und die freie Platzierung des Schulterblattes. Die Schwungübertragungsrichtung aus der Hinterhand mache, so Bent den Seitengang aus.

„Die Vorderbeine können keinen Schwung erzeugen, die Kraft aus der Hinterhand formt den Rücken und beeinflusst wie die Vorderbeine fußen“.

Wird es im Sattel unbequem, dann ist es auch für das Pferd unbequem attestierte Bent.

Weiter ging es mit der Einwirkung bzw. Einflussnahme auf das Genick des Pferdes: Bent erklärte hier sehr schön, den

Kurspremiere für Miriam und ihr "Schneewittchen"

Kurspremiere für Miriam und ihr Schneewittchen

Übergang zwischen erstem und zweiten Halswirbel und welchen Einfluss auch der Unterkiefer auf eine zu enge Genickstellung nimmt. So könne es keine freie Bewegung im Genick und somit auch keine Stellung und Biegung geben, wenn der Unterkiefer bei zu enger Einstellung gegen den Atlasflügel schlägt. Bent warnte davor, das Pferd nicht ungeniert in der Wirbelsäule zu formen und riet immer wieder zur Dehnung in eine längere Halsform.

Vorwärts abwärts – aber nicht zu tief

Bei einem zu tiefen Vorwärts-abwärts wird das Buggelenk blockiert und das Pferd schiebt über die Vorderbeine nach vorne. Es scheint zwar so, als würde sich der Widerrist heben, oftmals sacke aber der Brustkorb dahinter ab, erklärte Bent. Er warnte außerdem davor, das Pferd mit der Zügelhand „leichter“ machen zu wollen und brachte hier einen sehr bildhaften Vergleich:

„Können Sie einen Stuhl heben, auf dem Sie sitzen? Die Vorderhand kann nicht durch den Zügel gehoben werden, man kann das Pferd nur auffordern, auf der Hinterhand mehr Last aufzunehmen“.

Anschaulich erklärte Bent mit vielen Zeichnungen auf dem Flipchart die richtige Rotation der Wirbelsäule, die bereits am Unterkiefer ihren Anfang nimmt. Dieser müsse nach außen rotieren, was aber nur mit guter Ganaschenfreiheit gelinge.

 Die geschulte Hand spürt schließlich wo Spannungen liegen, wo Widerstände im Körper herkommen und wo sie sitzen.

 „Es geht nicht darum, die Symptome zu bekämpfen, sondern die Ursache zu finden“.

Bent kritisierte unser „kulturelles Gedächtnis“ von der „richtigen Halsposition“:

„Xenophon hatte weder Steigbügel noch Sattel. Trotzdem ist seine Armee vor 1.500 Jahren von Griechenland nach Persien geritten und das lange bevor Hufeisen erfunden waren. Wenn das Pferd damals nicht ordentlich über den Rücken gegangen wäre, wären ihm ja die Nieren aus den Ohren rausgekommen“.

Ebenso zum ersten Mal mit dabei: Ruth und "Sato"

Ebenso zum ersten Mal mit dabei: Ruth und Sato

Über die richtige Kopfplatzierung seien wahre Glaubenskriege ausgebrochen, ohne darauf zu achten, wie die der Brustkorb aus der Hinterhand getragen werde. Ausbinder verschlimmerten das Problem, hier würde man nach Bent ein Symptom erzeugen und nicht die Ursache. Der Ausbinder verhindere die Kontrolle, ob die Tätigkeit aus der Hinterhand den Kopf platziere.

Spannendes aus der Geschichte referierte Bent auch zur Zügelhand: In der gesamten Geschichte gab es nie Literatur über zweihändiges Reiten. Zügelführung bedeutete damals und heute noch Einwirkung auf den Hals und nicht auf den Kopf.

Zu Beginn der Ausbildung müsse das Pferd mit Hilfe des Kappzaumes das Nachgeben und anschießend erst Biegung und Stellung auf dem Zirkel lernen. („Geraderichten auf einer geometrischen Figur“). Vom Pferderücken aus, hat der Reiter nur die Möglichkeit mit der Hand nachzugeben – eine schwierige Sache, die nach François Robichon de La Guérinière nur drei richtige Reaktionen bedinge:

  1. Das normale Nachgeben im Vorwärts-abwärts
  2. Das „leichter“ werden in der Hand
  3. Das „Sinken der Reiterhand“, wenn das Pferd den Brustkobr hebt.

Bevor es in die erste Praxisstunde ging, erläuterte Bent die verschiedenen Führpositionen vom Boden aus: (Vor dem Pferd, neben dem Pferd innen oder außen, oder beim Langzügel von hinten). Bei der äußeren Führposition werden die vier Zügel in einer Hand gehalten, senkrecht über dem Mähnenkamm. Auch hier hat die Geschichte erstaunliches in die Gegenwart gebracht: „Nur deswegen lernen die Kinder heute in der Reitschule die Hände senkrecht zu stellen. Ziel war es damals über die Handbewegung nach innen den Widerrist mitzunehmen und die Schultern zu bewegen“.

8 Reiter, 8 Pferde, insgesamt 24 Reiteinheiten volle Konzentration!

Mein Fokus lag in der ersten Praxiseinheit auf der Boden- und Longenarbeit. Wir begannen mit der Lösungsarbeit im Stehen,

Pina und ich bei der Arbeit an der Longe

Anna und Pina bei der Arbeit an der Longe

Schultermobilisation und Paraden. Schulterherein, Kruppeherein, Traversalen, Schrittpirouetten komplettierten unsere Arbeit. Zum Abschluss zeigten wir noch, was wir an der Longe geübt hatten. Für Pina war es die erste Teilnahme an einem Seminar mit Bent Branderup; ich bin sehr stolz auf sie!!

Im Gleichgewicht, Entspannung, Marsch?

Die zweite Theorieeinheit widmete Bent ganz dem Thema „Reitersitz“, also der primären Hilfe.

Zu Beginn gab es kleine Sitz-Fühlübungen für die Theorieteilnehmer auf dem Sessel. Dann erläuterte Bent den physischen und den statischen Sitz, wobei es gilt beide Sitzhilfen so gut wie möglich zu trennen. Den versammelnden Sitz würden viele Reiter mit Spannung verwechseln. Grundsätzlich gilt auch hier – wie bei der Reiterhand: Aufspüren von Spannungen lernen, Balance erfühlen und sich dem Ausbildungsstand des Pferdes anpassen! Hier warnte Bent auch eingehend Vorwärts nicht mit Geschwindigkeit zu verwechseln. Auch Fehler in der Aufrichtung erläuterte Bent in allen Details, wobei es manchmal auch gilt, das Ohr zu schulen:

„Echte Versammlung und ein gut gehendes Pferd hört man nicht! Pferde ohne Balance sind lauter“!

petra

Aus dem Burgenland kamen Petra und Milo zum Kurs

Für viele Theoretiker stünde der Takt, gerade in der deutschen Reitlehre an erster Stelle. Bent Branderup warnte davor eine Reihung aufzustellen – die Elemente der Reitkunst bedingen sich schließlich gegenseitig und müssten daher nebeneinander stehen!

Im Stehen könne man sich auch einen guten Sitz erarbeiten, bzw. ein Bewusstsein für den eigenen Körper, schließlich geht es darum beide Sitzknochen unterschiedlich voneinander einzusetzen. Bei den Schenkelhilfen nannte Bent sechs unterschiedliche Funktionen:

  1. Den um sich biegenden Schenkel
  2. Der von sich wegbiegende Schenkel
  3. Der direkte Schenkel
  4. Der verwahrende Schenkel
  5. Der umrahmende, gleichseitige Schenkel
  6. Der versammelnde Schenkel
eva

Der König der Herzen – Eva mit Anton

Je mehr wir durch den Sitz wahrnehmen können, umso geschulter ist der Sitz! Die Sitz-Fühl-Schulung folgte gleich in der zweiten Reiteinheit.

8 Reiter und ihre Pferde hatten dabei das eine oder andere AHA-Erlebnis. Vom gefühlten vorschwingen des Hinterbeins, bis hin zu Piaffe und Levade – ich denke auch für jeden Zuschauer war etwas zum „Mitnehmen“ dabei.

Mit Pina haben wir an Übergängen zu Schulschritt, halben Tritten und in Richtung Piaffe gearbeitet. Mit diesen Themen hatte ich mich vor dem Kurs lediglich vom Boden aus beschäftigt und war dann sehr positiv überrascht, wie gut uns alles vom Sattel aus gelang.

Am Sonntag stand dann die Pädagogik im Zentrum von Bents drittem Vortrag:

Von Hämmern und Nägeln

Bent verglich die Reitkunst mit der Verfügbarkeit von Werkzeugen.

Silke und Lurko

Silke und Lurko in der Schulparade

 

Wer lediglich einen Hammer zur Hand hat, der würde – so Bent Branderup –  jedes Problem als Nagel sehen:

„Wir müssen das Ziel verstehen, das wir erreichen wollen. Basis kann nur Basis sein, wenn sie für etwas bestimmtes Basis ist!“

Bent betonte außerdem die Bedeutung, das Pferd physisch und psychisch zu verstehen. Es gibt keine schlechten Pferde, allerdings muss der Mensch entscheiden, ob das Pferd mit den Zielen, die er erreichen will auch passend gewählt sei. Ein Noriker wäre anders auszubilden als ein Achal Tekkiner.

 Das Werkzeug ist nicht der Sündenbock!

„Wenn man Pferden ein Metall ins Maul legt, ist es eine absolute Dummheit von einem weichen Gebiss zu reden. Den

Schuldigen beim Werkzeug zu suchen ist ein absoluter Irrtum, es ist immer die Hand schuld!“

Was uns Bent sagen will: In erster Linie geht es doch darum, Zeit mit seinem Pferd schön zu verbringen. Wer Lust und Freude an der

Heike und Cid

Heike und Cid

Ausbildung seines Pferdes verspürt, muss sich doch keinem Zeitdruck aussetzen und Ergebnisse künstlich durch den Einsatz von Hilfsmitteln heraufbeschwören.

Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können.

Sagiatora

Verena und Sagitario

Zwei wichtige Faktoren stehen in Bents Pädagogik im Mittelpunkt, nämlich Motivation und gegenseitiger Respekt. „Der moderne Begriff „Horsemanship“ hieß früher noch „Selbstverständlich“ – wir müssen manchmal nur den Opa fragen, der noch mit dem Fuhrwerk gearbeitet hat“, so Bent.

Sein Rat für den Beginn der Arbeit mit dem Pferd:  mit pädagogischen Aufgaben zu beginnen, die man selbst visualisieren könnte. Bevor das Pferd nicht den „Kindergarten“ (Hufe geben, Stillstehen, sich überall anfassen lassen) durchlaufen habe, könne es noch gar nicht in der Bahn gearbeitet werden.

Die Arbeit mit dem Pferd sollte IMMER mit Lob abgeschlossen werden. Also sollte man dem Pferd am Ende der Stunde eine Aufgabe stellen, die es garantiert lösen kann. Pferde, die aber immer über ihre Grenzen hinaus gymnastiziert werden, bekämen einen Muskelkater. So lernt das Pferd nur zu mogeln!

Anna und Pina

Anna und Pina

Und ganz wichtig: Sei in den Augen deines Pferdes ein guter Lehrer. Reite nicht für die Augen und Vorstellungen des Publikums!

Im Anschluss zeigen die Reiter Bent ihre persönliche Trainingsstruktur in den letzten Praxisstunden. Auch hier gab es noch für jeden viel Input und Hausübung von Bent. Ich freue mich nun, an den neuen Erkenntnissen zu üben und mehr und mehr zu spüren!

Der nächste Lehrgang mit Bent Branderup ist für 2015 bereits in Planung!

Reiten wir also einfach – indem wir täglich für unser Pferd ein guter Lehrer sind! 🙂

 

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PS: Danke an alle Teilnehmer für den spannenden Austausch, ich habe mich auch sehr über die Vernetzung mit euch gefreut!

Ein besonderer Dank wieder einmal an die großartige Katharina Gerletz-Fotografie für das Festhalten einiger, schöner Kursmomente!

Anlehnung. Ein Begriff, tausend Interpretationen.

Anlehnung. Ein Begriff, tausend Interpretationen.

Start der Lexikon-Serie rund um Begrifflichkeiten und Definitionen in der Reitkunst.
Und warum „Anlehnung“ oft zu falschen Schlüssen verleitet.

Lean on me?

Lean on me, when you’re not strong
And I’ll be your friend
I’ll help you carry on

Betrachtet man den Song von Bill Withers “Lean on me“ im Refrain genauer, mit einer rigorosen Erlaubnis zur Interpretation, dann fällt einem „carry“, also tragen (hier wird bei der Übersetzung ins Deutsche lediglich „carry“ also nicht „to carry on“ herangezogen) ins Auge.

Stichwort Tragkraft und Vorwärts

Viele Reiter sind fest davon überzeugt, dass Anlehnung lediglich auf Maul und Handeinwirkung beschränkt ist. Fälschlicherweise wird dann auch gleich Anlehnung mit „am Zügel gehen“ vermischt, oder das Ideal der Anlehnung mit „in die Hand ziehen“ beschrieben.

Hat hier etwa die „Stille Post“ in der Geschichte der Reitkunst zugeschlagen?

Der Begriff der Anlehnung kann eben die falsche Vorstellung forcieren, dabei soll sich das Pferd nicht auf die Hand lehnen oder stützen. Auch die Begriffe „ziehen“ oder „Zug“ haben nichts mit Anlehnung im Sinne klassischer Reitkunst gemein.

Wer sein Pferd in Anlehnung reiten möchte, muss sich in erster Linie mit dem Motor des Pferdes, der Hinterhand befassen. Gustav Steinbrecht bezeichnet die Zügel als Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul: „

Annehmen der Zügel erzeugt einen Druck des Gebisses auf die Laden und damit eine Einwirkung auf das Maul, die sich beim richtig gerittenen Pferde durch die ganze Wirbelreihe bis zum letzten Gelenk des Hinterbeins fortpflanzt“.

Dabei betont Steinbrecht aber das „leichte oder stete Ruhen des Mundstücks auf den Laden“ und gleichzeitig die Bedeutung des Vorwärts: „Weil aber diese erste Vorbedingung zur sicheren Führung, die Anlehnung nur durch die Schubkraft der Hinterbeine, also durch die Vorwärtsbewegung gewonnen werden kann, wird der verständige Reiter alles vermeiden, was dieser entgegenwirkt. Gleich dem klugen Feldherrn, der dem überlegenen Feind so lange auszuweichen sucht, bis er die nötige Verstärkung gewonnen hat, wird er daher vor allem die Vorwärtsbewegung unterhalten, unbekümmert darum, ob das Pferd dabei den Gang willkürlich wechselt oder von der beabsichtigten Linie abweicht. Er wird diesen Unregelmäßigkeiten zwar entgegenwirken und beides wieder abzustellen suchen, aber nicht durch aktives, sondern durch passives Verhalten, indem er das Pferd auf seine Bewegung weich eingehend, allmählich nur durch leicht andeutende Zeichen mit der Hand und geschickte Gewichtsverteilung auf die richtige Bahn zurückführt. Auf diese Weise bleibt das (junge) Pferd unbefangen, lernt seine Kräfte nicht zu Widersetzlichkeiten gebrauchen und gewinnt Vertrauen und Anlehnung“.

Steinbrechts Grundsatz: „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“, darf nicht mit hoher Geschwindigkeit zu reiten verwechselt werden. Mehr dazu hier
Überwiegt die Schubkraft zu sehr, wird das Pferd sich auf das Gebiss legen und in der Reiterhand eine Stütze, suchen, die Bent Branderup in seinen Theorievorträgen „als fünftes Bein des Pferdes“ bezeichnet.

Probleme in der Anlehnung (Hinter der Senkrechten, hinter dem Zügel, falscher Knick, auf dem Zügel, gegen den Zügel oder über den Zügel) sind primär nicht immer im Maul zu suchen (freilich gehört aber die regelmäßige Zahnkontrolle beispielsweise ebenso zu den Pflichten eines Pferdehalters und Reiters).

Der Reitersitz ist auch in Punkto Anlehnung die wichtigste Reiterhilfe. Wenn der innere Hinterfuß des Pferdes (vorausgesetzt wird eine Links- bzw. Rechtsstellung) abfusst, ist der richtige Moment die treibenden Hilfen einzusetzen. Durch die Platzierung des inneren Hinterbeins in Richtung Schwerpunkt (idealerweise zwischen die Abdrücke der beiden Vorderbeine) kommt es zu einer Formgebung durch die gesamte Wirbelreihe bis hin ans Pferdemaul. Durch die Arbeit aus der Hinterhand dehnt sich das Pferd an das Gebiss heran. Es entsteht eine Verbindung zwischen Hinterhand, Pferderücken, Reiterhand und Pferdemaul, die weich, federnd und gleichmäßig sein soll.

Steinbrecht unterscheidet bei der Stärke der Anlehnung drei Abstufungen:

  1. die leichte Anlehnung
  2. die weiche Anlehnung
  3. die feste Anlehnung

Muss der Zügel für Anlehnung straff sein?

Klare Antwort: Nein. Vielleicht finde ich persönlich das Wort „Anlehnung“ unglücklich gewählt. Steinbrecht beschreibt die ersten zwei Abstufungen jedenfalls folgendermaßen: „Die erste entspricht der Richtung auf die Hanke oder der hohen Schule, die zweite der ins Gleichgewicht oder dem Kampagne Reiten und die dritte der Richtung auf die Schultern oder dem Jagd und Rennreiten. Diesen Abstufungen entsprechend muss das Zügelmaß, die Anlehnung des Armes am Körper und namentlich die Biegung der Faust gewählt werden. Bei der leichten Anlehnung sind die Zügel am längsten, da ihre Anspannung möglichst gering sein soll, der Reiter seinen Körper leicht zurückneigt und seine Hand mehr an den Leib richtet, weil er nicht so viel Raum für seine fernen Anzüge bedarf. Die Faust ist halb geöffnet, so dass nur Daumen und Zeigefinger das Ende der Zügel halten, kleiner und vierter Finger aber nicht geschlossen werden“.

Steinbrecht sieht hierin den Vorteil einer weichen Handeinwirkung, mit sanfter Hand ohne große Bewegungen im Handgelenk. Bei der weichen Anlehnung beschreibt er ein kürzeres Zügelmaß mit stärkerer Anspannung der Zügel und stärkeren Handbewegungen: „Die Faust ist zur weichen Hand geformt, nämlich so geschlossen, dass das letzte Gelenk der Finger gestreckt ist und eine hohle Faust gebildet wird. Diese weiche Faustbildung bedingt auch noch eine schwächere Wirkung und bildet gleichsam ein Mittelding zwischen der leichten und der festen Hand. Sie wird von vielen Reitern allein richtig und zulässig betrachtet und sie haben Recht, wenn sie sich auf die Ausbildung von Kampagneschulen beschränken. Gehen sie aber darüber hinaus oder wollen sie das Pferd damit in natürlicher Richtung führen, so werden sie deren Unzulänglichkeit bald erfahren“.

Betrachten wir Steinbrechts Schilderungen von der leichten Anlehnung, so widerlegt Steinbrecht die Annahme ganz klar, dass Anlehnung einen straffen Zügel bedingt. Anlehnung kann also – wie das Ziel in der Akademischen Reitkunst – durchaus am längeren Zügel geritten werden. Die Anlehnung kann dann als korrekt bezeichnet werden, wenn das Pferd auf die Handeinwirkung reagiert, bzw. antwortet.

Warten wir also auf diese Antwort des Pferdes – dann reiten wir einfach 😉

Ein besonderes Dankeschön an die Models Bliki und Thesi, sowie Katharina Gerletz-Fotografie für den immer tollen Foto-Support! 🙂

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PS: Am kommenden Wochenende ist der Kurs mit Bent Branderup in Graz – ich freue mich schon auf den Austausch mit einigen von Euch und viele Inputs! Nächste Woche gibt es dann einen ausführlichen Kursbericht! 🙂

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