Einfach Happy – Interview mit Jossy Reynvoet

Einfach Happy – Interview mit Jossy Reynvoet

Kürzlich mal Radio gehört oder verfolgt, welche Musikvideos auf Facebook rauf und runter geteilt werden? Ein Song der einfach „happy“ macht  ist – der Name ist Programm – „Happy“ von Will Pharrell. Ein Trainer der Reiter und Pferde „happy“ macht ist der lizensierte Bent Branderup Trainer Jossy Reynvoet.

In zwei Wochen ist der sympathische Belgier erstmals zu Gast in Graz. Die Reiterplätze waren rasch ausgebucht. Sein Konzept „Gebisslos, Horsemanship und Akademische Reitkunst“ begeistert und spricht viele Reiter an.

Zur Einstimmung auf den Kurs habe ich Jossy zu seinem Konzept und Werdegang befragt:

How did you discover the Academic art of riding by Bent Branderup and why did you choose this way to work with horses?

Jossy Reynvoet Schulparade geritten

Fotocredit: Jossy Reynvoet

When I went to Spain (Tarifa) with Pascale in May 2009 we met „Deseado“  (today Deseado is one of Jossy`s horses) in a stable near the beach. They asked me to work with him because he was too dangerous to mount and even to walk next to. Four weeks later he arrived at our home in Belgium. It was a disaster! I could not mount him anymore, he was nervous, anxious and stressed as soon as he felt my legs.

A good friend gave me a DVD of Bent Branderup. We looked at it and were enthusiastic about the information. We found out that Bent Branderup was coming to the Netherlands very soon. On 30/01/2010 we went to our first clinic for the theory. During that first clinic we asked Bent Branderup if we were allowed to work without a bit. And we could. In November 2010 I went for the first time to Denmark as a weekstudent of Bent Branderup. The Academic riding was the missing part in my structure.

 It will be your first clinic in Austria. What can you tell the audience to expect?

I will look at all riders individually and from a questionnaire I gave you before because I would like to know what your wishes are and what you would like to work on. The theory will be based on the questions of the riders. 

Based on the questionaires I can already reveal that we will work on suppleness, collection, body language, horsemanship, school halt and school walk, ground and lungework! There are many videos on Youtube about your work – especially ground– and lungework. What is the challenge to lunge a horse in shoulder in or quarter in?

You need a very good communication from the ground. The horse must be able to look at you, to concentrate on you. We teach the horses all this from the very beginning. That is why we have a very clear structure named “the movable core program”. On the lunge I prefer working with the shoulders and the hindquarters instead of too much with the head.

You combine Academic art of Riding with horsemanship and bitless art of riding. How would you describe your concept of horsemanship?

Our structure is divided in 6 big chapters.

  • Basic groundwork
  • Basic riding

The work on communication, concentration and connection:

  • Gymnastic groundwork
  • Gymnastic riding

The work on suppleness:

  • Collected groundwork
  • Collected riding

The work on the power behind to carry a rider. My body language on the ground will be the same on my horse. I will use it as  my primary aid.

Why did you choose the bitless way for your horses?

As a young boy I played a lot with horses in the forest. Just with a halter and no saddle. From 16 till 30 years I did

Schulparade im fortgeschrittenen Longieren

Fotocredit: Jossy Reynvoet

jumping but it was a very tough world. I was longing for more connection with my horse. I decided to take out the bit and I have continued that way for 21 years now.

Is there a story about one special horse, or one special training situation you would like to share with us?

At one side I have „Deseado“ who was ridden very roughly in Spain until the age of 12. He was anxious, nervous and he did not trust humans anymore. He had physical problems. You can see his back, it is very hollow. He was mounted very badly. With the daily training he is getting better and better every day. He finds rest in his mind and rest in his body.

On the other side I have „Pasjo“. My young stallion born at our place, in our herd. He is not so talented physically but his mind is beautiful. If you look at him, you can already see a nice built and supple body. He was trained by me right from the beginning with this knowledge. 

The movable core is based on two elements: the classical dance and the academic art of riding.
I am very happy about my training system. The horses are happy and I am happy.

Thanks for the interview. Graz is looking forward to your first visit!

Ich freue mich euch bei einem Kurs mit Jossy Reynvoet zu treffen,

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„Sitzt“ du noch, oder schwingst du schon?

„Sitzt“ du noch, oder schwingst du schon?

Über die Reitkunst, Reiterhand und Reitersitz referierte Bent Branderup vergangenes Wochenende in Wendlmuth bei Sabine Oettel. Der Schwerpunkt des Kurses lag auf Reiterhand und Reitersitz, besonderes Highlight war Sabines Ballotade-Prüfung, die sie mit ihrem Frederiksborger Jarl zeigte!

Sturmböen, Regen und ein eher herbstlicher Temperatursturz konnten den über 80 Teilnehmern beim Bent Branderup-Seminar letztes Wochenende nichts anhaben.

Den ersten Teil des Theorievortrags widmete Bent Branderup der Reiterhand, bzw. der Gymnastizierung des Pferdes vom Boden aus. Der dänische Reitmeister führte das Publikum dabei in eine spannende Zeitreise. Zu Gurenieres oder Pluvinels Zeiten war es noch üblich die Reiter auf guten Schulpferden auszubilden. Da dies heute so nicht mehr möglich ist, müssten wir – so Bent – andere Wege finden, um den eigentlichen Weg zur Reitkunst zu erreichen. Die Auseinandersetzung mit der Biomechanik des Pferdes ist hier quasi die „Hauptstraße“.

Historisch gesehen lernten die Reiter also zuerst von geschulten Pferden – heute müsse jeder Reiter selbstständig und mit einer ordentlichen Portion Selbstreflexion auch zum Ausbilder seines Pferdes werden. Den ersten Schritt bezeichnete Bent hier als „Selbstverständnis“ – nämlich die Grunderziehung vor dem Reiten.
Sein Ratschlag: Als Ausbilder unserer Pferde sollten mit Dingen beginnen, die man selbst visualisieren kann, die der Reiter bereits selbst versteht. Das können Kleinigkeiten sein, wie Hufe geben, still stehen, die Aufmerksamkeit seines Pferdes auf sich ziehen. Seine Kritik:

„Viele Reiter wissen eigentlich nicht recht WAS sie von ihrem Pferd wollen, aber sie wollen es JETZT“!

Sich beim Reiten ein harmonisches und angenehmes Gefühl zu wünschen ist also die eine Sache – es vom Pferd zu verlangen, ohne den Weg dahin zu kennen, die andere.

Bodenarbeit

Im Theorievortrag erklärt Bent die Grundzüge der Bodenarbeit. Der Motor des Pferdes sitze freilich in der Hinterhand. Bent erklärte ausführlich und anschaulich mit vielen Zeichnungen am Flipchart wie man das Pferd zuerst vom Boden aus mit dem Kappzaum biegt und stellt und wie man dem Pferd mit Hilfe der Gerte die Zügelhilfe und Schenkelhilfen erklären kann. So bereitet eine nach oben zeigende Gerte am inneren Pferdehals die innere Zügelhilfe vor, die nach unten zeigende Gerte am Außenhals erklärt dem Pferd den Außenzügel. So kann man das Gewicht zwischen den Pferdeschultern verlagern. Zeigt die Gerte in Schenkellage nach unten, wird der innere, biegende Schenkel durch die Gerte erklärt, über die Kruppe geführt wird dem Pferd der äußere Schenkel näher gebracht.

Die Hand des Reiters am Kappzaum müsse genau spüren, wo im Pferdekörper Spannungen liegen. Wenn das Pferd vom Boden aus gestellt werden soll, muss es zuerst Rücken und Hals dehnen. Bent erklärte, dass die Dehnung der Oberlinie in der Wirbelsäule zu einer Formveränderung der typischen S-Form zu einer C Form führt. Dabei entfernt sich aber auch der Unterkiefer von der Halswirbelsäule. Das Ergebnis: Bessere Ganaschenfreiheit. Wer das Pferd aber ohne Dehnung biegt und stellt riskiert beispielsweise eine Quetschung der Ohrspeicheldrüse. Wer richtig biegt und stellt, könne dies dann durch eine Rotation der Wirbelsäule erkennen, der innere Brustkorb rotiert nach unten, der äußere hebt sich. Die innere Hüfte senkt sich bei korrekter Biegung und Stellung, der innere Mähnenkamm „springt“ nach innen.

Das magische innere Hinterbein

Nach Biegung und Stellung im Stehen erklärte Bent weiter den Effekt des richtigen Untertretens. Zuerst muss das Pferd im Schritt lernen, unter den Schwerpunkt zu treten, je besser die Hinterhand gebeugt wird, je geschmeidiger die Hanken werden, desto leichter lässt sich das Pferd später versammeln, die Kraftentwicklung der Hinterhand trägt auch zu einer Verbesserung des Schwunges bei. Hier tragen vor allem Schulterherein und Kruppeherein zur beidseitigen Gymnastizierung bei.

Der Reitersitz – in der akademischen Reitkunst Primärhilfe, müsse später dann ganz genau erfühlen, wann welches Pferdebein wo in Bewegung ist.  Der innere Sitz müsse spüren, ob sich der innere Brustkorb senkt. Auch hier sparte Bent nicht mit Anekdoten aus der Reitergeschichte. Vom Zeitungslesenden Rittmeister bis hin zu den ersten Dressur Prüfungen bei der Olympiade, wo noch gesprungen wurde, um zu prüfen, ob der Reiter dem Schwerpunkt des Pferdes auch durch einen zügelunabhängigen Sitz folgen konnte, gab es viel Interessantes zu hören.

Der Reiter muss – so  Bent die Fähigkeit haben, durch seinen Sitz die Hinterbeine sanft nach vorne schwingen zu lassen!

Im Anschluss an Bents Vortrag wurde die Theorie in die Praxis umgesetzt. Vorwiegend wurde am Samstag am Boden gearbeitet. Einige junge Pferde wurden vorgestellt, wobei besonders schön zu sehen war, dass Hilfen für Schulter Herein oder Kruppe Herein – korrekt erklärt – in unterschiedlichsten Führpositionen (von vorne geführt, oder longiert) umgesetzt werden konnten. An der Hand wurde außerdem am Schulschritt, Schulparade, halben Tritten und Piaffe gearbeitet. Dabei war Bent wie immer äußerst aufmerksam kleinste Fehler zu korrigieren!

Mein persönliches Highlight als Zuseher war aber sicher die Ballotade Prüfung von Sabine mit ihrem Jarl, die Schulen über der Erde und Handarbeit vom Feinsten zeigten.

Zum Schluss noch einen Merksatz von Bent:

Reiten kann einfach sein, aber nur so lange man nichts darüber weiß.

Ich freue mich jeden Tag von meinen Pferden zu lernen und gemeinsam zu wachsen!

 

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Wie sag ich`s meinem Pferd? 10 Gesetze zur besseren Kommunikation

Wie sag ich`s meinem Pferd? 10 Gesetze zur besseren Kommunikation

Was sieht mein Pferd eigentlich in mir – bin ich Freund, Feind, jemand der ständig etwas fordert,oder auch mal loben kann?
Jemand der sich drauf setzt und irgendwas will, könnte die kurze Antwort sein. Warum ist es notwendig, uns mit pädagogischen Ansätzen zu beschäftigen? Vor allem, damit wir weg von dem irgendwas kommen – schließlich wollen wir ja etwas ganz Bestimmtes von unserem Pferd.

Viel zu oft wird dem Pferd die Schuld gegeben, wenn eine Sache mal nicht so klappt. Wenn ich eines durch meine Pferde gelernt habe, dann ist es wirklich Demut. Demut vor der Leistung der Pferde, denn schließlich können Sie bereits alles, was wir auf Knopfdruck abrufen möchten ohnehin von Natur aus. Wir müssen unseren Pferden nichts Neues beibringen – wir können Ihnen aber Hilfen verständlich machen, die –  egal ob vom Boden oder vom Sattel aus immer das Gleiche bedeuten müssen.  Wer ein guter Pädagoge für sein Pferd sein möchte sollte sich auch mit sich selbst auseinander setzen und sich fragen: Wie kommuniziere ich eigentlich mit meinem Pferd? Ich habe hier ein paar Merksätze zusammen gestellt, die bei der Kommunikation mit Reiter und Pferd hilfreich sein können.

Heute gibt`s mal die ersten 5 Punkte: 

1. Verständnis kommt zuerst!

Wer mit seinem Pferd arbeiten will, muss die Welt aus der Perspektive des Pferdes verstehen. Auch dann, wenn man selbst mit dieser Wahrnehmung mal nicht übereinstimmt oder eine Reaktion emotional unpassend oder irrational findet (Warum gibt es heute die klassischen Hallenschreckgespenster und gestern waren sie unsichtbar?). Erst, wenn man seine Pferd versteht, kann man an die gemeinsame Arbeit gehen.

Wir haben alle mal schlechte Tage. Wer bei starkem Fön unter Kopfschmerzen leidet, könnte sich die Frage stellen, ob des dem Pferd nicht mal ähnlich geht.

Auch Pferde dürfen mal schlechte Tage haben!

2. Denke zukunftsorientiert, suche nach Lösungen, fokussiere auf die Stärken des Pferdes und sei konkret!

Nur allzu gerne neigen wir dazu, uns auf Probleme und Schwächen zu konzentrieren, in der Vergangenheit zu weilen und Ursachen zu suchen (Wenn ich nur wüsste, warum der Seitengang nicht klappt, vielleicht liegt es ja am Sattel?). Dabei bleibt man aber oft sehr vage und hat auch sehr unklare Ziele vor Augen. (Ich merke, der Seitengang klappt nicht, ich will ihn aber reiten). Die Trainingseinheit zielt aber darauf ab, mit entsprechenden Lösungen ein besseres Gelingen in der Zukunft vorzubereiten, indem man die Fähigkeiten des Pferdes nutzt, um so gewünschte Ergebnisse zu erzielen. Bleiben wir beim Beispiel Seitengang: Das Pferd hat bereits an der Hand gelernt unterzutreten, diese Fähigkeit kann ich mir zu Nutze machen, vom Boden oder vom Sattel aus wird das innere Hinterbein verstärkt zum Schwerpunkt geholt. Vielleicht fußt es dann stark am Schwerpunkt vorbei, vielleicht kommt das äußere Hinterbein nicht mit, vielleicht rotiert aber auch der Brustkorb in die falsche Richtung – es geht also darum, das Problem als Ganzes zu betrachten, um so auch die richtige Ursache für das Scheitern zu definieren! Am Beispiel des Schulter Herein gesagt: Wir haben also ein Pferd, das gelernt hat, sein inneres Hinterbein zum Schwerpunkt zu setzen, es schiebt sich aber seitlich von mir weg, da das äußere Hinterbein ausfällt – es fehlt also der äußere begrenzende Schenkel, oder aber man hat zu viel Seitwärts verlangt…wir sehen also: Klare Ursachenforschung, klare Rückmeldung und klare Zielvorgabe zur Korrektur! Und by the way: Das Ziel ist es nicht, die perfekte Lektion zu reiten, sondern den Inhalt!

3. Säge keinen Ast ab, ohne davor  eine Leiter parat zu stellen!

Leicht gesagt, mit der leichten Verbindung zwischen Pferdemaul und Zügelhand. In vielen Reitschulen oder in vielen Reitstunden konnte ich beobachten wie Kommandos einfach „hinausgepfeffert“ werden. Es bringt nichts zu sagen: „Deine Schenkel klopfen, du musst die Beine schon mal ruhig halten“. Wir haben Pferde, die durch ihr enormes Bewegungspotenzial und ihre Schubkraft nicht mehr sofort bequem zu sitzen sind. Für den Schüler muss es also auch einen klaren Weg geben, wie man die Tragkraft eines Pferdes erarbeiten kann – und das funktioniert nicht, indem man einmal einen Zauberknopf drückt – man muss sich die Leiter, oder auch die Skala der Ausbildung Schritt für Schritt erarbeiten – und das geht eben  mit einem einzigen Kommando – und dadurch dann
plötzlich und auf einmal alles anders machen zu wollen – nicht!

4. Das Gefühl hat immer Recht!

Der Reiter hat ein unangenehmes Sitzgefühl, das Pferd weigert sich zum Mitmachen oder kommt an seine Grenzen. Selbst wenn eine Sache vom Boden aus ganz gut aussieht: Wenn es sich unbequem anfühlt, dann ist es unbequem. Gleiches beim Pferd: Wenn die Grenzen für eine Lektion erreicht sind, dann hat das Pferd immer Recht, Überforderung wirkt hier im schlimmsten Fall nachhaltig! 

5. Probleme müssen sichtbar und erkennbar sein!

Beschreibungen sind oft ungenau und irreführend: Ein totales Desaster kann in Wirklichkeit eine leichte Unbeholfenheit sein. Es ist wichtig, unsere Pferde immer wieder auch vom Boden aus zu arbeiten – gerade wenn das „Spüren“ noch nicht in „Mark und Bein“ übergegangen ist. Kontrolle vom Boden zeigt uns genau, wie gleichmäßig beispielsweise die Hinterbeine zum Schwerpunkt fußen, wir bekommen ein Gefühl, ob das Pferd über die Vorderbeine hinaus schiebt, oder an Tragkraft gewinnt. Ich selbst habe begonnen Unklarheiten nach dem Training in einem Tagebuch festzuhalten und zu dokumentieren.
Wer Gefühle in Worte bringt, bringt auch die Lösung in klare Worte!

In diesem Sinne: REITEN wir EINFACH 🙂

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Interview mit Sabine Oettel

Interview mit Sabine Oettel

„Wenn du DEN reiten kannst, kannst du alle reiten!“

Im Gespräch mit einem Meister der Akademischen Reitkunst.

Vor 14 Jahren entdeckte Sabine Oettel die Akademische Reitkunst nach Bent Branderup. In kürzester Zeit ritt die Oberösterreicherin erfolgreich von Prüfung zu Prüfung. So wurde Sabine erster Meister der Akademischen Reitkunst und erfolgreiche Ausbilderin. Wer Sabine mit ihrem Frederiksborger Jarl in den Schulsprüngen gesehen hat, fragt sich zu Recht: „Wie klappt sowas so einfach?

Auch ich wollte es genauer wissen und habe nachgefragt:

Du bist die erste Meisterin der Akademischen Reitkunst – wie wird man eigentlich zum Meister der Akademischen Reitkunst?

Sabine: Man unterliegt einem sehr langwierigen Prüfungsprozedere. Um mich zur Meisterprüfung anmelden zu dürfen, musste ich zuerst folgende Prüfungen erfolgreich absolvieren:

Longierprüfung, Ritterprüfung, Piaffeprüfung, Galopp-Prüfung, Passageprüfung. Alsdann war ich berechtigt mich zur Meisterprüfung anzumelden. Diese bestand aus drei Teilen:

  1. Die Kür. Diese muss zu Musik abgestimmt sein, und ALLE Lektionen ALLER vorangegangener Prüfungen (außer Longe) beinhalten und selbstverständlich einhändig mit blanker Kandare geritten werden. Prüfungsinhalte der gerittenen Kür sind unter anderem: alle Seitengänge in Schritt, Trab und Galopp. Fliegende Galoppwechsel, 2er-Galoppwechsel, ganze Galopp-Pirouetten, Passage geradeaus, Passage-Traversalen,  Passage-Volten, Übergänge von Piaffe zu Passage (Passage geradegerichtet auf der Mittellinie, Gerade-Piaffe bei X, daraus Rechtspiaffe und Übergang Rechtspassagevolte, wieder Übergang zu Piaffe bei X, umstellen zu Linkspiaffe und Übergang Linkspassagevolte). Diese Kür hat ca. 13 Minuten gedauert.
  2. Man muss mindestens 2 seiner Schüler schon bis Ritterprüfung gefördert haben.
  3. Man hält einen Vortrag vor der versammelten Ritterschaft in Dänemark, über ein selbstgewähltes Thema.

Puh, man sieht die Anforderungen zur Meisterprüfung haben es wirklich in sich. Aber fangen wir ganz von vorne an. Wie kamst du eigentlich zur Akademischen Reitkunst und warum hast du dich für diesen Weg entschieden? 

TheodorSabine: Ich muss gestehen, es war Zufall, dass ich auf die Akademische Reitkunst gestoßen bin. In einem Reitsportgeschäft bin ich 1999 über einen Katalog mit Buchneuerscheinungen gestolpert, darin wurde auch der Klassiker, „Akademische Reitkunst“ von Bent Branderup vorgestellt (damals in 2. od. 3. Auflage). Die Buchbeschreibung machte mich neugierig. Ich kaufte das Buch und im Anschluss die ersten Lehrvideos von Bent Branderup. Das Buch war leicht verständlich, und hat mir sehr geholfen meine Hilfengebung grundlegend zu verändern und zu verbessern, was eine klare und harmonische Kommunikation mit meinem Pferd ermöglichte. Ich hatte Glück und konnte schon im darauffolgenden Jahr einen Reiterplatz an einem Branderup-Kurs ergattern. Es ließ sich praktisch nicht vermeiden, dass ich ab diesem Zeitpunkt keinen anderen reiterlichen Weg mehr gehen wollte!!

Die Akademische Reitkunst wird oft als Gymnastik für Pferde mit gesundheitlichen Problemen beschrieben. Wird sie deiner Meinung nach diesem Ruf gerecht? 

Sabine: Das ist eine heikle Frage. Ich denke, man kann Pferde nicht wirklich „gesundreiten“. Wenn ein Pferd eine ernstzunehmende Erkrankung des Bewegungsapparates hat, dann wird der Besitzer (sofern eine Heilung in Aussicht steht) um therapeutische Maßnahmen nicht drum herumkommen. Gute Gymnastik des Pferdes kann dann als „Begleittherapie“ von Nutzen sein. Akademische Reitkunst kann auch helfen, Pferde nach Erkrankungen wieder aufzubauen, speziell die Bodenarbeit kann hier gute Dienste leisten! Des Weiteren kenne ich einige Pferde in unseren Kreisen, die für den Sport nicht mehr nutzbar wären, in der Akademischen Reitkunst aber noch eine schöne sinnvolle Aufgabe erhalten, und TROTZ Handicap noch reitbar sind bzw. noch gymnastiziert werden können, viele bis ins hohe Alter. Schlechtes Reiten/Training wird dem Pferd aber in jedem Fall immer schaden! Wobei man hier die Frage stellen sollte „wer reitet/trainiert sein Pferd ABSICHTLICH schlecht???“ doch sicher niemand…. Es ist also noch sehr viel Aufklärungsarbeit und Lernbereitschaft von Nöten!

Du hast ein Österreichisches Warmblut, einen Frederiksborger und einen Knabstrupper, außerdem viele Berittpferde unterschiedlicher Rassen. Was meinst du? Kann wirklich jedes Pferd akademisch geritten werden und alles lernen?

Sabine: Primär: JA! Ich denke, das wichtigste Kriterium ist, dass ein Pferd mit seinem Menschen kommunizieren wollen sollte und mitarbeiten mag. Es gibt die spektakulärsten Pferde, an denen man trotzdem wenig Freude hat, weil sie nicht mitmachen wollen und auch nicht motivierbar sind. Dann gibt es auch Pferde, denen man nicht viel zutraut, die aber so freudig bei der Sache sind, dass sie enorme Fortschritte machen können.

Stichwort „Besondere Pferde“. Gibt es ein Pferd, das dir als Ausbilderin besonders in Erinnerung geblieben ist und warum?

wembley_kleinSabine: Für mich das außergewöhnlichste Pferd ist und war mein alter Warmblutwallach Wembley. Er war ein sehr rebellisches Pferd, das auch im hohen Alter seine Widerborstigkeit, Frechheit und Schreckhaftigkeit nicht abgelegt hat. Er ist durch die Akademische Reitkunst zu einem wunderbar reitbaren Verlasspferd geworden. Ich bin unendlich dankbar für die vielen guten Jahre, die ich mit ihm verbringen durfte und darf. Obwohl wir es nicht leicht miteinander hatten, wurde mit den Jahren unsere Beziehung immer besser und das Training immer harmonischer. Wembley ist eines der wenigen Pferde, die unglaublich vielseitig ausgebildet wurden. Nahezu alle Prüfungen innerhalb der Ritterschaft habe ich mit Wembley abgelegt. Seine Vielseitigkeit, Klugheit, sein Eigensinn und zum Teil Verrücktheit, seine Schönheit und Ausstrahlung machen ihn zu einem unvergesslichen Pferd.

Einer meiner Reitlehrer sagte einmal zu mir „Wenn du DEN reiten kannst, dann kannst du alle reiten“.

Auch wenn meine jüngeren Pferde durchaus liebenswerter, weil gefallsüchtiger, schmusiger, leistungsbereiter, etc. sind,  und ich sagen kann, dass meine Beziehung zu ihnen um ein vielfaches harmonischer ist, als es die zu Wembley für lange Zeit war, so bin ich meinem Wembley unendlich dankbar, da ich so viel von ihm lernen durfte. Er war der Wegbereiter für meine beiden jüngeren Pferde, und alle Beritt- und Ausbildungspferde, sowie meine Schüler, die heute alle davon profitieren, dass Wembley so stark Einfluss auf meine reiterliche und persönliche Entwicklung genommen hat.  

Immer wieder höre ich in Gesprächen mit Menschen, die die Akademische Reitkunst noch nicht kennen, Sätze wie: Ihr reitet aber unter Tempo und nur mit scharfer Zäumung. Mit welchen Argumenten kann man hier aufklären?

Sabine: Nun, die Frage der Zäumung lässt sich ganz leicht anhand der verschiedenen Wirkungsweisen der verschiedenen Gebisse erklären. Darüber gibt es genug Lesestoff. Daran gibt es nichts zu rütteln oder zu diskutieren. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass jedes Gebiss so scharf/hart ist, wie die Hand, die es führt. Die Zäumung auf Kandare soll nicht als Trensenverstärker verstanden und missbraucht werden. Das Reiten auf blanker Kandare ist vielmehr so zu verstehen, dass dadurch überprüft wird, ob die vorangegangene Ausbildung erfolgreich war. Ohne sorgfältige Ausbildung auf Grundlage der Biomechanik des Pferdes würde es niemals funktionieren, ein Pferd bis in höchste Lektionen, einhändig blank, zwischen den Zügeln zu führen, durch den Sitz zu stellen und zu biegen, eine korrekte Aufrichtung zu erreichen.

Das Tempo mag konventionellen Reitern sicher untertourig erscheinen. Das rührt meiner Meinung nach daher, dass unsere Interpretation von Schwung und Vorwärts eine andere ist als im Konventionellen Reiten. Im Konventionellen Reiten ist die Ausbildung darauf ausgelegt, möglichst viel Schubkraft zu entwickeln, wohingegen die Ausbildung der Akademischen Reitkunst darauf abzielt, möglichst früh an der Tragkraft sprich Versammlung zu arbeiten.

Unter Vorwärts verstehen wir die Länge eines Trittes/Schrittes, den es nach dem Abfußen in Richtung Schwerpunkt zurücklegt, unter Schwung verstehen wir den schwingenden Pferderücken. Beide Begriffe haben für uns nichts mit Geschwindigkeit zu tun. Trotzdem sollten sich auch die Reiter der Akademischen Reitkunst in Acht nehmen, Versammlung nicht mit langsam zu verwechseln.

Primär hat jedes Pferd ein Tempo, in dem es sich am leichtesten tut loszulassen, zu schwingen, an die Hand heranzudehnen. Ausgehend von diesem Tempo kann die Arbeit beginnen und aufbauen.

Du beschäftigst dich ja auch mit den Schulen über der Erde – wozu braucht man die überhaupt?

jarlSabine: Wozu braucht man 50 Paar Schuhe?  … oder 30 Schabracken ? 😉 Natürlich braucht man die Schulen über der Erde in der heutigen Zeit nicht, genauso wenig wie man ein Pferd reiten MUSS … Die Schulen über der Erde sind meine spezielle Leidenschaft, auf diesem Gebiet möchte ich gerne noch Experimentieren und Erfahrungen sammeln. Ich finde es faszinierend, welche Kraft und Schnelligkeit freigesetzt wird. Wie ein Pferd in der einen Sekunde hochkonzentriert, enorme Energie freisetzt. Wenn in Vorbereitung auf einen Sprung, Kräfte gebündelt werden um schließlich explosionsartig freigesetzt werden. Hinterher das Pferd wieder völlig entspannt und vertrauensvoll steht um sein Leckerli und Lob zu erhalten, bereit, weitere Hilfen, Körpersprache anzunehmen und sich ohne Stress vom Menschen weiter führen/reiten lässt.

Was würdest du jemandem raten, der mit der Akademischen Reitkunst beginnen möchte? Wie geht man das am besten an? 

Sabine: Wenn sich jemand, der bereits Bücher zur Akademischen Reitkunst gelesen hat, Lehrvideos gesehen hat, oder Bent Branderup-Kurse als Zuschauer miterlebt hat sicher ist, dass er fortan mit seinem Pferd nach den Prinzipien der Akademischen Reitkunst arbeiten möchte, dann sollte er/sie auf den Homepages von Bent Branderup und der Ritterschaft nachsehen, ob es Ritter, Wappenträger oder lizenzierte Trainer in der Nähe gibt. Falls nicht, kann man liz. Trainer und Mitglieder der Ritterschaft kontaktieren, ob sie jemanden in erreichbarer Nähe kennen, der regelmäßig unterrichten könnte, man kann über Facebook auch noch Trainerlisten finden und es gibt mittlerweile sehr viele Lehrgänge von bekannten Trainern, an denen man mit oder ohne Pferd teilnehmen kann. Wo ein Wille, da ein Weg …. und es lohnt sich!

 

An dieser Stelle ein herzlicher Dank an Sabine für die Beantwortung all meiner Fragen!

Mehr über Sabine und ihre Arbeit gibt’s auf ihrer Homepage, sowie auf Facebook.

Egal ob Bücher, Interviews, Videolektionen oder direkter Unterricht – nur wer das Gelernte in die Tat umsetzt, Reitet irgendwann Einfach 😉

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