Warum ich keine Lektionen mehr reite….

Warum ich keine Lektionen mehr reite….

… oder 5 Gründe für ein Trainingstagebuch

Das Navi führt uns bequem von A nach B, der Computer erledigt Arbeiten wie von selbst, das Handy funktioniert auf Stimm- und Knopfdruck, bis hin zu Coachings, die uns daran erinnern, die Atmung nicht zu vergessen! Es ist modern geworden möglichst viel aus der Hand zu geben, um ein Mehr an Bequemlichkeit zu gewinnen.

Alles auf Autopilot?

Die Automatisierung macht sich auch beim Reiten bemerkbar, denn wenn wir ständig ein „Navi“ bzw. die Trainerstimme (manchmal sogar per Funk) im Ohr haben – wann kommen wir dann selbst zum spüren, fühlen und vor allem – selbst denken und planen?

Dies ist kein Artikel gegen Reitunterricht, dies ist ein Artikel für die Selbstständigen Trainingseinheiten, wenn mal kein Trainer daneben steht – schließlich können sich auch die Wenigsten einen täglichen Check durch den Trainer leisten.

Jetzt wird’s auch noch unbequem: Sicher ist es bequem, wenn man lediglich Kommandos abwartet, welcher nächste Schritt zu tun ist, welche Hilfe zu geben ist usw. Allerdings bleibt so meist auch ein Hintergrundwissen auf der Strecke: Warum wird beispielsweise nicht mehr vermittelt, WARUM man einen Seitengang eigentlich reiten sollte, wer ihn erfunden hat (Nicht die Schweiz, sondern ein Franzose )?

Die Frage nach dem Warum?

Lektionen werden oft zum Selbstzweck geritten, weil es eben gut aussieht, weil es Aufgaben in Turnieraufgaben sind und man im Wettbewerb punkten möchte. Häufig werden auch die Hilfen in unterschiedlichsten Ausführungen erklärt. Manchmal wird noch argumentiert, dass es ums Hinterbein geht – aber eher nach dem Motto: Egal wie, aber seitwärts!

Und ganz ehrlich: Ich bin auch nicht immer mit dem besten Konzept geritten und lange in alten Mustern gefangen gewesen! Einer der wichtigsten Leitsätze, kam – welch Überraschung –  von Bent Branderup bei einem Kurs vor einigen Jahren:

 „Reite nicht die Lektion, reite den Inhalt“

Immer wenn ich etwas Neues ausprobiere, oder auch an der Verbesserung der bereits vorhandenen Basis arbeite, rufe ich mir diesen Merksatz in Erinnerung.

Und ganz wichtig: Ich habe vor zwei Jahren begonnen meine Arbeit mit den Pferden schriftlich zu dokumentieren. So kann ich nicht nur Vergleiche über einen längeren Zeitraum ziehen. Indem ich bereits vor meinem Weg in den Stall einen Plan niederschreibe, formuliere ich vorab deutlich, warum ich welche Lektionen heute reite und was sie meinen Pferden bringen sollen.

So zieht sich beispielsweise in der Ausbildung meiner Stute Tarabaya Geraderichten und zum Schwerpunkt treten wie ein roter Faden durch mein Trainingstagebuch. Ich schreibe aber weniger über das Schulterherein, als dass ich genau beobachte, welches Hinterbein immer wieder Opfer des „breitbeinigen Schwankens“ wird. Konnte ich es überhaupt erfühlen? Durch die „Nachbearbeitung“ nach dem Reiten bzw. der Bodenarbeit kann ich auch subjektive Gefühle in Worte bringen.

Fortschritte sind so dokumentiert keine Zufallstreffer mehr und Rückschritte müssen nicht deprimieren, wenn man weiß, warum was nicht klappt! Und wieder mal ein weises Zitat aus Dänemark von Bent Branderup:

„Viele Reiter wissen nicht was sie wollen, aber sie wollen es jetzt!“

Was will ich von meinem Pferd und wie könnte ich da hinkommen? Wer über seine Ziele reflektiert und niederschreibt, warum welche Inhalte geritten werden reitet mit Plan und Köpfchen und irgendwann einfach 😉

Hier die fünf Gründe fürs Trainingstagebuch:

1)   Planung und Ausformulierung der Ziele und Arbeitsinhalte. Wer weiß, warum er welche Übung auswählt, kann Fehler und Korrekturen auch leichter in Worte fassen und sich für die nächste Einheit besser vorbereiten!

2)   Motivationshilfe: Erfolge sichtbar gemacht geben neue Motivation, wenn`s mal nicht so klappt!

3)   Kontinuität und Vergleichbarkeit: Reiten ist spüren und Gefühlssache, aber wie gut erinnert man sich denn noch an die Gefühle vom Vorjahr?

4)   Stärken und Schwächen: Was kann mein Pferd eigentlich wirklich gut? Was kann ich wirklich gut? So können Stärken gut ins Training eingebaut werden!

5)   Notfall- und Alternativprogramm? Falls es mal nicht so gut läuft: Gibt es eine Übung, wo wir beide: Pferd und Reiter doch noch ein Erfolgserlebnis haben und ein gemeinsames Alternativprogramm?

Was ein Jahr über mich verrät…

Das Fazit nach einem Jahr Trainingstagebuch? Ich habe immer seltener die Namen der Lektionen verwendet, sondern deren Inhalt. Und als ich wusste, was ich eigentlich von Tarabaya wollte, z.B. durch die Übung im Stehen: Wegbiegen vom äußeren Schenkel, da wurde auch plötzlich das Kruppeherein in der Bewegung besser und weniger schwankend.

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In diesem Sinne: Reiten wir keine Lektionen, reiten wir einfach den Inhalt 😉

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Das kann ja nur schief gehen!

Das kann ja nur schief gehen!

Graderichten, Schiefentherapie oder  Gymnastizierung – keine neumodische Erscheinung, sondern das Wissen der Alten Meister, verpackt in ein neues „Wording“. Aber warum richten wir eigentlich gerade und was läuft bei unseren Reitpferden schief?

Das Pferd ist von Natur aus „schief“, vergleichbar mit der unterschiedlichen Händigkeit des Menschen. Woher diese Schiefe kommt, konnte bislang noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Eine Theorie fußt auf der Lage des Fohlens im Mutterleib. Aber egal woher die Schiefe kommt – Geraderichten bedeutet, das Pferd dahingehend auszubilden, damit es den Reiter ohne Schaden für sich selbst tragen kann. Heißt konkret: Mit einem Hinterbein trägt das schiefe Pferd lieber, mit einem Hinterbein schiebt es lieber vom Schwerpunkt weg. Geraderichten ist daher besonders für das gleichmäßige Training aller Muskeln von Bedeutung. Fürs Reiten bedeutet das: Das eine Pferd lässt sich lieber bzw. besser auf der rechten Hand reiten, das andere lieber auf der linken Hand.

Und so fühlt sich die Schiefe dann beim Reiten an:
Ein Pferd, das nicht in Balance ist, fällt auf dem Zirkel entweder auf die innere Schulter, oder es fällt über die äußere Schulter. Die Reiterhand fühlt ein ungleiches Gewicht auf den Zügeln; werden die Zügel dann hingegeben tritt das Pferd nicht an die gebende Reiterhand heran, sondern verkriecht sich gerne hinter dem Zügel oder fällt deutlich auf die Vorhand.

Vielen Reitern ist vor allem das Gefühl sehr viel in der Hand zu haben unangenehm. Das Pferd, das vor allem schiebt, braucht die Reiterhand quasi als fünftes Bein, um sich nach vorne hin abstützen zu können. Es nimmt so in der Hinterhand kaum Last auf, der Schwerpunkt wird nach vorne auf die Vorderbeine verschoben. Viele Pferde verwerfen sich außerdem im Genick, oder neigen dazu in der Hand sehr unruhig zu werden. In der Haltparade ist das Gewicht nicht auf alle vier Pferdefüße verteilt, sondern deutlich zum Nachteil auf die Vorhand verteilt. Viele Lektionen lassen sich vielleicht spielerisch auf der einen Seite abrufen, auf der schlechteren Hand aber gar nicht. Takt und Tempo sind nicht in einem einheitlichen Rhythmus zu bewältigen. Viele Pferde rennen, oder verhalten sich, im Trab sind die Pferde außerdem sehr schwer zu sitzen. Der Reiter muss sich über die Zügelführung in den Sattel „saugen“ und nach hinten lehnen, um überhaupt einsitzen zu können. Zügellahmheit und taktunreine Gänge sind ebenso das Resultat der Schiefe.

Wer all diese Symptome schon einmal selbst gespürt hat, wird nicht mehr an Sinn und Zweck der Geraderichtung zweifeln.

An allererster Stelle steht die Erarbeitung der Balance im Stehen. Das Pferd kann so lernen, sein Gewicht gezielt auf einzelne Beine zu verlagern. Es folgt die Erarbeitung einer korrekten Längsbiegung, zuerst ebenso im Stehen, danach im Schritt an der Hand und schließlich beim Reiten, um das Pferd auf beiden Seiten durchlässig und biegsam zu arbeiten. Ist das Pferd in Balance tritt es automatisch zum Schwerpunkt.

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Tabby im Schulterherein, fotografiert von Verena Kaltenhauser

Eine schlechte Haltung kann beim Menschen Kopfschmerzen verursachen.

Wir Menschen nehmen dann aber auch oftmals lieber ein Aspirin, denn das geht schneller, als sich mit Haltungsturnen oder Physiotherapie auseinander zu setzen.

Der schnelle Weg ist aber – und das wissen wir oft nicht der Beste. So auch beim Reiten: Als Physiotherapie der Geraderichtung könnte man die Seitengänge – vor allem die Lektion des Schulterherein verstehen.

Es geht hier aber viel weniger um die Lektion, sondern um den Inhalt:
Das Schulterherein aktiviert das innere Hinterbein, mehr zum Schwerpunkt zu treten und damit auch vermehrt zu tragen, sprich Last aufzunehmen. Das Ziel des Kruppeherein ist, das äußere Hinterbein vermehrt zum Schwerpunkt treten zu lassen. Für beide Lektionen ist aber die korrekte Biegung unumstößlich. Beispiel Kruppeherein: Wird in dieser Lektion – als „Aufdecker“ dient hier der Zirkel am besten – auf die äußere Schulter vergessen, fällt das Pferd erst recht wieder über die äußere Schulter nach außen. Ein Seitengang ist dann natürlich noch immer freilich erreicht – allerdings kein Seitengang, der Pferd und Reiter nützt (und auch wenig ansehnlich ist!).

Reiten wir also seitwärts, damit`s nicht schief geht! 😉

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Schubkraft versus Tragkraft  – oder: Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade!

Schubkraft versus Tragkraft – oder: Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade!

Neulich ein Bericht in einer Pferdefachzeitschrift, Thema: unterschiedliche Rassen und deren körperliche Voraussetzungen. Können etwa nur bestimmte Pferderassen Piaffe oder hohe Schule?
Sicherlich gibt es hier unterschiedliche Stärken und Schwächen. Das Schöne an der Akademischen Reitkunst ist jedoch, dass hier keine Unterschiede gemacht werden: JEDES Pferd hat seine Qualität! Was vielleicht später unter dem Sattel bewundert wird, ist von Natur aus bei JEDEM Pferd vorhanden. Das eine Pferd, nennen wir es den iberischen Typ hat vielleicht mehr Talent für Versammlung und Tragkraft. Der Warmblüter, wie man ihn vom Turnier  heutzutage kennt, hat viel Schubkraft.

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Das Schieben über das linke Vorderbein hinaus ist hier deutlich zu sehen

Die heutige Pferdezucht hat sich extrem gewandelt – das Spektakuläre steht immer mehr im Vordergrund, Pferde, die ein großes Bewegungspotenzial haben und ihre Beine „von sich werfen“ sind gefragter denn je. Das Problem dabei: Wir können die Pferde nicht mehr so leicht sitzen, die enorme Schubkraft kostet Tragkraft, das menschliche Becken macht so große Bewegungen auch oft gar nicht mit!

Ich denke jeder Reiter hat irgendwann den berühmten Leitsatz von Gustav Steinbrecht irgendwo gelesen oder gehört, der da lautet:

„Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“!

Heute geht es um dieses „Vorwärts“. Vielen Einsteigern oder Interessierten der Akademischen Reitkunst fehlen Anfangs die Bilder der flott vorwärts gehenden – oder ich würde sogar eher sagen – der fast schon rennenden Pferde.

Wie schnell definierte Steinbrecht „vorwärts“?

Was Steinbrecht unter Vorwärts verstand, darf man allerdings keinesfalls mit „Schnelligkeit“ verwechseln. Das Pferd besitzt von Natur aus die Schubkraft, nicht allerdings jene Tragkraft, die es braucht, einen Reiter gesund zu tragen (und dabei soll es noch am besten locker und entspannt aussehen). Stellen Sie sich eine Ziehharmonika vor, die sie schnell auseinander reißen – genau das passiert mit dem Pferd. Die Ziehharmonika hängt in der Mitte durch – beim Pferd ist es der Rücken, der durch das „Zuviel an Schnelligkeit“ auseinanderfällt. Die Tragkraft ist somit verloren gegangen. Aber wie schnell, sollte das Vorwärts nun sein? Bent Branderup bringt es auf den Punkt:

„Das Grundtempo sollte bei jedem Pferd individuell geritten werden!“

Kein Pferd wurde zum Reiten geboren, auch wenn wir Pferde vorwiegend zum Reiten züchten. Daher liegt es in unserer Verantwortung ein durchlässiges und losgelassenes Pferd auszubilden, erst dann stehen Tempo (wieder nicht mit hoher Geschwindigkeit zu verwechseln), Takt und Schwung auf der Ausbildungsskala. Ebenso der Schwung wird oftmals mit hohem Tempo oder Spannung verwechselt.

Was bedeutet eigentlich Schwung?

Schwung bedeutet, dass das Hinterbein des Pferdes nach vorne greift, anstatt nach hintenheraus zu schieben!
Wenn es heißt, das Pferd hat im Schritt keinen Schwung ist diese Annahme jedoch falsch – denn mit Schwung ist die dreidimensionale Schwingung durch die Wirbelsäule gemeint, die durch das Vorfußen der Hinterbeine zum Schwerpunkt entsteht. Somit hat also auch der Schritt Schwung.

Durchlässig ist ein Pferd ebenso nur dann, wenn die Hinterbeine nach vorne schwingen und nicht nach hinten, von der Reiterhand weg. Wieder ein bildliches Beispiel: Der Läufer, der Sprinter, der sich an der Startlinie aus der „Startbox“ nach vorne katapultiert überträgt den Schwung nach hinten. Anderes Bild: Das Kutschpferd stützt sich am Brustgeschirr ab und schiebt mit dem Hinterbein nach hinten. Und beim Reiten? Hier erkennt man bei zu viel Schub vielleicht folgendes Gefühl: Das Pferd stützt sich auf die Reiterhand, damit es hinten noch mehr schieben kann – man hat also viel in der Hand, zusätzlich ist das Pferd nicht leicht zu sitzen.

Von der Schub- zur Tragkraft…

Tabby

Die Tragkraft hat sich im Vergleich zum oberen Bild deutlich verbessert.

Aber wie entwickelt man Tragkraft? Insgesamt betrachtet dient das gesamte Ausbildungssystem der Akademischen Reitkunst dazu, die Tragkraft des Pferdes zu verbessern.  Das Pferd muss vor allem lernen, geradegerichtet zum Schwerpunkt zu fußen. Gerade heißt in diesem Fall nicht „gerade-gerade“, sondern mit einer Stellung und Biegung zur linken oder rechten Hand.

Jeder Reiter weiß, dass das Pferd eine gute und eine schlechte Seite hat: Aufgrund der natürlichen Schiefe des Pferdes wird das Pferd lieber mit einem Hinterfuß tragen, mit dem anderen lieber schieben. Als erstes sollte das Pferd im Stehen die richtige Formgebung und vor allem Balance lernen – das heißt Stellung und Biegung zur klinken und zur rechten Seite und das Gewicht gleichmäßig auf allen vier Füßen zu verteilen. Als nächste Übung wird das Untertreten des inneren Hinterbeins zum Schwerpunkt hin auf dem Zirkel empfohlen. In weiterer Folge dienen die Seitengänge, wie Schulterherein oder Kruppeherein dazu, die entsprechenden Hinterbeine des Pferdes vermehrt zum Schwerpunkt zu führen.

Geraderichten – mit Hilfe der Seitengänge

Was ich durch die Akademische Reitkunst vor allem gelernt habe ist das Wissen der alten Meister nicht nur zu lesen, sondern auch auf Verständnis bezüglich der Interpretation zu hinterfragen. Kommen wir zurück zu: „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“.

Vorwärts und Schnell zu verwechseln hat fatale Auswirkungen auf die Tragkraft, eine imposante Gangmechanik wirkt auf den ersten Blick vielleicht schick, wenn das Pferd jedoch seitlich am Schwerpunkt vorbeifußt wissen wir, warum es auch so unbequem zu sitzen ist. Und Spanntritte gegen die Hand verursachen außerdem eine Kompression der Wirbelsäule. Nicht gerade das Ziel von Leichtigkeit und Harmonie. Gerade gerichtet heißt nicht mit dem Kopf an der Bande einfach vorwärts rennen – schließlich ist das Pferd „hinten“ breiter als „vorne“ – daher erklärt sich, warum so viele Pferde den „Hintern „ herreinnehmen – die natürliche Schiefe wird dadurch also begünstigt.

 

Reiten wir also einfach, und nicht schief 😉

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Kursbericht Jossy Reynvoet: Schon mal blind longiert?

Kursbericht Jossy Reynvoet: Schon mal blind longiert?

Vergangenes Wochenende war es soweit – ich habe in Graz den ersten Kurs mit dem lizensierten Branderup Trainer Jossy Reynvoet organisiert. Kursschwerpunkte waren Körpersprache, Horsemanship und Akademische (gebisslose) Reitkunst Hand in Hand.

Samstagfrüh, erste Theorieeinheit:

Jossy, der sich bereits sein ganzes Leben lang mit Pferden beschäftigt und die „Akademische Reitkunst“ als „Missing Link“ in seinem reiterlichen Werdegang bezeichnete, ging beim Thema „Kommunikation“ gleich in Medias Res.

Körpersprache vom Boden aus beigebracht bezeichnete Jossy als „Kindergarten“ in der Pferdeausbildung. So könne man Schritt für Schritt, sowohl Basiskommunikation, wie auch später die reiterlichen Hilfen vom Boden aus trainieren.

„Es ist dabei für ein Pferd nicht leicht, mit dem Menschen  umzugehen“. Jossy Reynvoet.

Jossys „Täglich Brot“ im Training: Schulterherein und Dehnungshaltung!

Und das wichtigste: Zurück zum Gefühl! Hier bemängelte der sympathische Belgier, dass man oftmals viel zu viel mit dem Kopf reite und nicht mehr mit dem Bauch. Dabei sagt die Intuition dem Reiter, was zu tun ist. „Wir wollen immer was zu tun haben, was in der Hand haben, aber sind wir dann eigentlich wirklich mit dem Bauch beim Pferd?“ fragte Jossy ins Publikum.

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Jossy erkärt mir das Prinzip des „Führen lassens“

Die Akademische Reitkunst beschreibt Jossy als ein System feiner Hilfen, für die man aber gerade viel Gefühl brauchte. Jede Hilfe sollte hier auch erfühlt werden. Was das genau für Jossy bedeutet, sollte ich in der Praxiseinheit noch sehr intensiv erfahren! Jossy nahm sich in der Theorieeinheit auch viel Zeit für die Reiter, die ihre Ziele, Probleme und Wünsche schilderten.

Mit etwas Verspätung, ging es zur Praxis, wobei ich auch hier als Organisatorin leider immer gezwungen war auf die Uhr zu schauen – schließlich nahm sich Jossy für jeden Reiter ausgiebig Zeit.  Jossy nahm auch hier bezüglich des Zeitmanagements sein eigenes Credo sehr ernst:

„Man kann Pferde nicht gestern oder morgen trainieren, sondern nur im Jetzt! Aber frage dich dabei: Ist es für morgen noch Okay, was ich im Heute tu?“

Sieben Reiterpaare nahmen an den Praxiseinheiten teil, ich selbst war mit Pina und Tabby dabei.

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Handwork von außen geführt

In der ersten Einheit mit Tabby haben wir „Handwork“ von außen geführt geübt. Das klappte soweit ganz gut, hier bekam ich viele Tipps, wie ich noch besser vor allem durch die Gertenhilfen den inneren Schenkel simulieren kann. Bei der Schulparade bekamen wir ebenso viele Inputs, um hier auch durch Körpersprache Tabby noch besser erkären zu können, dass wir eine Verlagerung des Schwerpunkts erarbeiten möchten.

Mit Pina war mein Kursthema fortgeschrittenes Longieren. In der ersten Einheit lernte ich durch Körpersprache das innere Hinterbein noch besser zum Scherpunkt zu bringen. Eigentlich ganz einfach: In der Akademischen Reitkunst lautet die Regel für den Reitersitz: Schulter parallel zu Schulter, Hüfte parallel zu Hüfte. Und gleiches gilt quasi auch am Boden. Ich war sehr begeistert, wie rasch Pina auf alle Signale reagierte und vor allem wie wenig eigentlich notwendig war, um ihr inneres Hinterbein noch aktiver zu bekommen. Manchmal genügt es wirklich zu flüstern, man muss nicht immer – ich sag`s mal auf steirisch: plärren. 🙂

Zweite Theorieeinheit: Haben Sie sich schon im Kino über ihren Sitznachbar geärgert?

Wer ein Pferd trainiert muss mit drei Dingen rechnen: Nämlich mit dem Pferd, der Umgebung und dem Menschen. Jossy brachte hier in Punkto „Umgebung“ ein lustiges Beispiel aus dem menschlichen Alltag. Wer im Kino einen Sitznachbarn hatte, der sich ständig ins Gesicht fasst, mal kratzt, was isst, in der Nase bohrt  – kann man ihn deuten? Ist man genervt? Ist man vom Film abgelenkt? Das erste und wichtigste Element der Arbeit mit dem Pferd generell heißt also:

Das Pferd muss den Reiter sehen!

Der Reiter aber natürlich auch sein Pferd. Hier gilt es zu fragen: Habe ich ein Pferd, dass sich sehr gern bewegt, oder ein Pferd, dass sich lieber im Stehen formen lässt. Wer sein Training danach ausrichtet, hat ein Pferd, das gerne bei uns sein will und mit uns arbeiten beginnt.

Jossys Trainingsstruktur lässt sich in sechs Teile aufsplitten:

  1. Zonen am Pferdekörper
  2. Handlungen
  3. Positionen (vor, hinter, neben, auf dem Pferd)
  4. Techniken, um Körpersprache zu entwickeln
  5. Wege zur Kommunikation
  6. Ziel

An sechs Zonen am Pferdekörper kann der Reiter nun Einfluss nehmen:

Kommunikation am:

  1. Kopf
  2. Genick
  3. Schultern und Vorderbeine
  4. Rücken
  5. Hinterbeine
  6. Schweif

Die Beweglichkeit zwischen den Schultern, sowie das korrekte Schulterherein bringen das Pferd immer mehr ins Gleichgewicht, Geraderichtung und Versammlung, die Hinterbeine bezeichnete Jossy als „Korrekturzone“, der Schweif ist eine „Infozone“, die über Durchlässigkeit, Gelassenheit und Komfort des Pferdes Aufschluss gibt.

Vertraust du mir blind?

In meiner zweiten Longeneinheit mit Pina wurden mir gleich mal die Augen verbunden. Ich sollte nicht aufs Pferd schauen, sondern spüren und fühlen. Zu meiner großen Überraschung konnten wir wirklich einen wunderbaren Zirkel in Stellung und Biegung longieren. Ich konnte tatsächlich auf die Hinterbeine einwirken – ja was soll ich sagen – ich war sehr ergriffen vom Vertrauen meines Pferdes, von der Kommunikation aus dem Bauch heraus, die tatsächlich möglich wird. Ich hätte nie zuvor daran gedacht, dass es für mich möglich ist, komplett auf das Gefühl zu vertrauen, ohne hinzusehen zu spüren, wo ein Hinterbein ausfällt, ob ich verwahrend einwirke oder treibend. Ich kann diese Erfahrung wirklich nur jedem empfehlen, der dies in einer sicheren Umgebung mit Hilfe ausprobieren kann!

Ohne Augenbinde haben wir dann weiter an der Hilfengebung des Schulterherein und Kruppeherein bei der Bodenarbeit gefeilt. Ich war sehr am sortieren meiner Beine und auch hier sehr erstaunt, wie gut dies alles durch Körpersprache klappte.

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Erster Testritt mit Jossys Cavemore

Mit Tabby haben wir in der zweiten Einheit Jossys Cavemore ausprobiert. Hier bekam ich viele Tipps fürs Einhändige Reiten mit dem Cavemore – nämlich auch für die Zügelführung in der rechten (!!!) Hand. Da Tabby ja mit breitbeinigem Hüftschwung ausgestattet ist, half mir hier die Korrektur durch Gerte, Sitz und Schenkel, sowie die Zügelführung mit permanent freier innerer Hand sehr, ihre Hinterbeine gut zum Schwerpunkt zu bringen, da auch hier mein Sitz eindeutiger bleiben konnte!

Sei kein Tourist – sei ein Entdecker

Am Sonntag gab es in der dritten Theorieeinheit viel Feedback von den Reitern für Jossy. Alle Einheiten wurden noch einmal genau besprochen. Jossy fand hier für jeden erneut ein offenes Ohr. In seinem Vortrag teilte Jossy seine Erfahrungen über die positiven Eigenschaften der gebisslosen Reitkunst. Er forderte die Teilnehmer auf, reiterlich kein Pauschaltourist zu sein, sondern selbst zum Entdecker zu werden!

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In den letzten Praxiseinheiten nahm ich mir das auch sehr zu Herzen – einmal mehr konnte ich bei Pina feststellen, wenn ich bei der Bodenarbeit in meinem Körper den Schwerpunkt finde, dann findet ihn auch Pinchen viel besser. Tabby bekam ihr eigenes Cavemore und ich viele Tipps für meine Körpersprache am Pferd für die Schulparade.

Für mich ging dieser Kurs viel zu schnell zu Ende.

Ich könnte noch Stunden darüber erzählen 🙂

Und: Aufgrund der großen Nachfrage wird eine rasche Fortsetzung in Graz organisiert!

Vielen Dank an Katharina Gerletz für die tollen Fotos!

Weitere Bilder gibt`s auch auf Facebook!

 

In diesem Sinne  – Spüren wir EINFACH 🙂

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Schreist du noch, oder flüsterst du schon?

Schreist du noch, oder flüsterst du schon?

Nur weil man lauter wird, heißt das nicht, dass der Angebrüllte die Botschaft besser versteht. Feine Kommunikation mit dem Pferd gelingt vor allem über Körpersprache. Heißt jetzt auch nicht, dass man wild gestikulieren muss. Heute geht es darum, mit fünf Tipps die Kommunikation mit dem Pferd zu verbessern.

Das Pferd kann nicht nachfragen, es kann nur – manchmal mehr oder weniger deutlich zeigen, dass es uns nicht verstanden hat.

Viel zu oft konnte ich auch beobachten, dass wir uns durch Liebe und Fürsorge erwarten, dass das Pferd im richtigen Augenblick „funktioniert“ – es ist ja sonst im Leben einiges bestellbar.
Eines der schönsten Zitate von Bent Branderup, nämlich:

„Two spirits who want to do what two bodies can do“

kann nur funktionieren, wenn man sich selbst in seinen pädagogischen Fähigkeiten als Ausbilder seines Pferdes laufend verbessert und hinterfragt. Hier nun der zweite Teil der 10 Gesetze, um ein guter Gesprächspartner für sein Pferd zu werden. Den ersten Teil gibt’s noch mal hier zum Nachlesen.

6. Ohne Aufmerksamkeit keine Botschaft!

Aufmerksamkeit ist das A und O. Aufmerksamkeit weckt man auch beim Menschen am ehesten durch Begeisterung und positive Bestärkung. Als Reiter sollte man die Einheiten so gestalten und formulieren, dass das Pferd den Inhalten auch aufmerksam folgen kann. Schweift die Aufmerksamkeit von Reiter und/ oder Pferd aber ab, dann ist das gesamte Training vergebene Liebesmüh. Und – wer seine Pferde oftmals lobt und ihnen auch „leichtere“ Aufgaben stellt, durch die sie an Stolz und Selbstvertrauen gewinnen, hat Pferde, die gerne mitarbeiten und „beim Reiter“ sind. Geben wir unseren Pferden also auch eine Umgebung, in der es lernen kann!

7. Richte das Augenmerk auf Verbesserung während der kommenden Woche und ziele nicht auf Perfektion in der Zukunft.

Ich glaube dem ist nichts hinzuzufügen ☺

8. Gib nicht mehr Info als nötig!

Selbst wenn man als Reiter möglicherweise bereits seinem jungen Pferd um einige Ausbildungsstufen voraus zu sein scheint: Kleine Ziele sind die besseren Erfolgsgaranten. Ein (junges) Pferd mit allen Hilfen gleichzeitig zu überfordern schießt über das Ziel hinaus. Es macht ja auch Sinn, Kindern der Grundschule jeden Buchstaben einzeln beizubringen und nicht gleich ein ganzes Buch vorzulegen.

9. Zwei müssen mitmachen – nicht nur einer!

Bodenarbeit: Zweibeiner völlig verschwitzt, Pferd steht gähnend da. Es hilft nichts, wenn man selbst das beste „Turnprogramm“ in und rund um sein Pferd vollführt. Wer brüllend und wild gestikulierend agiert, der kann sich nur schwer verständlich machen. Wer leise und mit Bedacht spricht und seine Hilfen setzt, der arbeitet miteinander und nicht aneinander vorbei. Voller und übertriebener Körpereinsatz verspricht noch lange kein gutes Trainingsergebnis!
ABER: Ein schwitzendes Pferd (vor allem am Hals) zeugt NICHT von einer qualitätvollen Arbeit. Im Gegenteil übermäßiges Schwitzen kann auf Verspannungen hinweisen!

10. Erfolg zeugt Erfolg!

Belohnung per Stimme, Leckerli etc. ist das Wichtigste. Loben darf man sich aber auch ruhig mal selbst, wenn man einen Inhalt gut vermitteln konnte. Rechtzeitig gesetztes Lob kann auch den Selbstwert des Pferdes verstärken – nicht umsonst werden die Pferde mit jeder neuen Lektion, die sie beherrschen schöner und stolzer.

Und: Das Pferd braucht dennoch deutlich mehr positive Verstärkung als der Reiter. Ich möchte vor allem aus einem  Grund darauf hinweisen: Oftmals reiten wir nicht mehr für unsere Weiterentwicklung als Pferd/ Reiterpaar. Gerade in einer sehr leistungs- und wettkampfgeprägten Umgebung führt der selbst gesetzte Erwartungsdruck dazu, alle pädagogisch wertvollen und geduldigen Ansätze über Bord zu werfen – nur für einen kleinen Erfolgsmoment vor den Augen anderer.

In diesem Sinne: KOMMUNIZIEREN wir EINFACH 😉

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