Trendumkehr oder weiterhin Glaubenskriege?

Trendumkehr oder weiterhin Glaubenskriege?

Er ist also wieder da – und mit ihm der Glaubenskrieg der Reitkulturen. Seit „Totilas“ Comeback vom letzten Wochenende wurde im Internet der nächste Shitstorm losgetreten.

Nur ein Satz zu Totilas Comeback: Mir persönlich hat es nicht gefallen. Und scheinbar ging es nicht nur mir so – alleine auf Facebook sind in zahllosen Gruppen Diskussionen über den Comeback-Ritt entfacht. Leider auch teilweise mit Kommentaren unter der Gürtellinie.

In der Kommunikationswissenschaft geht man davon aus, dass es in der Massenkommunikationsgesellschaft zu einer Realitätsinszenierung kommt. Konkret heißt es genau, dass Medien die Realität nicht abbilden können, sondern uns in der Regel eine höchst selektive, ungenaue, tendenziöse, verzerrte und konstruierte Weltsicht bieten.

Dass wir Reiter innerhalb der diversen Reitweisen und Stile ebenso dazu neigen, unser eigenes Weltbild zu skizzieren ist, so denke, ich bekannt. Das zeigt auch Facebook: Wer hier nach den verschiedenen Vertretern sucht, wird möglicherweise ziemlich überrascht…

Zwei Dinge, die mir zu denken geben…

Es gibt jene, die sich ihre Realität ohne „Wenn und Aber“ zurecht biegen. In der Diskussion in einer Facebook-Gruppe ob die Kandare bei Totilas „durchgefallen“ wäre, gab es einzelne Meinungen zu lesen, die die Ansicht vertraten: eine Kandare mit viel Zungenfreiheit – wie sie hier wohl Verwendung findet (scheinbar kann man sogar schon „inside Totilas“ Experte sein und weiß was im Maul liegt) – würde eben durchfallen, das müsse so sein.

Bei korrekter Verschnallung und Anpassung der Kinnkette ergibt sich allerdings maximal ein 45 Grad Winkel, wenn die Kandare richtig verschnallt ist. Über die Bedeutung einer hohen Zungenfreiheit habe ich bereits hier detailliert geschrieben.

Mein Fazit aus solchen Kommentaren: In der Reiterwelt gibt es noch immer viel zu viele Menschen, die nach dem folgenden Prinzip mit ihren Pferden arbeiten: das war schon immer so, das wird auch immer so bleiben – das muss so sein!

Ja, solche Meldungen, die aus einem Nichthinterfragen resultieren, machen mich tief betroffen. Tief betroffen deswegen, weil wir heute zunehmend in einer Welt leben, in der das Bedürfnis zunimmt, zumindest beim Konsum alles zu hinterfragen.

Wir wollen wissen, woher die Erdbeeren kommen, die wir im Supermarkt kaufen und der Kaffee muss doch bitte Fair Trade sein. Wir wollen beim Einkaufen ein umweltbewusst-freundliches Gewissen haben. Gut, aber beim Pferd bleiben wir auf halbem Wege stecken: Es gibt die Bio Karotte fürs geliebte Gauli, gleichzeitig aber den Schlaufzügel (der bitte biologisch abbaubar sein sollte).

Als ich den Weg in die Akademische Reitkunst eingeschlagen hatte, wurde mir nichts neu aufgequatscht und es ging um keine neue Erfindung der Reitkunst. Es ging um das Wissen der Alten Meister. Und ja, auch hier gab es bestimmt einen Haufen Irrwege – aber  wie schön  ich muss alte Fehler nicht nochmal machen, ich kann aus dem gesammelten Know-How der Reitkunst lernen.

Plötzlich ergaben alle Hilfen einen Sinn

Aber ich musste auch sehr viel und sehr tränenreich an mir arbeiten, denn die größte Arbeit war es, mir selbst einzugestehen, was ich alles falsch gemacht hatte. Ich habe Reiter beobachtet, denen die langwierige Arbeit im Schritt zu langsam erschien. Klar, wenn man es gewohnt ist eine Stunde volle Pulle zu reiten und ein Workout wie im Fitnesstraining hat, ist das Minimale und die Konzentration auf einige wenige Schritte sehr ungewohnt (vor allem lässt sich so nichts erschummeln!).

Außenstehende haben auch schon oft gesagt: „Aber ihr arbeitet ja nur im Schritt“, oder „ihr macht ja gar nix“, oder „die Pferde schwitzen nicht“. Ja das müssen sie nicht. Schweiß bedeutet nicht unbedingt ein gutes Ergebnis. Oft habe ich auch schon den Satz gehört: „Ich reite aber auch schon seit zwanzig Jahren und ich kann jetzt nicht mehr umlernen“. DOCH. Genau das geht.

Aber man muss Geduld haben. Vor allem mit sich selbst und mit den Pferden. Und man muss in der Lage sein, sich auch mal über kleinere Ergebnisse freuen zu können. Eigentlich reiten wir ja nur, weil wir ein schönes Hobby haben möchten, es ist also nie zu spät wirklich Reiten zu lernen. Ich hatte meine ersten Longestunden mit sechs Jahren. Mein hartes Urteil heute über mich selbst: danach bin ich zwanzig Jahre lang irgendwie oben gesessen. Und seit Oktober 2007 lerne ich die Reitkunst. Es ist nie zu spät. Wenn mich jemand fragt, wann ich Reiten gelernt habe, dann kann ich sagen: Spät, denn wirklich reiten gelernt habe ich mit 26. Es ist nie zu spät, „Einfach zu Reiten“!

Ich hätte jetzt wieder einen Artikel schreiben können über die negativen Folgen der Rollkur. Ich denke, diese Artikel kennen wir alle. Ich könnte auch über jene schreiben, die der Rollkur selbst niemals ein gutes Zeugnis ausstellen würden, im Training auf dem Weg zum Sieg aber dann doch auch „rollen“.

Was ich noch in diesen Artikel packen möchte ist mein Bauchgefühl. Ja, ich habe das Gefühl wir sind gerade auf einer Trendumkehr. Immer mehr Menschen möchten abseits von Schlaufzügel oder anderen Hilfszügeln ihr Pferd achtsam und mit Köpfchen arbeiten. Wissen, warum man was tut. Immer mehr Menschen interessieren sich auch für Kurse und Weiterbildungen abseits vom Reiten – ob es jetzt die korrekte Hufbearbeitung anbelangt oder die Fütterungsoptimierung.

Ja und es gibt auch Kurse, die Kindern den zwanglosen Umgang abseits des Sports mit Pferden näher bringen sollen – das so genannte FEBS Konzept. Hier geht es um die Beziehung zum Pferd, um das erste Fühlen und Spüren auf dem Pferd – weg vom „Hau drauf und gib ihm“: ein guter Anfang, möchte ich meinen!

Der Boulevard des Sports?

Man verzeihe mir den Vergleich: Es gibt drei Komponenten, die für die so genannte Boulevardzeitung als so genanntes „Qualitätsmerkmal“ herhalten: Blut, Busen und Babies. Ich denke von Blut und Drama haben wir langsam genug – das zeigt eben die ständige Nachfrage nach neuen Ausbildungswegen. Und der Hype um die Millionenpferde, deren Auftritte vielerorts auch nicht mehr für Bewunderung sorgen: Ein Phänomen wie beim Autounfall – man muss hinsehen?

Im Fall eines dänischen Sport-Reiters rund um eine blaue Zunge wollten die Sponsoren jüngst wohl nicht mehr hinsehen.

Vielleicht ist wie gesagt JETZT der Zeitpunkt der Trendumkehr.

Wer wirklich selbst den Willen hat, an sich und seinem eigenen Ausbildungskonzept etwas zu ändern – dem kann ich sagen:

NUR MUT! Es wird sicherlich nicht einfach, aus alten festgefahrenen Mustern auszubrechen, aber es zahlt sich definitiv aus.

 

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Kruppeherein – der zweite Streich beim Geraderichten

Kruppeherein – der zweite Streich beim Geraderichten

Neben dem Schulterherein gehört das Kruppeherein zu den wichtigsten Lektionen oder Meilensteinen auf dem Weg zur Reitkunst! Das Kruppeherein bereitet demnach auf Wendungen und Pirouetten vor; in der Gebrauchsreiterei, vor allem im Kampf war es die dominierende Seitwärtsbewegung!

Wie man es noch nennen kann?

Ziel ist es, dem Pferd beizubringen mit dem äußeren Hinterbein in Richtung Schwerpunkt zu fußen und dabei mehr Last aufzunehmen. Kruppeherein macht so die innere Schulter leichter, das äußere Hinterbein trägt dabei vermehrt und wird in der Schubkraft abgekürzt. Ein Ziel, das aber mehrere Namen hat: Travers, Traversale, Kruppeherein, Kruppeheraus, Croupe au Mur, Appuyer etc. Wer in der Grazer Region daheim ist: Croupe au Mur hat nichts mit der Mur (größter Fluß der Steiermark) zu tun 🙂  – an dieser Stelle ein kleiner Exkurs in die Geschichte: Salomon de Broue erwähnt das Kruppeherein bereits um 1600, Francois Robichon de la Gureniere schreibt 1733 über das Kruppeherein – und meldet bei dieser Lektion einige Zweifel und Befürchtungen an, vor allem, wenn der Seitengang dem Pferd in einer Art Schenkelweichen mit dem Kopf der Wand bzw. Mauer entlang beigebracht wird. Der französische Reitmeister kritisierte  hierbei, dass das Pferd zu abhängig von der Wand wird und den Seitengang ohne begrenzende Wand nicht mehr ausführt. De la Broue vertrat die gleiche Ansicht wie de la Gureniere und empfahl daher das Kruppeherein nur für Pferde, die schwer in der Hand zu reiten waren, aber mit einem genügend großen Abstand zur Wand. Auch Antoine de Pluvinel legte gerade auf die Arbeit mit und auf der Hinterhand einen besondern Schwerpunkt – gerade weil dies für die Gymnastizierung für die fürstliche Nahkampfreiterei eine besondere Rolle spielte.

Kein Kruppeherein ohne Schulterherein

Dass das korrekte Schulterherein die Basis für das Kruppeherein ist, betonen die Alten Meister bis hin zu Egon von Neindorff unisono: Auch Gustav Steinbrecht schreibt dazu in seinem „Gymnasium des Pferdes“:

„Ein richtiger Travers, das sei vorausgeschickt, kann nur aus dem Schulterherein hervorgehen, muss also ein richtiges Schulterherein in sich schließen….Das Travers mag daher dem Reiter während der Dressur als Probe für das Schulterherein dienen….“

Egon von Neindorff formuliert den Vorteil des bereits gut geübten Schulterherein wie folgt: „Da beim Pferd in der Stellung Kruppeheraus und Traversale die innere Hüfte vor der äußeren Hüfte steht, muss das äußere Hinterbein, um über das innere Hinterbein schränken zu können, stärker untertreten als im Schulterherein. Den Unterschied wird man leicht verstehen wenn man seine Aufmerksamkeit auf diesen Punkt richtet. Gleichzeitig beweist es, dass es einer der Vorteile des Schulterherein ist, einem Pferd beizubringen, leicht mit den Beinen zu schränken und sie übereinander zu setzen. Dies ist ein Hilfsmittel gegen alle Fehler, die auftreten können, wenn man dem Pferd das Traversieren beibringen möchte“.

Und wie es richtig klappt?

Egon von Neindorff betont bei der Erarbeitung der Geraderichtung geduldig zu sein: Seines Erachtens nach brauche man mindestens zwei Jahre, um ein junges Pferd ehrlich auf die Grundlagen für Geraderichten durch Seitengänge Schulterherein und Kruppeherein zu bringen:

„Ist es im Schulterherein gefestigt, so ist die Voraussetzung für Renvers, Travers und Traversalen gegeben“.

warum_gerte_socialVon Neindorff warnte aber davor, die Hinterhand „vorauseilen zu lassen“ und bezeichnet dies vor allem als Fehler von Korrekturpferden bzw. weniger biegsamen Pferden, die sich so der Lastaufnahme zu entziehen versuchen: „Also wohlgemerkt – selbst ein Kruppeherein mit nur geringer Abstellung ist keineswegs identisch mit einem schief gehenden Pferd, weil bei korrekter Ausführung dieser Übung die seitliche Biegung gleichmäßig vom Kopf bis zur Kruppe verlaufen wird. Aus dieser Forderung ergeben sich auch die Vorteile: Aktivieren der Hinterhand, Erhöhen von Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit“. Das richtige Kruppeherein wird also aus dem perfekten Schulterherein erarbeitet. Auch hier ist es ratsam mit der Hilfengebung vom Boden aus zu beginnen. Kennt das Pferd bereits Schulterherein, führt man es mit einer entsprechenden Biegung an die Bande. Am besten eignet sich die Führposition, in der der Reiter selbst rückwärts vor dem Pferd hergeht – die Gerte kann als innerer Zügel an den Hals gelegt werden. Durch diese Hilfe wird die Schulter des Pferdes zur Wand gebracht. Mit der Gerte kann man aber auch über den Rücken des Pferdes zur äußeren Kruppe zeigen und durch die Berührung mit der Gerte das Kruppeherein erzeugen. Auch hier gilt wie im Schulterherein: Weniger ist mehr – einige wenige Schritte genügen am Anfang absolut – und der Fokus liegt auf dem Inhalt der Lektion, wie Bent Branderup immer betont:

„Wie bei allen anderen Übungen sehe ich auch in einer Traversale nichts Vorteilhaftes, wenn das Hinterbein nicht zum Schwerpunkt greift, oder gar davon wegschiebt“.

Aufgessessen im Kruppeherein

Auch hier gilt, genau wie im Schulterherein: Der Reiter sitzt vermehrt auf dem inneren Sitzknochen – einerseits um die Biegung um den inneren Sitzknochen zu erhalten, andererseits um die gedehnten Muskeln der äußeren Oberlinie nicht zusätzlich zu belasten. Der äußere Zügel überwacht am Hals liegend die äußere Schulter, der innere Zügel erhält die Stellung und verwahrt die innere Schulter. Der innere Schenkel bleibt am Gurte liegen und sorgt für die Erhaltung der lateralen Biegung, der äußere Schenkel liegt etwas hinter dem Gurt und fordert das äußere Hinterbein im Moment des Abfußens auf, zum Schwerpunkt hinzutreten. Der Schwerpunkt des Reiters – quasi aus dem Bauch heraus wird nach vorne – innen – in Richtung des inneren Schulter des Pferdes verlagert. Und gleich wie beim Schulterherein gilt: Reiterschultern parallel zu Pferdeschultern, Reiterhülfte parallel zu Pferdehüfte.

Was gerne schief läuft im Seitengang?

Die Pferde drehen den Kopf nach links bzw. verwerfen sich im Genick besonders auf der rechten Hand im Schulterherein. Der Reiter erkennt diesen Fehler am rechten Ohr, das nun „tiefer“ erscheint.  Auf der linken Hand fällt gerne das äußere Hinterbein der Pferde aus. Im Travers und Renvers passieren dann häufig die gleichen Fehler. Steinbrecht attestierte dem Kruppeherein oder Travers eine fördernde und vorbereitende Wirkung für den Galopp, da diese Lektion „das Vorrichten der inneren Seite und fast gleichzeitiges Vorgreifen der inneren Beine erfordert“. Jungen Pferden erleichtere die Übung daher das Angaloppieren. Allerdings warnte auch Streinbrecht vor einer falschen und übertriebenen Anwendung, die sich vor allem im Trab leicht erkennen lässt durch Taktunreinheiten oder eine inkonstante Linienführung. An dieser Stelle sei noch einmal betont, dass es aber wichtig ist das gesamte Pferd zu betrachten und sich nicht nur auf ein Körperteil zu versteifen. Nur eine ganzheitliche Betrachtungsweise hilft bei der Detektivarbeit, wenn es darum geht Fehler aufzuspüren!

Reiten wir also einfach – mit Hilfe des Kruppeherein 😉

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Ca-ve-Was? Bianca Grön im Interview über das Cavemore

Ca-ve-Was? Bianca Grön im Interview über das Cavemore

Seit dem Kurs mit Branderup Trainer Jossy Reynvoet, der ja seinen Fokus ganz auf „Bitless Art of Riding“ legt, hat auch mich die Leidenschaft fürs gebisslose Reiten gänzlich gepackt. Branderup Trainerin Bianca Grön erzählt mir im Interview über die Entwicklung des Cavemore. 

Akademische Reitkunst ohne Gebiss? Diese Idee verfolgt mich bereits seit August 2013. Auf der Sommerakademie der Ritterschaft der Akademischen Reitkunst präsentierte Bent Branderup das von ihm entworfene Cavemore und natürlich musste ich sofort eines erwerben. Jetzt besitzen alle Pferde ihr eigenes Cavemore: Tabby trägt momentan Jossys Cavemore, Pina reite ich mit dem Cavemore, das von Bent Branderup entworfen wurde.

einfachreiten_kleinAber wie kam es eigentlich zur Entwicklung des Cavemore? Darüber wollte ich mehr von Bianca Grön wissen, bei der Interessierte das Cavemore auch erwerben können:

Gemeinsam mit Bent Branderup hast du das Cavemore entwickelt. Wie kam es überhaupt zu dieser Idee?

Bianca: Die Idee von dem Cavemore hatte Bent ganz alleine. Ich war eher diejenige, die diese Idee in die Tat umgesetzt hat.

Der Ursprung dieser Idee entstand mit Bents Jungpferd Cara, der sich nicht wohl fühlte, mit einem Gebiss im Mund. Eine Zahnärztin sagte hierzu, dass Cara eine sehr fleischige Zunge und einen flachen Gaumen hat, so dass jegliche Gebisse von ihm nicht allzugerne angenommen werden würden. Eines Tages wollte Bent somit eine gebisslose Zäumung probieren. Hierzu baute Bent an ein Hackamore, das ich noch herumliegen hatte, einfach zwei Ringe an, so dass nicht bloß die Hebelwirkung des Hackamores zu nutzen waren, sondern auch die Einwirkungen eines Kappzaumes. Das war die Geburtstunde der allerersten zunächst provisorischen Version des heutigen Cavemore.
Als wir dann später mit dem Cavemore in Produktion gingen, musste natürlich noch ein Name her. Bent hatte sich dann für das „Cavemore“ entschieden. Hier ist in der Wortfindung sowohl das Cavecon, als auch das Hackamore enthalten.

Kannst du ein bisschen über die Entwicklung erzählen? Wie kam das Cavemore zu seiner jetzigen Optik und Funktionalität?

Bianca: Als der Entschluß fest stand, dass das Cavemore produziert werden würde, war auch klar, dass es zudem hübscher sein sollte, als die Standard-Hackamore zu der Zeit. Für Bent ist die Funktion das Allerwichtigste, aber dennoch sollte das Cavemore auch dekorativ sein. Bei den Zeichnungen für die Shanks, also den Seitenteilen aus Metall, haben wir uns vom Stil her an der Renaissance Kandare von Bent orientiert, die er vor vielen Jahren entworfen hatte. Somit ist das Cavemore etwas verspielter, als die herkömmlichen Hackamore. Als der erste Prototyp entstand fiel mir auf, dass die Shanks direkt vor der Maulspalte des Pferdes hingen, was besonders bei meinem damaligen Hengst zum Problem wurde, da er ständig versucht hatte, dort hineinzubeißen. So haben wir einfach die Unterbäume umgezeichnet und so produzieren lassen, dass sie weiter nach hinten gebogen sind. Mit der jetzigen Form animieren sie das Pferd nicht dazu, hineinzubeißen. Auf die Funktion an sich hat das keine Auswirkungen.

Die Einwirkung des Cavemore ist vergleichbar mit der Funktion eines Kappzaumes kombiniert mit der Hebelwirkung eines Hackamores. Als Werkzeug ist es also ähnlich wie die klassische Kombination von Kappzaum und Kandare. Hierbei wirkt das Cavemore jedoch auf das Nasenbein des Pferdes anstatt auf den Unterkiefer, so wie es die Kandare tut.

Meine Erfahrung mit dem Cavemore: Bei der sehr sensiblen Vollblüterin bin ich sehr begeistert, sie rollte sich mit Kandare oder generell mit Gebiss sehr gern ein und kam hinter die Hand – mit Cavemore sind diese Probleme vergessen! Bei meiner Warmblutstute kamen die Hilfen meines Erachtens anfangs ein wenig zeitverzögert an – kannst du diese Unterschiede in der Anwendung erklären?

Bianca: Es ist schwierig etwas pauschal zu beurteilen, was ich nicht gesehen habe.

Generell ist es jedoch „bloß“ ein Werkzeug, das zwischen Pferd und Reiter vermittelt.bianca1

Meine Erfahrung ist, dass eine geschulte Hand sowohl Informationen an das Pferd geben kann, als auch Informationen bekommen wird. Somit ist die Handeinwirkung noch viel wichtiger, als das Werkzeug an sich. Bisher habe ich verschiedene Pferdetypen mit dem Cavemore in ihrer Ausbildung begleitet und durchweg positive Erfahrungen gemacht. Bei der Akademischen Reitkunst begleitet die Hand eher, als dass sie erzeugt, da der Sitz des Reiters die primäre Hilfe ist. Das heisst: Auch wenn bei dem Cavemore die Hilfengebung an dem Kappzaum möglich ist, ist es nicht bloß die Hand, die das Pferd nach der Stellung fragt, sondern letztendlich ist es das aktive Hinterbein, dass das Pferd in die Stellung hineinträgt, und die Hand bleibt hierbei die sekundäre Hilfe.

Es könnte sein, dass das untere Lederband etwas zu locker ist, wenn du das Gefühl hast, dass die Hilfe zeitverzögert ankommt, aber wie gesagt, ich kann nur mutmaßen, wenn ich bloß die Beschreibung der Situation höre.

Wann würdest du deinen Schülern zu einem Cavemore raten? Wann eignet sich das Cavemore zur Ausbildung der Pferde am besten?

Bianca: Aus meiner Sicht eignet sich das Cavemore für fast alle Pferde! Aber wie bei jeder anderen Zäumung auch, wäre es empfehlenswert sich selbst weiterzubilden. Wie sagt Bent noch immer so schön:

“ Das Problem sitzt meist auf dem Rücken der Pferde“.

Es ist wichtig zu wissen, wie die jeweilige Zäumung auf das Pferd wirkt und wie man sie benutzen kann. Dies ist auch bei dem Gebrauch des Cavemores wichtig. Es fällt mir jedoch schwer, den Einfluß der Hilfengebung durch das Cavemore isoliert zu betrachten, da die Biomechanik des Pferdes ausschlaggebend dafür ist, in welcher Position das Pferd seinen Kopf trägt.

 

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Prinzipiell würde ich sagen, dass die gebisslose Zäumung vor allem bei Korrekturpferden gut angenommen wird, also solche, die mit Gebissen schlechte bis traumatische Erlebnisse gemacht haben. Meine Erfahrung ist, dass die Pferde, die bereits mit den Zähnen knirschen, große Spannungen im Nacken-, und Halsbereich aufbauen, was für die weitere Ausbildung hinderlich ist. In solchen Fällen ist es möglich durch das Cavemore den Stresspegel zu reduzieren und die Spannungen zu lösen. Natürlich ist es dann vor allem das Stressmanagement des Pferdes womit ich arbeite, aber das Weglassen des Gebisses schafft hierfür oftmals das Fundament, um überhaupt wieder einen Zugang zum Pferd zu schaffen.

Wo können Interessierte das Cavemore bestellen?

Bianca: Bisher kann man das Cavemore bei mir und bei Ralf Schmitt bestellen. Übrigens gibt es jetzt auch ein Cavemore mit gravierten Seitenteilen!

Wie passt man das Cavemore eigentlich richtig an?

Bianca: Das Cavemore sollte von der Höhe her so verschnallt werden, wie ein Kappzaum. Der Riemen am Cavemore unterhalb des Pferdekopfes sollte so locker sein, dass das Pferd kauen kann. Die Hebelwirkung des Cavemores verändert sich proportional zur Verschnallung des Riemens.

 

An dieser Stelle ein herzlicher Dank an Bianca für die Beantwortung all meiner Fragen!

Mehr über Bianca und ihre Arbeit findet ihr auf Bianca`s Homepage.

Egal ob mit Cavemore oder mit Gebiss – wer an sich selbst arbeitet und damit sich selbst als wichtigstes „Instrument“ der Reitkunst wahrnimmt, reitet irgendwann einfach 😉

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Schulterherein – Das Aspirin der Reitkunst

Schulterherein – Das Aspirin der Reitkunst

Es war einmal: Die Geschichte des Schulterherein

Schulterherein wird noch heute – vor allem bei den Vertretern der klassischen Reitkunst als „Aspirin der Reitkunst“ bezeichnet. Bei Dressurturnieren wird das Schulterherein jedoch erst in den fortgeschrittenen Klassen verlangt. Im Gegensatz dazu wird in der Akademischen bzw. der Klassischen Reitkunst bereits sehr früh mit der Ausbildung des Schulterherein begonnen. Das Schulterherein bildet mit seiner versammelnden, wie auch lösenden Wirkung nach Alois Podhajsky:

„nicht nur das Rückgrat für die Ausbildung in den übrigen Seitengängen, sondern ist auch für das Geraderichten des Pferdes von ausschlaggebender Bedeutung“.

François Robinchon de la Guérinière, (* 1688, † 1751)

Historisch gesehen wird der Franzose de la Guérinière oft als Vater des Schulterherein genannt. Guérinière kann allerdings als Vater des Schulterherein auf geraden Linien bezeichnet werden. Der französische Reitmeister schreibt  über das Schulterherein in seinem 1733 erschienen Buch: „Ecole de Cavalerie“:

„Diese Übung hat sofort eine so vortreffliche Wirkung, dass ich sie als die erste und letzte aller Lektionen ansehe, in denen man ein Pferd unterrichten muss, um ihm Geschmeidigkeit und vollkommene Freiheit in allen seinen Körperteilen zu verschaffen. Es ist sogar so, dass wenn ein nach diesem Verfahren gymnastiziertes Pferd später in der Reitbahn oder auch sonst durch einen Unwissenden verdorben wird, und ein guter Reiter es wieder einige Tage in dieser Lektion arbeitet, er es genauso gelenkig und leicht finden wird wie vorher. Erstens entbindet das Schulterherein die Schultern, weil das Pferd bei jedem Schritt, den es in dieser Stellung macht, mit dem inneren Vorderbein vorwärts über das äußere schränkt, und den inneren Fuß über und auf die Linie des äußeren Fußes setzt. Es ist leicht zu begreifen, dass durch dieses Bewegung, welche die Schulter in dieser Stellung zu machen genötigt ist, alle Triebfedern dieses Teils in Tätigkeit gesetzt werden. Das Schultereinwärts bereitet das Pferd vor, sich auf die Hanken zu setzen, denn bei jedem Schritt, den es in dieser Stellung tut, bringt es den inneren Hinterschenkel unter den Leib, und setzt ihn über den äußeren, welches es, ohne die Hanken zu setzen nicht verrichten kann“.

William Cavendish, Duke of Newcastle (* 1592; † 25. Dezember 1676)

De la Guérinières Buch erschien 1733. Blicken wir in der Geschichte 70 Jahre weiter zurück, finden wir das Schulterherein allerdings bereits beim Duke of Newcastle in seinem Werk „A central system of horsemanship“, das 1685 erschien auf dem Zirkel geritten beschrieben. Newcastle betont hier mit der Lektion „Kopf in die Volte“ die Bedeutung der Mobilisierung und Vorrichtung der Pferdeschultern, um das innere Hinterbein stärker nach und nach in Richtung Versammlung zu belasten und zu kräftigen:

„…so bedienet Euch der beiden Schenkel, haltet es mit dem auswendigen in Gehorsam und mit Eurem inwendigen Schenkel treibet den inwendigen hinteren Fuß noch zu dem auswendigen Hintern Fuß hinaus, so muss es die Hüften biegen, dann die hinteren Schenkel kommen unter den Bauch hinunter, und indem die Füße zusammengedrücket sind, so kann das Pferd leichter auf den Hüften bleiben“.

Gustav Steinbrecht (* 1808; † 1885)

Gustav Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“ gehört noch heute in jede gute Reitbibliothek. Steinbrecht warnte in seinem Werk davor, anfangs ein Zuviel an Seitwärts zu fordern bzw. den Inhalt der Lektion durch den vorherrschenden Gedanken des Seitwärts zu vernachlässigen:

„Es ist daher sehr fehlerhaft, wenn Reiter im Anfang der Schulterherein-Arbeit ihre Pferde mit dem inneren Sporn gewaltsam seitwärts treiben, weil sie glauben, Weichen auf den Sporn und Übertreten seien Zweck der Übung…….Richtiges Schulterherein als Grundpfeil der der Dressur macht allerdings die Schultern und mit ihnen die gesamten Glieder des Pferdes frei, nicht aber durch die Seitwärtsbewegung, sondern durch Biegung und Versammlung, die hierbei bedingt sind“.

Seine Empfehlung zur Ausbildung lautete daher, die Abstellung nur stufenweise zu vergrößern. Steinbrecht begann also mit Schultervor, wobei hier die äußere Schulter nur soweit von der Bande weggeführt wird, dass die innere Schulter eben vor die innere Hüfte gerichtet wurde.

Kein Aspirin ohne Beipackzettel

Und heute? Das Schulterherein ist eine Seitwärtsbewegung, in der das Pferd – je nach Lehre auf 3 bis 4 Hufschlägen mit der Vorhand in Richtung Bahnmitte gestellt wird. Durch das Absenken der inneren Hüfte im Schulterherein werden die Hanken vermehrt gebeugt, daraus ergibt sich ein vermehrtes Freiwerden oder Erheben der äußeren Schulter, da das innere Hinterbein mehr Last aufnimmt. Der äußere Rückenmuskel wird gedehnt, das Genick wird lockerer, die Verbindung zum inneren Zügel wird leichter. Aus dieser Definition wird deutlich, warum das Schulterherein oftmals als „Aspirin der Reitkunst“ bezeichnet wird.

Beim Geraderichten kommt dem Schulterherein die besondere Bedeutung zu, da dies durch das Ausrichten der Schulter auf die Hinterhand bzw. die Ausrichtung der Hinterhand auf die Schulter erreicht wird.

Die Aufgabe des Schulterherein besteht darin, dem Pferd beizubringen, mit dem inneren HInterbein unter seinen Schwerpunkt hineinzugreifen. (Bent Branderup)

Hat ein Pferd Schwierigkeiten sich an den äußeren Zügel heran zu dehnen, kann dies auch durch das Schulterherein verbessert werden, schließlich soll sich der innere Rippenbogen vermehrt absenken, die Innenseite der Bauchmuskeln kontrahiert, die äußere Seite des Pferdes dehnt sich so vermehrt an den Zügel.

Wie man Schulterherein übt…

In der Akademischen Reitkunst lernt das Pferd alle Seitengänge zuerst vom Boden aus. Das kann in der Bewegung, wie im Stehen passieren. Wenn das Pferd die indirekten Zügelhilfen (über den inneren und äußeren Zügel) verstanden hat, kann man die Schultern bereits im Stehen zwischen den Zügeln bewegen. Der Reiter steht dabei seitlich neben dem Pferd, zu Beginn meist auf der inneren Seite (dort, wo man normalerweise sitzen würde) und führt über den äußeren Zügel das Gewicht auf das innere Vorderbein und über den inneren Zügel die Schulter wieder nach draußen. Das Pferd sollte bei dieser Übung keinen Schritt zur Seite machen – es geht hier lediglich um die Gewichtsverlagerung.

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Schulterherein – von innen geführt

Das Untertreten bei der Bodenarbeit ist dann die erste Stufe, um dem Pferd das Schulterherein beizubringen. Hat das Pferd Biegung und Stellung im Stehen gelernt, wird es nun vom Reiter auf dem Zirkel geführt. Durch das Zeigen mit der Gerte auf das innere Hinterbein, lernt das Pferd sein inneres Hinterbein vermehrt zum Schwerpunkt zu bringen.

Beim Reiten ist ein langsamer Beginn zu empfehlen, Qualität vor Quantität: das heißt lieber weniger gute Schritte verlangen, da man ansonsten in Gefahr läuft, die Muskulatur zu überdehnen und das Pferd anfangs zu überfordern. Schulterherein im Schritt kann außerdem helfen, das vorwärts-abwärts Suchen bei verspannten oder nicht balancierten Pferden zu verbessern.

Auf dem Zirkel wird anfangs die Vorhand über das Zusammenspiel des äußeren Zügels und des inneren Schenkels hereingenommen. Der innere Sitzknochen belastet vermehrt und, der Reiter muss darauf achten nicht in Bewegungsrichtung nach außen zu rutschen oder die innere Hüfte einzuziehen. Hier gibt es allerdings auch unterschiedliche Auffassungen: Manche Reitlehren empfehlen hier, anfangs vermehrt auf dem äußeren Sitzknochen zu sitzen und erst später den inneren zu belasten. Ich persönlich möchte mich aber nicht in meiner Hilfengebung widersprechen, außerdem soll mein innerer Sitzknochen ja quasi ein Wegweiser für das innere Hinterbein des Pferdes in Richtung Schwerpunkt sein.

Der äußere Schenkel bekommt eine verwahrende Aufgabe und überwacht das äußere Hinterbein, nicht auszufallen und sich so der Biegung zu entziehen.

… und wie man es nicht macht

Manche Reiter unterliegen der Versuchung, mit dem inneren Zügel die Schulter herein zu holen. Dadurch wird aber nur der Kopf in die Bahnmitte gezogen – das eigentliche Ziel: Freiwerden und Leichtwerden der äußeren Schulter wird nicht erreicht, da das Pferd so nur vermehrt auf die äußere Schulter gebracht wird.

Außerdem wird der Vorwärtsimpuls des inneren Hinterbeins behindert, wenn das Gewicht auf die innere Schulter gebracht wird. Ein weiterer Fehler kann passieren, wenn man zu viel mit dem inneren Schenkel treibt, bzw. diesen beim Treiben ständig hoch zieht und nicht mit der inneren Hüfte in der Bewegung nach vorne unten mit dem Pferd mitschwingt. Durch das Treiben mit hochgezogenem inneren Schenkel sitzt man erst recht wieder eher nach außen, das Pferd wird eher seitwärts, ähnlich dem Schenkelweichen getrieben, das äußere Hinterbein wird zum Ausfallen geradezu eingeladen.

Hier hilft die Vorstellung, dass man die äußere Schulter nur anheben möchte, der innere Steigbügel sollte länger scheinen, als der äußere, der äußere Schenkel wird leicht, um der Schulter Platz zu machen, sich leichter zu heben. Und noch ein wichtiger Grundsatz sei gesagt: Reiterschulter parallel zu Pferdeschulter, Reiterhüfte parallel zu Pferdehüfte.

Aber Achtung: auch hier darf man sich nicht täuschen lassen, wenn das Pferd sich mehr im Hals verbiegen sollte und die Schulter nicht hereinnimmt.

Können die Reprisen des Schulterherein verlängert werden, bei gleichbleibendem Takt und Tempo auf dem Zirkel und entlang der Bande, kann das Schulterherein auch auf Linien ohne begrenzende Wand geübt werden.

 

Reiten wir also einfach – mit Hilfe des Schulterherein 😉

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